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Behindert … aber nicht behindert genug

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind. Scheinbar natürlich, weil ich da nur auf die Rückmeldungen aus meiner Twitter-Sphäre zurückgreifen kann. Gedankenkarussel schrieb ja jetzt auch noch einmal etwas darüber. Tatsächlich war ich sehr optimistisch, als ich in der Stellungsnahme zu meiner neuen Diagnose die sehr deutlichen Worte „mittlere soziale Anpassungsstörung“ entdeckte. Dann damit wäre nach der Versorgungsmedizinverordnung ein GdB (Grad der Behinderung) von 50 bis 70 angebracht. Sprich, nach der Ansicht wenigstens eine Ärztin bin ich schwerbehindert. Meine Hausärztin nahm zwischen zeitig sogar den Begriff einer schweren sozialen Anpassungsstörung in den Mund. Da wäre ich mindestens bei einem GdB von 80!

Nicht so aber das Versorgungsamt. Nach deren Ansicht habe ich nur leichte Einschränkungen.

Leichte Einschränkungen. Ok. Man ist also nur leicht eingeschränkt, wenn man so gut wie kein Sozialleben hat und die meiste Zeit nur zu Hause sitzt. Kinobesuche? Mal einen Kaffee trinken? Einfach Mal durch die Stadt bummeln? Einfache Spaziergänge mit Freunden? Alles bei mir extrem selten. Die meisten sozialen Kontakte pflege ich über das Internet, da die Kommunikation da die wenigstens Barrieren aufweißt und es nicht so anstrengend ist wie ein direktes Gespräch.

Es ist nur eine leichte Einschränkungen, wenn man absolut nicht telefonieren kann. Mit Ausnahme von Familie und Freunden, aber auch das nicht immer. Wenn E-Mails und Briefe immer noch gegengelesen werden müssen. Und Arzttermine nur selbst vereinbart werden können, wenn man persönlich vorbei geht.

Eine leichte Einschränkung, wenn man im Studium seit Jahren im Verzug ist, weil man einfach das als normal geltende Pensum nicht schafft. Prüfungen habe ich gerade Mal eine einzige vergeigt, ansonsten bestand ich immer direkt im ersten Versuch. Wenn die Vorlesungen immer wieder mitten drin verlassen muss, weil einem der Kopf vor Schmerzen explodiert und man sich kontrollieren muss, nicht den Arm auf die Tischkante zu schlagen oder sich mit den Fäusten gegen den Kopf zu trommeln. Wenn Gruppenarbeiten unmöglich sind, weil man mit der laschen Terminplanung der Kommilitonen nicht zurecht kommt.

Es ist eine leichte Einschränkung, wenn Einkäufe und Fahrten präzise geplant werden müssen, um nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt zu kommen.

Und, und, und …

Die Aufzählung ist noch lange nicht abschließend.

Ehrlich. Ich bin sauer, dass man meine Einschränkungen als „leicht“ einstuft. Als wäre das nichts. Dabei sehe ich mehr als genau, wie wenig ich im Vergleich zu anderen schaffe. Andere gehen fast noch jeden Abend mit Freunden aus und schaffen trotzdem ihr Studium. Für mich wäre das absolut unmöglich. Ich muss mich jetzt schon jeden Abend erholen, um überhaupt mein Forschungsgruppenpraktikum zu stemmen. Selbst Hausarbeiten sind da oft schon zu viel. Ist es Mal wieder das gängige Vorurteil, dass Menschen, die einen geregelten Lebenslauf vorweisen können und ein Studium schaffen, gar nicht so eingeschränkt sein können?

Tja. Manche Leute haben einfach Glück gehabt, dass sie immer von irgendjemanden unterstützt wurden und es eben deshalb mit ihren Einschränkungen so weit gebracht haben.

Ich habe jetzt Widerspruch gegen diesen Bescheid eingelegt. Und dabei allen Register gezogen, die ich beim Antrag selbst noch nicht mit eingebracht hatte.

