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Und auch Autisten pubertieren …

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, scheint bei manchen Leuten für Verwirrung zu sorgen. Vor einigen Tagen wurde plötzlich das Angebot der Selbsthilfegruppe Rosenheim von einem Pubertätstraining für Jungs im Alter von 11 bis 13 Jahren kritisiert. Mit einer Begründung, die mich nur den Kopf schütteln ließ. Da hieß es auf einmal, ob denn Autisten das überhaupt verstehen könnten, seien sie doch altersmäßig zurück geblieben.

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Klassenfahrten

Die Tage schrieb die gute Anita auf ihrem Blog etwas zu ihren Erfahrungen mit Autisten auf Klassenfahrten. Ich musste mich bei den Kommentaren dann ziemlich zusammen reißen (Redewendung), nicht einen halben Roman bezüglich meiner eigenen Erfahrungen zu schreiben. Aber wozu betreibt man denn einen eigenen Blog? Dann werde ich euch eben hier von meinen Erfahrungen von Klassenfahrten und Schulausflügen erzählen.

Meiner Erfahrung nach ist es durchaus möglich, als Autist an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Auch wenn definitiv die Einstellungen der mitreisenden Lehrer und auch der Schüler stimmen müssen. Aber am besten beginne ich einfach von Anfang an, was alles bei mir persönlich schon möglich war.

Die erste Klassenfahrt war – wie sollte es auch anders sein? – in der Grundschule. Dritte oder vierte Klasse. Für mich dann natürlich schon direkt mit Diagnose. Drei Tage an einer großen Talsperre in der Gegend. Problem; Ich konnte nicht mit „meinen“ Mädels auf ein Zimmer. Zur Erinnerung; In der Grundschule hatte ich durchaus eine Gruppe, in der ich mehr oder weniger fest integriert war. Allerdings bekam ich die Ansage, dass ich ruhig in das andere Zimmer könnte. Und so kam es dann auch. Waren wir in der Jugendherberge, tingelte ich ständig zwischen den eigentlich verfeindeten Mädchenzimmer hin und her (ich war auch die einzige, die einfach so ins andere Zimmer durfte). Und während die Klassenkameraden auf den Fluren irgendwelchen Schabernack trieben, blieb ich die ganze Zeit auf dem Zimmer und wusste nicht, wie ich mich überhaupt beteiligen sollte. Wozu denn auch? Die Zeit in der Jugendherberge war für mich Erholung von den Ausflügen, bei denen ich mehr oder weniger an der Klassenlehrerin klebte, um nicht die Übersicht über das Geschehen zu verlieren.

Was mich damals und noch Jahre später ärgerte; Ich konnte nicht den Farbfilm in meiner Kamera wechseln. Nach 36 Bildern war folglich Schluss.

Die nächste Klassenfahrt kam dann in der 5. Klasse. 5 Tage Kennenlernfahrt in die Eifel. Dieses Mal war ich sogar mit meinen Mädels auf einem Zimmer. Doch es lief ähnlich wie schon in der Grundschule. Außerhalb des Pflichtprogramms blieb ich meistens auf dem Zimmer, während die anderen auf dem Hof tobten. Was sollte ich da auch? Auf meinem Zimmer war ich wenigstens vor dem Mobbern sicher.
Tja. Und beim Pflichtprogramm gab es, abseits der Lehrerschaft, auch einen ersten kleinen Vorfall. Einmal sollten wir Spätabends, ohne jegliches Licht und alles, gemeinsam durch den Wald zu einem Treffpunkt gehen. Wieder in kleinen Gruppen von etwa 5 Personen. Da ich in meiner Gruppe auch wieder ein paar meiner Mädels hatte, soweit kein Problem. Nur, mehr als eine grobe Wegbeschreibung hatten wir nicht. Wir wussten nur, dass wir uns an einen Fluss halten sollten. Dort käme irgendwann eine Brücke, die sollten wir überqueren, dann seien wir auch schon da. Blöd nur, dass an diesem Fluss an einer anderen Stelle ein Baum gestürzt war, der ebenfalls eine natürliche Brücke darstellte. Also ging der größte Teil der Gruppe davon aus, DAS sei die Brücke. Ich jedoch, irre schlecht in der Grobmotorik, hatte Bedenken da jetzt drüber zu müssen. Zudem gab es ein Licht irgendwo weiter hinten im Wald, was ständig blinkte und mich somit blendete. Meine Nachtsicht wurde durch eben dieses Licht komplett zerstört. Sprich, ich war blind, und stand vor einem rauschenden Fluss. Schließlich begann ich zu schreien. Dieses Licht dort hinten machte mich einfach verrückt, die dadurch genommene Sicht panisch. Zudem Begriff ich nicht, was das sollte; Wir sollten schließlich OHNE Licht auskommen. Dieses Blenden war mehr als gemein. Durch das Schreien fiel zudem eine Klassenkameradin IN den Fluss …

… letzten Endes liefen ein paar Klassenkameraden loß. Zu dem Licht, um Hilfe zu holen. Es waren auch tatsächlich die Aufsicht führenden Erwachsenen. Die in den Fluss gefallene Klassenkameradin fiel auf dem Weg zurück in die Jugendherberge zudem noch in Ohnmacht und erhob auch Tage später noch immer ziemliche Vorwürfe gegen mich. Das sei ja alles überhaupt erst passiert, weil ich so geschrien hätte. Nur war sie die einzige, die mir da überhaupt Vorwürfe machten. Die anderen verstanden, dass ich selbst in dem Moment einfach nur Angst gehabt hatte und deshalb begonnen hatte zu schreien und alles um mich herum abzuwehren.

