Archiv der Kategorie: Probleme des Alltags

Die Maske abnehmen

Ich trage eine Maske.
Glaubt ihr nicht? Ist aber so. Und ich meine nicht die Art von Maske, die ein jeder in irgendeiner Weise trägt. Den Umstand, dass man sich auf der Arbeit anders gibt als in der Familie. Ich meine die Art von Maske, die ein Autist benutzt, um sich (halbwegs) unauffällig in der Öffentlichkeit zu bewegen.
Nur, das geschieht nicht ohne Schaden

Englischsprachige Autisten tauschen sich über diese Masken aktuell unter #TakeTheMaskOff aus, was von The Autistic Advocate, Neurodivergent Revel, Aginy Autie und Do I look Autistic yet initiiert wurde.
In Deutschland führte  @La_Violaine den Hashtag #DieMaskeAbnehmen ein  und schrieb einen längeren Beitrag auf ihrem Blog. Doch egal, ob nun ursprünglicher Hashtag oder deutscher Ableger, beide haben einen gemeinsamen, grausigen Anlass; Das massive Risiko von Autisten, aufgrund eben dieser Maskerade Selbstmord zu begehen. Die Rate reicht aus, um die Lebenserwartung von Autisten stark herab zu setzen.
Nur beachtet hat das bislang kaum einer.

Und gerade heute merkte ich leider einmal mehr, wie wichtig es ist, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

In einer Diskussion bestand die Gegenseite darauf, Autisten sollten Skills und Methoden erlernen, um mit ihrer Umwelt zu interagieren und so z.B. im Bus höflich nach einem Platz fragen zu können. Ich versuchte zu erklären, dass das bei weitem nicht so einfach sei, wie sie sich das scheinbar vorstellte. Jedoch hielt sie sich an dem Satz fest, der auch jeder Psychologe sagen würde: „Du kannst das Verhalten der anderen nicht ändern. Nur dein eigenes.“ An dem Satz mag was wahres dran sein, doch hat er für Autisten furchtbare Konsequenzen. Für Autisten bedeutet dieser Satz, dass die Verantwortung für ein Zurechtkommen in der Umwelt allein auf ihnen liegt. Verständnis kann nicht erwartet werden. Es müssen Skills und Methoden her, koste was wolle.

Und da sind wir wieder bei den Masken. Solche Skills und Methoden können eben auch Teil einer Maske sein, die benötigt wird, um mit der Umwelt irgendwie klar zu kommen. Die irgendwie aufrecht erhalten werden müssen, weil es kein Verständnis von der Umwelt gibt. Aber enorm viel Kraft kosten. Und eben das kann, wie eine Studie ja nun endlich belegt, für Autisten durchaus tödlich sein.

Und ich weiß leider nur selbst zu genau um die tödliche Konsequenz. Als ich in der Oberstufe Selbstmordgedanken hatte, waren diese genau aus dem selbst aufgelegten Druck entstanden, mich anzupassen und autistisch bedingte Probleme zu eliminieren. Weil ich da noch nicht wusste, dass ich gegen meine Neurologie nicht ankomme. Es besserte sich erst als ich verstand, dass ich einfach nicht kann. Als der Druck, sich anzupassen, heruntergesetzt wurde.

Wohl gemerkt, heruntergesetzt. Er ist nicht weg. Noch immer gehe ich viel zu oft über meine Grenzen, um ein Ziel zu erreichen. Und sei es nur ein simpler Einkauf im Supermarkt. Es tut mir nicht gut. Und eigentlich bräuchte ich dringend Skills/Methoden, mit denen ich mein Ziel erreiche, aber nicht ein vielfaches an Energie im Vergleich zu Nicht-Autisten dafür aufwenden muss. Skills/Methoden, die mir erlauben mein Leben nach meinen Vorstellungen zu leben, ohne einmal die Woche vollkommen erschöpft im Bett zu liegen und gar nichts mehr zu können.

Nur, gerade dafür bräuchte es auch das Verständnis der Umwelt. Und gerade daran scheitert es meistens. Nicht nur für mich, es wird vielen Autisten zu gehen. Und leider generieren Hashtags wie #TakeTheMaskOff und #DieMaskeAbnehmen viel zu wenig Aufmerksamkeit außerhalb der Bubble, um hier eine spürbare Änderung bewirken zu können.