Die Sache mit den „leichten Einschränkungen“ werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Vor allem nicht, wo mir eine ganze Reihe von Leuten was anderes sagt.

Zumal mir ein GdB von 30 in Punkto Nachteilsausgleiche beinahe nichts bringt. Schön. Ich bekomme jetzt für die Zeit, in der ich die Regelstudienzeit überziehe, einen Vollzuschuss vom BAföG-Amt. Das war es dann aber auch schon. Keine Zusätzlichen Urlaubstage beim HiWi, eventuell noch nicht einmal Härtefreibeträge beim BAföG …

Es bleibt abzuwarten wann ich hier berichten kann, wie das Amt auf den Widerspruch reagiert …

Eine Zugfahrt, die ist lustig …

… und das ganz besonders, wenn man den eigenen Koffer nicht tragen darf!

Normalerweise fahre ich tatsächlich ganz gerne Zug. So lange keine großen Saufgruppen mit im Wagen sind und ich auch nicht eingequetscht wie eine Sardine in der Dose zwischen den Leuten stehen muss. Ich bin auch in gewisser Weise schon relativ früh darauf trainiert worden, mit dem Zug zu fahren. Als Scheidungskind fuhr ich, seitdem ich 12 war, zusammen mit meinem kleinen Bruder jedes zweite Wochenende nach Köln. Später dann nach Bonn. Klar, wer da eigentlich die Aufsicht über wen hatte (denn auch wenn ich mich sozial schwer tat, war ich die vernünftigere). Und ehrlich, Regionalbahnen sind schon eine Spur härter als Fernverkehrszüge. Öfters Mal Sardinensituationen (besonders gerne Sonntags im Zug von Bonn zurück nach Köln), immer wieder Sprinten am Kölner Hauptbahnhof, um den schnelleren Regionalexpress zu erwischen … jedenfalls konnte ich in dieser Zeit schon einige Strategien entwickeln, was das Fahren mit dem Zug angeht.

Seit dem Studium nun pendle ich öfters zwischen der Region Leipzig und der Region Köln hin und her. Da ich keinen Führerschein besitze, natürlich auch wieder mit dem Zug. Dieses Mal IC über Hannover. Da nehme ich auch gerne eine Stunde mehr im Kauf, wenn ich in Hannover nicht in den ICE auf der Strecke Berlin-Köln steigen muss. Der, wie ich sehr schnell ausmachte, gerne auch mal extrem voll war.

Überhaupt lernte ich das neue System schnell. Fahrkarten wurden von Beginn an online gekauft, später dann auch auf dem Handy. Nachdem ich spitz bekam, dass es im IC zudem kleine Abteile gab, reservierte ich ausschließlich nur noch in diesen (zumindest, bis sie mit dem IC2 abgeschafft wurden …). Sitzplatzreservierungen waren für mich im Fernverkehr von Beginn an ein Muss; Damit ich einen festen Handlungsplan innerhalb des Zuges hatte. Mittlerweile weiß ich auch mit Zugausfällen und verpassten Anschlüssen halbwegs umzugehen; Wobei die App der Deutschen Bahn hier echt eine enorme Hilfe darstellt. Und ich freue mich ehrlich auf die App DB Barrierefreiheit, mit der z.B. Lautsprecheransagen direkt als Text- oder Sprachnachrichten auf dem Handy empfangen werden können. Was für mich, die sich an den Bahnhöfen grundsätzlich mit Musik abschotten muss, extrem hilfreich wäre. Außerdem kenne ich mittlerweile den ein oder anderen Trick, wie man vielleicht noch ein deutlich günstigeres Ticket findet, als man auf dem ersten Blick sieht.

Nun bin ich aber ja neulich operiert worden und durfte deshalb meinen Koffer nicht heben. Die 10kg Traglast, die erlaubt waren, deckte ich schon allein mit dem Rucksack fast vollständig ab (ein schweres Notebook + Proviant, reicht!).