Wie gesagt war das aber der einzige wirkliche Vorfall auf dieser Klassenfahrt. Doch es ärgerte mich damals schon enorm kaum zu wissen, was als nächstes auf dem Programm stand. Ich war aufgeschmissen. Von der Nachtwanderung erfuhren wir auch erst, als es wirklich los ging. Bei den Klassenfahrten, bei denen ich einen festen Ablaufplan hatte (möglichst auch in Papierform), war ich diesbezüglich gleich viel entspannter.

… das nächste Pflichtprogramm in der Realschule wäre dann eigentlich erst die Abschlussfahrt in der 10. gewesen. Von einzelnen Tagesausflügen abgesehen, bei denen das größte Problem für mich war, irgendeine Gruppe fürs Umherlaufen zu finden. Abgesehen davon, dass die anderen immer irgendwelches „blödes“ Zeug machten (Shoppen!), während ich damit zufrieden gewesen wäre auf einer Bank zu sitzen und zu entspannen. Das strapazierte zuweilen schon ziemlich meine Nerven, doch die Erschöpfung kam dann immer erst hinterher.

Doch wie ich ja schon woanders schrieb, nahm ich verrückte auch an zwei Austauschprogrammen teil. Einmal nach Frankreich, einmal mit Polen (der aber einseitig verlief). Aber es wiederholten sich altbekannte Muster. Dieses Mal klebte ich zwar an meiner Freundin aus dem nächsthöheren Jahrgang, die mit auf dem Austausch war, aber in der Gastfamilie hielt mich auch meistens einfach auf dem Zimmer auf. Zudem hielt ich mich ziemlich strikt an die Anweisungen, die vom Lehrpersonal gegeben wurden. Im Gegensatz zu manch anderem Schüler. Irgendwo bei meiner Mutter muss auch noch ein sehr ausführlicher Bericht zu diesem Austausch herum liegen, für den ich damals eine 1+ bekam (vielleicht hole ich mir den irgendwann und schreibe dazu nochmal ausführlicher).

Im übrigen gelang es uns sehr erfolgreich, dem französischen Teil des Austauschprogramms „Viva Colonia“ beizubringen 😉

Aber wie schon gesagt; Man sollte mir nicht vorwerfen, dass ich meine Aufgaben nicht ernst nehmen würde. Beim Gegenbesuch verzweifelte ich beinahe daran, dass man mir nicht mitteilte, was meine Austauschschülerin bei der 10km-Wanderung machen sollte. Als Typ-1-Diabetikerin hatte sie ein Sportattest und sollte an der Wanderung möglichst nicht teilnehmen. Also rannte ich den Lehrern hinterher, dass die das auch bloß mitbekamen. Erhielt nur nie eine zufriedenstellende Antwort. Letztendlich musste ich mich mit einem ziemlich mulmigen Gefühl in den Bus setzten und einfach hoffen, das alles gut ging. Zufrieden war ich damit so überhaupt nicht …

Ach so. Der Gegenbesuch war auch das erste und einzige Mal, wo ich vom ungeliebten „Sinnlos herum laufen“ verschont blieb. Ich und besagte Freundin hatten beide keine Lust auf Shoppen in Bonn und wollten lieber in eine Buchhandlung. Netterweise fand sich ein Lehrer, der ebenfalls in eine Buchhandlung wollte. Somit waren wir unter Aufsicht und wir gingen zu dritt einfach los in diese Buchhandlung. Auch wenn die Schülergruppe streng genommen zu klein war 😉

Beim Austausch mit Polen trat ich zudem die sozialen Interaktionen eher an meinen Bruder ab. Aber auch hier; Keine Zwischenfälle. Nur ein lustiges Missverständnis (sinngemäße Widergabe).
– „Ich lerne nicht für die Mathearbeiten.“
– „Ach, hast du es auch schon aufgegeben?“
– „Nein! Ich muss dafür einfach nicht lernen!“
… zu der Zeit war ich in Mathe unangefochtene Klassenbeste. Die Klassenarbeitshefte erhielt ich stets zuerst; Was in dem bedeutete, dass ich die beste Arbeit geschrieben hatte.

Zwischenfälle gab es erst wieder auf der Abschlussfahrt nach England. Oh, und nachgewiesener Maßen das erste Mal mit einer Digitalkamera! Sprich, ich konnte wild herum knipsen 😉 Ohne mir um irgendwelche Filme Gedanken zu machen, die ich bis zuletzt nie ordentlich wechseln konnte (und da sind Digitalkameras mit SD-Karten echt ein Segen!).
Aber was war passiert? Wir fuhren mit dem Bus nach England, über Nacht. Und während die anderen Schüler sich bis tief in die Nacht amüsierten und ihren Spaß hatten, wollte ich einfach nur … schlafen. Unbemerkt von allen anderen geriet ich in der Nacht in einen Meltdown. Die Ohrstöpsel waren zu schwach, als dass ich bei dem Lärm irgendwie ans Schlafen hätte denken können. Zumal ich damit im Auto eh schon längst Probleme hatte und es schlicht nicht mehr konnte. Endlich in England angekommen fiel ich daher nur noch ins Bett. Die nächsten Tage war ich aber ungewöhnlich übellaunig. Durch die verpasste Nacht (und sehr wahrscheinlich auch des Meltdowns, aber den habe ich damals noch nicht einmal als solchen erkannt) war ich einfach nur noch müde, und bei den vielen Ausflügen schwoll irgendwann mein damals verletzter Fuß mächtig an. Gegen Ende der Fahrt wollte ich einfach keinen Schritt mehr gehen und machte das auch überaus deutlich. Nur wolte man sich da nicht so einfach drauf einlassen, dass ich schlicht nicht mehr gehen wollte und warf mir vor, die ganze Truppe zu tyrannisieren. Ja, aber ich hatte immerhin auch den gebrochenen Zeh und Schmerzen bei jedem Schritt, den ich tat. Wer will denn da schon laufen?

