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Filter auf 0

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich am stärksten spüre, dass mein Autismus doch  mit der unpassenden Umwelt vor allem eines ist; Eine Behinderung.

Eigentlich habe ich nur furchtbar schlecht geschlafen. Ein Problem, dass ich schon ein paar Wochen habe. Genauer gesagt seit dem Wohnungsbrand Mitte Dezember, in dessen Folge ich sofort umziehen musste. Nichts schlimmes, würden jetzt wohl die meisten sagen. Dann trinkt man halt etwas mehr Kaffee als sonst, ist vielleicht etwas verschlafen, bringt den Tag aber irgendwie hinter sich.

Nicht so bei mir.

Ich kann es eigentlich schon an der Uhr ablesen. Schlafe ich weniger als sieben Stunden, sind meine Reizfilter herunter gesetzt. Je weniger Schlaf verbleibt, desto niedriger werden sie. Letzte Nacht werden es vielleicht sechs Stunden sehr unruhiger Schlaf gewesen sein. Und ich bin so schon ständig erschöpft. Möchte am liebsten schon um 18 Uhr im Bett verschwinden.

Resultat; Meine Filter sind auf 0. Jedes Geräusch tut weh. Ich habe beim Handy den Vibrationsmodus komplett abstellen müssen. Das Geräusch ist zu viel. Ich mache den Abwasch in der Küche nicht, weil das Klappern des Geschirrs zu viel wäre. Es ist 11 Uhr, ich habe immer noch nicht gefrühstückt. Ich scheue davor, irgendein potentiell schädliches Geräusch zu machen. Das Licht der Monitore, kaum zu ertragen. Ich decke das schlechte, linke Auge ab, damit der Einfluss irgendwie kontrollierbar bleibt. Weiß wegen des Umzugs nicht genau, wo meine Sonnenbrille geblieben ist. Gehe nicht Duschen, weil das Gefühl des Wassers und der Handtücher zu viel sein könnte.

Ein Hund bellt draußen. Es bohren sich Nadeln in meinen Kopf. Ich muss in meiner Wohnung die NC-Kopfhörer aufsetzen. Und trotzdem bleiben die Nadeln.

Es sind diese Tage, an denen ich nichts machen kann. Die Reize stören meine Gedanken. Komplexe Vorgänge sind nicht mehr möglich. Meine Kommunikation ist kaum noch mit der von NTs kompatibel. Jedenfalls denen, die mich nicht gut kennen und wissen, wie ich mich ausdrücke.

Ich scheue sogar davor, die neue Folge Star Trek Discovery zu gucken. Obwohl ich es normalerweise kaum erwarten kann, in den Weiten des Weltalls zu verschwinden. Die Reize könnten zu viel sein. Die neue Geschichte aus dem von mir geliebten Serienuniversum (ich zähle das Spiegeluniversum jetzt einfach Mal dazu!) den gefürchteten Overload endgültig auslösen. Denn das Risiko, dass ich heute einen bekomme, ist enorm. Der Tag fühlt sich so schon an wie ein ständiger, niedrigschwelliger Overload. Und es kann beides werden, wenn es kippt. Melt- und Shutdown. Ich habe keine Sicherheit.

Deshalb werde ich wohl heute den ganzen Tag in meiner Wohnung eingeschlossen bleiben. Ich kann nicht raus. Kopfhörer und Sonnenbrille können meine kaputten internen Filter nicht gut genug ersetzen. Mein Gehör müsste im Grunde ausgeschaltet werden, damit ich heute draußen überleben könnte. Aber die Möglichkeit habe ich nicht. Deshalb bleibe ich drinnen. Eingeigelt, eingesperrt.

Solche Tage kommen immer wieder. Manchmal mit, manchmal ohne Vorwarnung. Manchmal erhole ich mich im Laufe des Vormittags und bin Nachmittags halbwegs zu gebrauchen. Heute nicht. Heute bleibe ich im Kampf gegen die schmerzhaften Reize.

Eine Frage geistert mir im Kopf herum.

Das soll eine leichte Einschränkung sein?

 

Wahlfreiheit?

Ein Argument, was mir in einer heutigen Diskussion über Inklusion unterkam; Die Wahlfreiheit der Eltern. Diese sollen selbst entscheiden dürfen, ob ihr behindertes Kind eine Förderschule oder eine Regelschule besucht. Ein Argument, was man durchaus öfters hört.

Mal abgesehen davon dass ich mich immer wieder frage, wo diese Wahlfreiheit in der UN-BRK festgeschrieben ist (denn auch das taucht immer Mal gerne auf), worin besteht diese Wahl denn nun tatsächlich?

Ich habe das Gefühl, dass es aktuell eine Wahl zwischen Pest und Cholera ist.