In einem ersten Versuch wendete ich mich also an den Mobilitätsservice. Als ich aber nur eine nicht sehr hilfreiche Standardantwort erhielt, brach ich ziemlich schnell ab. Ich hatte nach der OP einfach keine Kraft, möglicher Weise noch wild zu diskutieren. Eine Frage auf Twitter lieferte auch nur mehrere Hinweise auf den Koffertransportservice. Der aber brauchte zwei Werktage und war damit ebenfalls nicht praktikabel.

Was also nun? Die Unsicherheit bezüglich der Fahrt nach Hause setzte mich mittlerweile enorm unter Stress. Normalerweise war ich gewohnt, auf der Fahrt auf niemanden angewiesen zu sein. Jetzt aber war ich es auf einmal.

Letzten Endes fand sich in Köln privat Hilfe, in Hannover wurde die Bahnhofsmission um Hilfe gebeten und für Halle klügelten meine Mutter und ich einen ausführlichen Plan aus, wie ich mit dem Koffer auch allein zur Wohnung kommen konnte. Sämtliche Freunde und Bekannte waren ausgerechnet für diesen Tag verhindert.

Das ganze funktionierte dann auch soweit ganz gut. Ich schaffte es an einigen Stellen doch sogar Mitreisende anzusprechen, ob sie kurz den Koffer heben könnten. Zumindest bis Hannover. In Hannover waren dann diese Löffel durch uneinsichtige Leute im Ruheabteil und einen Nervenkrimi mit dem Anschlusszug verbraucht (ich habe ihn noch erreicht!) und ich schleppte den Koffer eine halbe Treppe hoch. Fehler! Mein Körper protestierte mit Übelkeit und deutlich stärken Schmerzen als zuvor. Die sich aber auf meinem Sitzplatz zum Glück innerhalb einer Stunde wieder legten. Es war also nur ein kräftiger Warnschuss gewesen.

Zu Hause angekommen schleppte ich mich auch tatsächlich noch zweimal zum Supermarkt nach vorne, um wieder einen Grundstock an frischen Lebensmittelns im Haus zu haben. Dafür gingen dann aber auch die letzten Kraftreserven drauf.

Auch wenn alles mehr oder weniger gut gegangen sein mag. Ehrlich, so eine Zugreise brauche ich nicht nochmal. Und es hat mir einmal mehr verdeutlicht wie froh ich sein kann, normal körperlich halbwegs fitt zu sein und nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Den Zusatzbalast der Ungewissheit, ob man jetzt wirklich von A nach B kommen kann, brauche ich als Autistin definitiv nicht.

Autistin stationär – Tag 7 bis 9

Da an den einzelnen Tagen nicht sonderlich viel passierte, werde ich die übrigen Tage in einen einzelnen Blogbeitrag zusammentragen.

Tag 7 verlief ohne größere Zwischenfälle. Ich hatte schon am Morgen wieder Hunger und verließ auch schnell mein Bett. Als die ersten Schwestern kamen, war ich endlich aus der OP-Kleidung raus und endlich angezogen. Außerdem hatten sich die Schmerzen deutlich verringert. Ich kam ab sofort mit den Tabletten aus, die ich dreimal täglich bekam. Das Essen vertrug ich ohne Probleme und die Mitbewohnerin stellte sich als überaus rücksichtsvoll heraus. Sodass ich mir schon blöd vorkam, als meine Tante einmal mehr zu Besuch kam und wir das Zimmer nicht direkt verließen. Nur später ein wenig, damit ich wieder in Bewegung kam. Ingesamt war ich aber noch sehr schlapp und schaffte nur kleine Strecken.

