Archiv der Kategorie: Probleme des Alltags

Die Bedeutung von Regeln

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert wie ich bin, stellte ich alle Einkaufe auf das Kassenband. Gehört sich so. Doch plötzlich hieß es, ich sollte die Cola wieder in den Einkaufswagen stellen. Was für andere eine Kleinigkeit darstellt, führte bei mir zu einem kompletten Nervenzusammenbruch, mit dem ich auch noch einen Einsatz eines Rettungswagen auslöste. Schöne Blamage. Und das nur wegen eines Sixpacks Cola.

Der nächste Vorfall kam dann diese Woche. Ich wollte eigentlich nur noch ein paar Zutaten für ein Kürbisrisotto holen. Kein großer Einkauf, also nehme ich nur ein Einkaufskörbchen von vorne weg. Einkaufswagen ist in den engen Gängen sowieso immer eine Tortour. Aber als ich dieses Mal an der Kasse stehe und das Körbchen dort abstelle, wie man es eben so tut und wie ich es auch in dem Laden seit Anfang an immer gemacht habe, heißt es plötzlich, nein, Körbchen direkt wieder nach vorne. Dieses mal ging es mir noch gut genug, dass der Zusammenbruch erst zu Hause kam.

Im Moment weiß ich noch immer nicht, wie ich weiter an meine Lebensmittel kommen soll … der Supermarkt, in dem ich seit über 2 Jahren schon einkaufe, wird durch diese Vorfälle immer mehr und mehr zu einem feindlichen Gebiet. Weil es auch nichts bringt, wenn ich die Probleme anspreche. Dann soll ICH doch verstehen. Nur mich versteht keiner.

Aber wieso bringen solche vermeidlichen Kleinigkeiten mich überhaupt immer sofort an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bzw. sorgen direkt für einen Overload?

Seit ich mich erinnern kann, versuche ich mein gesamtes Leben, mein gesamtes Umfeld und jede potentielle Situation mit Regeln zu definieren. Regeln die Beschreiben, wie bestimmte Dinge abzulaufen haben. Selbst Freundschaften definiere ich über solche Regeln. Beziehungen. Natürlich klappt es nicht überall, aber so versuche ich mir Dinge verständlich zu machen, die ich nicht so intuitiv verstehe wie andere. Vor allem eben auch Verhaltensregeln für mich selbst. Wie eben „Beim Einkauf gehören ALLE Waren aufs Band!“ oder „Das Körbchen wird an der Kasse wieder abgestellt.“ Weitere Regeln im Bezug auf den Einkauf sind aber auch „Du gehst nicht mit fremden Einkäufen in ein Geschäft.“ oder „Du gehst nicht mit Einkaufstaschen eines anderen Ladens in ein Geschäft. Außer, sie können keine Konkurrenten sein.“ Letzteres ist so zu verstehen, dass ich durchaus mit einer Tasche der Mayerschen Buchhandlung in einen Edeka gehen kann, aber eben nicht mit einer Tasche von Lidl oder Aldi. Diese Regeln dürfen auch nicht gebrochen werden. Weil ich dann Angst habe, dass ich in eine Situation gerate, mit der ich nicht klar komme. Aus denselben Grund halte ich mich auch akribisch an jede Regeln, die man mir einmal mitteilt, oder die klar erkennbar aushängt. Brötchen in der Selbstbedienungstheke würde in niemals mit der Hand anfassen. Eher verzichte ich auf das Brötchen, wenn Mal wieder keine Zange da ist. Eher mache ich mir Umstände, als mit einem Rucksack in einen Laden zu gehen. Selbst wenn dieser derart brechend gefüllt ist, dass ich ihn eh nicht zum Einkaufen nutzen kann (wobei es hier ein paar Ausnahmen in der Innenstadt gibt).

