Archiv der Kategorie: Alltagserlebnisse

Und dann war alles weg, in Kisten verschwunden (Teil 4)

[Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung. Bitte lest zunächst die vorherigen Teile, sonst werden euch hier einige Informationen fehlen. Teil 1, Teil 2, Teil 3]

Nächster Morgen, dieses Mal klappte es auch auf Anhieb mit dem Frühstück. Ich schlug zugegebener Maßen noch kräftiger zu als am Vortag. Aber hey … ich hatte einen ganzen Umzug vor mir und wusste nicht, wann ich das nächste Mal würde was Essen können. Dann fuhr ich zu einer Kommilitonin, mit der Zusammen wir hoch zu der alten Wohnung fuhren, um schnell ein paar Sachen beiseite zu schaffen. Damit die weder in Umzugskisten verschwanden, noch versehentlich kaputt gingen. Dabei stellte ich fest, dass zum Glück die Koffer im Keller absolut nichts abbekommen hatten. Das Löschwasser war zwar tatsächlich in den Keller gelaufen, aber mein Kellerabteil lag ganz hinten. Und zum Glück auf der entgegengesetzten Seite zur Brandwohnung. Nicht nur Glück für mich, da auch ein Koffer meiner Mitbewohnerin vom September noch immer dort stand. Den schnappte ich mir auch dann, um die Sachen zusammen zu packen. Besonders schwer durfte er ja nicht werden. Ein paar Sachen zum Wechseln, ein paar wichtige Ordner (z.B. sämtliche Diagnoseunterlagen), Maus und … meine Obelixtasse. Letzteres mag jetzt seltsam klingen, doch diese Tasse ist derart wichtig, dass ich sie andere noch nicht einmal benutzen lasse.

Die Umzugsfirma ließ dann ein wenig auf sich warten. Angekündigt für 9 Uhr, tauchten sie erst gegen 10 auf. Und brachten mich direkt zum Schreien, als es um eine Umzusetzende Singleküche ging. Auf dem Zettel standen Daten, die für mich nicht zutrafen. Oben in der Wohnung ging das Chaos dann weiter. Sie hatten die Info, dass auch ich eine Singleküche hätte. Nope, das war eine vollständige Küche. Und die wollte jetzt rüber in die neue Wohnung. Außerdem stellte sich heraus, dass man wohl die Masse an Gegenständen falsch eingeschätzt hatte. Jedenfalls mangelte es ständig und überall an Kartons. Zugegeben, ich besitze eine ganze Menge Bücher und DVDs. Und die werden bei Umzügen auch tatsächlich immer als erstes eingepackt. Weil am schwersten. Die Umzugsleute aber packten Mal vollkommen anders.

Zwischendurch gab es auch Blödelleien. Frei nach dem Motto, man könnte auf meinem Balkon doch jetzt wunderbar rauchen. Sieht man ja nicht mehr (zur Erinnerung, der war vollkommen schwarz vor Ruß). Ich saß die meiste Zeit nur herum und versuchte, alles zur koordinieren. Helfen konnte ich auch nicht wirklich.

Wie sehr ich tatsächlich nicht helfen konnte, stellte sich dann am späten Mittag heraus. Ich hatte mich Mal wieder in das Auto der Kommilitonin zurück gezogen, nachdem ich noch mit ein paar Fernsehreportern gequatscht hatte. Dann aber begann mein Bauch zu krampfen. Stressdurchfall. Ich ging zurück in die Wohnung und verscheuchte einen der Männer aus dem Bad. Doch es kam nichts. Also ging ich wieder runter. Wegen zunehmender Übelkeit mit einem kleinen Putzeimer in der Hand. Darauf fragten die Umzugsleute schon, ob man nicht besser einen Krankenwagen rufen sollte. So offensichtlich war es, dass es mir scheiße ging. Ich schüttelte den Kopf und setzte mich wieder ins Auto. Nur um kurz darauf sämtliches Gefühl und sämtliche Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich war im wohl heftigsten Shutdown, den ich jemals erlebt hatte. Mehr als Augenbewegungen waren zeitweise nicht möglich. Meine Sprache wurde grotesk.  Etwas anderes als einzelne Nomen, Verben und Adjektive brachte ich nicht mehr hervor. Mehr als Zweiwortsätze waren plötzlich nicht mehr drin. Die Verben waren aber auch nicht mehr länger konjugiert. Eine Situation, die auch beiden anwesenden Kommilitonen unheimlich war. Ich schaffte es dann noch, mein Handy zu nehmen (Fingerabdrucksensor sei dank!) und einen Anruf an meine Mutter zu starten. Sie gab dann die Anweisung, mich möglichst in eine ruhige Umgebung zu bringen und dort auch in Ruhe zu lassen. Ausnahmsweise fühlte ich mich dabei ziemlich unwohl, doch sie behielt Recht. Nach etwa einer Stunde war der Spuk wieder vorbei.