Am Abend dann die erste Irritation. Während am Morgen mein Antidepressivum in der Medikation gefehlt hatte (es war schlicht nicht notiert worden, wie ich später in Erfahrung brachte), erhielt ich nun plötzlich ein Abführmittel. Na gut, wenn sie meinten. Ich bemerkte gegen Abend tatsächlich wieder die Verstopfung von vor der OP. Also nahm ich die Tablette. Ein erster Einwand, dass ich durchaus schon einen Stuhldrang hätte, wurde ignoriert … und ich ging nach einem nicht ganz erfolgreichen Versuch wieder überaus früh schlafen. Meine Bettnachbarin hatte an dem Tag mit ihrer Bewegung übertrieben, sodass wir beide noch vor 9 einfach nur noch schlafen wollten.

Tag 8 begann dann mit … einem noch größeren Stuhldrang. Nach der Erfahrung vom Vortrag aber traute ich mich nicht mehr. Ich versuchte das Problem nochmals anzusprechen, und wurde auf das Frühstück vertröstet. Der Körper kenne ja nicht die Packungsbeilage, weshalb das manchmal einfach länger dauern würde. Schön für die, schlecht für mich. Wie gesagt, der Druck wurde immer größer. Nach dem Frühstück natürlich noch einmal mehr. Ich schrieb meine Tante an. Diese sagte allerdings nur, ich sollte mich auf die Erfahrung der Schwestern verlassen. Einfach gesagt, wenn man vom medizinischen Personal schon mehrfach in Krisen geschleudert wurde. Und so regte mich diese Ansage auch nur noch weiter auf. Ich versuchte zu vermitteln, dass etwas mit mir nicht stimmte. Und erreichte einfach niemanden …

Der folgende Overload war keine große Überraschung mehr. Er löste sich erst dann halbwegs wieder auf, als ich vollkommen verheult mit meiner Mutter telefonierte, die sich gleich darauf auf den Weg machte. Kurz darauf kam auch der Arzt, dem ich die ganze Situation (weshalb ich so verheult war) auch nochmal erklärte. Im Anschluss bekam ich ENDLICH ein Zäpfchen. Dann verschwand ich erst einmal unter der Dusche. Blöderweise genau in dem Moment, als meine Mutter ins Zimmer hinein kam. Egal. Duschen beruhigt die Nerven. Dannach war auch alles halbwegs wieder in Ordnung. Das Zäpfchen tat nach einer Weile seine Wirkung, ich konnte den Druck loswerden, hatte jetzt mein Tablet mit einigen Folgen Star Trek da, und außerdem allein im Zimmer. Bis morgen würde ich das ganze schon noch durchhalten. Denn langsam ging mir der ewige Lärm auf dem Flur auf die Nerven. Ich hörte die Geräusche immer genauer und konnte sie immer schlechter ausblenden …

Meine Hand aber juckte. Irgendwann bat ich darum, die Kanüle doch zu entfernen. Und erlebte eine böse Überraschung. Das Jucken kam nicht von ungefähr. An den Kontaktstellen mit dem Pflaster hatten sich rote Streifen gebildet, die schon erste Bläschen warfen. Meine Pflasterallergie hatte zugeschlagen. Ich bekam auch sofort eine Fenistilsalbe, als ich die roten Streifen ansprach („Ich mag zwar ein Laie sein, aber das sieht mir aus wie eine Allergie!“). Und cremte gleich wie verrückt …

Am Abend erhielt ich dann noch Besuch von einer alten Klassenkameradin aus der Grundschule. Wir liefen uns zufällig schon im Foyer über den Weg. Aber zwei große Frauen finden sich gegenseitig auch schnell 😉 Danach ging ich relativ zügig ins Bett, nachdem ich mir noch einen Verband für die Nacht anlegen ließ. Kratzschutz.

Die folgende Nacht war dann auch die erste, in der ich die Nachtschwester sah. Um vier Uhr morgens wachte ich auf, ging zur Toilette und musste für neu eincremen den Verband abnehmen. Da ich folglich natürlich einen neuen brauchte, ging ich zum Stationsstützpunkt. Während der Pfleger mich kommen sah, erschreckte die Schwester sich fürchterlich 😀 Ich erhielt aber ohne weiteres meinen Verband, und ging auch gleich brav zurück ins Bett.