Außerhalb der Ausflüge zog ich mich, Überraschung, die meiste Zeit in mein Zimmer zurück (ich war die einzige mit einem eigenen!) und schlief auch sehr viel. So verpasste ich auch den kleinen Vorfall, in dem ausgerechnet die kleinste und dünnste der Klasse das Klo unseres Bungalows verstopfte (im übrigens genau dieselbe, die in der 5. in Ohnmacht gefallen war). Ich war nur irritiert, als pötzlich die Klassenlehrerin in meinem Zimmer stand und fragte, ob mit mir alles ok wäre. Von der ganzen Aufregung erfuhr ich erst an nächsten Morgen. Was sicherlich auch besser so war. Toiletten gehören zu den Dingen, wo es mir irrsinnig schwer fällt, mit einem Ausfall zurecht zu kommen.

Bei der Rückfahrt übrigens stellte ich mich von Beginn an darauf ein, die Nacht nicht schlafen zu können. Weshalb es dieses Mal zu keinem Meltdown kam. Außerdem wusste ich, dass ich zu Hause erst einmal würde ordentlich ausschlafen können. Ironischer Weise habe ich auf der Rückfahrt aber tatsächlich für eine Stunde schlafen können. Die anderen Schüler waren immerhin auch alle müde, und somit war es sehr viel ruhiger im Bus als auf der Hinfahrt.

Tja. Und trotz allem verbot man mir die Abschlussfahrt in der 13. … was ich bis heute nicht ganz verarbeitet habe.

Aber was kann ich nach meinen Erfahrungen Eltern und anderen Autisten für Hinweise geben, wenn eine Klassenfahrt ansteht?

  • Lasst euch einen schriftlichen Ablaufplan geben, was auf der Fahrt alles gemacht werden soll. Möglichst mit Tages- und Uhrzeiten
    (Gehört übrigens schlicht zu einer guten Planung und hilft auch anderen Schülern!)
  • „Sucht euch selbst eine Gruppe“ ist meiner Erfahrung nach ziemlich schwierig, vor allem wenn man in der Klassengemeinschaft komplett isoliert ist. Hier würde ich mir eigentlich mehr Feingefühl von den Lehrern wünschen. Wichtig sind hier auch auf jeden Fall klare Absprachen und eventuell außergewöhnliche Lösungen (z.B. nicht alleine los ziehen, sondern schlicht beim Lehrpersonal verbleiben). Blind zuweisen hilft hier nicht. Niemand verbringt einen Ausflug gerne mit Personen, die er nicht ab kann.
  • Regelt insbesondere bei mehrtägigen Ausflügen die Rückzugsmöglichkeiten. Ich hatte Glück, immer unter relativ ruhigen Mädchen zu sein. Aber auch das ist ja leider nicht immer gegeben.
  • Das letzte Wort, ob bei etwas mitgemacht wird oder nicht (wenn beide Optionen da sind), sollte der Autist selbst haben! Entscheidet bitte NIE ohne Absprache FÜR ihn/sie!
    [Denn genau daran ist mir unter anderem auch die Abschlussfahrt in der 13. zerbrochen … man ging einfach Mal davon aus, dass mir alles zu viel werden würde. Ohne Mal genauer mit mir darüber zu sprechen, wie ich das sehen würde.]

Natürlich kommt es dabei auch immer auf den Einzelfall an. Wie lange dauert der Ausflug? Wie belastbar bin ich/mein Kind? Viel hängt auch (meiner Erfahrung nach) schlicht von der sozialen Situation innerhalb der Klasse ab. Oder der generellen Einstellung der Lehrer.

Zuletzt bleibt im Grunde nur noch das zu sagen, was Anita in anderen Worten auch in ihrem Text schreibt; Man kann nicht generell sagen, dass Autisten nicht an Klassenfahrten teilnehmen können. Aber generell zu sagen, dass sie es können, ist leider ebenfalls falsch. Und wie gesagt, die Entscheidung sollte letztendlich beim Autisten selbst liegen. Denn es kann verdammt weh tun zu Hause bleiben zu müssen, wenn man eigentlich genau dasselbe tun will, wie alle anderen auch. Aber es kann genauso anstrengend sein zwingend mit auf die Fahrt gehen zu müssen, wenn man sich schon allein bei dem Gedanken unwohl fühlt. Bei mir war das zum Glück nie nötig. Aber ich bin nur eine von vielen unterschiedlichen …

Gymnasium: Und doch ein Inklusions-Ansatz

Trotz all den Schwierigkeiten, die ich am Gymnasium hatte, muss ich eine Sache hervorheben; Die Art und Weise, in der eine Gruppe von Schülerinnen eingebunden wurde.

Dazu kam es aufgrund einer Initiative meiner damaligen Therapeutin. Ich benannte schon damals das Problem, dass ich mit einigen meiner Lehrern nicht klar käme. Vorne Weg der Lehrer meines Mathe-LKs. Nicht nur, dass diese Lehrer insbesondere meine Probleme nicht verstanden. Ich konnte diese noch nicht einmal verständlich machen. Schon allein das argumentieren, wieso ich ausgerechnet jetzt nicht mehr fähig wäre dem unterricht zu folgen und nach Hause müsste, fiel mir unendlich schwer. Deshalb zog meine Therapeutin ein Konzept heran, dass normalerweise bei Mobbingopfern genutzt werden würde; Es sollte eine Unterstützergruppe aus Mitschülern gebildet werden, die genau dann die Kommunikation mit den Lehrern übernehmen sollten. Natürlich würden diese dann über meine Diagnose aufgeklärt werden.