Dieser Shutdown sorgte dann auch dafür, dass man mich für den Rest des Tages gar nicht mehr aus dem Auto ließ. Als ich dann in der neuen Wohnung war, war jedoch alles nur halb fertig. Das Einpacken hatte zu lange gedauert. Zwar standen schon alle Möbel im Wohnraum, aber in der Küche stapelten sich nur die entsprechenden Möbel. Es hingen noch keine Gardinen. Die Nacht musste ich zum Glück noch vorhandene Duschvorhänge in die Fenster klemmen, damit ich mich nicht beobachtet fühlte. Dass ich noch eine Bettdecke fand, war wohl reines Glück (und der Tatsache geschuldet, dass ich seit einiger Zeit zwei Garnituren habe. Eine für mich, eine für Gäste. Aber beide in Übergröße). Und meine Laune sackte in den Keller. Als ich schließlich allein war, begann ich zu jammern und alles auszuschimpfen, was mir zu nahe kam. Das besserte sich erst, nachdem ich mir eine Pizza und gefüllte Pizzabrötchen bestellte und endlich wieder etwas im Magen hatte. Tatsächlich hatte ich seit dem Frühstück nur noch zwei Schokodoppelkekse und einen Apfel gegessen. Und es war mittlerweile 8 Uhr.

Nun saß ich da, inmitten einer extrem chaotischen Wohnung, und wusste nicht, wann es am nächsten Tag weitergehen würde. Die Umzugsleute wollten nochmal wieder kommen, nur wussten sie nicht wann.

Und ich wusste nicht, wie lange mein Körper diesem extremen Stress noch stand halten würde. Der Shutdown war ein überdeutliches Alarmsignal gewesen. Doch den nächsten Tag musste ich noch irgendwie schaffen. Weihnachten stand kurz vor der Tür. Wenn nicht morgen alles halbwegs in Ordnung kam, würde alles gut eine Woche still stehen. Und ich würde einfach damit klar kommen müssen. Ohne weitere Hilfe …

Zudem würde sich erst in den nächsten Tagen zeigen, wer Recht behielt. Diejenigen die sagten, ich könnte aufgrund des Geruchs eigentlich direkt alles wegwerfen … oder die sagten, dieser würde schon wieder verschwinden.

Und dann war alles weg, Teil 3

[Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung. Bitte lest zunächst die ersten beiden Teile, sonst werden euch hier einige Informationen fehlen. Teil 1, Teil 2]

Und wieder kein Schlaf. Zumindest wachte ich wieder einmal Stunden vor dem Wecker auf und konnte nicht mehr einschlafen. So war ich aber auch pünktlich zum Frühstück um 6 Uhr schon unten.

Moment. Wo war denn nun das Frühstück? Es gab zwar einen großen Bildschirm, der als Hinweisschild fungierte. Aber weiter stand da nichts. Letztendlich fragte ich einen Mitarbeiter, der mir auch freundlicher Weise half. Im Hotel wusste man durchaus, dass man ein paar Gäste von einem Hausbrand hatte. Und es hilft, das als Vorwand benutzen zu können, weshalb man neben der Leitung steht. Die Leute verstehen das definitiv besser als „Autismus“. Die nächste Verwirrung ließ aber nicht lange auf sich warten. Wieso kontrollierte niemand das Buffet? Und wie verhielt man sich da nun richtig? Egal. Als ich wieder für mich war, bediente ich mich ordentlich. Immerhin wusste ich nicht, wie viel ich den Rest des Tages über wieder Essen würde.

Und ab wieder zurück zur Vermietung. Die neue Wohnung war soweit in Ordnung. Nur musste die dort vorhandene Küche noch raus, das Klo zu Seite. Sonst würde meine Waschmaschine nicht passen. Zudem bekam ich die Zusage, dass man mir noch neue Steckdosen legen würde, sollte ich zusätzliche brauchen. Wir vereinbarten dann einen neuen Termin zur Wohnungsübergabe und Vertragsunterzeichnung. Nächster Tag, 11 Uhr.