Wenn jetzt aber eine dieser Regeln extern für ungültig erklärt wird und noch mitten in einer anderen Routine mit zig Regeln stecke, passiert genau folgendes; Mein Kopf blockiert. Kopfschmerzen, Handlungsunfähigkeit und/oder extreme Wut. Anders gesagt; Man katapultiert mich augenblicklich in einen Overload. Der je nach dem extrem schnell in einen Meltdown oder Shutdown übergeht. Auf jeden Fall nichts, mit dem ich mich noch gesellschaftskonform geben kann.

Nur wird das natürlich nicht verstanden. Meine Einwände werden wegdiskutiert, und ich stehe mit dem Problem alleine da. Dass ich nur versuche, ein selbstständiges Leben aufrecht zu erhalten, versteht anscheinend niemand. Ich bin die seltsame, die komische. Dass für mich DIE mit ihren plötzlichen Änderungen das Problem sind, dass so lange sich auch die Umwelt an bestimmte Regeln halten würde alles in Ordnung wäre … ich frage mich langsam, wer das überhaupt so sieht. Es ist wohl auch mal wieder das typische Problem, dass man mir meine Behinderung nicht ansieht. Doch komme ich eben aufgrund einer Behinderung mit diesen Umständen nicht klar.

In einer für mich inklusiven Umgebung gäbe es am Eingang oder entsprechender Stelle einen Aushang, wo alles klar säuberlich definiert ist, wie sich ein Kunde zu verhalten hat. Was mit den Getränken an der Kasse passieren soll. Oder eben mit den zur Verfügung gestellten Einkaufskörbchen. Nur, wo existiert so etwas?

Und so fühle ich mich nur wieder wie Abschaum. Erstklassige Studentin, zu blöd zum Einkaufen.

Danke. Als hätte ich nicht schon genug Probleme … und sei es nur, wie ich in Zukunft die kleinen Einkäufe vorne im Supermarkt erledige. Taschen und Rucksäcke, alles im Laden verboten. Und ich weiß nicht wen ich verbindlich fragen kann, ob ich meinen eigenen Korb nutzen kann. Den müsste ich wenigstens nicht an irgendwelchen Orten abstellen, die plötzlich beliebig geändert werden …

Edit: Es stellt sich zudem die Frage, wohin dieses Problem tatsächlich gehört. Vielleicht ist es auch eines, das ich aufgrund meiner zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe. Doch der Autismus spielt meines Empfinden nach definitiv mit hinein … weshalb für mich die Unterscheidung auch ehrlich gesagt enorm schwer fällt. Wo hört der Autismus auf, wo fangen die psychischen Krankheiten an? Bei Depression ist es definitiv leichter als hier.

Behindert … aber nicht behindert genug

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind. Scheinbar natürlich, weil ich da nur auf die Rückmeldungen aus meiner Twitter-Sphäre zurückgreifen kann. Gedankenkarussel schrieb ja jetzt auch noch einmal etwas darüber. Tatsächlich war ich sehr optimistisch, als ich in der Stellungsnahme zu meiner neuen Diagnose die sehr deutlichen Worte „mittlere soziale Anpassungsstörung“ entdeckte. Dann damit wäre nach der Versorgungsmedizinverordnung ein GdB (Grad der Behinderung) von 50 bis 70 angebracht. Sprich, nach der Ansicht wenigstens eine Ärztin bin ich schwerbehindert. Meine Hausärztin nahm zwischen zeitig sogar den Begriff einer schweren sozialen Anpassungsstörung in den Mund. Da wäre ich mindestens bei einem GdB von 80!

Nicht so aber das Versorgungsamt. Nach deren Ansicht habe ich nur leichte Einschränkungen.

Leichte Einschränkungen. Ok. Man ist also nur leicht eingeschränkt, wenn man so gut wie kein Sozialleben hat und die meiste Zeit nur zu Hause sitzt. Kinobesuche? Mal einen Kaffee trinken? Einfach Mal durch die Stadt bummeln? Einfache Spaziergänge mit Freunden? Alles bei mir extrem selten. Die meisten sozialen Kontakte pflege ich über das Internet, da die Kommunikation da die wenigstens Barrieren aufweißt und es nicht so anstrengend ist wie ein direktes Gespräch.

