Archiv der Kategorie: Mein Autismus

Und auch Autisten pubertieren …

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, scheint bei manchen Leuten für Verwirrung zu sorgen. Vor einigen Tagen wurde plötzlich das Angebot der Selbsthilfegruppe Rosenheim von einem Pubertätstraining für Jungs im Alter von 11 bis 13 Jahren kritisiert. Mit einer Begründung, die mich nur den Kopf schütteln ließ. Da hieß es auf einmal, ob denn Autisten das überhaupt verstehen könnten, seien sie doch altersmäßig zurück geblieben.

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Nervöse Finger (Stimming)

Damit habe ich meine Mutter regelmäßig genervt. Immer, wenn wir irgendwo zusammen waren und ich nervös wurde, suchte ich mir einen Druckknopf an meiner Jacke und machte ihn auf. Und wieder zu. Und auf. Und wieder zu. Oder, noch schlimmer und öfters vorhanden, einen Reißverschluss. Auf, zu, auf, zu, auf, zu. Stifte hatten im Allgemeinen ein eher kurzes Leben, sobald sie einen Deckel und/oder einen Clip besaßen. Ich spielte in der Schule (insbesondere, nachdem ich das ständige Zeichnen aus unterschiedlichen Gründen aufgeben musste) ständig an diesen herum. Das Material war dafür natürlich nicht ausgelegt.

Mein rechter Oberarm hat auffällig viele Narben. Nicht etwa, weil ich mich da besonders oft verletzt hätte. Sondern weil ich die Angewohnheit habe, bei Anspannung mit der linken Hand am rechten Oberarm zu kratzen und zu piddeln. Zum Teil bis zum Ellenbogen hinunter. Als es im Dezember im Haus brannte, habe ich mir in der Folge tatsächlich den Ellenbogen blutig gekratzt.

Lange Zeit hatte ich dafür absolut keine Erklärung. Andere Personen ebenso wenig. Man ermahnte mich immer wieder, nicht zu piddeln oder zu kratzen. Reißverschlüsse und Druckknöpfe in Ruhe zu lassen. Ohne Erfolg. Das Verhalten war einfach drin und ließ sich nicht abschalten. Sobald ich irgendwie angespannt war, begann ich damit, ohne darüber nachzudenken.

Erst mit dem Austausch mit anderen Autisten begriff ich überhaupt, was dahinter steckte: Was ich da tat, war sogenanntes Stimming.

Doch was ist das nun eigentlich?

Stimming ist im Grunde „selbst stimulierendes Verhalten“. Oder anders gesagt, der Autist versucht mit anderen Reizen schädliche Reize zu kompensieren, Nervosität abzubauen, die Gedanken zu fokussieren. Das Stimming selbst kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Das geht vom „klassischen“ Schaukeln und Hände flattern ober sehr komplexe Bewegungen bis hin zum „Fummeln“, wie sich das Stimming bei mir meistens bemerkbar macht.

Leider ist es im Allgemeine so, dass auffälliges Stimming wie Schaukeln von der Gesellschaft kaum toleriert wird. Manche Autisten, wie zum Beispiel Fuchskind, haben speziell Stimming, dass sie nur für sich alleine machen und anderes, was sie auch vor anderen tun (zur ersten Kategorie hat sie hier einen Comic veröffentlicht. Und ja, dort steht nicht, dass sie das nicht in der Öffentlichkeit macht. Die Info habe ich aus einer Konversation auf Twitter von ihr 😉 ). Auch meine zeitweise Mitbewohnerin zog sich für auffälliges Stimming immer in die Küche oder ins Badezimmer zurück. Weil auch speziell das Schaukeln durch das Bild von Autismus in der Gesellschaft überaus negativ belegt ist. Es scheint die Vorstellung vorzuherrschen, dass das nur diejenigen Autisten tun, die absolut zu allem unfähig zu sein scheinen. Halt einfach nur sabbernd und schaukelnd in der Ecke sitzen. So hat es auch für mich Überwindung gekostet, bis ich das Schaukeln für mich zuließ. Obwohl ich die beruhigende Wirkung schon vom Klavierspielen kannte, wo ich ein Schaukeln im Takt als Ersatz für das entfallende Fußwippen benutze (um eben selbigen zu halten, Musiker werden das wohl kennen).

Viele Autisten benutzen zum Stimming auch Hilfsmittel. Am bekanntesten sollten davon wohl die Fidget Spinner sein, um die es letztes Jahr einen regelrechten Hype gab. Übrigens nicht unbedingt zu Gunsten von Autisten (dazu findet sich zum Beispiel hier ein Artikel). Ein paar meiner bevorzugten „Stim-Toys“ seht ihr auf einem Foto weiter unten. Querdenker hat eine kleine Auswahl Mal hier fotografiert. Man sieht also, dass die benutzten Gegenstände sehr unterschiedlich sein können und auch zum Teil einfach Mal „Zweckentfremdet“ werden. Schönes Beispiel an dieser Stelle: Luftpolsterfolie. Funktioniert aber natürlich nur so lange, wie auch Luft drin ist 😉
Manchmal sind es aber auch nur Kopfhörer. Ja, auch Singen kann Stimming sein. Aber dann bitte dasselbe Lied mehrmals hintereinander, und es muss bekannt sein.