Der nächste Morgen lief erstmals ohne weitere Vorfälle. Aufstehen, Duschen (worüber sich die Schwester mit der ersten Tablette wunderte), Frühstück … und dann kam die Visite. Ich wurde gefragt, ob schon irgendwas zu meiner Entlassung gesagt worden wäre. Ich interpretierte das auf die vorherigen Visiten und verneinte. … plötzlich hieß es, Entlassung am Montag. Obwohl bei der Vorbesprechung von Sonntag gesprochen worden war, wenn ich keine starken Blutungen während der OP hätte. Da ich keine Drainage hatte, war keine starke Blutung aufgetreten und der Sonntag war eigentlich angedacht. Das Chaos im Kopf begann. Wieso entließ man mich nicht planmäßig am dritten Tag nach der OP? Was war mit mir nicht in Ordnung, dass man mich da behielt? Ich fragte wieder beim Stützpunkt nach. Dort wusste man nichts, würde aber den Arzt fragen. Also ging ich zurück auf mein Zimmer und wartete. Und wartete. Schrieb zwischendurch wieder mit Tante und Mutter, die ich beide wieder vorwarnte, dass sich hier gerade erneut ein dickes Problem anbahnte.

Es verging eine Stunde. Zwei Stunden. Ich ging wieder kurz nach vorne um zu fragen, ob man mich nicht vergessen hätte. Plötzlich hieß es, es sei Montag gesagt worden, weil es mir ja gestern so schlecht gegangen wäre. Diese Information aber verstärkte nur das Chaos in meinem Kopf. Meinten die jetzt den Overload? Oder die Probleme mit dem Stuhlgang, die sich doch gestern noch aufgelöst hatten? Und der nächste kündigte sich auch längst wieder an. Ich ging vollkommen irritiert ins Zimmer zurück. Währenddessen wurden die Geräusche auf dem Flur immer unerträglicher. Die Tür bot kaum noch Schutz. Kurz darauf war ich wieder draußen. Jetzt hieß es, die Blutwerte würden entscheiden, ob ich heute gehen darf oder nicht. Was? Wieso denn jetzt wieder eine andere Info? Ich schaffte es nicht mehr, diese ganzen Widersprüche zu verarbeiten. Passierte das jetzt nur, weil ich in einen Overload gerieht? Mein Fluchtinstinkt nahm überhand. Ich rannte förmlich von der Station weg ins Treppenhaus. Um wenigstens erst einmal von all den Geräuschen weg zu kommen …

Aber Geräusche sind das eine. Ein Informationschaos war das andere. Ich ging also kurz darauf wieder zurück zur Station, versuchte zu erklären sie sollten mich am besten einfach da lassen und gab kurz die Karte raus, dass man sich bitte an einen Plan halten und den nicht plötzlich ändern soll. Dann brach wieder die absolute Verzweiflung über mich hinein. Egal, was ich tat. Irgendwann landete ich doch immer wieder im Overload. Schließlich lag ich auf dem Boden und schrie wieder.