Die Auswahl dieser Schüler überließ man größtenteils mir selbst. Sonderlich schwer fiel sie mir glücklicherweise nicht. Einige Schülerinnen konnten mehrere Kurse zugleich übernehmen. Zudem gab es diverse ehemalige Mitschülerinnen meines damaligen Freundes, die sich bislang immer sehr verständnisvoll gezeigt hatten. Nur beim besagten Mathe-LK war ich mir nicht sicher.

Es wurde dann ein Treffen mit den von mir genannten Schülerinnen und der Oberstufenkoordinatorin organisiert. Bei diesem Treffen wurden die Schülerinnen vor allem über das Anliegen aufgeklärt und erfuhren auch spätestens zu diesem Zeitpunkt von meiner Diagnose. Es war für sie keine Frage, ob sie helfen wollten. So ziemlich jede hatte meine Verzweiflung schon mehr als einmal direkt mitbekommen und half bereitwillig. Auch für den Mathe-LK fand sich dann mit ihrer Hilfe schnell eine Schülerin. Zwar hatte ich auch hier noch selbst eine benannt, doch wurde die Eignung dieser aufgrund ihrer ruppigen Art von den anderen Schülerinnen in Zweifel gezogen und von ihnen eine andere ausgewählt. Mit dieser hatte ich bislang noch nicht so viel zu tun gehabt, war aber einverstanden.

Natürlich löste dieses Prinzip nicht alle Probleme, und schon gar nicht augenblicklich. Die Renovierungsarbeiten dauerten fort. Genauso wenig konnte jemand etwas gegen den immensen Lerndruck ausrichten. Doch das Wissen, nicht mehr mit eingeschränkter Denkfähigkeit noch mit den Lehrern argumentieren zu müssen, half mir trotzdem zumindest etwas weiter. Zudem war ich erstmals halbwegs sicher sozial integriert. Etwas, das bei der Realschule so nie der Fall gewesen war. Nachmittags blieb ich zwar allein, aber ich brauchte diese Zeit auch schlicht zur Erholung vom Schulalltag.

Und wo sie nur konnte, half mir die Oberstufenkoordinatorin heimlich im Hintergrund. Als meine Englischlehrerin zur 12.2 hin in Mutterschutz ging, landete ich „glücklicher Weise“ im Englischkurs meiner Philosophielehrerin. Eine der Lehrerinnen, mit der ich auch so gut klar kam. Bei ihr musste ich nicht großartig argumentieren, wenn ich in Englisch noch saß, mich dann aber für Philosophie entschuldigte. Auch hätte ich den Sportkurs wechseln dürfen, wenn der Kurs meiner Englischlehrerin denn noch existiert hätte. Das hätte meinen sportlichen Schwerpunkt von Schwimmen auf Tanzen verlagert. Und kurz vor den Abiprüfungen fragte sie mich noch, wo ich denn im Prüfungsraum am liebsten sitzen würde. Siehe da, mein zugewiesener Platz war dann auch in etwa genau da.

Mir ist also nicht jede Hilfe grundsätzlich versagt worden. Aber insgesamt blieb doch ein Gefühl der Feindsehligkeit innerhalb der Schule … und ich war froh, als ich dort endlich weg kam. Und von echter Inklusion war diese Unterstützung natürlich auch weit entfernt …

Keine Extrawurst

Wenn es um das Thema Inklusion geht, landet man insbesondere im Bildungsbereich früher oder später beim Thema Nachteilsausgleiche. Ich schreibe hier bewusst vom Bildungsbereich, weil dieses Thema Schüler und Studenten mit Behinderungen gleichermaßen betrifft.

Ich möchte hier keineswegs über die rechtlichen Vorgaben referieren. Dazu finden sich schon bei Autismus – Keep calm and carry on. Für Studenten findet sich hier eine recht gute Auflistung. Weshalb ich dieses Thema anspreche, ist die negative Einstellung bezüglich Nachteilsausgleiche, von der ich selbst im Jahr 2017 immer wieder höre und auch selbst noch immer erfahre.

Beispielsweise meine Cousine. Sie hat gerade in NRW ihr Abitur mit 1,9 gemacht. Auf den letzten Metern drohte sie noch ein Defizit in Spanisch zu erhalten, weil sie ein benotetes Referat aufgrund eines akuten Problems mit dem Kiefergelenk (eine Craniomandibuläre Dysfunktion) nicht hat halten können. Wichtig in dem Zusammenhang ist auch, dass diese CMD durch eine generelle Überdehnbarkeit der Gelenke massiv verstärkt wurde. Wegen dieser Überdehnbarkeit hat meine Cousine beispielsweise auch ein Dauerattest für den Sportunterricht. Aussage der Spanischlehrerin und Schulleiterin dazu: „In der Oberstufe gibt es generell keine Nachteilsausgleiche!“. Es kostete mich keine 5 Minuten, um dieses Dokument zu finden mit dem Satz
„Der grundsätzliche Anspruch auf Nachteilsausgleich besteht für die betroffenen Schülerinnen und
Schüler in der Sekundarstufe II unverändert fort.“
Offensichtlich ist also das Bildungsministerium NRW da anderer Meinung.
Wie aber soll sich eine Schülerin zur Wehr setzten mit dem Wissen, dass die Schulleiterin mit in der mündlichen Abiprüfung als Prüferin sitzen wird?