Ein paar meiner Stim-Toys

Letztendlich gilt aber vor allem eines; Auch wenn es manchmal seltsam wirken mag und auch andere nerven kann; Autisten sollten nicht vom Stimming abgehalten werden! Oder es ihnen gar abtrainiert, wie es auch bei ABA zu gerne geschieht. Auch ein Lenken des Stimmings in eine „bessere“ Form ist nicht immer förderlich. So versucht man bei mit immer noch das Kratzen am rechten Unterarm irgendwie umzulenken (übrigens etwas, das ich bei Anspannung vollkommen unbewusst mache. Und es ist immer der rechte Unterarm, nie der linke). Aber es ist eine immense Störung, das eine Stimmung zu unterbrechen und ein anderes zu beginnen. Insbesondere, wenn ein Erwartungsdruck von außen vorherrscht. Ich weiß zwar, wieso ich dieses Stimming umlenken soll, weil das Kratzen auch schon häufiger zu Verletzungen geführt hat. Doch es ist nicht einfach ein Stimming, was so tief drin ist, irgendwie abzuändern. Beim nächsten Mal kratze ich doch wieder. Setzt also Autisten hier bitte nicht unter Druck. Damit macht ihr möglicher Weise mehr kaputt, als die mögliche Selbstverletzung selbst. Alternativen Anbieten ist ok, aber erwartet nicht, dass sofort von dieser gebrauch gemacht wird oder das schädliche Stimming jetzt sofort verschwindet.

So, und jetzt, alle einmal stimmen 😀


Kleine Ergänzung; Auf Twitter meinte jemand richtig an, dass Stimmingverhalten durchaus auch bei Nicht-Autisten auftaucht und nicht unüblich ist. Ja, das stimmt natürlich. Unterschiede bestehen allerdings darin, wie akzeptiert das Stimming ist, wie intensiv und häufig es ausgeführt wird und was die Auslöser dafür sind. Und gerade bei der Akzeptanz fallen Autisten sehr oft raus, man denke an das Schaukeln und Händeflattern.


Beitrag war versehentlich Zwischenzeitig offline, da hat die App Mist gebaut (Notiz an mich selbst; Berichtigungen nur noch am PC).

Filter auf 0

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich am stärksten spüre, dass mein Autismus doch  mit der unpassenden Umwelt vor allem eines ist; Eine Behinderung.

Eigentlich habe ich nur furchtbar schlecht geschlafen. Ein Problem, dass ich schon ein paar Wochen habe. Genauer gesagt seit dem Wohnungsbrand Mitte Dezember, in dessen Folge ich sofort umziehen musste. Nichts schlimmes, würden jetzt wohl die meisten sagen. Dann trinkt man halt etwas mehr Kaffee als sonst, ist vielleicht etwas verschlafen, bringt den Tag aber irgendwie hinter sich.

Nicht so bei mir.

Ich kann es eigentlich schon an der Uhr ablesen. Schlafe ich weniger als sieben Stunden, sind meine Reizfilter herunter gesetzt. Je weniger Schlaf verbleibt, desto niedriger werden sie. Letzte Nacht werden es vielleicht sechs Stunden sehr unruhiger Schlaf gewesen sein. Und ich bin so schon ständig erschöpft. Möchte am liebsten schon um 18 Uhr im Bett verschwinden.

Resultat; Meine Filter sind auf 0. Jedes Geräusch tut weh. Ich habe beim Handy den Vibrationsmodus komplett abstellen müssen. Das Geräusch ist zu viel. Ich mache den Abwasch in der Küche nicht, weil das Klappern des Geschirrs zu viel wäre. Es ist 11 Uhr, ich habe immer noch nicht gefrühstückt. Ich scheue davor, irgendein potentiell schädliches Geräusch zu machen. Das Licht der Monitore, kaum zu ertragen. Ich decke das schlechte, linke Auge ab, damit der Einfluss irgendwie kontrollierbar bleibt. Weiß wegen des Umzugs nicht genau, wo meine Sonnenbrille geblieben ist. Gehe nicht Duschen, weil das Gefühl des Wassers und der Handtücher zu viel sein könnte.

Ein Hund bellt draußen. Es bohren sich Nadeln in meinen Kopf. Ich muss in meiner Wohnung die NC-Kopfhörer aufsetzen. Und trotzdem bleiben die Nadeln.