… was meine Mutter draußen schon gehört haben musste. Plötzlich stand sie drinnen im Zimmer und versuchte mich ganz langsam zu beruhigen. Draußen hatte sie den Schwestern die aktuelle Situation schon verständlich gemacht. Genauso wie die Tatsache, dass man bei mir im Moment definitiv kein Blut abnehmen könnte. Dafür sei ich im Moment zu aufgeregt. Sobald ich mich wieder beruhigt hätte, würde sie Bescheid geben. In ihrer Anwesenheit beruhigte ich mich auch tatsächlich relativ schnell wieder. Jetzt hörte ich auch endlich, dass es mehrere Kommunikationsfehler gegeben hatte. Die Info von der Entlassung am Sonntag hatte niemand in meine Akte eingetragen. Deshalb hatte der Arzt nicht gewusst, dass ich für Sonntag vorgesehen war … und eines war zum anderen gekommen. Dumm gelaufen. Trotzdem fühlte ich mich wieder einfach nur mies. Doch wenigstens konnte ich jetzt an das Essen (was kurz vor der Schreiphase kam), was vorher noch nur Übelkeit bei mir ausgelöst hatte. Während des Mittagessens kam dann auch die Blutabnahme. Dann hieß es wieder: Warten. Und während ich gerade wieder auf Toilette war (mit erfolgreichem Stuhlgang, wie ich noch laut vermeldete! Also da musste sich nun wirklich keiner mehr Gedanken machen, dass ich da Probleme hätte), kam die erlösende Meldung; Die Blutwerte waren in Ordnung. Ich durfte nach Hause.

Am Nachmittag war ich dann auch tatsächlich noch auf der Geburtstagsfeier meiner Großmutter. Die damit genauso wenig gerechnet hatte wie die Großtante. Aber ich brauchte nach dem ganzen Chaos einfach Mal Ablenkung. Und was soll ich sagen? Ich vertrug sogar das traditionell etwas schwerere Geburtstagsessen. Ich aß nicht so viel wie sonst und schaufelte die Hälfte der zweiten Scheibe Fleisch auf den Teller meiner Mutter. Aber ansonsten war alles in Ordnung.

Vorerst. Da waren ja noch die komischen roten Streifen auf meiner Hand. Zwei zudem im Gesicht, und neue Pflaster am Bauch hatte ich auch gekommen. Die Streifen an der Hand sollten in den nächsten Tagen noch ausarten. Heftiger Blasenwurf, Wundflüssigkeit ohne Ende, von Montag bis einschließlich Mittwoch. Erst am Donnerstag hatte ich halbwegs Ruhe. Am Montag entfernte ich eines der Pflaster vom Bauch, weil es sich einfach immer wieder löste. Am Dienstag dann den Rest, weil sich an der freien Stellen ebenfalls Pusteln bildeten. In dem nahm ich auch schnellstens das Cortison, was mir am selben Tag noch mein alter Hausarzt vorsichtshalber verschrieben hatte. Doch wegen der Allergie konnte ich mich in der ersten Woche leider kaum erholen. Ich bin noch immer krank geschrieben …

Tatsächlich ist aber auch so eine OP, in der einem ein Organ „geklaut“ wird, kein Spaziergang. Ich bin noch immer deutlich schwächer als normal. Auch wenn viele Dinge besser laufen, als vor der OP. So kann ich schon wieder deutlich mehr essen als vorher. Es war also definitiv richtig und wichtig, dass die Gallenblase raus gekommen ist. Nur komme ich mir deswegen manchmal furchtbar defekt vor. Bislang war mein Körper immer in Ordnung. Jetzt ist er es nicht mehr. Und erst letzte Nacht hatte ich einen Albtraum. In der noch mehr in meinem Körper kaputt ging. Ich noch mehr OPs hinter mich bringen musste … ich hoffe, bis dahin dauert es noch möglichst lange.

Autistin stationär: Tag 6 – Die OP

Der Tag begann unbarmherzig früh um 3 Uhr morgens. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen, weil ich so nervös war. Dabei war der Wecker auf 5 gestellt. Das hatte wenigstens den netten Nebeneffekt, dass ich immer wieder viel zu verschlafen war, um mich weiter aufzuregen.

Im Krankenhaus waren wir dann überpünktlich um 10 vor 7. Man setzte uns einmal mehr in den Aufenthaltsbereich und ließ uns warten. Später kamen noch zwei weitere Personen mit Gepäck. Ich bekam wieder ein schlechtes Gefühl, was mein Einzelzimmer anging. Und tatsächlich kam ich zuerst in ein Zweibettzimmer. Mit einer überraschend jungen Bettnachbarin. Man teilte mir aber mit, dass ich später noch wo anders hin könnte. Alles ok. Ich zog mir die OP-Kleidung an und legte mich erst einmal wieder ins Bett. Wobei ich skeptisch die Inkontinenzeinlage des Bettes bemerkte. Hallo? Ich bin 25!