Es ist nur eine leichte Einschränkungen, wenn man absolut nicht telefonieren kann. Mit Ausnahme von Familie und Freunden, aber auch das nicht immer. Wenn E-Mails und Briefe immer noch gegengelesen werden müssen. Und Arzttermine nur selbst vereinbart werden können, wenn man persönlich vorbei geht.

Eine leichte Einschränkung, wenn man im Studium seit Jahren im Verzug ist, weil man einfach das als normal geltende Pensum nicht schafft. Prüfungen habe ich gerade Mal eine einzige vergeigt, ansonsten bestand ich immer direkt im ersten Versuch. Wenn die Vorlesungen immer wieder mitten drin verlassen muss, weil einem der Kopf vor Schmerzen explodiert und man sich kontrollieren muss, nicht den Arm auf die Tischkante zu schlagen oder sich mit den Fäusten gegen den Kopf zu trommeln. Wenn Gruppenarbeiten unmöglich sind, weil man mit der laschen Terminplanung der Kommilitonen nicht zurecht kommt.

Es ist eine leichte Einschränkung, wenn Einkäufe und Fahrten präzise geplant werden müssen, um nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt zu kommen.

Und, und, und …

Die Aufzählung ist noch lange nicht abschließend.

Ehrlich. Ich bin sauer, dass man meine Einschränkungen als „leicht“ einstuft. Als wäre das nichts. Dabei sehe ich mehr als genau, wie wenig ich im Vergleich zu anderen schaffe. Andere gehen fast noch jeden Abend mit Freunden aus und schaffen trotzdem ihr Studium. Für mich wäre das absolut unmöglich. Ich muss mich jetzt schon jeden Abend erholen, um überhaupt mein Forschungsgruppenpraktikum zu stemmen. Selbst Hausarbeiten sind da oft schon zu viel. Ist es Mal wieder das gängige Vorurteil, dass Menschen, die einen geregelten Lebenslauf vorweisen können und ein Studium schaffen, gar nicht so eingeschränkt sein können?

Tja. Manche Leute haben einfach Glück gehabt, dass sie immer von irgendjemanden unterstützt wurden und es eben deshalb mit ihren Einschränkungen so weit gebracht haben.

Ich habe jetzt Widerspruch gegen diesen Bescheid eingelegt. Und dabei allen Register gezogen, die ich beim Antrag selbst noch nicht mit eingebracht hatte.

Die Sache mit den „leichten Einschränkungen“ werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Vor allem nicht, wo mir eine ganze Reihe von Leuten was anderes sagt.

Zumal mir ein GdB von 30 in Punkto Nachteilsausgleiche beinahe nichts bringt. Schön. Ich bekomme jetzt für die Zeit, in der ich die Regelstudienzeit überziehe, einen Vollzuschuss vom BAföG-Amt. Das war es dann aber auch schon. Keine Zusätzlichen Urlaubstage beim HiWi, eventuell noch nicht einmal Härtefreibeträge beim BAföG …

Es bleibt abzuwarten wann ich hier berichten kann, wie das Amt auf den Widerspruch reagiert …

Eine Zugfahrt, die ist lustig …

… und das ganz besonders, wenn man den eigenen Koffer nicht tragen darf!