Es sind diese Tage, an denen ich nichts machen kann. Die Reize stören meine Gedanken. Komplexe Vorgänge sind nicht mehr möglich. Meine Kommunikation ist kaum noch mit der von NTs kompatibel. Jedenfalls denen, die mich nicht gut kennen und wissen, wie ich mich ausdrücke.

Ich scheue sogar davor, die neue Folge Star Trek Discovery zu gucken. Obwohl ich es normalerweise kaum erwarten kann, in den Weiten des Weltalls zu verschwinden. Die Reize könnten zu viel sein. Die neue Geschichte aus dem von mir geliebten Serienuniversum (ich zähle das Spiegeluniversum jetzt einfach Mal dazu!) den gefürchteten Overload endgültig auslösen. Denn das Risiko, dass ich heute einen bekomme, ist enorm. Der Tag fühlt sich so schon an wie ein ständiger, niedrigschwelliger Overload. Und es kann beides werden, wenn es kippt. Melt- und Shutdown. Ich habe keine Sicherheit.

Deshalb werde ich wohl heute den ganzen Tag in meiner Wohnung eingeschlossen bleiben. Ich kann nicht raus. Kopfhörer und Sonnenbrille können meine kaputten internen Filter nicht gut genug ersetzen. Mein Gehör müsste im Grunde ausgeschaltet werden, damit ich heute draußen überleben könnte. Aber die Möglichkeit habe ich nicht. Deshalb bleibe ich drinnen. Eingeigelt, eingesperrt.

Solche Tage kommen immer wieder. Manchmal mit, manchmal ohne Vorwarnung. Manchmal erhole ich mich im Laufe des Vormittags und bin Nachmittags halbwegs zu gebrauchen. Heute nicht. Heute bleibe ich im Kampf gegen die schmerzhaften Reize.

Eine Frage geistert mir im Kopf herum.

Das soll eine leichte Einschränkung sein?

 

Overload-Meltdown-Shutdown

Jetzt habe ich den Begriff „Overload“ schon recht häufig in meinen Beiträgen verwendet, ohne ihn überhaupt Mal erklärt zu haben. Vorne weg; Das war keine böse Absicht. Und eigentlich will ich ihn auch gar nicht als bekannt voraussetzten. Ausgenommen für diejenigen, die diesen Beitrag jetzt bis zum Ende lesen werden 😉 Nur sind Overload, Meltdown und Shutdown (Meltdown und Shutdown sind „weiterführend“) für einen Autisten eines der am schwierigsten zu beschreibenden Themen überhaupt. Vor allem, wenn es um die Innensicht geht und man diese für Nicht-Autisten begreifbar machen möchte. Deshalb; Wenn irgendwas unverständlich bleibt, gerne nachfragen! Egal ob in den Kommentaren oder über andere Kommunikationswege.

Hier will ich mich jetzt aber Mal an einen Versuch wagen, diese Begriffe endlich aufzuklären und was Overload, Meltdown und Shutdown für mich konkret bedeuten. Denn jeder Autist erlebt diese Zustände anders und verhält sich entsprechend ebenso anders.

Ganz allgemein gesprochen sind Overloads die Reaktion eines Autisten auf eine Überreizung und daraus resultierender Überlastung. Das können Sinneseindrücke sein, ich kenne es aber auch genauso gut von emotionalen bzw. psychischen Stress. Manchmal reicht eine unvorhergesehene Situation, um bei mir innerhalb kürzester Zeit einen Overload auszulösen.
In einem Meltdown („Kernschmelze“) äußert sich die Reaktion auf diese Überlastung in extremer Reizbarkeit. Manchmal wird alles und jeder nur noch angeschrien, der in dem Moment Kontakt zum Autisten sucht. Manche reagieren auch mit Aggressionen. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass das Verhalten in dem nicht mehr durch den Autisten gesteuert werden kann und KEINE Absicht ist! Deshalb ist auch die Beschreibung von Meltdowns als Wutanfall, die einem immer wieder begegnet, falsch.
Bei einem Shutdown hingegen wird als Reaktion vollkommen abgeschaltet. Es kann weder auf irgendwelche Reize reagiert werden, noch sind noch Handlungen möglich. Viele verlieren auch die Fähigkeit zu sprechen und verstummen.

