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Von unsichtbaren Treppen

Heute ist Welt-Autismus-Tag.

Ein Tag, der vor allem von den Verbänden genutzt wird, um auf ihre Sicht der Dinge aufmerksam zu machen. Um für ABA zu werben, und ein Bild zu verbreiten, in dem der Autist in sich eingeschlossen und hilflos ist. Ein Tag, der uns gewidmet sein soll, an dem man uns aber nicht hört.

Ich möchte diesen Tag Mal nutzen um auf einen Aspekt von Autismus hinzuweisen, der im Alltag so gut wie nicht beachtet wird. Und von daher für alle Autisten, seien es Kinder oder Erwachsene, mit die größten Probleme bereitet.

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Kleiner Zwischenfall

Heute hätte mich beinahe die Gedankenlosigkeit ein paar Mitreisenden, die sich sicherlich nichts schlimmes dabei gedacht haben, an den Rand meiner Handlungsfähigkeit getrieben.

Was ist passiert?

Ich bin heute mit dem Zug zurück nach Hause gefahren. 7 Stunden planmäßige Fahrt, mit schweren Gepäck und Fernverkehrszügen. In der ersten Regionalbahn lief noch alles wie gehabt. Auch als ich in den IC stieg, ahnte ich nichts böses. Im Abteil (es waren alte Wagen) saß schon ein älterer Herr auf meinem Platz, der nicht allzu gut Deutsch stand. Ich setzte mich dann einfach ihm gegenüber. Auch wenn ich bemerkte, dass er eigentlich auf meinem Platz sitzen würde. Zunächst waren wir maximal drei Personen im Abteil. Alles in Ordnung.

Dann kam die vorletzte Station, bevor ich nochmal umsteigen musste. Mit 50 Minuten Aufenthalt an einem sehr belebten Hauptbahnhof. Ich wusste, dass ab diesem Bahnhof alle anderen Plätze reserviert sein würden. Der verbleibende Platz war meine Reservierung. Es kam jedoch keiner, der Anspruch auf die Plätze erhob. Jetzt musste ich jedoch auch nach gut 3 Stunden fahrt einfach Mal auf Toilette. In dem kam plötzlich eine Familie mit drei Kindern, die ihre Plätze suchten. Wo hatten sie diese? Genau, mit in meinem Abteil. Als ich von der Toilette zurück kam, hatte man meinen Rucksack vom Sitz genommen (mit dem ich meinen Platz markiert hatte!) und der einzige freie Sitz war in der Mitte. Für mich eine Katastrophe. Man hatte mir meine Ecke weggenommen, in die ich mich hätte zurückziehen können. Jetzt hatte ich links und rechts von mir fremde Personen und konnte nirgends mehr hin. Dazu noch ein Kind, was von dem einen Schoß auf den anderen wollte. Immer wieder wurde ich angestoßen. Schnell ging ich raus. Und entschied schließlich, mein Gepäck auf dem Abteil zu holen und mich einfach auf den Gang zu setzten. Obwohl ich schließlich für einen Sitzplatz extra Geld gezahlt hatte. Doch ich wollte auch nicht, dass die Familie jetzt meine blöde Situation mit voller Wucht abbekam. Deshalb schlug ich auch die Hilfe eines Mitreisenden aus, der vorher kurz mit um Abteil gewesen war und mitbekam, dass ich irgendwie aufgebracht war. Übrigens war jedes Mal, wo ich wieder zum Abteil kam, immer ein anderer Sitz noch frei.

Ehrlich. Hätte man mir den Sitz gelassen, wo mein Rucksack stand, oder meinen reservierten Platz, wäre NIE etwas passiert. Ich dachte eigentlich ich hätte dem älteren Herrn ohne Reservierung deutlich gemacht, dass ICH in diesem Abteil noch eine Reservierung hätte. Nur entweder hatte er es nicht verstanden, oder er hat es nicht für notwendig empfunden es mitzuteilen. Oder alle dachten, es würde einfach nur um einen Platz gehen. Nicht um einen Platz mit _bestimmten_, fest definierten Eigenschaften. Ich sitze immer am Fenster, weil ich da meine Ecke habe. Weil ich da meistens Abstand zu anderen Menschen haben. Im ICE baute ich mir anschließend eine Art Festung, indem ich meinen großen Koffer in die Lücke vor dem Sitz neben mir schob. Und fühlte mich augenblicklich trotz Großraumabteil pudelwohl. Und ich kann von Glück reden, dass sich die zerstörte Routine nur in furchtbarer Aufgekraztheit geäußert hat. Ich war kurz vor einem Meltdown. Dass mein Handy nicht durch den Zug flog, habe ich aktiv im Innern verhindern müssen. Die Aggressionsschübe waren da.