Wählen die Eltern für ihr Kind die Förderschule, müssen sie damit rechnen, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich keinen Abschluss machen wird. Wie insgesamt 80% der Förderschulabgänger. Es ist höchstwahrscheinlich, dass das Kind nach der Förderschule in einer Behindertenwerkstatt arbeiten wird. Von den dort beschäftigten (die unter Mindestlohn bezahlt werden), schafft es ebenfalls noch ein Bruchteil in den ersten Arbeitsmarkt. Sprich, im Fördersystem haben wir eine gewaltige Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Kind sein Leben lang auf die finanzielle Unterstützung des Staates angewiesen ist. Weil es nie die nötige Bildung erlangt hat, einen Beruf am ersten Arbeitsmarkt zu ergreifen. Ich frage mich, ob es wirklich immer zutrifft, dass in solchen Fällen das Potential einfach nicht da war. Wer kann das schon sehen in einem System, in dem in Zeiten der Spülmaschine Spülen und Abtrocknen wichtiger bewertet wird, als die Fähigkeiten in Mathematik? Und sich Schüler auch immer wieder unterfordert fühlen. Besonders im letzten Fall kann ich über das Argument der „maßgeschneiderten Unterstützung“ nur lachen. Maßgeschneiderte Unterstützung bedeutet für mich, dass eben auch die Bildung maßgeschneidert unterstützt wird und die Förderschüler, die zum Abitur fähig sind, eben dieses auch an der Förderschule machen. Aber sagte ich nicht vorhin, dass 80% überhaupt keinen Abschluss erhalten? Viele schon aufgebaute Freundschaften verlieren sich, weil die anderen auf eine Regelschule gehen.

Auf der anderen Seite stehen mit der Regelschule an sich gute Chancen auf einen regulären Abschluss. Und mit diesem Abschluss allerlei Möglichkeiten der Berufsausbildung. Die schon bestehenden Freundschaften bleiben im selben Maßen erhalten, wie bei anderen Kindern auch. Doch gleichzeitig ist diese Chance verbunden mit ständigem Kampf. Anträge müssen immer und wieder gestellt werden. Nachteilsausgleiche, Schulbegleitungen, ect. … je nach dem, welche Behinderung beim Kind vorliegt und wie viel Unterstützung es tatsächlich benötigt. Es ist leider anzunehmen, dass von diesen Anträgen immer wieder welche abgelehnt werden. Manche Lehrer (nicht alle!) werden sich quer stellen. Für behinderte Kinder sind ja immerhin die Förderschulen da. Manche Schulen werden das Kind vielleicht auch grundsätzlich ablehnen. Allein aufgrund seiner Behinderung. Viele Eltern haben diese Kraft, sich da durch zu kämpfen, auch gar nicht …

Ich weiß ehrlich nicht, wie man unter diesen Bedingungen von Wahlfreiheit sprechen kann. Eine Wahl haben sie vielleicht, aber wer entscheidet sich schon freiwillig für einen potentiell jahrelangen Kampf mit Behörden, Schulleitung und Lehrern? Zum Glück gibt es einige, die das tun. Doch ich kann denjenigen keinen Vorwurf machen, die hier den einfacheren Weg wählen. Selbst wenn er für das Kind nicht zwingend der bessere ist …

Bei einer echten Wahlfreiheit dürfte es diese negativen Kriterien nicht geben. Förder- und Regelschulen wären im Maßen der Unterstützung und der vermittelten Bildung absolut gleichwertig. Nur, wenn dieser Punkt erreicht wäre … wozu bräuchte man dann die Förderschulen noch?

Aber vielleicht bin es ja auch ich, die diesen Begriff falsch versteht?

Die Bedeutung von Regeln

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert wie ich bin, stellte ich alle Einkaufe auf das Kassenband. Gehört sich so. Doch plötzlich hieß es, ich sollte die Cola wieder in den Einkaufswagen stellen. Was für andere eine Kleinigkeit darstellt, führte bei mir zu einem kompletten Nervenzusammenbruch, mit dem ich auch noch einen Einsatz eines Rettungswagen auslöste. Schöne Blamage. Und das nur wegen eines Sixpacks Cola.

Der nächste Vorfall kam dann diese Woche. Ich wollte eigentlich nur noch ein paar Zutaten für ein Kürbisrisotto holen. Kein großer Einkauf, also nehme ich nur ein Einkaufskörbchen von vorne weg. Einkaufswagen ist in den engen Gängen sowieso immer eine Tortour. Aber als ich dieses Mal an der Kasse stehe und das Körbchen dort abstelle, wie man es eben so tut und wie ich es auch in dem Laden seit Anfang an immer gemacht habe, heißt es plötzlich, nein, Körbchen direkt wieder nach vorne. Dieses mal ging es mir noch gut genug, dass der Zusammenbruch erst zu Hause kam.

Im Moment weiß ich noch immer nicht, wie ich weiter an meine Lebensmittel kommen soll … der Supermarkt, in dem ich seit über 2 Jahren schon einkaufe, wird durch diese Vorfälle immer mehr und mehr zu einem feindlichen Gebiet. Weil es auch nichts bringt, wenn ich die Probleme anspreche. Dann soll ICH doch verstehen. Nur mich versteht keiner.