In der Oberstufe, als ich selbst noch diese „Zustände“ begreifen musste, stellte ich einmal folgenden Vergleich an; Angenommen, dass Denken ist ein riesiges, mechanisches Zahnradwerk. Normalerweise laufen alle Gedankenzahnräder rund. Bei einem Overload aber wirft irgendwer oder irgendetwas einen Stock in das Zahnwerk. Das Rad blockiert. Und weil alle Zahnräder mehr oder weniger miteinander verbunden sind, blockieren darüber immer mehr und mehr Zahnräder. Irgendwann laufen dann nur noch ein paar Zahnräder tief unten in der Mechanik, die sich keinesfalls mehr justieren lassen. Und ich habe übrigens selbst Angst vor dem, was diese Mechanik dann bewirkt …

Deshalb war auch für mich irgendwann klar; Wollte ich das Schreien, Zetern, die Selbstverletzung oder auch die vollkommene Handlungsfähigkeit irgendwie unterbinden, musste ich so früh wie möglich ansetzen. Nicht in Form einer konkreten Therapie. Sondern derart, dass ich selbst so früh wie möglich erkennen musste, wann sich ein Overload ankündigte. Mir fielen Anzeichen auf, die eigentlich immer da waren. Aber auch eine Lehrerin bemerkte zum Beispiel, dass ich eine Zeit lang vorher immer den Kopf auf der Hand abstützte. Es begann eine sehr anstrengende Zeit der genauen Selbstbeobachtung und Reflexion. Hilfe hatte ich dabei, bis auf ein einziges Buch, keine. Wir hatten 2011. Und im Internet war ich sehr zögerlich, was die Freigabe von Informationen anging. Jahrelanges Mobbing hatten mir zu ängstlich gemacht.

Mittlerweile bin ich relativ gut darin zu erkennen, wann sich ein Overload ankündigt.

Eines der ersten und für mich am deutlichsten zu erkennbaren Anzeichen ist eine bestimmte Art von Kopfschmerzen. Früher habe ich noch Schmerztabletten dagegen genommen, aber natürlich wirken diese bei diesen Kopfschmerzen nicht. Auffällig ist dabei die Lokalisierung; Immer irgendwo im Hinterkopf mit einem „drückenden“ Gefühl. Als würde jemand eine Schraubzwinge anbringen. Später kann es sich auch anfühlen wie tausend Nadeln, die in den Kopf gestochen werden. Aber dann bin ich schon kurz vor der Stufe, in der ich selbst aktiv nichts mehr unternehmen kann und definitiv sofort aus der Situation raus muss.
Zusätzlich zu den Kopfschmerzen kommt auch meist eine gewisse Unruhe hinzu. Ich kann mich im beginnenden Overload kaum noch auf die Aufgabe konzentrieren, an der ich eigentlich gerade arbeite. Oder auf das Gespräch, dem ich gerade Folge. Dem Dozenten … einfach allem. Ich nehme zwar dann noch war, dass etwas gesagt wird, nehme die Wörter aber nicht mehr auf oder muss mich enorm auf diese konzentrieren. Die Motorik ist zunehmend gestört. Auch setzt früher oder später ein gewisser Fluchtinstinkt ein. Selbst wenn ich nicht weiß, was genau mich gerade stört, will ich meistens einfach nur noch raus. Die Frage ist, ob es in dem Moment überhaupt möglich ist.

Wenn ich es in dieser Phase noch raus und in eine „sichere“ Umgebung schaffe (meistens ist das meine Wohnung), kann ich mich innerhalb von einer halben Stunde erholen und wieder auf ein halbwegs „normales“ Niveau kommen. Ich kann dann auch schnell wieder ganz normal an meinem Studium arbeiten. Trotzdem muss ich wenigstens für den Rest des Tages und meist auch noch den darauf folgenden enorm vorsichtig sein. Auf einen Overload folgt leider nur zu schnell ein zweiter. Denn der erste Overload hat meistens schon zu viele Ressourcen verbraucht, als dass ich gegen einen zweiten genauso gut ankämpfen könnte.

Was aber, wenn ich aus der Situation nicht raus komme?

Bei mir scheint sich das vor allem darin zu unterscheiden, ob ich möglicherweise handeln muss, oder ob ich mir erlauben kann einfach nichts zu tun und mich in mich selbst zurück zu ziehen.

Muss ich handeln, kommt es meistens zum Meltdown. In dem nehmen die Kopfschmerzen an Intensität zunächst immer weiter zu. Irgendwann setzt dann oft eine unfassbare Wut gegen den auslösenden Reiz oder die ursächliche Situation ein. Z.B. werde ich von einer Wut übermannt, wieso der Professor noch immer so laut reden muss und nicht einfach damit aufhören kann. Logisch rationale Gründe erreichen mich dann nicht mehr. Es muss übrigens nicht immer Wut sein. Verzweiflung ist auch eine bei mir häufige Emotion, so lange ich noch welche spüren kann. Und auch wenn ich hier von Wut spreche, ist es dennoch kein Wutanfall! Normale Wut fühlt sich anders an als die während eines Meltdowns. Zumal, wenn ich wütend bin, will ich in der Regel etwas durchsetzen. Solche Antriebe existieren aber im Meltdown nicht. Meltdowns sind, wie alles im Overload, reine Reaktionen. Keine Aktionen.
Wenn Wut und/oder Verzweiflung hochkommen, lassen auch meistens die Aggressionen nicht lange auf sich warten. Manchmal tauchen diese auch ganz ohne eine Emotion auf. Glücklicherweise sind diese Aggressionen primär gegen mich selbst gerichtet. Auch wenn ich jedem davon abraten würde, mich in dieser Situation irgendwie anzufassen. Dann kann sich die Aggression augenblicklich gegen denjenigen richten (ist meinem Ex einmal passiert, als er mich während eines Meltdowns an den Armen gepackt hat um mich davon abzuhalten, mir gegen den Kopf zu hämmern). Das gegen den Kopf schlagen oder den Kopf gegen die Wand hauen ist dann auch die schlimmste Phase, die ich bislang erreicht habe. In dieser Schreie ich dann meistens auch nur noch. Und zwar so lange, bis die Ursache für meinen Zustand endlich weg ist.