Die Tage schaffte es eine Autistin, einen Artikel mit Autismus-Thematik in der TAZ zu platzieren. Nur, wie oft ist das schon vorgekommen, dass ein Autist einen Autismus-Artikel in einer großen Zeitung veröffentlicht und damit viele Leute erreicht?

Und so bleibt es letztendlich dabei, dass wir Autisten doch irgendwie unsere Umwelt verändern müssen. Um unserer eigenen Selbst willen. Auch wenn es fast unmöglich scheint. Doch die enorme Anzahl an Selbstmorden einfach als gegeben hinzunehmen, kann und darf keine Option sein.

Und auch Autisten pubertieren …

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, scheint bei manchen Leuten für Verwirrung zu sorgen. Vor einigen Tagen wurde plötzlich das Angebot der Selbsthilfegruppe Rosenheim von einem Pubertätstraining für Jungs im Alter von 11 bis 13 Jahren kritisiert. Mit einer Begründung, die mich nur den Kopf schütteln ließ. Da hieß es auf einmal, ob denn Autisten das überhaupt verstehen könnten, seien sie doch altersmäßig zurück geblieben.

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Die Sache mit der Selbstdiagnose

Mit diesem Artikel werde ich sicherlich so einige verärgern. Aber nachdem ich mich gestern erstmalig deutlich bezüglich Selbstdiagnosen positioniert habe, bin ich bei einigen eh unten durch. Und ich möchte wenigstens die Chance haben, meine Position ordentlich zu erläutern. Was auf Twitter nicht so gut funktioniert wie in diesem Blog. Die Sache mit der Selbstdiagnose weiterlesen

Nervöse Finger (Stimming)

Damit habe ich meine Mutter regelmäßig genervt. Immer, wenn wir irgendwo zusammen waren und ich nervös wurde, suchte ich mir einen Druckknopf an meiner Jacke und machte ihn auf. Und wieder zu. Und auf. Und wieder zu. Oder, noch schlimmer und öfters vorhanden, einen Reißverschluss. Auf, zu, auf, zu, auf, zu. Stifte hatten im Allgemeinen ein eher kurzes Leben, sobald sie einen Deckel und/oder einen Clip besaßen. Ich spielte in der Schule (insbesondere, nachdem ich das ständige Zeichnen aus unterschiedlichen Gründen aufgeben musste) ständig an diesen herum. Das Material war dafür natürlich nicht ausgelegt.

Mein rechter Oberarm hat auffällig viele Narben. Nicht etwa, weil ich mich da besonders oft verletzt hätte. Sondern weil ich die Angewohnheit habe, bei Anspannung mit der linken Hand am rechten Oberarm zu kratzen und zu piddeln. Zum Teil bis zum Ellenbogen hinunter. Als es im Dezember im Haus brannte, habe ich mir in der Folge tatsächlich den Ellenbogen blutig gekratzt.

Lange Zeit hatte ich dafür absolut keine Erklärung. Andere Personen ebenso wenig. Man ermahnte mich immer wieder, nicht zu piddeln oder zu kratzen. Reißverschlüsse und Druckknöpfe in Ruhe zu lassen. Ohne Erfolg. Das Verhalten war einfach drin und ließ sich nicht abschalten. Sobald ich irgendwie angespannt war, begann ich damit, ohne darüber nachzudenken.

Erst mit dem Austausch mit anderen Autisten begriff ich überhaupt, was dahinter steckte: Was ich da tat, war sogenanntes Stimming.

Doch was ist das nun eigentlich?

Stimming ist im Grunde „selbst stimulierendes Verhalten“. Oder anders gesagt, der Autist versucht mit anderen Reizen schädliche Reize zu kompensieren, Nervosität abzubauen, die Gedanken zu fokussieren. Das Stimming selbst kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Das geht vom „klassischen“ Schaukeln und Hände flattern ober sehr komplexe Bewegungen bis hin zum „Fummeln“, wie sich das Stimming bei mir meistens bemerkbar macht.

