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Realschule: Die „lieben“ Mitschüler

So gut es in der Realschule auch mit den Lehrern lief, so schlecht kam ich mit meinen Mitschülern zurecht.

Mobbing war ein Thema, das mich seit dem Kindergarten immer begleitet hatte. Egal, wie oft ich auch umzog. Mein seltsames Verhalten hatte immer schnell genug die Folge, dass man mich begann zu hänseln. In der Realschule, wo ich sechs Jahre lang in derselben Klassengemeinschaft zurechtkommen musste, nahm es zwischenzeitig die schlimmsten Züge an.

Es war wohl in der sechsten Klasse, als der Klassenlehrerin eine seltsame Idee kam, mich besser in die Klasse zu integrieren; Jeder der etwa dreißig Schüler musste eine Woche lang neben mir sitzen. Für mich war das ein sehr lange fortdauerndes Wechselspiel. Wenn ein Mädchen neben mir saß, war das in Ordnung bis gut. Immerhin kamen so auch die „Freunde“ vorbei. Waren es aber ein Junge, war es meistens eine schlechte Woche für mich. Nur wenige Jungs verhielten sich neutral und in den meisten Fällen saß jemand neben mir, der sich schon mit am Mobbing beteiligt hatte. Einer der schlimmsten schaffte es natürlich, eine Woche länger neben mir sitzen zu bleiben. Er hatte mir einen Test weggenommen, während ich noch den letzten Satz beenden wollte (was immer erlaubt war). Dass er aber eine Woche länger neben mir sitzen sollte, war vor allem auch eine Strafe für mich. Zum Glück blieb es das einzige derartige Experiment. Einmal wurde ich noch neben eine Freundin gesetzt (die ich immer Mal wieder in die Seite piekte, wenn sie sich morgens vor dem Unterricht an mich anlehnte), für den Rest der dortigen Schulzeit saß ich allein.

In der siebten Klasse uferte das Mobbing aus. Leider hatte man den Jungs hierfür auch eine Steilvorlage geliefert. Die Klasse kam mir unseren neuen Englisch- und Biolehrer extrem schlecht zurecht. Letztendlich wurden „Hilfssheriffs“ ernannt, die dabei helfen sollten Ordnung zu halten. Dafür bekamen sie die Befugnis, Strafarbeiten zu erteilen. Leider waren die meisten dieser Sherifs genau die Jungs, die mir ständig eins auswischen wollten (inklusive dem Zwei-Wochen-Sitznachbarn). Ich bekam für die lächerlichsten Dinge Strafarbeiten aufgehalst. Dafür, dass ich im Unterricht zeichnete (für die anderen Lehrer war das in Ordnung, nur die Schüler nie). Oder auch, weil ich die Beine unter dem Tisch ausstreckte. Dass ich schlicht zu groß für Schultisch und -stuhl war, weshalb ich den Tisch mit angewinkelten Beinen anhob, wurde natürlich ignoriert. Jede Woche erhielt ich somit wenigstens eine Strafarbeit und musste teilweise bis zu drei Seiten aus dem Biologiebuch abschreiben. Für nichts. Doch weil ich nicht noch mehr Ärger bekommen wollte, fertigte ich die Strafarbeiten an. Selbst wenn dadurch mein gesamter Tagesrhythmus aus der Spur geriet.