Ja. Für den ein oder anderen mag es vielleicht schwer vorstellbar sein, dass eine 26jährige Studentin mit Bachlor-Abschluss sich so verhalten kann. Aber ich lüge nicht. Meltdowns treten bei mir auf, mit brutaler Gewalt. Es muss nicht immer so weit kommen, wie ich es oben beschrieben habe. Aber die Möglichkeit besteht jedes Mal, wenn der Overload zum Meltdown hin tendiert. Und ich bin ehrlich froh, dass mir das bislang nie in der Öffentlichkeit passiert ist. In der Notaufnahme und während meiner stationären Aufenthalten im Krankenhaus. Wo das Personal nicht entsprechend reagieren konnte. Und wenn schon medizinisches Personal versagt, will ich mich da in die Gefahr begeben, wie Laien auf einen Meltdown bei einer erwachsenen Person reagieren?

Overloads müssen sich aber nicht immer zu Meltdowns steigern. Es kann auch ein Shutdown folgen. Was ich damals bei meinem Erlebnis im Hauptbahnhof geschildert habe, war zum Beispiel einer. In einem Shutdown schalte ich im wahrsten Sinne des Wortes ab. Im Gegensatz zum Meltdown sind da keine Emotionen, und erst Recht keine Aggressionen. Ich werde einfach nur vollständig handlungsunfähig. Denken funktioniert kaum noch. Die Gedanken reißen einfach urplötzlich ab und ich finde dann dorthin auch nicht mehr zurück. Über kurz oder lang verliere ich auch die Fähigkeit zu sprechen. Es ist dann ab einem bestimmten Punkt einfach zu schwierig, überhaupt die richtigen Muskeln zu bewegen. Schriftliche Kommunikation funktioniert länger, aber selbst da muss man mir Zeit lassen. Sämtliche Motorik ist beeinträchtigt. Oftmals kann ich mich auch kaum noch bewegen, geschweige denn laufen. Sinneseindrücke werden ebenfalls nicht mehr so verarbeitet, wie normal. Wieder der Hauptbahnhof, in dem ich vom Stimmgewirr unten in den Gängen quasi nichts mitbekommen habe. Obwohl das sonst für mich absolut unmöglich ist. Schon in viel früheren Phasen übersehe ich leicht Mal ein herannahendes Auto, weil das gesamte Sichtfeld kleiner wird. Sprich, es kann sogar gefährlich für mich werden, im Straßenverkehr Teil zu nehmen.
Wieder gilt, dass ich erst dann beginne aus dieser Starre heraus zu kommen, wenn die Ursache für den Overload weg ist. Doch das braucht alleine auch schon mehrere Minuten, wenn nicht sogar über eine Stunde.

Überhaupt bin ich anschließend noch lange nicht wieder „normal“, wenn der Overload langsam wieder zurück geht. In der Folge bin ich in der Regel vollkommen erschöpft. Deshalb lege ich mich auch oft noch während des Overloads einfach schlafen. Das schlafen wirkt dann wie eine Art Reset. Kein Vollkommener, das Risiko eines erneuten Overloads bleibt auch nach dem Schlafen deutlich erhöht. Aber auch das funktioniert leider nur, solange der Overload „mild“ verlaufen ist. Je heftiger der Verlauf, desto länger die anschließende Erholungsphase und das Schlafbedürfnis.

Wie schon erwähnt, außer die Situation bei beginnendem Overload sofort zu verlassen, kann ich selbst aktiv nichts dagegen tun. Gegen einen Overload anzukämpfen kostet enorm viel Kraft und führt nur zeitweise zum Erfolg. Gerade bei Meltdowns kommt es dann unter Umständen für das Umfeld vollkommen unerwartete Ausbrüche. Was dann aber schlicht nur der Punkt ist, in dem ich es nicht mehr unterdrücken kann. Da ist der Meltdown immer schon deutlich länger. Entsprechend schwierig ist es dann auch für Außenstehende, die Ursache zu erkennen.