Insgesamt habe ich leider auch den Eindruck, dass Bahnfahrten für mich zunehmend schwierig werden. Der neue IC2 hat nur noch Großraumabteile (mehr Leute, mehr Geräusche, mehr Reize!) und Ruheabteile (ein SEGEN in Zeiten des Großraumes, soweit sich alle an die Regeln halten) gibt es dort nur in der ersten Klasse. Liebe Deutsche Bahn, was um alles in der Welt habt ihr euch dabei eigentlich gedacht? Abgesehen davon, die neuen Sitze sind einfach unbequem im Vergleich zu denen im modernisierten IC! Mal so nebenbei bemerkt.

Das Fazit bleibt jedoch, dass das alles gar nicht hätte passieren müssen. Wenn sich schlicht einige Leute etwas enger an die bestehenden Regeln gehalten hätten und einfach die tatsächlich für sie reservierten Plätze eingenommen hätten. Dann wäre eine Autistin heute sicherlich nicht an den Rand eines Meltdowns getrieben worden. Auch wenn es sicherlich nicht böse gemeint war …

Und dann war der Kampf umsonst …

Auf Twitter hat man es schon mitbekommen; Ich bin gestern aufgrund starker und sich immer weiter verschlechternder Bauchschmerzen in die Notaufnahme der hiesigen Uniklinik gefahren. Nicht zuletzt, um den furchtbaren Verdacht auszuräumen, dass es wieder der Blinddarm sein könnte. Der hatte sich schon Mal bemerkbar gemacht, hatte aber nach strenger Diät wieder Ruhe gegeben und ist somit nach wie vor drin.

Zurück zu gestern. Es ging schon direkt bei der Anmeldung die erste Sache schief. Ich hatte wegen immer schlimmer werdenden Schmerzen nicht mehr auf eine schnell herbeigeeilte Freundin gewartet. An der Anmeldung der Notaufnahme schickte man mich augenblicklich wieder nach draußen, sollte da warten. Nun stand ich dort und verstand das System nicht. Woher sollte ich wissen, wann ich zur Anmeldung vor konnte? Oder der Patient vor mir mit der Anmeldung fertig sein würde. Es kam, oh Wunder, zum ersten Overload. Was andere Patienten bemerkten und die Ärzte informierten. Augenblicklich hatte ich drei Mediziner um mich herum wuseln und war nur noch mehr überfordert, schrie auch kurz. Dann bekam ich zum Glück noch die Kurve und wurde quasi sofort in das Zimmer verfrachtet, was ich die nächsten sechs Stunden kaum noch verlassen sollte …

Blutabnahme, Anschluss an allerlei Gerätschaften (Blutdruck, EKG, Sauerstoffsättigung?). Der nächste Fehler war, dass ich versuchte meiner Freundin eine SMS zu schreiben. Ich wurde angeschnauzt, das Handy sofort zur Seite zu legen. Ohne dass ich erklären durfte, wofür ich das gerade bräuchte. In dem war natürlich die Haupt-Abwehr ebenfalls weg. Meine wunderbaren NC-Kopfhörer waren in der Tasche. Aber jetzt traute ich mich gar nicht mehr zu fragen, ob ich sie benutzen durfte.

Der nächste Schock war, dass meine extreme Pflasterallergie einfach ignoriert wurde, als man eine Flexüle befestigen wollte. Ich sagte deutlich, dass ich selbst gegen manche antiallergischen Pflaster reagieren würde. „Ja, womit soll ich das denn sonst befestigen.“ Mit einem Verband vielleicht? … ich hatte in dem schon kaum noch Kraft zu kämpfen. Meinen Allergiepass hätte ich dabei gehabt. Extra noch mit eingepackt. Den hat sie nie jemand angeschaut …