Leider ist es im Allgemeine so, dass auffälliges Stimming wie Schaukeln von der Gesellschaft kaum toleriert wird. Manche Autisten, wie zum Beispiel Fuchskind, haben speziell Stimming, dass sie nur für sich alleine machen und anderes, was sie auch vor anderen tun (zur ersten Kategorie hat sie hier einen Comic veröffentlicht. Und ja, dort steht nicht, dass sie das nicht in der Öffentlichkeit macht. Die Info habe ich aus einer Konversation auf Twitter von ihr 😉 ). Auch meine zeitweise Mitbewohnerin zog sich für auffälliges Stimming immer in die Küche oder ins Badezimmer zurück. Weil auch speziell das Schaukeln durch das Bild von Autismus in der Gesellschaft überaus negativ belegt ist. Es scheint die Vorstellung vorzuherrschen, dass das nur diejenigen Autisten tun, die absolut zu allem unfähig zu sein scheinen. Halt einfach nur sabbernd und schaukelnd in der Ecke sitzen. So hat es auch für mich Überwindung gekostet, bis ich das Schaukeln für mich zuließ. Obwohl ich die beruhigende Wirkung schon vom Klavierspielen kannte, wo ich ein Schaukeln im Takt als Ersatz für das entfallende Fußwippen benutze (um eben selbigen zu halten, Musiker werden das wohl kennen).

Viele Autisten benutzen zum Stimming auch Hilfsmittel. Am bekanntesten sollten davon wohl die Fidget Spinner sein, um die es letztes Jahr einen regelrechten Hype gab. Übrigens nicht unbedingt zu Gunsten von Autisten (dazu findet sich zum Beispiel hier ein Artikel). Ein paar meiner bevorzugten „Stim-Toys“ seht ihr auf einem Foto weiter unten. Querdenker hat eine kleine Auswahl Mal hier fotografiert. Man sieht also, dass die benutzten Gegenstände sehr unterschiedlich sein können und auch zum Teil einfach Mal „Zweckentfremdet“ werden. Schönes Beispiel an dieser Stelle: Luftpolsterfolie. Funktioniert aber natürlich nur so lange, wie auch Luft drin ist 😉
Manchmal sind es aber auch nur Kopfhörer. Ja, auch Singen kann Stimming sein. Aber dann bitte dasselbe Lied mehrmals hintereinander, und es muss bekannt sein.

Ein paar meiner Stim-Toys

Letztendlich gilt aber vor allem eines; Auch wenn es manchmal seltsam wirken mag und auch andere nerven kann; Autisten sollten nicht vom Stimming abgehalten werden! Oder es ihnen gar abtrainiert, wie es auch bei ABA zu gerne geschieht. Auch ein Lenken des Stimmings in eine „bessere“ Form ist nicht immer förderlich. So versucht man bei mit immer noch das Kratzen am rechten Unterarm irgendwie umzulenken (übrigens etwas, das ich bei Anspannung vollkommen unbewusst mache. Und es ist immer der rechte Unterarm, nie der linke). Aber es ist eine immense Störung, das eine Stimmung zu unterbrechen und ein anderes zu beginnen. Insbesondere, wenn ein Erwartungsdruck von außen vorherrscht. Ich weiß zwar, wieso ich dieses Stimming umlenken soll, weil das Kratzen auch schon häufiger zu Verletzungen geführt hat. Doch es ist nicht einfach ein Stimming, was so tief drin ist, irgendwie abzuändern. Beim nächsten Mal kratze ich doch wieder. Setzt also Autisten hier bitte nicht unter Druck. Damit macht ihr möglicher Weise mehr kaputt, als die mögliche Selbstverletzung selbst. Alternativen Anbieten ist ok, aber erwartet nicht, dass sofort von dieser gebrauch gemacht wird oder das schädliche Stimming jetzt sofort verschwindet.

So, und jetzt, alle einmal stimmen 😀


Kleine Ergänzung; Auf Twitter meinte jemand richtig an, dass Stimmingverhalten durchaus auch bei Nicht-Autisten auftaucht und nicht unüblich ist. Ja, das stimmt natürlich. Unterschiede bestehen allerdings darin, wie akzeptiert das Stimming ist, wie intensiv und häufig es ausgeführt wird und was die Auslöser dafür sind. Und gerade bei der Akzeptanz fallen Autisten sehr oft raus, man denke an das Schaukeln und Händeflattern.


Beitrag war versehentlich Zwischenzeitig offline, da hat die App Mist gebaut (Notiz an mich selbst; Berichtigungen nur noch am PC).