Überhaupt, die Ursache für Overloads. Manchmal kommt es immer noch vor, dass ich diese gar nicht selbst benennen kann. Oder auch selbst den Overload nicht rechtzeitig bemerke. Das sind dann auch die Situationen, wo es am ehesten schief läuft. Denn meistens muss ich mich allein unter Beobachtung halten. Es gibt kein Feedback von außen, wann es zu viel wird. Und selbst geübte Beobachter erkennen einen Overload erst deutlich später als ich selbst.

Und so bin ich auch oft mit Angst unterwegs. Was, wenn ich einen Overload nicht rechtzeitig bemerke? Was, wenn dieser zum Meltdown wird? Mitten in der Öffentlichkeit, ohne Rückzugsmöglichkeit? Ich will nicht eines Tages deswegen in die Psychiatrie gebracht und mit Medikamenten ruhig gestellt werden, weil keiner versteht, dass ich eigentlich nur nach Hause kommen müsste. Um dort runter zu kommen.

Überhaupt schäme ich mich nach einem überstandenen Meltdown nur allzu oft für mein Verhalten. Bei Overloads und Shutdowns hingegen nicht. Weil ich immer denke, dass ich doch anders hätte handeln müssen. Anders reagieren. Nur genau das funktioniert im Overload nicht. Wie gesagt, der Stock ist im Getriebe und legt mehr und mehr Zahnräder lahm. Ich kann mein Handeln im Overload nur am Anfang noch logisch-rational bestimmen. Danach setzen sich andere Dinge durch, die ich eben nicht mehr beeinflussen kann. Doch wer würde das schon bei einer erwachsenen Person akzeptieren? Genau deshalb gehe ich an manchen Tagen noch nicht Mal vor die Tür, wenn ich schon am frühen Morgen die Anzeichen eines Overloads bei mir bemerke.

Ich hoffe, meine Ausführungen hier waren einigermaßen verständlich. Einen Zustand zu beschreiben, in dem im Kopf nur noch Chaos herrscht und kaum etwas klar ist, ist auch außerhalb dieses enorm schwer. Wie gesagt, wenn etwas unklar ist, stellt ruhig Fragen! Ich werde auf jeden Fall versuchen, sie zu beantworten.

Die Bedeutung von Regeln

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert wie ich bin, stellte ich alle Einkaufe auf das Kassenband. Gehört sich so. Doch plötzlich hieß es, ich sollte die Cola wieder in den Einkaufswagen stellen. Was für andere eine Kleinigkeit darstellt, führte bei mir zu einem kompletten Nervenzusammenbruch, mit dem ich auch noch einen Einsatz eines Rettungswagen auslöste. Schöne Blamage. Und das nur wegen eines Sixpacks Cola.

Der nächste Vorfall kam dann diese Woche. Ich wollte eigentlich nur noch ein paar Zutaten für ein Kürbisrisotto holen. Kein großer Einkauf, also nehme ich nur ein Einkaufskörbchen von vorne weg. Einkaufswagen ist in den engen Gängen sowieso immer eine Tortour. Aber als ich dieses Mal an der Kasse stehe und das Körbchen dort abstelle, wie man es eben so tut und wie ich es auch in dem Laden seit Anfang an immer gemacht habe, heißt es plötzlich, nein, Körbchen direkt wieder nach vorne. Dieses mal ging es mir noch gut genug, dass der Zusammenbruch erst zu Hause kam.

Im Moment weiß ich noch immer nicht, wie ich weiter an meine Lebensmittel kommen soll … der Supermarkt, in dem ich seit über 2 Jahren schon einkaufe, wird durch diese Vorfälle immer mehr und mehr zu einem feindlichen Gebiet. Weil es auch nichts bringt, wenn ich die Probleme anspreche. Dann soll ICH doch verstehen. Nur mich versteht keiner.

Aber wieso bringen solche vermeidlichen Kleinigkeiten mich überhaupt immer sofort an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bzw. sorgen direkt für einen Overload?

Seit ich mich erinnern kann, versuche ich mein gesamtes Leben, mein gesamtes Umfeld und jede potentielle Situation mit Regeln zu definieren. Regeln die Beschreiben, wie bestimmte Dinge abzulaufen haben. Selbst Freundschaften definiere ich über solche Regeln. Beziehungen. Natürlich klappt es nicht überall, aber so versuche ich mir Dinge verständlich zu machen, die ich nicht so intuitiv verstehe wie andere. Vor allem eben auch Verhaltensregeln für mich selbst. Wie eben „Beim Einkauf gehören ALLE Waren aufs Band!“ oder „Das Körbchen wird an der Kasse wieder abgestellt.“ Weitere Regeln im Bezug auf den Einkauf sind aber auch „Du gehst nicht mit fremden Einkäufen in ein Geschäft.“ oder „Du gehst nicht mit Einkaufstaschen eines anderen Ladens in ein Geschäft. Außer, sie können keine Konkurrenten sein.“ Letzteres ist so zu verstehen, dass ich durchaus mit einer Tasche der Mayerschen Buchhandlung in einen Edeka gehen kann, aber eben nicht mit einer Tasche von Lidl oder Aldi. Diese Regeln dürfen auch nicht gebrochen werden. Weil ich dann Angst habe, dass ich in eine Situation gerate, mit der ich nicht klar komme. Aus denselben Grund halte ich mich auch akribisch an jede Regeln, die man mir einmal mitteilt, oder die klar erkennbar aushängt. Brötchen in der Selbstbedienungstheke würde in niemals mit der Hand anfassen. Eher verzichte ich auf das Brötchen, wenn Mal wieder keine Zange da ist. Eher mache ich mir Umstände, als mit einem Rucksack in einen Laden zu gehen. Selbst wenn dieser derart brechend gefüllt ist, dass ich ihn eh nicht zum Einkaufen nutzen kann (wobei es hier ein paar Ausnahmen in der Innenstadt gibt).