Ich habe im Rahmen meines Studiums auch verschiedene Nachteilsausgleiche, die rechtlich mit einer Integrationsvereinbarung meiner Hochschule und der Prüfungsordnung abgesichert sind. Konkret werden mir bei schriftlichen Prüfungen 25% mehr Zeit gewährt, ich habe Anspruch auf einen separaten Raum und bei mündlichen Prüfungen steht mir ein nicht-benoteter Probedurchlauf zu. Das sind die Nachteilsausgleiche, die bei mir immer fest sind und bei denen ich mich immer auf den Prüfungsausschuss berufen kann, sollte ein Dozent diese verweigern.
Neulich stand dann in einem Seminar eine Gruppenarbeit mit Präsentation an. Der verantwortliche Dozent kannte sich glücklicher Weise schon etwas mit Autismus aus und so verständigten wir uns mit ihm sehr schnell darauf, dass ich von der Präsentation befreit werden würde. Nur wurde das nicht an die für das Seminar zuständigen Leute kommuniziert (wie ich hier berichtete). Dann kamen in den letzten Wochen noch Probleme mit der Gruppe hinzu. Ich konnte die Studenten meiner Gruppe kontaktieren wie ich wollte, ich erhielt über Wochen keine Reaktion. Immer mit der Drohung im Hintergrund, die Präsentation schon nächste Woche halten zu müssen. Letztendlich wendete ich mich an den zuständigen Dozenten mit der Bitte, die Gruppenarbeit für mich in eine Hausarbeit umwandeln zu lassen. Was soll ich sagen? Die Bitte wurde abgelehnt und ich einfach in die nächste Gruppe verfrachtet, mit der es bald fast dasselbe Problem gab. Und wir mussten tatsächlich innerhalb gerade Mal einer Woche die Präsentation fertig stellen. Wegen des Stresses fiel ich einen Tag vollständig aus und hatte eine ganze Woche massiv mit Reizüberlastungen zu kämpfen.
Die Begründung für die Ablehnung lautete übrigens, dass er sich keine zusätzliche Arbeit machen wollte und er Wert darauflege, dass jeder Student dasselbe leistet.

Für einen Beitrag dürften das denke ich Mal genügend Fallbeispiele sein.

Es scheint mir, als hätten wir insgesamt einfach ein riesiges Missverständnis in der Gesellschaft, was Nachteilsausgleiche überhaupt sind. Wobei das Wort selbst eigentlich schon sagt, dass bestehende Nachteile ausgeglichen werden sollen. Damit eben, wie in meinem Fall, jeder Student tatsächlich dasselbe leistet. Natürlich bedeuten Nachteilsausgleiche hier und da für die Verantwortlichen mehr Arbeit. Aber allein deshalb einen Nachteilsausgleich abzulehnen, ist schlicht eine Frechheit.

Sich hinzustellen und offen zu sagen, dass man behindert ist, ist eine Sache. Sich hinzustellen und zu sagen „Ich bin behindert.“ und „Deshalb brauche ich Nachteilsausgleiche.“, ist leider nochmal eine ganz andere Sache. In diesem Moment schwindet leider nur zu schnell die Akzeptanz des Umfeldes. Es werden schnell nur noch die „Erleichterungen“ und „Bevorteilungen“ gesehen, die man scheinbar grundlos erhalten soll. Schnell wird da von Bevorteilung gegenüber nichtbehinderter Schüler gesprochen und der Nachteilsausgleich mit solch fadenscheinigen Begründungen abgelehnt.

Was mich daran massiv ärgert ist, dass hier immer zwei Dinge vergessen werden. Erstens, andere sind nicht von vorne herein benachteiligt. Zweitens wird zu gerne vergessen oder mit Absicht ignoriert, wie viel Kraft und Aufwand für viele Behinderte hinter „normalen“ Leistungen steckt. Ist es wirklich dieselbe Leistung, wenn zwei Studenten fachlich in einer mündlichen Prüfung gleich gut sind, der eine für die nächsten Stunden entsprechend erschöpft ist, der andere aber die nächsten beiden Tage nicht auch nur daran denken kann, außer Haus zu gehen?

Was auch gerne missverstanden wird ist, dass hier die fachlichen Anforderungen aufgeweicht werden sollen. Aber was spricht nun tatsächlich dagegen, die mündliche Prüfung in eine schriftliche umzuwandeln? Oder eine schriftliche in eine mündliche? Das Fachwissen wird in beiden Fällen genauso getestet. Das Verständnis von primärer Fachliteratur ist für eine Hausarbeit genauso notwendig wie für eine Präsentation in Gruppenarbeit. Eigentlich sogar noch mehr, da der Austausch und somit die eventuelle Hilfe von Kommilitonen wegfällt. Das einzige, was all diese Formen von Nachteilsausgleichen gemeinsam haben, ist ein Mehraufwand seitens der Dozenten. Das mag zwar unangenehm sein, aber deshalb die Last auf denjenigen abwälzen, der die Nachteilsausgleiche nicht ohne Grund beantragt?

Was einem leider bei Nachteilsausgleichen auch oftmals begegnet, ist Neid. Selbst wenn man die Nachteilsausgleiche bewilligt bekommen hat lebt man oftmals mit der Angst, dass Kommilitonen von den Nachteilsausgleichen erfahren und mit diesem Wissen einem das Leben schwer machen. Weil sie glauben, dass man ihnen gegenüber bevorteilt wird. Doch auch hier liegt das Problem einfach in der mangelnden Aufklärung. Nachteilsausgleiche sind einfach nach wie vor ein Thema, worüber nicht gesprochen wird. Was eben auch viel mit der Angst der Betroffenen bezüglich der oftmals negativen Einstellung zu tun hat. Wenn wir aber nicht anfangen offen darüber zu sprechen und für dieses uns zustehende Recht einzutreten, wird sich daran leider auch nichts ändern.