Lange musste ich dann auch nicht mehr warten bis man mich zur OP holte. Meine Mutter kam mit bis vor den Raum mit der Schleuse. Weiter durfte sie mich nicht begleiten. Im ersten Raum krabbelte ich nur vom Bett auf die OP-Liege und ließ alles unnötige zurück. Mit der Liege und einer schön vorgewärmten Decke wurde ich dann weiter geschoben. Festgezurrt übrigens.  Immer wieder musste ich mit den Tränen kämpfen. Ich wollte nicht den OP-Saal von innen sehen. Schon gar nicht, wenn ich so schon fast vor Angst heulte. Die komische Tablette wirkte wohl wieder nicht. 

Als nächstes kann jedoch der Vorbereitungsraum. Man klaute mir mein OP-Hemd und schloss mich an allerlei Gerätschaften an. EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung. Alles mit Ansage und mit ruhigen Ton. Na klar, für andere war das hier Routine. Kurz nachdem der Zugang lag (der zum Glück rechts keinen meiner blauen Flecken vom gestrigen Meltdown erwischte), kam ein zweiter Arzt hinein. Man wunderte sich ein wenig über meinen Wohnort (Patientin mit der längsten Anfahrt) und spritzte mir ein erstes Medikament. Danach kam eine Sauerstoffmaske, um mich mit selbigen anzureichern. Während der Prozedur bin ich dann plötzlich einfach weggenickt…

Wach wurde ich dann wieder in meinem Bett, mit OP-Hemdchen an, leichten Bauchschmerzen und einem Pflaster am Finger (ich weiß immer noch nicht, wozu das ist!). So schnell wie nach der Magenspiegelung wurde ich aber nicht wach. Ich war zwar ansprechbar und erkannte meine Tante, die kurz hinein kam, war aber immer kurz davor wieder einzuschlafen. Trotzdem kam ich relativ schnell wieder zurück auf Station. Wieder in das Zweibettzimmer. Man sagte mir zwar, dass ich auch in ein Einzelzimmer konnte. Da ich mich aber mit der Bettnachbarin gut verstand, blieb ich. Wenn es mir gut ginge, könnte ich am Abend etwas essen. 

Erste Schmerzmittel, später ging meine Tante mit mir den Essensplan durch. Gegen Mittag schlief ich auch eine Weile. Nur dann kamen die Schmerzen zurück. Die Schwester konnte mir geben was sie wollte. Nach etwa zwei Stunden waren die Schmerzen wieder kaum zu ertragen. Übel wurde mir auch immer wieder. Auf das Abendessen verzichtete ich somit freiwillig. Mir war nicht nach Essen und auch mit dem Trinken musste ich vorsichtig sein. Gegen 8 Uhr versuchte ich dann während einer weiteren Gabe von Schmerzmitteln einfach zu schlafen. Ich wurde kurz noch einmal von einem Arzt geweckt, der wegen der Schmerzen noch einmal auf meine Wunden schaute. Doch da schien alles ok. Und ich schlief weiter… Die ganze Nacht am leeren Tropf hängend. Wieso den keiner entfernt hat? 

Ich weiß immer noch nicht, wieso ich gestern auf kam ein Mittel ansprach. Psychisch wird es nicht gewesen sein, da eine Folge Star Trek auch keine Erleichterung brachte. Hatte man hier auf Station etwas falsch eingeschätzt? Heute morgen habe ich erfahren, dass die Gallenblase wohl ziemlich angeschwollen war und man deshalb die Bauchdecke hat gut anheben müssen. Wahrscheinlich werde ich deshalb stärkere Schmerzen gehabt haben…