Normalerweise fahre ich tatsächlich ganz gerne Zug. So lange keine großen Saufgruppen mit im Wagen sind und ich auch nicht eingequetscht wie eine Sardine in der Dose zwischen den Leuten stehen muss. Ich bin auch in gewisser Weise schon relativ früh darauf trainiert worden, mit dem Zug zu fahren. Als Scheidungskind fuhr ich, seitdem ich 12 war, zusammen mit meinem kleinen Bruder jedes zweite Wochenende nach Köln. Später dann nach Bonn. Klar, wer da eigentlich die Aufsicht über wen hatte (denn auch wenn ich mich sozial schwer tat, war ich die vernünftigere). Und ehrlich, Regionalbahnen sind schon eine Spur härter als Fernverkehrszüge. Öfters Mal Sardinensituationen (besonders gerne Sonntags im Zug von Bonn zurück nach Köln), immer wieder Sprinten am Kölner Hauptbahnhof, um den schnelleren Regionalexpress zu erwischen … jedenfalls konnte ich in dieser Zeit schon einige Strategien entwickeln, was das Fahren mit dem Zug angeht.

Seit dem Studium nun pendle ich öfters zwischen der Region Leipzig und der Region Köln hin und her. Da ich keinen Führerschein besitze, natürlich auch wieder mit dem Zug. Dieses Mal IC über Hannover. Da nehme ich auch gerne eine Stunde mehr im Kauf, wenn ich in Hannover nicht in den ICE auf der Strecke Berlin-Köln steigen muss. Der, wie ich sehr schnell ausmachte, gerne auch mal extrem voll war.

Überhaupt lernte ich das neue System schnell. Fahrkarten wurden von Beginn an online gekauft, später dann auch auf dem Handy. Nachdem ich spitz bekam, dass es im IC zudem kleine Abteile gab, reservierte ich ausschließlich nur noch in diesen (zumindest, bis sie mit dem IC2 abgeschafft wurden …). Sitzplatzreservierungen waren für mich im Fernverkehr von Beginn an ein Muss; Damit ich einen festen Handlungsplan innerhalb des Zuges hatte. Mittlerweile weiß ich auch mit Zugausfällen und verpassten Anschlüssen halbwegs umzugehen; Wobei die App der Deutschen Bahn hier echt eine enorme Hilfe darstellt. Und ich freue mich ehrlich auf die App DB Barrierefreiheit, mit der z.B. Lautsprecheransagen direkt als Text- oder Sprachnachrichten auf dem Handy empfangen werden können. Was für mich, die sich an den Bahnhöfen grundsätzlich mit Musik abschotten muss, extrem hilfreich wäre. Außerdem kenne ich mittlerweile den ein oder anderen Trick, wie man vielleicht noch ein deutlich günstigeres Ticket findet, als man auf dem ersten Blick sieht.

Nun bin ich aber ja neulich operiert worden und durfte deshalb meinen Koffer nicht heben. Die 10kg Traglast, die erlaubt waren, deckte ich schon allein mit dem Rucksack fast vollständig ab (ein schweres Notebook + Proviant, reicht!).

In einem ersten Versuch wendete ich mich also an den Mobilitätsservice. Als ich aber nur eine nicht sehr hilfreiche Standardantwort erhielt, brach ich ziemlich schnell ab. Ich hatte nach der OP einfach keine Kraft, möglicher Weise noch wild zu diskutieren. Eine Frage auf Twitter lieferte auch nur mehrere Hinweise auf den Koffertransportservice. Der aber brauchte zwei Werktage und war damit ebenfalls nicht praktikabel.

Was also nun? Die Unsicherheit bezüglich der Fahrt nach Hause setzte mich mittlerweile enorm unter Stress. Normalerweise war ich gewohnt, auf der Fahrt auf niemanden angewiesen zu sein. Jetzt aber war ich es auf einmal.

Letzten Endes fand sich in Köln privat Hilfe, in Hannover wurde die Bahnhofsmission um Hilfe gebeten und für Halle klügelten meine Mutter und ich einen ausführlichen Plan aus, wie ich mit dem Koffer auch allein zur Wohnung kommen konnte. Sämtliche Freunde und Bekannte waren ausgerechnet für diesen Tag verhindert.