Im Übrigen nehme ich manche Nachteilsausgleiche gar nicht mehr in Anspruch. Der Probedurchlauf erledigte sich in dem Moment, als ich mehrere Semester hintereinander dieselben Prüfer für mich sitzen hatte. Wo es eben geht, will ich die Dinge ohne „Sonderregelungen“ meistens. Ich bin eben kein Faulpelz, der sich zu seinem eigenen Vorteil auf Behinderungen beruft, wie so manch einer zu glauben scheint [Mal ganz abgesehen davon, dass ein solcher Gedanke es auf furchtbare Weise ignoriert, wie viele Schwierigkeiten eine Behinderung im Allgemeinen mit sich bringt]. Wo es aber nicht geht, gibt es Nachteilsausgleiche.

 

 

Gymnasium: Autisten unerwünscht

Nach der Realschule ging es, ganz wie geplant, ans Gymnasium.

Mit einem entscheidenden Unterschied; Meine Mutter hatte meine Diagnose im Hintergrund nicht bekannt gegeben. An der Realschule lief es zuletzt super, die „Behelfstherapie“ (Ergotherapie) hatte ich auch schon vor längerem beendet. Sie schon unnötig geworden zu sein.

Natürlich war es so oder so eine immense Umstellung für mich. Statt Klassen gab es Kurse. Ein Klassenlehrer als ständige Ansprechperson hatte ich nicht mehr. Und die „Freunde“? Gingen entweder in eine Ausbildung oder an andere Schulen.  Ich stand also so ziemlich alleine da. In einem riesigen Gebäude. Zwar hätte ich mich auch sofort an eine Freundin aus der 12. hängen können, doch ich wollte schon allein klarkommen. Ich kann ja schon Mal ehrgeizig sein.

Das erste halbe Jahr lief dann auch soweit ganz gut. Meine Noten waren zwar nicht mehr ganz so schön, aber das war zu erwarten. In der ersten Woche hockte ich einmal heulend auf dem Flur, weil ich nicht wusste, wo der Sportunterricht stattfinden sollte. Zum Glück fand mich einer der verständnisvollsten Lehrer der Schule, der sich nicht weiter aufregte, sondern nur dafür Sorge trug, dass ich den richtigen Ort fand (es sollte sich herausstellen, dass es die Sporthalle neben dem Schwimmbad war … gut 500m von der Schule entfernt!).

Die Probleme begannen im zweiten Halbjahr. Mein Deutsch- und Englischkurs wurden von einer anderen Lehrerin übernommen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern liebte sie Gruppenarbeiten. Ich versuchte es erst einmal wie gewohnt mit der Frage, ob ich die nicht allein bearbeiten könnte. Doch dieses Mal wurde es mir nicht erlaubt. Ich hatte mich in eine Gruppe zu fügen, sonst würde es schlechte Noten in der Mitarbeit geben. Tja, da stand ich und wusste nicht weiter. Gleichzeitig begannen groß angelegte Renovierungsarbeiten an unserer Schule. Der Betrieb lief weiter, im selben Gebäude! Die Belastung für mich stieg ins Unermessliche. Und es kam, was kommen musste; Ich geriet in einen Overload nach dem anderen. Schnell stand ich wenigstens einmal in der Woche schreiend und heulend auf dem Flur. Niemand wusste mehr, was los ist. Ich nicht, und die Lehrer ebenfalls nicht.

Schnell wandte sich die Schule mit der Frage, was denn los sei, an meine Mutter. Von mir konnte keine vernünftige Antwort kommen. Ich wusste nichts von meinem Autismus. Erst in dem gab meine Mutter meine Diagnose der Schule gegenüber bekannt. Das Lehrpersonal spaltete sich in diesem Moment in genau zwei Gruppen; Diejenigen, die mich als gestresste Schülerin sahen, der man nur etwas entgegenkommen müsste. Dazu zählte unter anderem meine Biolehrerin, bei der ich im Unterricht immer noch schaffte zu glänzen. Bei ihr durfte ich auch Mal noch fünf Minuten auf dem Flur bleiben, ohne dass es meiner Note schadete. Auch die Oberstufenkoordinatorin hielt zu mir und versuchte im Hintergrund, mir wo es ging zu helfen. Es gab aber auch diejenigen, die eine Autistin nicht am Gymnasium sehen wollten. Tatsächlich viel die Aussage, dass ich mit dieser Diagnose nicht an diese Schule gehören würde. Von wo kam diese Aussage? Von der Schulleitung selbst. Zu dieser Gruppe gesellte sich auch mein Mathelehrer, der mich einfach auf schlechten Noten versauern ließ, weil ich den bei ihn üblichen Vortrag an der Tafel nicht halten konnte. Sowie meine Sportlehrerin, die mich auch mit einem frisch aufgeschlagenen Knie noch skeptisch ansah, wenn ich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollte).

Ich mag nicht gut darin sein, nonverbale Signale zu lesen. Aber dass die Lehrer teils gegen mich standen, bekam ich trotzdem mit. Der Stress wuchs. In der 12. Klasse verfiel ich zunehmend in Depressionen. Meine Noten wurden immer schlechter. Ich dachte zum Teil über Selbstmord nach. Irgendwann sagte ich von mir aus, dass es so nicht weitergehen konnte. Das ich Hilfe brauchte.