Aber wieso bringen solche vermeidlichen Kleinigkeiten mich überhaupt immer sofort an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bzw. sorgen direkt für einen Overload?

Seit ich mich erinnern kann, versuche ich mein gesamtes Leben, mein gesamtes Umfeld und jede potentielle Situation mit Regeln zu definieren. Regeln die Beschreiben, wie bestimmte Dinge abzulaufen haben. Selbst Freundschaften definiere ich über solche Regeln. Beziehungen. Natürlich klappt es nicht überall, aber so versuche ich mir Dinge verständlich zu machen, die ich nicht so intuitiv verstehe wie andere. Vor allem eben auch Verhaltensregeln für mich selbst. Wie eben „Beim Einkauf gehören ALLE Waren aufs Band!“ oder „Das Körbchen wird an der Kasse wieder abgestellt.“ Weitere Regeln im Bezug auf den Einkauf sind aber auch „Du gehst nicht mit fremden Einkäufen in ein Geschäft.“ oder „Du gehst nicht mit Einkaufstaschen eines anderen Ladens in ein Geschäft. Außer, sie können keine Konkurrenten sein.“ Letzteres ist so zu verstehen, dass ich durchaus mit einer Tasche der Mayerschen Buchhandlung in einen Edeka gehen kann, aber eben nicht mit einer Tasche von Lidl oder Aldi. Diese Regeln dürfen auch nicht gebrochen werden. Weil ich dann Angst habe, dass ich in eine Situation gerate, mit der ich nicht klar komme. Aus denselben Grund halte ich mich auch akribisch an jede Regeln, die man mir einmal mitteilt, oder die klar erkennbar aushängt. Brötchen in der Selbstbedienungstheke würde in niemals mit der Hand anfassen. Eher verzichte ich auf das Brötchen, wenn Mal wieder keine Zange da ist. Eher mache ich mir Umstände, als mit einem Rucksack in einen Laden zu gehen. Selbst wenn dieser derart brechend gefüllt ist, dass ich ihn eh nicht zum Einkaufen nutzen kann (wobei es hier ein paar Ausnahmen in der Innenstadt gibt).

Wenn jetzt aber eine dieser Regeln extern für ungültig erklärt wird und noch mitten in einer anderen Routine mit zig Regeln stecke, passiert genau folgendes; Mein Kopf blockiert. Kopfschmerzen, Handlungsunfähigkeit und/oder extreme Wut. Anders gesagt; Man katapultiert mich augenblicklich in einen Overload. Der je nach dem extrem schnell in einen Meltdown oder Shutdown übergeht. Auf jeden Fall nichts, mit dem ich mich noch gesellschaftskonform geben kann.

Nur wird das natürlich nicht verstanden. Meine Einwände werden wegdiskutiert, und ich stehe mit dem Problem alleine da. Dass ich nur versuche, ein selbstständiges Leben aufrecht zu erhalten, versteht anscheinend niemand. Ich bin die seltsame, die komische. Dass für mich DIE mit ihren plötzlichen Änderungen das Problem sind, dass so lange sich auch die Umwelt an bestimmte Regeln halten würde alles in Ordnung wäre … ich frage mich langsam, wer das überhaupt so sieht. Es ist wohl auch mal wieder das typische Problem, dass man mir meine Behinderung nicht ansieht. Doch komme ich eben aufgrund einer Behinderung mit diesen Umständen nicht klar.

In einer für mich inklusiven Umgebung gäbe es am Eingang oder entsprechender Stelle einen Aushang, wo alles klar säuberlich definiert ist, wie sich ein Kunde zu verhalten hat. Was mit den Getränken an der Kasse passieren soll. Oder eben mit den zur Verfügung gestellten Einkaufskörbchen. Nur, wo existiert so etwas?

Und so fühle ich mich nur wieder wie Abschaum. Erstklassige Studentin, zu blöd zum Einkaufen.

Danke. Als hätte ich nicht schon genug Probleme … und sei es nur, wie ich in Zukunft die kleinen Einkäufe vorne im Supermarkt erledige. Taschen und Rucksäcke, alles im Laden verboten. Und ich weiß nicht wen ich verbindlich fragen kann, ob ich meinen eigenen Korb nutzen kann. Den müsste ich wenigstens nicht an irgendwelchen Orten abstellen, die plötzlich beliebig geändert werden …

Edit: Es stellt sich zudem die Frage, wohin dieses Problem tatsächlich gehört. Vielleicht ist es auch eines, das ich aufgrund meiner zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe. Doch der Autismus spielt meines Empfinden nach definitiv mit hinein … weshalb für mich die Unterscheidung auch ehrlich gesagt enorm schwer fällt. Wo hört der Autismus auf, wo fangen die psychischen Krankheiten an? Bei Depression ist es definitiv leichter als hier.