Ich könnte wohl einen ganzen Roman schreiben, was alles in diesen sechs Jahren passiert ist. Äußerlich zeigten sich die Auswirkungen aber vor allem darin, dass meine mündliche Mitarbeit im Laufe der Jahre immer weniger wurde. Während ich in der fünften mein Wissen noch begierig mitteilte, traute ich mich in der achten nur noch dann ein Wort zu sagen, wenn ich mir bei der Antwort absolut sicher war. Ich ertrug es einfach nur noch. Die Hoffnung auf Hilfe hatte ich irgendwann verloren. Meine „Freunde“ standen regungslos dabei, und den Lehrern konnte ich auch so viel berichten wie ich wollte. Niemand tat etwas, dass letztendlich wirklich geholfen hätte. Ich selbst hätte mich nur mit Schlägen zur Wehr setzten können, was ich nicht at. Zudem beschränkte das Mobbing nicht allein auf den Klassenraum. Oder auf Strafarbeiten. Selbst auf sexueller Ebene machte man mich fertig. Auf dem Weg nach Hause kam es vor, dass Jungs mich fragten, ob ich Jungfrau sei („Nein, ich bin Waage.“) Oder auch, ob ich denn im Intimbereich rasiert sei. Derselbe Junge fügte dann sogar Mal hinzu, dass er es „buschig“ möge. In einem Alter, in dem ich noch nicht einmal ansatzweise an Sex dachte. Durch das Mobbing glaubte ich ab der sechsten oder siebten sowieso, dass ich niemals einen Freund haben würde. In der fünften machte sich ein Junge aus der Parallelklasse einen Spaß daraus, mir vor aller Augen an den Hintern zu packen. Ich ahnte damals noch nicht einmal etwas von der sexuellen Bedeutung dieser Geste. Irgendwann ging ich nur noch in bestimmten Pausen auf die Toilette, weil manche Mädchen immer in meine Kabine hineinsahen und mich mit Klopapier bewarfen.

Im Laufe der Zeit ging ich jeder potentiell „gefährlichen“ Situation aus dem Weg. Trotzdem blieb die Schule immer mit Angst verbunden. Angst, dass die Mobber eine neue Angriffsfläche entdecken würden. Als ich in der neunten eine Beziehung begann einigte ich mich mit meinem Freund noch beim ersten Treffen darauf, uns in der Schule nichts anmerken zu lassen. Meine größt Angst bewahrheitete sich jedoch zum Glück nie; Dass die falschen Ohren etwas davon hörten, dass mein Vater homosexuell war.

Einmal führte jedoch auch genau dieses „Vermeidungsverhalten“ zu einem gewaltigen Problem. Zu Beginn der zehnten wurden die Besten eines jeden Jahrganges ausgelobt. Ich war zwar eine der Besten in der Klasse, doch vor allem durch meine schlechte mündliche Mitarbeit nicht unter den ausgelobten Top3 des Jahrgangs. Es wurde sogar einer der schlimmsten Jungs als Klassenbester ausgelobt. Für mich eine absolute Katastrophe. Nach der großen Pause wollte ich nicht mehr in die Klasse zurück. Weil ich Angst vor einem gewaltigen Angriff auf mich hatte. Meine Klassenlehrerin konnte mich da auch nicht beruhigen. Sie holte letztendlich sogar meinen damaligen Freund aus dessen Klasse, damit er mich trösten konnte.

Mit dem Wechsel auf das Gymnasium hatte das alles endlich ein Ende. Auch wenn gerade die schlimmsten mit auf dasselbe Gymnasium gingen, hatten die jetzt wichtigeres zu tun. Zwischendurch begannen zwar einige Achtklässler mich in der Cafetaria mich mit Essen zu bewerfen und bedrengten mich regelmäßig auf dem Weg nach Hause. Dieses Mal ging aber eine Freundin aus einer höheren Stufe dazwischen, und nach wenigen Wochen hatte ich wieder meine Ruhe.

Doch die Folgen all dieser Erfahren spüre ich jedoch bis heute. Ich muss ständig kontrollieren, ob ich nicht unangenehm rieche. Ebenso muss ich immer extrem darauf achten, ob meine Kleidung in Ordnung ist. Auch nur geringfügig falsche Antworten machen mich fertig. Ich kann niemandem meine Zeichnungen zeigen, wenn sie nicht bis zu einem gewissem Grad fertig sind (es hieß immer, ich würde Pornos zeichnen). Sexuell bin ich extrem verklemmt und kann mich erst seit kurzem überhaupt mit jemanden über Verhütungsmittel oder „Damenhygenieprodukte“ austauschen. Meinen eigenen Körper empfinde ich als hässlich. Und wahrscheinlich ist das nur die Spitze des Eisberges. Weil eine Möglichkeit alles aufzuarbeiten, hatte ich bis heute ebenfalls nicht.