Erst ab diesem Zeitpunkt wurde es langsam besser. Mit der Unterstützung der Oberstufenkoordinatorin wurden ein paar Veränderungen geschaffen, die für mich die Schule wieder deutlich erträglicher machte. Mein Zustand stabilisierte sich in einem wahnsinnigen Tempo. Obwohl die Stimmung der Bedrohung nie wirklich weg war. Ich ertrug sie, weil ich Schülerinnen an die Seite gestellt bekam (was genau unternommen wurde, dazu werde ich nochmal einen gesonderten Beitrag schreiben).

Trotzdem kam in der 13. noch einmal ein heftiger Schlag. Die Abschlussfahrt stand an. An der Realschule war es nie ein Thema gewesen, dass ich irgendwo mitfuhr. Ich hatte sogar mehr als das „Pflichtprogramm“ absolviert. Jetzt hieß es plötzlich, ich könnte nicht mit meinem GeschichtsLK mitfahren. Man versuchte mit in einem anderen LK auf eine Fahrt nach London unterzubringen. Für war das an der Stelle noch in Ordnung. Ein Ausflug nach London war genau das gewesen, was bei meiner Abschlussfahrt in der 10. nicht zu realisieren gewesen war. Wir waren zwar in England gewesen, aber London war aus Kostengründen gestrichen worden. Dann aber hieß es plötzlich, dass auch London nicht ginge. Kein Lehrer war bereit, mich auf die Abschlussfahrt mitzunehmen. Und die Abschlussfahrt war für mich somit gestrichen. Ich blieb zu Hause.

Man sagte mir später, eine Abschlussfahrt sei ja nicht so wichtig. Jedoch hatte ich mich vorbereitet. Selbst auf die sofort verneinte Fahrt im GeschichtsLK, weil man mir einen Campingurlaub nicht zutraute. Der Fehler war jedoch, dass ich Camping kannte. Ich traute mir die Fahrt zu, doch es spielte keine Rolle. Weil alle nur meine wöchentlichen Overloads sahen wurde mir etwas verweigert, was für alle anderen Schüler selbstverständlich war. Und gerade deshalb tut es noch immer weh. Weil ich an dieser Stelle einfach aussortiert wurde, weil ich Autistin bin, und man es gar nicht erst versuchen wollte. Es wären übrigens mehrere Schülerinnen dabei gewesen, die als „Unterstützer“ fungierten. Aber auch das war unwichtig.

Letztendlich bestand ich das Abitur. Trotz aller Zweifel. Trotz aller Gegenwehr. Die stellvertretene Schulleiterin verkündete mich meine Note aus der mündlichen Prüfung (Biologie); 14 Punkte. Ihrem Ton nach hatte sie ganz üble Laune. Und allen Einschätzungen nach wird sie mir diese Note wohl kaum gegönnt haben. Pech gehabt, ich hatte absichtlich gerade das Fach als mündliches gewählt, wo ich mich mit der Lehrerin super verstand. Als ich mit den Ergebnissen der schriftlichen Prüfungen kam (im LK jeweils drei Punkte über der Vornote, im GK immer noch zwei Punkte. Damit hatte ich die Nachprüfungen punktgenau umgangen), brach sie mitten auf der Straße in Tränen aus. Weil die Zeit der gymnasialen Oberstufe für uns alle bis zuletzt ein Kampf gewesen war.

Übrigens überlege ich, eines Tages zu einem Schulfest an diese Schule zurückzukehren. Mit meinem Masterzeugnis und einer Notenübersicht in der Hand. Um beides einfach Mal den Lehrern unter die Nase halten zu können, die mich damals von der Schule haben werfen wollen. Weil eine Autistin ja nicht aufs Gymnasium gehören würde.

… und der Kampf hat sich gelohnt. Heute besucht wieder ein Autist diese Schule. Er kam direkt von der Grundschule aufs Gymnasium. Ich weiß das, weil meine Mutter immer noch einige Kontakte in die Schule hinein hat. Als man sich fragte, was man mit ihm machen sollte, meldete sich ein junger Lehrer. Sie hätten doch schon Mal einen Autisten an der Schule gehabt, der es bis zum Abschluss geschafft hat. Weil ich mich durchgeboxt habe, wird dieser Autist nicht aufgrund seiner Diagnose sofort abgewiesen. Und ich kann nur hoffen, dass er von allen Lehrern die Nachsicht erhält, die man mir damals verweigerte.

 

Der lange Weg zur Selbsterkenntnis

Wie ich schon in „Diagnostik, Klappe die erste“ schrieb, stand die Autismus-Diagnose bei mir schon im Alter von acht Jahren. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich es für mich begriff.

Meine Mutter hatte mir von der Diagnose nichts erzählt. Sie wollte mich möglichst „normal“ aufwachsen lassen und mich nicht ständig mit meinen Schwächen konfrontieren. Ihre Befürchtung war, dass ich immer meine Einschränkungen vorgehalten bekommen und darüber meine Stärken vergessen würde. Ich weiß nicht, ob diese Entscheidung damals richtig war. Und ich erlaube es mir auch nicht, darüber ein Urteil zu fällen. Unbegründet waren diese Sorgen sicherlich nicht. Vor allem, wo Autisten auch heute noch zu schnell unterschätzt und ihnen Fähigkeiten pauschal abgesprochen werden.