Das ganze funktionierte dann auch soweit ganz gut. Ich schaffte es an einigen Stellen doch sogar Mitreisende anzusprechen, ob sie kurz den Koffer heben könnten. Zumindest bis Hannover. In Hannover waren dann diese Löffel durch uneinsichtige Leute im Ruheabteil und einen Nervenkrimi mit dem Anschlusszug verbraucht (ich habe ihn noch erreicht!) und ich schleppte den Koffer eine halbe Treppe hoch. Fehler! Mein Körper protestierte mit Übelkeit und deutlich stärken Schmerzen als zuvor. Die sich aber auf meinem Sitzplatz zum Glück innerhalb einer Stunde wieder legten. Es war also nur ein kräftiger Warnschuss gewesen.

Zu Hause angekommen schleppte ich mich auch tatsächlich noch zweimal zum Supermarkt nach vorne, um wieder einen Grundstock an frischen Lebensmittelns im Haus zu haben. Dafür gingen dann aber auch die letzten Kraftreserven drauf.

Auch wenn alles mehr oder weniger gut gegangen sein mag. Ehrlich, so eine Zugreise brauche ich nicht nochmal. Und es hat mir einmal mehr verdeutlicht wie froh ich sein kann, normal körperlich halbwegs fitt zu sein und nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Den Zusatzbalast der Ungewissheit, ob man jetzt wirklich von A nach B kommen kann, brauche ich als Autistin definitiv nicht.

Krankenhaus-Karteikarten

Da ich ja demnächst nochmal stationär in Behandlung gehen muss, möchte ich einige Karteikarten erstellen, die bei der Kommunikation mit dem Krankenhauspersonal helfen sollen. Die Karteikarten werden zudem immer wieder überarbeitet, wenn es neue Ideen/Anmerkungen/Hinweise/Ergänzungen gibt.

Vielleicht kann sie der ein oder andere ebenfalls gebrauchen.

Aktuelle Version vom 31.07.2017 (2. Version mit neuen und überarbeiteten Karten)

Karteikarten_KH (doc)

Karteikarten_KH (docx)

Karteikarten_KH (odt)

Karteikarten_KH (pdf)

In den Klammern finden sich jeweils die Dateiformate der Dateien. Bis auf die pdf sind alle Dateien bearbeitbar, sofern die Sicherheitseinstufungen des verwendeten Programms entsprechend angepasst werden (z.B. Word sperrt grundsätzlich erstmal die Bearbeitung von heruntergeladenen Dateien). Je nach Programm kann leider die Formatierung etwas zerstört sein. Sie sollte sich aber leicht repaieren lassen.

Die Karten selbst sind im A6-Format.

Wer Ergänzungen hat; Immer her damit 😉

Kleiner Zwischenfall

Heute hätte mich beinahe die Gedankenlosigkeit ein paar Mitreisenden, die sich sicherlich nichts schlimmes dabei gedacht haben, an den Rand meiner Handlungsfähigkeit getrieben.

Was ist passiert?

Ich bin heute mit dem Zug zurück nach Hause gefahren. 7 Stunden planmäßige Fahrt, mit schweren Gepäck und Fernverkehrszügen. In der ersten Regionalbahn lief noch alles wie gehabt. Auch als ich in den IC stieg, ahnte ich nichts böses. Im Abteil (es waren alte Wagen) saß schon ein älterer Herr auf meinem Platz, der nicht allzu gut Deutsch stand. Ich setzte mich dann einfach ihm gegenüber. Auch wenn ich bemerkte, dass er eigentlich auf meinem Platz sitzen würde. Zunächst waren wir maximal drei Personen im Abteil. Alles in Ordnung.