Arzt Nummer 1 kam innerhalb der ersten Stunde nach der Aufnahme. Allgemeine Anmanese, jetzt Warten auf die Laborergebnisse und Gynäkologen sowie Chirurg hinzuziehen. Die Zeit lief weiter. Ich hatte mir auch schlicht den falschen Tag ausgesucht. Mit der durch die Mitpatienten ständig aufgehaltenen Türe (sie wurde mehrmals darum gebeten, diese geschlossen zu lassen) bekam ich mit, dass wenigstens ein Patient reanimiert werden musste („Alle weg!“ ist ja klar …). Ich lag zwei Stunden, drei Stunden da, ohne das irgendetwas passierte. Dann kam ich irgendwann zum Röntgen. Wieder passierte lange nichts. Nach vier Stunden kam noch einmal der Arzt. Laborbefunde seien alle unauffällig, das Röntgenbild soweit auch, bis auf eine erhöhte Stuhlmenge. Gynäkologin, Chirurgen … die Gynäkologin kam dann auch gleich. Bei ihr im Untersuchungsraum begann ich dann abzuschalten. Augenkontakt weg. Motorische Fähigkeiten mangelhaft. Dass ich auf den Weg zurück in meinen Raum sehr orientierungslos wirkte, ignorierte man ebenso. Man erklärte mir den Weg zurück, und sonst nichts. Dabei waren das schon gefährliche Anzeichen …

Für ein paar Minuten war ich dann allein im Zimmer. Die andere Patientin hatte man derweil auf Station gebracht. Kurz darauf kam die neue Patientin rein. Auch bei ihr, volles Programm. Wenigstens drei Schwestern wuselten um sie herum, dann kam ein Arzt nach dem anderen und fragte sie zu ihrer Geschichte aus. Mir wurde das zu viel. Ich sagte den Schwestern, dass meine Bauchschmerzen war o.k. wären, aber jetzt ein psychisches Problem dazu käme. Plötzlich standen alle um mich herum. Fragten mich aus, was denn los sei. Ich sollte doch sprechen. Nur konnte ich nur noch mit ein paar Stichworten um mich werfen.
„Ich hab einen verkackten Overload!“ – „Ja, was ist denn ein verkackter Overload?“

„Ein Overload ist also, wenn Sie hier herumschreien.“
„Nein, das ist ein Meltdown!“
Ich habe wenigstens einmal, eher zweimal gesagt, dass es die Geräusche sind, die ich nicht mehr länger ertragen konnte. Man sagte mir, ich sollte Geduld haben und das man nichts tun könnte.
„Das hat nichts mit Geduld zu tun!“
Nur abfällige Blicke. Dass mein Blutdruck zunehmend in die Höhe schnellte, wurde wohl meiner Aufgebrachtheit zugeschrieben (ich habe irgendwo eine 171 gesehen …). Weil ich zunehmend unruhig wurde, klappte man die Seitengitter meines Bettes hoch. Ansonsten ignorierte man mich weiter. Ich hatte inzwischen schon ein paar Mal mit den Fäusten gegen meinen Kopf geschlagen. Kurzzeitig ignorierte ich das Handyverbot und schickte eine verzweifelte SMS an meine Mutter.

Es wurde förmlich von Minute zu Minute schlimmer, nach gut sechs Stunden Aufenthalt in der Notaufnahme. Weil ich falsch lag, bekam das EKG nicht mehr alle Werte. Irgendwann schlug ich wieder mit Fäusten gegen den Kopf und presste anschließend die Hände gegen die Ohren. Ich kämpfte immer noch dagegen, nicht wie verrückt zu schreien. Irgendwer kam an und berührte mich am Arm.
„Nicht anfassen!“
Mal wenigstens EINE Sache, die befolgt wurde. Dann tauchte plötzlich der Arzt auf. Ich weiß nicht, was er gesagt hat. Ich konnte es nicht hören. Versuchte nur in knappen Worten meine Situation zu schildern. Mittlerweile unter Tränen. Was ich nicht wusste war, dass mein Bruder zwischenzeitig angerufen und meinen aktuellen Zustand erklärt hatte. Der Arzt brachte mich nämlich kurz darauf in ein anderes Zimmer, wo es ruhiger war. Innerhalb von gut 20 Minuten war ich wieder ruhig und halbwegs stabil. Und fragte mich sehr schnell, ob ich versehentlich irgendwas kaputt gemacht hätte …