Dann begann ich zu laufen. Zuerst zum Institut, meine Krankschreibung abgeben. Dann meinen Multimediavertrag abändern, was mich noch 50€ kosten wird. Darüber ärgere ich mich noch immer. Ich hatte einen Nachweis darüber, dass der Umzug nicht freiwillig erfolgt, und dennoch kassieren die einen ab? Na danke auch. Dann noch eine kurze Runde durch den Drogeriemarkt. Mitten im Laden erhielt ich dann den Anruf, dass der Termin für den Umzug feststand; Morgen, 9 Uhr. Folglich entfiel der Termin für die Wohnungsübergabe, ich sollte aber kurz vorher für die Schlüssel vorbei kommen.

Was also nun? Ich beendete schnell meinen Einkauf (bei dem ich wegen des Anrufs den Tee vergaß) und fuhr zurück ins Hotel, in dem ich noch eine Nacht bleiben durfte. Dort verständigte ich dann zwei meiner Kommilitonen, die zum Glück beide am nächsten Tag Zeit hatten. Und schlief erst Mal eine ganze Weile. Den Rest des Abends blieb ich dann auch auf meinem Zimmer. Der Umzug am nächsten Tag würde mich genug Nerven kosten, zerstörte man doch endgültig meinen letzten Rückzugsraum. Noch dazu der Kontakt mit zig unbekannten Menschen, die meine Wohnung sehen würden, ohne dass ich das irgendwie vorbereiten konnte. Und ich war aufgrund ständiger Erschöpfung schon seit einiger Zeit im Haushalt nachlässig gewesen. Aber ich bin ja nur eine Autistin. Wen kümmerte es schon, dass mich das alles überforderte? Dass ich den Anruf des Elektrikers eigentlich gar nicht hätte entgegen nehmen können?

Wie gesagt, ich bin ja nur Autistin. Und damit genauso wie jeder andere … nicht!

Und dann war alles weg, Teil 2

[Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung. Bitte lest zunächst den ersten Teil, sonst werden euch hier einige Informationen fehlen]

Nächster Morgen.

Manch einer würde es wohl als soziale Unsitte bezeichnen, wenn man mit dem Gastgeber per Handy kommuniziert. Wenn man aber Autist ist und noch nie in einer Wohnung war, geschweige denn darauf vorbereitet, kann das wirklich eine große Hilfe sein. So saß ich dann auch relativ entspannt mit am Küchentisch. Ohne das Handy zur Kommunikation zu nutzen 😉 Obwohl ich immer noch nicht wusste, was nun mit meiner Wohnung war. Und vielleicht gerade Mal 3 Stunden Schlaf eindeutig zu wenig waren. Unter 7 wird es normalerweise schon schwierig. Aber ich hatte einen Plan. Zuerst zur Hausärztin, mich krank schreiben lassen, dann zurück zur Wohnung bzw. zur Vermietung. Irgendwer würde mich doch wohl schon sagen können, was nun los war!

Meine Hausärztin war dann einmal mehr geschockt. Wer meinen Blog länger verfolgt weiß ja auch, dass dieses Jahr für mich wirklich nicht ohne war. Und jetzt auch noch ein Hausbrand. Ich bekam die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ohne Diskussion und fuhr dann weiter zu meiner Wohnung. Würde ich dort niemanden finden, konnte ich noch immer rüber zur Vermietung laufen. Die saßen glücklicher Weise nur wenige Straßen weiter.

Doch ich wurde schon vor dem Haus fündig. Dort stand die Polizei, die sich gerade mit der Vermietung kurzschloss. Ich klopfte schließlich am Polizeiauto und wurde darum gebeten, mich erst einmal hinten hinein zu setzen. Dort seien schon weitere Mieter und man bemühe sich darum zu arrangieren, dass wir kurz in unsere Wohnungen könnten. Die Kripo käme allerdings erst am nächsten Tag. Damit wusste ich auch direkt, dass ich an diesem Tag nicht in meine Wohnung würde zurück können.

Die anderen Mieter kannte ich dann zufällig auch flüchtig. Es war ein älteres Ehepaar aus dem dritten Stock, das ich häufiger grüßte. Während wir alle warteten, redeten wir miteinander und mit dem Polizeibeamten im Wagen. Zwischendurch stellte ich dann noch fest, dass mein Handy sich ins WLAN eingewählt hatte. Der Router in meiner Wohnung funktionierte also noch! Ich hatte zwar kein Internet, aber es war doch ein erster Hinweis darauf, dass meine Wohnung noch in Ordnung sein müsste, befand sich der Router doch relativ nahe am Fenster.