Dann kam die vorletzte Station, bevor ich nochmal umsteigen musste. Mit 50 Minuten Aufenthalt an einem sehr belebten Hauptbahnhof. Ich wusste, dass ab diesem Bahnhof alle anderen Plätze reserviert sein würden. Der verbleibende Platz war meine Reservierung. Es kam jedoch keiner, der Anspruch auf die Plätze erhob. Jetzt musste ich jedoch auch nach gut 3 Stunden fahrt einfach Mal auf Toilette. In dem kam plötzlich eine Familie mit drei Kindern, die ihre Plätze suchten. Wo hatten sie diese? Genau, mit in meinem Abteil. Als ich von der Toilette zurück kam, hatte man meinen Rucksack vom Sitz genommen (mit dem ich meinen Platz markiert hatte!) und der einzige freie Sitz war in der Mitte. Für mich eine Katastrophe. Man hatte mir meine Ecke weggenommen, in die ich mich hätte zurückziehen können. Jetzt hatte ich links und rechts von mir fremde Personen und konnte nirgends mehr hin. Dazu noch ein Kind, was von dem einen Schoß auf den anderen wollte. Immer wieder wurde ich angestoßen. Schnell ging ich raus. Und entschied schließlich, mein Gepäck auf dem Abteil zu holen und mich einfach auf den Gang zu setzten. Obwohl ich schließlich für einen Sitzplatz extra Geld gezahlt hatte. Doch ich wollte auch nicht, dass die Familie jetzt meine blöde Situation mit voller Wucht abbekam. Deshalb schlug ich auch die Hilfe eines Mitreisenden aus, der vorher kurz mit um Abteil gewesen war und mitbekam, dass ich irgendwie aufgebracht war. Übrigens war jedes Mal, wo ich wieder zum Abteil kam, immer ein anderer Sitz noch frei.

Ehrlich. Hätte man mir den Sitz gelassen, wo mein Rucksack stand, oder meinen reservierten Platz, wäre NIE etwas passiert. Ich dachte eigentlich ich hätte dem älteren Herrn ohne Reservierung deutlich gemacht, dass ICH in diesem Abteil noch eine Reservierung hätte. Nur entweder hatte er es nicht verstanden, oder er hat es nicht für notwendig empfunden es mitzuteilen. Oder alle dachten, es würde einfach nur um einen Platz gehen. Nicht um einen Platz mit _bestimmten_, fest definierten Eigenschaften. Ich sitze immer am Fenster, weil ich da meine Ecke habe. Weil ich da meistens Abstand zu anderen Menschen haben. Im ICE baute ich mir anschließend eine Art Festung, indem ich meinen großen Koffer in die Lücke vor dem Sitz neben mir schob. Und fühlte mich augenblicklich trotz Großraumabteil pudelwohl. Und ich kann von Glück reden, dass sich die zerstörte Routine nur in furchtbarer Aufgekraztheit geäußert hat. Ich war kurz vor einem Meltdown. Dass mein Handy nicht durch den Zug flog, habe ich aktiv im Innern verhindern müssen. Die Aggressionsschübe waren da.

Insgesamt habe ich leider auch den Eindruck, dass Bahnfahrten für mich zunehmend schwierig werden. Der neue IC2 hat nur noch Großraumabteile (mehr Leute, mehr Geräusche, mehr Reize!) und Ruheabteile (ein SEGEN in Zeiten des Großraumes, soweit sich alle an die Regeln halten) gibt es dort nur in der ersten Klasse. Liebe Deutsche Bahn, was um alles in der Welt habt ihr euch dabei eigentlich gedacht? Abgesehen davon, die neuen Sitze sind einfach unbequem im Vergleich zu denen im modernisierten IC! Mal so nebenbei bemerkt.

Das Fazit bleibt jedoch, dass das alles gar nicht hätte passieren müssen. Wenn sich schlicht einige Leute etwas enger an die bestehenden Regeln gehalten hätten und einfach die tatsächlich für sie reservierten Plätze eingenommen hätten. Dann wäre eine Autistin heute sicherlich nicht an den Rand eines Meltdowns getrieben worden. Auch wenn es sicherlich nicht böse gemeint war …