Man ließ mich allein. Eine Stunde. Zwei Stunden. Zwischen drin kletterte ich aus dem Bett und fragte an der Tür nach etwas zu trinken. Ich erhielt einen kleinen Becher Wasser. Wieder warten. Mittlerweile ahnte ich, dass es allein an der Chirurgie hing, dass ich noch immer da war. Von meinem Bruder wusste ich, dass alles auf eine Entlassung hin steuerte. Also fragte ich wieder auf dem Flur nach. Der Chirurg sei in einer OP. Da wüsste niemand, wie lange das dauerte. … sagte man mir, während ich mit meiner Funktionsfähigkeit kämpfte. Nach einem überwundenen Meltdown folgt bei mir immer eine Phase extremer Erschöpfung oder sogar ein richtiger Shutdown. Ich versuchte mein Problem mit der Situation zu verdeutlichen. Dass ich nicht wüsste, ob ich später noch nach Hause kommen könnte. Es wurde klein geredet. Irgendwann kam der Arzt nochmal vorbei und stellte mich vor die Wahl, entweder da zu bleiben oder gegen den ärztlichen Rat zu gehen. Nur fühlte ich mich in dieser Notaufnahme schon längst nicht mehr sicher, wo man mich in mein Zimmer zurück wies, wenn ich die einzige Kontaktmöglichkeit nutzen wollte, die ich hatte. Es gab zwar einen komischen Schalter, aber durfte ich den überhaupt benutzen? Es hatte keine Erklärung gegeben.

In dem kam der zweite Zusammenbruch. Ich fühlte mich schon aufgrund des Meltdowns furchtbar elendig und schuldig. Jetzt war es pure Verzweiflung. Meine Diagnose war bekannt. Aber anstatt mir Mal zuzuhören und mich mit meine psychischen Problemen ernst zunehmen, wurden sie klein geredet und ich ignoriert, womit man einen weiteren Meltdown triggerte. Als ich das offen sagte, wurde es ebenso ignoriert. In dem kam der Chirurg und erlebte mich komplett verheult. Woraufhin noch Mal der andere Arzt mit einer Psychiaterin kam. Sie aber „zwang“ mich förmlich eine Beruhigungstablette zu nehmen. Anstatt die Ursache für meinen Zustand in Angriff zu nehmen. Hätte ja mehr Aufwand gekostet.

Irgendwann kam der Chirurg dann wieder und dann durfte ich endlich, nach 10 Stunden, nach Hause gehen. Wahrscheinlich hat der Dauerstress der vergangenen Wochen und Monate mein Verdauungssystem mittlerweile derart durcheinander gebracht, dass es übervoll ist. Dadurch die Schmerzen, die übrigens immer noch andauern.

Ich frage mich nur ehrlich, wieso so etwas überhaupt passieren muss? Wenn der Patient schon offen seinen Autismus angibt (was ich zwar nicht sofort, aber später getan habe), wieso nimmt man dann nicht auf die besonderen Bedürfnisse wenigstens etwas Rücksicht? Klar, gibt das medizinische System nicht her. Autismus ist ja auch kein Grund für ein Einzelzimmer. In meinem Fall machte aber diese Ignoranz alles nur noch schlimmer. Ich war kurz davor Krawall zu schlagen, dass deren Verhalten mich hier absolut gefährden würde und ich deshalb augenblicklich nach Hause wollte. „Gegen ärztlichen Rat“ hätte ich mir in dem auch nicht mehr bieten lassen.

Eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen dass ich die einzige Autistin bin, die derartige Erfahrungen hat machen müssen. Im Moment bin ich ehrlich gesagt nur verzweifelt, weil die jahrelang erkämpfte Diagnose plötzlich nicht mehr das Papier wert war, auf dem sie steht. Was bringt eine Diagnose, wenn man sie im Zweifelsfall vollständig ignoriert, obwohl gerade SIE das akute Problem ist? Wo ist da der Sinn hinter?

Ich weiß nicht, ob ich nach den Erlebnissen überhaupt nochmal in ein Krankenhaus gehen kann … und ich muss immer noch darauf acht geben, ob ich nicht noch auf die Pflaster allergisch reagieren werde.

… und ich schäme mich noch immer für alles, was da passiert ist. Fast zu sehr, um hier davon überhaupt zu berichten …

 

Keine Extrawurst

Wenn es um das Thema Inklusion geht, landet man insbesondere im Bildungsbereich früher oder später beim Thema Nachteilsausgleiche. Ich schreibe hier bewusst vom Bildungsbereich, weil dieses Thema Schüler und Studenten mit Behinderungen gleichermaßen betrifft.