Wenn jetzt aber eine dieser Regeln extern für ungültig erklärt wird und noch mitten in einer anderen Routine mit zig Regeln stecke, passiert genau folgendes; Mein Kopf blockiert. Kopfschmerzen, Handlungsunfähigkeit und/oder extreme Wut. Anders gesagt; Man katapultiert mich augenblicklich in einen Overload. Der je nach dem extrem schnell in einen Meltdown oder Shutdown übergeht. Auf jeden Fall nichts, mit dem ich mich noch gesellschaftskonform geben kann.

Nur wird das natürlich nicht verstanden. Meine Einwände werden wegdiskutiert, und ich stehe mit dem Problem alleine da. Dass ich nur versuche, ein selbstständiges Leben aufrecht zu erhalten, versteht anscheinend niemand. Ich bin die seltsame, die komische. Dass für mich DIE mit ihren plötzlichen Änderungen das Problem sind, dass so lange sich auch die Umwelt an bestimmte Regeln halten würde alles in Ordnung wäre … ich frage mich langsam, wer das überhaupt so sieht. Es ist wohl auch mal wieder das typische Problem, dass man mir meine Behinderung nicht ansieht. Doch komme ich eben aufgrund einer Behinderung mit diesen Umständen nicht klar.

In einer für mich inklusiven Umgebung gäbe es am Eingang oder entsprechender Stelle einen Aushang, wo alles klar säuberlich definiert ist, wie sich ein Kunde zu verhalten hat. Was mit den Getränken an der Kasse passieren soll. Oder eben mit den zur Verfügung gestellten Einkaufskörbchen. Nur, wo existiert so etwas?

Und so fühle ich mich nur wieder wie Abschaum. Erstklassige Studentin, zu blöd zum Einkaufen.

Danke. Als hätte ich nicht schon genug Probleme … und sei es nur, wie ich in Zukunft die kleinen Einkäufe vorne im Supermarkt erledige. Taschen und Rucksäcke, alles im Laden verboten. Und ich weiß nicht wen ich verbindlich fragen kann, ob ich meinen eigenen Korb nutzen kann. Den müsste ich wenigstens nicht an irgendwelchen Orten abstellen, die plötzlich beliebig geändert werden …

Edit: Es stellt sich zudem die Frage, wohin dieses Problem tatsächlich gehört. Vielleicht ist es auch eines, das ich aufgrund meiner zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe. Doch der Autismus spielt meines Empfinden nach definitiv mit hinein … weshalb für mich die Unterscheidung auch ehrlich gesagt enorm schwer fällt. Wo hört der Autismus auf, wo fangen die psychischen Krankheiten an? Bei Depression ist es definitiv leichter als hier.

Die Sache mit den Gefühlen

Kaum mach ich’s Maul zu.

Da kündige ich vor ein paar Tagen an, aufgrund des ständigen Klischees zu Autisten und Gefühlen etwas darüber schreiben zu wollen, da kommt der nächste mit diesem Klischee um die Ecke. Einmal mehr jemand mit nicht geringer Reichweite.

Was interpretiert man aus dieser Aussage? Dass Autisten keine Gefühle haben und es erst einmal lernen müssen, oder?

Weit gefehlt. Natürlich gibt es Autisten, die keine Gefühle haben. Das nennt man dann Alexithymie und kann genauso gut bei Nicht-Autisten vorkommen. Ist also nichts autismusspezifisches. Es taucht auch gar nicht in den Diagnosekriterien auf. Höchstens der Ausdruck von Gefühlen wird beachtet. Tatsächlich wurde auch meine eigene Diagnose dadurch gestärkt, dass die Psychologin selbst nicht erkennen konnte, wie ich gerade fühle.

Und ich denke, genau da liegt der Knackpunkt. Nicht-Autisten sehen anderen ihre Gefühlen an, uns Autisten aber aufgrund veränderter oder fehlender Ausdrucksweise hingegen nicht. Fehlschluss; Autisten haben keine Gefühle.

