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Weder Krankheit, noch Charakterzug

Heute ist der Welt-Autismus-Tag. Der Tag im Jahr, wo die meisten Texte über Autismus veröffentlicht werden, und auch das meiste für uns Aktivisten zu korrigieren ist. Das hier ist folglich wahrscheinlich nur der erste von mehreren Artikeln, die heute in diesem Blog veröffentlicht werden. Wenn auch nur, wenn die Artikel und die Anmerkungen dazu ähnlich lang werden wie in diesem Fall des Artikels von der Deutschen Welle. Weder Krankheit, noch Charakterzug weiterlesen

Sind wir denn Schmetterlinge?

Ich habe Mal wieder was zu Meckern. Und das gleich mal wieder in einem Umfang, das sich dazu meinen Blog brauche. Aber ihr kennt das im Grunde schon. Und wenn im Jahr 2017 immer noch zig Jornalisten in ihren Artikeln Unsinn über Autismus schreiben, dass muss das leider auch jemand aufzeigen.

Dieses mal geht es um einen Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers vom 13.11.17, verfasst von Caroline Kron und hier zu finden. Es sind nicht unbedingt nur Fehler, die mir an diesem Artikel auffallen, sondern auch gewisse Haltungen. Aber eines nach dem anderen.

Seine Arme wissen gerade ganz genau, was sie tun. […] Nicht immer hat der Fünfjährige seine Arme unter Kontrolle. Dann flattern sie wie die Flügel eines Falters – oder schlagen wild um sich.
– Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Diese Sätze stammen direkt aus dem ersten Absatz des Artikels. Und schon wird eine Sicht auf Autismus sichtbar, der ich nicht zustimmen kann. Das Flattern der Arme wird hier als Unkontrolliertheit beschrieben. Dabei ist das durchaus typisches Stimming, was wiederum nichts mit Unkontrolliertheit zu tun hat. Eher dient Stimming dazu, Reize besser verarbeiten zu können (Fotobus schreibt hier genaueres darüber). Es ist nichts negatives und auf keinen Fall etwas, das Autisten abtrainiert werden sollte. Doch hier wird zumindest diese Art von Stimming als negativ erarchtet. Als etwas, das weg soll.
Bezüglich des wild um sich schlagens kann ich jetzt natürlich nur spekulieren. Doch am wahrscheinlichsten scheint es mir, dass hier ein Verhalten im Overload/Meltdown beschrieben wird. Unkontrolliert? Ja, definitiv. Aber wie ich die Tage ja selbst schrieb, geht eben die Kontrolle über sich selbst im Overload verloren. Wie soll da Kontrolle über die Arme helfen?

Und damit oft in seiner eigenen Welt. Wie in einem Kokon. In dem zwischenmenschliche Beziehungen und Veränderungen keinen Platz haben. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

An der Stelle stellt sich mir doch die Frage, ob irgendein Artikel ohne die Behauptung auskommt, dass Autisten in einer anderen Welt leben würden (ja, gibt es. Heute morgen sah ich tatsächlich Mal einen!). Tun wir nicht. Auch wenn es von außen her durch die fehlenden Interaktionen so wirken mag. Aber ich weiß ehrlich nicht, was der Vergleich mit dem Kokon soll. Dass in dem Kokon ein ganz normales Kind steckt? Dass man den Kokon (= Autismus) überwinden muss, um an dieses Kind zu kommen? Wenn dass das Bild sein soll, dann finde ich das doch höchst bedenklich. Ein Autist ist ein Autist bleibt ein Autist. Da ist nichts, was irgendwie „hervor“ geholt werden muss oder irgendwann aus dem Kokon schlüpft, wie ein schöner Schmetterling.
Zwischenmenschliche Beziehungen haben keinen Platz in dem Kokon namens Autimus? Veränderungen ebenfalls nicht? Das scheint mir doch stark übertrieben. Ja, beides macht uns Probleme. Oftmals so sehr, dass wir dem ein oder anderem am lieber aus dem Weg gehen. Doch es wird hier Mal wieder suggeriert, dass Autisten keine Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen würden. Und keine Veränderungen wollen. Beides ist so aber falsch.

Die Musiktherapeutin hilft Karl dabei, seine eigenen Gefühle, und die der anderen, wahrzunehmen, gemeinsames Spielen positiv zu erleben, von sich aus Kontakt aufzunehmen und zu lernen, mit Veränderungen im Alltag umzugehen. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Oder mit anderen Worten; Möglichst normal zu sein. Auch wenn hier keine Details zu dem wie stehen, macht mich dieser Satz doch ein wenig misstrauisch. Er kommt zu häufig von Personen, die den Autisten ändern wollen. Nicht die Umwelt so anpassen, dass der Autist darin besser zurecht kommt. Zumal das erwähnte Autismus Therapie Zentrum ABA praktiziert.