Ich möchte hier keineswegs über die rechtlichen Vorgaben referieren. Dazu finden sich schon bei Autismus – Keep calm and carry on. Für Studenten findet sich hier eine recht gute Auflistung. Weshalb ich dieses Thema anspreche, ist die negative Einstellung bezüglich Nachteilsausgleiche, von der ich selbst im Jahr 2017 immer wieder höre und auch selbst noch immer erfahre.

Beispielsweise meine Cousine. Sie hat gerade in NRW ihr Abitur mit 1,9 gemacht. Auf den letzten Metern drohte sie noch ein Defizit in Spanisch zu erhalten, weil sie ein benotetes Referat aufgrund eines akuten Problems mit dem Kiefergelenk (eine Craniomandibuläre Dysfunktion) nicht hat halten können. Wichtig in dem Zusammenhang ist auch, dass diese CMD durch eine generelle Überdehnbarkeit der Gelenke massiv verstärkt wurde. Wegen dieser Überdehnbarkeit hat meine Cousine beispielsweise auch ein Dauerattest für den Sportunterricht. Aussage der Spanischlehrerin und Schulleiterin dazu: „In der Oberstufe gibt es generell keine Nachteilsausgleiche!“. Es kostete mich keine 5 Minuten, um dieses Dokument zu finden mit dem Satz
„Der grundsätzliche Anspruch auf Nachteilsausgleich besteht für die betroffenen Schülerinnen und
Schüler in der Sekundarstufe II unverändert fort.“
Offensichtlich ist also das Bildungsministerium NRW da anderer Meinung.
Wie aber soll sich eine Schülerin zur Wehr setzten mit dem Wissen, dass die Schulleiterin mit in der mündlichen Abiprüfung als Prüferin sitzen wird?

Ich habe im Rahmen meines Studiums auch verschiedene Nachteilsausgleiche, die rechtlich mit einer Integrationsvereinbarung meiner Hochschule und der Prüfungsordnung abgesichert sind. Konkret werden mir bei schriftlichen Prüfungen 25% mehr Zeit gewährt, ich habe Anspruch auf einen separaten Raum und bei mündlichen Prüfungen steht mir ein nicht-benoteter Probedurchlauf zu. Das sind die Nachteilsausgleiche, die bei mir immer fest sind und bei denen ich mich immer auf den Prüfungsausschuss berufen kann, sollte ein Dozent diese verweigern.
Neulich stand dann in einem Seminar eine Gruppenarbeit mit Präsentation an. Der verantwortliche Dozent kannte sich glücklicher Weise schon etwas mit Autismus aus und so verständigten wir uns mit ihm sehr schnell darauf, dass ich von der Präsentation befreit werden würde. Nur wurde das nicht an die für das Seminar zuständigen Leute kommuniziert (wie ich hier berichtete). Dann kamen in den letzten Wochen noch Probleme mit der Gruppe hinzu. Ich konnte die Studenten meiner Gruppe kontaktieren wie ich wollte, ich erhielt über Wochen keine Reaktion. Immer mit der Drohung im Hintergrund, die Präsentation schon nächste Woche halten zu müssen. Letztendlich wendete ich mich an den zuständigen Dozenten mit der Bitte, die Gruppenarbeit für mich in eine Hausarbeit umwandeln zu lassen. Was soll ich sagen? Die Bitte wurde abgelehnt und ich einfach in die nächste Gruppe verfrachtet, mit der es bald fast dasselbe Problem gab. Und wir mussten tatsächlich innerhalb gerade Mal einer Woche die Präsentation fertig stellen. Wegen des Stresses fiel ich einen Tag vollständig aus und hatte eine ganze Woche massiv mit Reizüberlastungen zu kämpfen.
Die Begründung für die Ablehnung lautete übrigens, dass er sich keine zusätzliche Arbeit machen wollte und er Wert darauflege, dass jeder Student dasselbe leistet.

Für einen Beitrag dürften das denke ich Mal genügend Fallbeispiele sein.