Manchmal kommt es mir jedoch so vor, als wären meine Gefühle simpler. Ich kenne Gefühle wie Trauer, Wut, Frust, Angst, Sorge, Schuld, Freude, Zuneigung … aber manchmal scheint es mir, als würden ein paar Abstufungen bei mir fehlen, die bei anderen existieren. Und ganz schwierig wird es, wenn ich Gefühle direkt beschreiben soll. Meistens kommt da genau; nichts. Zu beschreiben, was ich gerade fühle, ist eine der schwierigsten Aufgaben, die man mir stellen kann. Denn meistens muss ich erst einmal lange darüber nachdenken, wie ich überhaupt beschreiben kann, was ich fühle. Es ist also eher das übliche Problem „wie drücke ich mich aus, so dass mich mein Gegenüber versteht?“. Und gerade bei Gefühlen hat man keine feste Definition, an die man sich halten kann. Wie soll man etwas verständlich beschreiben, das vollkommen subjektiv ist? Vor allem, wenn man so schon Kommunikationsprobleme hat und versucht, auf Teufel kommt raus alles richtig zu machen.

Deshalb beantworte ich die Frage auch oft mit „Ich weiß es nicht.“ Was dann aber eher heißt, dass ich keine Wörter für die Gefühle habe bzw. zu lange darüber nachdenken müsste, als es für eine Antwort akzeptabel wäre.

Ganz schlimm wird es übrigens, wenn man mich nach meinen Gefühlen in der Vergangenheit fragt. Ich habe nur für einzelne Situationen im Gedächtnis, was ich damals wirklich gefühlt habe. Zudem wurde ich schon häufiger zu meinen Gefühlen in Situationen gefragt, wo ich gar nicht weiß, was ich da hätte fühlen sollen. Wenn ich zum Beispiel bei der Arbeit konzentriert arbeite, muss ich da überhaupt irgendwas fühlen? Natürlich. Wenn etwas einfach nicht klappen will, bin ich frustriert. Wenn etwas gut läuft, bin ich zufrieden. Aber dieses Konzept, praktisch ständig irgendwas fühlen zu müssen, erschließt sich mir nicht.

Vor allem weil es bei mir auch oft Episoden gibt, bei denen ich tatsächlich gar nichts mehr fühle. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Phasen extremer Erschöpfung in Folge eines Overloads. Da ist tatsächlich irgendwann einfach nichts mehr. Nur noch Erschöpfung. Was definitiv besser ist als ein Meltdown, der meistens mit purer Verzweiflung einhergeht.

Und nach außen hin kommt von allem her kaum etwas. Oder falsch. Meine eignen Eltern verwechseln bei mir oftmals Konzentriertheit mit Verärgerung, weil ich konzentriert gerne etwas grimmig gucke. Andererseits sah man mich sehr wohl stundenlang breit grinsend, als ich auf der LBM ein großes Plüsch-Patamon erstehen konnte, was für den Rest des Tages im Arm durch die Messehallen getragen wurde. Also manchmal sieht man es mir an. Dann müssen aber die Gefühle überschwänglich sein, sodass ich sie beim besten Willen nicht mehr verschließen könnte.

Und tatsächlich verschließe ich manches so tief innen drin, dass ich gar nicht darüber reden kann. Wenigstens beim Thema Liebe. Die drei Worte „Ich liebe dich“ habe ich in 5 Jahren nie über die Lippen bringen können. Bei einem Liebesgeständnis einem anderen Mann gegenüber habe ich gezittert und geheult und am Ende doch um den heißen Brei herum geredet. Er hat aufgrund meiner Reaktion zum Glück trotzdem verstanden, was los war. Doch in dem Moment hat es sich so angefühlt, als müsste ich mein Inneres zerreißen, um ihn das überhaupt sagen zu können (oh, ein Beispiel für eine Situation, wo ich mich an Gefühle erinnern kann …) . Und auch sonst ist da einfach eine komplette Blockade, die mich davon abhält etwas in der Richtung zu sagen. „Ich mag dich“ sage ich übrigens aus ähnlichen Gründen ebenso wenig. Ob ich jemanden mag oder nicht, merkt man viel mehr an meinen Handeln als an irgendwelchen Gesten oder eben Aussagen. Versuche ich der Person ständig zu helfen und ignoriere ich dabei meine eigenen Grenzen, ist das schon nicht ganz ohne Bedeutung. Und wenn es nur um Quarkkeulchen geht, die noch zur Weihnachtsfeier mitgebracht werden, weil ein vorheriges Treffen abgesagt wurde.

Es wäre schön, wenn dieses Vorurteil sich irgendwann Mal auflösen würde. Denn immer und immer wieder als emotionslos beschrieben zu werden, obwohl man das überhaupt nicht ist, ist ziemlich verletzend.