Während „normale“ Menschen – plakativ ausgedrückt – über eine 50-Liter-Tonne verfügen, mit der sie Reize aufnehmen und filtern, haben Menschen mit Autismus Reagenzgläser. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Wieder Mal überspizte Darstellung. Ich kann dem Vergleich aber durchaus etwas abgewinnen. Zumal es schwierig ist Nicht-Autisten zu verdeutlichen, wie anders unsere Reizwahrnehmung funktioniert.
Nebenbei, „Menschen mit Autismus“. Kann man nicht einfach von „Autisten“ sprechen?

Wenn die voll sind, brauchen die Betroffenen Pausen von der für sie allzu lebendigen Welt. Dann ziehen sie sich in ihre Welt zurück oder verlieren die Kontrolle, schreien, schlagen, treten. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Wer die Tage aufgepasst hat, weiß hier schon; Shutdown und Meltdown. Das hätte ruhig auch so benannt werden dürfen. Nur frage ich mich noch immer, wo meine Welt im Shutdown sein soll. Ich kann da nur nicht mehr reagieren. Aber ich bin jetzt nicht in einer anderen Dimension verschwunden träume mich einfach weg. Andere sicherlich auch nicht.

Aber ehrliches Lob für die darauf folgenden Abschnitte! Der Vergleich der Regeln des sozialen Miteinanders mit einer Fremdsprache passt. Meistens fehlt einem dazu auch noch das Wörterbuch, möchte ich ergänzen.

Ich mache Mal bei „Mühsam lernen im Gesicht zu lesen“ weiter

Ein Jahr, „in dem Karl durch intensives Training große Fortschritte gemacht hat“, sagt die Mutter, und zählt auf: Karl hat zu sprechen und mit anderen Kindern zu spielen gelernt. Er kann sich alleine anziehen und auf die Toilette gehen, ist emotional stabiler und immer häufiger in der Lage, die Gefühle anderer von ihrem Gesicht abzulesen. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Intensives Training? Das vom ATZ angebotene ABA? Wenigstens wird an dieser Stelle klar, dass Karl (der Autist hier) nonverbal war. Die Frage, die sich hier nur immer wieder stellt; Währen diese Fortschritte nicht vielleicht auch von selbst gekommen? Es ist ein Jahr vergangen …

Trotz aller Erfolge: Vieles wird Karl immer wieder neu lernen müssen. „Alltägliche Handlungsabläufe, wie Anziehen oder Zähneputzen, die andere Kinder ohne Kraftakt lernen“, sagt Diepers-Pérez, „routinieren sich bei vielen Kindern mit Autismus nicht und müssen über auf sie abgestimmte Motivationsreize langfristig geübt werden.“ – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

… auf sie abgestimmte Motivationsreize … das klingt so deutlich nach ABA, deutlicher geht es kaum noch. Auch die Haltung gegenüber Autisten, dass sie vieles nicht auf Dauer von selbst lernen können, passt dazu. Das ist eine zutiefst Defizit orientierte, verletztende und einfach auch falsche Sicht auf Autisten.

„Unser großes Anliegen ist es, Eltern und Betroffene dabei zu unterstützen, sich gegenseitig emotional zu stärken und ihnen immer wieder zu vermitteln: Autismus ist nicht heilbar, aber positiv beeinflussbar.“ Bester Beweis: Karl, wie er strahlend auf die Pauke haut. – Quelle: https://www.ksta.de/28835972 ©2017

Darf sich ein Autist von sich aus denn nicht freuen? Ich weiß nicht, wo hier der Beweis sein soll. Und wieso muss der Autismus beeinflusst werden? Da wäre ich wieder beim Punkt mit der Richtung. Hier scheint die Haltung vorzuherrschen, dass der Autist sich ändern muss. Anstatt, dass man auf den Autisten eingeht und die Umwelt an ihn anpasst.

Alles in einem ein Artikel, der an mehreren Stellen ein doch diskutables Bild erzeugt. Da hier immer wieder das ATZ Weidenpesch zitiert wird, ist das wohl noch nicht Mal wirklich überraschend. Das ATZ gehört zu Autismus Köln/Bonn e.V., der innerhalb meiner Timeline auf Twitter schon lange kritisch gesehen wird. Nicht zuletzte aufgrund des Angebots von ABA, was aber bei weitem nicht der einzige Kritikpunkt ist. Doch das würde an dieser Stelle zu weit führen …