Es scheint mir, als hätten wir insgesamt einfach ein riesiges Missverständnis in der Gesellschaft, was Nachteilsausgleiche überhaupt sind. Wobei das Wort selbst eigentlich schon sagt, dass bestehende Nachteile ausgeglichen werden sollen. Damit eben, wie in meinem Fall, jeder Student tatsächlich dasselbe leistet. Natürlich bedeuten Nachteilsausgleiche hier und da für die Verantwortlichen mehr Arbeit. Aber allein deshalb einen Nachteilsausgleich abzulehnen, ist schlicht eine Frechheit.

Sich hinzustellen und offen zu sagen, dass man behindert ist, ist eine Sache. Sich hinzustellen und zu sagen „Ich bin behindert.“ und „Deshalb brauche ich Nachteilsausgleiche.“, ist leider nochmal eine ganz andere Sache. In diesem Moment schwindet leider nur zu schnell die Akzeptanz des Umfeldes. Es werden schnell nur noch die „Erleichterungen“ und „Bevorteilungen“ gesehen, die man scheinbar grundlos erhalten soll. Schnell wird da von Bevorteilung gegenüber nichtbehinderter Schüler gesprochen und der Nachteilsausgleich mit solch fadenscheinigen Begründungen abgelehnt.

Was mich daran massiv ärgert ist, dass hier immer zwei Dinge vergessen werden. Erstens, andere sind nicht von vorne herein benachteiligt. Zweitens wird zu gerne vergessen oder mit Absicht ignoriert, wie viel Kraft und Aufwand für viele Behinderte hinter „normalen“ Leistungen steckt. Ist es wirklich dieselbe Leistung, wenn zwei Studenten fachlich in einer mündlichen Prüfung gleich gut sind, der eine für die nächsten Stunden entsprechend erschöpft ist, der andere aber die nächsten beiden Tage nicht auch nur daran denken kann, außer Haus zu gehen?

Was auch gerne missverstanden wird ist, dass hier die fachlichen Anforderungen aufgeweicht werden sollen. Aber was spricht nun tatsächlich dagegen, die mündliche Prüfung in eine schriftliche umzuwandeln? Oder eine schriftliche in eine mündliche? Das Fachwissen wird in beiden Fällen genauso getestet. Das Verständnis von primärer Fachliteratur ist für eine Hausarbeit genauso notwendig wie für eine Präsentation in Gruppenarbeit. Eigentlich sogar noch mehr, da der Austausch und somit die eventuelle Hilfe von Kommilitonen wegfällt. Das einzige, was all diese Formen von Nachteilsausgleichen gemeinsam haben, ist ein Mehraufwand seitens der Dozenten. Das mag zwar unangenehm sein, aber deshalb die Last auf denjenigen abwälzen, der die Nachteilsausgleiche nicht ohne Grund beantragt?

Was einem leider bei Nachteilsausgleichen auch oftmals begegnet, ist Neid. Selbst wenn man die Nachteilsausgleiche bewilligt bekommen hat lebt man oftmals mit der Angst, dass Kommilitonen von den Nachteilsausgleichen erfahren und mit diesem Wissen einem das Leben schwer machen. Weil sie glauben, dass man ihnen gegenüber bevorteilt wird. Doch auch hier liegt das Problem einfach in der mangelnden Aufklärung. Nachteilsausgleiche sind einfach nach wie vor ein Thema, worüber nicht gesprochen wird. Was eben auch viel mit der Angst der Betroffenen bezüglich der oftmals negativen Einstellung zu tun hat. Wenn wir aber nicht anfangen offen darüber zu sprechen und für dieses uns zustehende Recht einzutreten, wird sich daran leider auch nichts ändern.

Im Übrigen nehme ich manche Nachteilsausgleiche gar nicht mehr in Anspruch. Der Probedurchlauf erledigte sich in dem Moment, als ich mehrere Semester hintereinander dieselben Prüfer für mich sitzen hatte. Wo es eben geht, will ich die Dinge ohne „Sonderregelungen“ meistens. Ich bin eben kein Faulpelz, der sich zu seinem eigenen Vorteil auf Behinderungen beruft, wie so manch einer zu glauben scheint [Mal ganz abgesehen davon, dass ein solcher Gedanke es auf furchtbare Weise ignoriert, wie viele Schwierigkeiten eine Behinderung im Allgemeinen mit sich bringt]. Wo es aber nicht geht, gibt es Nachteilsausgleiche.