Es ist nicht so, dass ich in diesen zehn Jahren niemals mit meiner Autismus-Diagnose konfrontiert gewesen wäre. Das erste Mal war, als man mich in der Realschule für die Schülerzeitung interviewt hat. Es gab zu Beginn meiner Zeit dort zwei behinderte Schülerinnen an der Schule. Mich, und ein Mädchen im Rollstuhl, das in die Parallelklasse ging. Darüber wollte die Zeitung berichten. Manch einer mag das jetzt als übergriffig bewerten, auch die „Unsichtbare“ mit einzubeziehen. Aber den Bericht hat im Nachhinein kaum einer der Schüler interessiert. Und auch ich vergaß das Thema „Autismus“ sehr schnell wieder. Es war auch nicht sonderlich gut erklärt worden in der Schülerzeitung. Ich erinnere mich an das übliche Klischee „lebt in ihrer eigenen Welt“. Damals habe ich das einfach auf die Welt bezogen, die ich mir im meinem Kopf ausmalte, um mich weniger einsam zu fühlen.

Das nächste Mal wurde ich mit dem Thema konfrontiert, als ich in der zehnten Klasse war. Es zeichnete sich ab, dass ich würde als Zeugin vor Gericht aussagen müssen. Verschiedene Leute versuchten das zu verhindern. Justitia ließ sich nicht beirren. Ich war aufgrund meiner Beziehung zum Opfer eine wichtige Zeugin, also musste ich aussagen. Die Mutter war es, die mich dann ein zweites Mal mit meiner Diagnose konfrontierte. Sie hätte es zudem schon länger gewusst. Aber das konnte doch nicht sein? Meine Mutter hatte mir nie etwas gesagt? Mit meinem damaligen Freund zusammen durchforstete ich das Internet, las den Wikipediaartikel zu „Autismus“. Ja, einige Dinge stimmten schon. Ich hatte soziale Probleme, ohne Zweifel. Aber Autist? Darunter vorstellen konnte ich mir nichts. Ich war eine Außenseiterin, mehr nicht. Und so nahm ich die Diagnose wieder nicht für mich an.

Ich wechselte in die gymnasiale Oberstufe. Den Q-Vermerk hatte ich mir mit Bravour erarbeitet. Von einer drei auf eins innerhalb eines halben Jahres in Englisch. Und es war der Englischunterricht in der Oberstufe, der das Thema Autismus das nächste Mal aufwarf. Wir lasen „A Curious Incident of the Dog in the Night-Time“. Unser Lehrer bereitete den Stoff so aus, als wäre der Hauptcharakter Autist. Einmal bekamen wir als Hausaufgabe einen Fragebogen mit, womit wir testen konnten, wie weit wir auch autistisch seien. Es könnte gut der AQ-Test gewesen sein. Ich erzielte eine erschreckend hohe Punktzahl. Aber Autist? Ich war doch nicht so wie dieser Junge im Buch! Ich entscheide nicht aufgrund von Autos, ob mein Tag gut oder schlecht wird. Ich schreie doch nicht unerklärlich herum (haha … wie naiv ich doch war). Wieder nahm ich die Diagnose nicht an.

Dann, ab dem zweiten Halbjahr, fiel ich zunehmend in ein Loch. Die Oberstufe überforderte mich. Nicht zwingend fachlich, aber sozial. Die unsichtbare Unterstützung seitens der Lehrer gab es nicht mehr. Ich wurde zunehmend depressiv, entwickelte Prüfungsängste. Meine Noten sackten immer weiter in den Keller. Das kannte ich nicht. Selbst gutes Zureden meiner Mutter, die vor ihrem Abitur eine Ehrenrunde hatte drehen müssen, half nicht. Irgendwann während der 12 sagte ich, dass es so nicht weiterging. Ich bräuchte Hilfe. So landete ich bei einer psychosozialen Beratungsstelle. Und nach einigen Wochen sagte man es mir dort in aller Klarheit.

„Du hast das Asperger-Syndrom.“

Nicht, dass man mich dort ein zweites Mal diagnostiziert hätte. Die Information kam von meiner Mutter. Mit einem Mal konnte ich es nicht mehr länger von mir wegschieben. Oder verleugnen.

Im ersten Moment war es ein Schock für mich. Ich zog mich für einige Tage vom SchülerVZ zurück, wo ich damals an verschiedenen Stellen sehr aktiv war. Unter anderem auch in einem RPG. Wenn ich Autist war, wie konnte ich dann überhaupt RPG spielen? Autisten haben doch keine Fantasie! Sie können sich nicht in andere Personen reindenken! So dachte ich damals. Niedergeschlagenen von all den Klischees, die es im Bereich Autismus gibt. Dass ich in einer Beziehung war, machte die Sache auch nicht unbedingt besser. Mein Freund aber wusste ja schon Bescheid.

Doch mit einem Mal ergab es Sinn. Wieso ich doch so anders war als die anderen. Wieso mich Gruppenarbeiten überforderten und ich solche Probleme mit Tonfall und Gesichtsausdrücken hatte. Ich begriff, wieso ich so anders auf Stress reagierte als meine Mitschüler. Wieso ich als einzige laut zu schreien begann und um mich schlug. Wieso der Lärm der Renovierungsarbeiten mir derart zusetzte.

Nicht, dass auf einen Schlag alles besser gewesen wäre. Auch sieben Jahre später habe ich meinen eigenen Autismus noch nicht vollkommen begriffen. Die Oberstufe blieb bis zuletzt ein einziger Kampf. Aber es war ein erster Schritt dahin, besser mit der Umwelt zurecht zu kommen. Weil ich jetzt gezielt an Strategien arbeiten konnte, die mir bislang gefehlt hatten. Doch natürlich machen Strategien nicht alle Probleme einfach weg.

Wie es dann weiterging, werde ich demnächst berichten.