Und hier über all das schreiben hätte ich vor einiger Zeit auch noch nicht gekonnt. Doch ich kann es auch nur, weil hier niemand meinen Namen kennt.

 

Bin ich gefährlich?

Es war in der fünften Klasse, als es zu einem folgenschweren Vorfall kam. Ein Vorfall, der mich in seinen Auswirkungen bis heute verfolgt.

Es war in der Pause nach dem Englischunterricht. Wir hatten gerade einen Vokabeltest zurück erhalten. Ich freute mich über meine 1. In Englisch hatte ich einige Startschwierigkeiten gehabt und erst einmal begreifen müssen, dass ich Vokabeln wirklich lernen muss.

Es war nur eine kleine 5-Minuten-Pause. Wir bleiben im Klassenraum. Und wieder einmal gerieht ich ins Visier der Jungs.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Ich weiß nicht mehr genau, ob ich dagegen Protest eingelegt habe. Immerhin stand da ein „sehr gut“ auf meinem Zettel. Doch wie ich mich kenne, müsste ich es wenigstens einmal getan haben. Wahrscheinlich hätte es eh keine Rolle gespielt.

„Elodiy hat eine 6!“

„Elodiy hat eine 6!“

Die Schmährufe waren an diesem Tag lauter als sonst. Verletztender. Irgendwo wollte ich mich mit aller Kraft dagegen wehren. Ich hatte keine 6! Es brachte alles nichts. Die Hänselleien gingen weiter.

„Elodiy hat eine 6!“

Der Lehrer ließ auf sich warten.

„Elodiy hat eine 6!“

Die Jungs bedrängten mich. Ließen mich einfach nicht in Ruhe.

Irgendwann wollte ich einfach nur noch raus. Weg von diesen ganzen Schmährufen. Irgendwohin wo man mich in Ruhe ließ.

Ich weiß nur, dass ich aufsprang und aus dem Klassenzimmer rannte. Durch eine Gruppe, die mir den Weg versperrte, kämpfte ich mich blindlings durch. Dabei habe ich wohl einem Jungen mit dem Ellenbogen einen Zahn ausgeschlagen. Ich konnte mich nie an diesen Schlag erinnern. Überhaupt wusste ich nie, was genau auf dem Weg nach draußen noch geschehen war.

Irgendwann saß ich dann einfach auf dem Fensterbank im Flur. In Tränen aufgelöst. Fix und alle. An dem Tag musste ich von der Schule abgeholt werden. Und begriff einfach nicht, was da mit mir geschehen war.

Es machte mir Angst. Noch heute habe ich Angst, dass etwas ähnliches wieder passieren könnte. Dass ich irgendwann wieder derart die Kontrolle verliere, dass ich unbeabsichtigt Menschen angreife. Was in mehr als zehn Jahren nur noch einmal vorkommen sollte, wo man mich im falschen Moment zu fest gepackt hatte. Und nicht nur ich hatte davor Angst. Seit diesem Zeitpunkt gingen sämtliche Klassenkameraden, selbst meine „Freunde“, auf Abstand, wenn ich offensichtlich mies gelaunt war. Selbst in der zehnten Klasse noch. Es tat weh. Manchmal hätte ich gerade da jemanden gebraucht, der mich aufmunterte.

Erst Jahre später begriff ich, dass ich damals einen Overload, vielleicht sogar einen Meltdown gehabt haben musste. Meltdowns sind mir als solche nicht unbekannt. Aber meistens kann ich die Aggressionen im Zaum halten. Wenn nicht, kommt es zu Selbstverletzungen. Und doch bleibt die Angst, dass es irgendwann nicht mehr dabei bleiben wird.

Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich dafür bestraft worden wäre, dem Jungen den Zahn ausgeschlagen zu haben. Man begriff wohl damals schon, dass es nicht meine Absicht gewesen war. Dass ich einfach nur hatte Fliehen wollen. Und Mal ganz ehrlich. Die Schuld an diesem ausgeschlagenen Zahn trugen wohl eher die Mobber. Oder?