Schließlich hieß es, wir könnten jetzt kurz rein, Sachen holen. Natürlich nur unter Begleitung. Im Treppenhaus stank es furchtbar. Alle Wände waren pechschwarz vor Ruß. Oben im Flur, in dem meine Wohnung lag, ging es aber. Ich bekam nur einen Schreck, als ich die aufgebrochene Tür sah. Das war aber die Feuerwehr gewesen. Die Wohnung war quasi in dem Zustand, in dem ich sie am Tag zuvor verlassen hatte. Von schwarzen Fußspuren in demontierten Rauchmeldern einmal abgesehen. Aber ich sah auch keinen Ruß in meiner Wohnung, vom ruinierten Balkon einmal abgesehen. Und natürlich roch alles furchtbar. Trotzdem packte ich mir schnell einige Sachen zusammen und verließ die Wohnung wieder. Wenigstens ein paar Wechselklamotten hatte ich jetzt. Man schickte mich dann weiter zur Vermietung, wo man mir ein Zimmer im Hotel reservierte. Ich drehte noch eine schnelle Runde durch den Edeka, um mir etwas zu Essen zu besorgen. Das Zimmer verlassen wollte ich an diesem Tag nicht mehr. Dann ging es ab zum Hotel und aufs Zimmer.

Und wieder konnte ich nicht schlafen. Plötzlich klingelte das Handy. Die Vermietung war dran. Mit einer absoluten Hiobsbotschaft. Man sei jetzt nochmal durch die Wohnungen, nur hätten sich bei meiner die Giftstoffe den Schacht hoch gedrückt. Ich würde nicht zurück können. Mehr noch, die Wohnung müsste saniert werden und ich somit umziehen. Ob ich denn nochmal vorbei kommen könnte, damit man über mögliche neue Wohnungen sprechen könnte. Eigentlich wollte ich ja nicht mehr raus, aber unter diesen Umständen fuhr ich schnell nochmal zurück zur Vermietung. Dort hatte man auch gleich eine vom Schnitt her gleiche Wohnung für mich, im selben Stadtteil. Nur besichtigen konnte ich die an diesem Tag nicht mehr. Es war kein Licht in der Wohnung. Wir machten also einen Termin für den nächsten Morgen. Zudem sei man schon in Kontakt mit einer Umzugsfirma. Von deren Termin würde es abhängen, wann ich tatsächlich in die neue Wohnung kommen würde.

Zurück im Hotel begegnete ich im Foyer wieder dem alten Ehepaar aus der dritten Etage. Sie wussten mittlerweile, dass sie am nächsten Tag wieder in ihre Wohnung zurück können würden. Nur ich leider nicht. Ich ging zurück auf mein Zimmer und musste erst Mal meine Gedanken sortieren. Ein Umzug. Jetzt. Ohne Vorbereitung. Ohne finanzielle Reserven. Ohne jegliche Hilfe. Ich fühlte mich wieder Mal allein gelassen. Vollkommen überfordert von der Situation, und wieder ohne Hilfe. Zwar hatte ich bei der Vermietung wieder klar und deutlich gesagt, dass ich Autistin bin. Doch es war wieder keiner auf die Idee gekommen, dass ich deshalb vielleicht etwas mehr Hilfe brauchen könnte als andere. Obwohl meine Gedanken immer wieder abrissen.

Ich stand im Regen (RW) und wusste nicht, wie ich ins Trockene kommen sollte. Vorsichtig fragte ich bei einigen Bekannten nach, ob sie mir würden helfen können. Doch ich wusste ja keinen Termin. Würde ich überhaupt irgendeine Hilfe haben, wenn es akut werden würde? Und wieso musste ich meine Hilfe wieder vollkommen allein organisieren?

Fortsetzung folgt …

Und dann war alles weg, Teil 1

Warnung; Das hier ist der erste Beitrag von mehreren, in denen ich meine Erfahrungen mit einem Hausbrand vergangene Woche aufarbeiten werde. Dementsprechend werden sich hier auch einige Details finden, die vielleicht nicht jeder nervlich vertragen kann. Solltet ihr also auf derartiges empfindsam reagieren, lest diesen Beitrag besser nicht! Denn hier geht es vor allem um den Brand selbst.

Und dann war alles weg, Teil 1 weiterlesen

Und eigentlich sollen sie einem helfen …

Auch wenn der Vorfall schon ein paar Tage her ist, ich bin immer noch sauer.

Seit Februar befinde ich mich in Behandlung bei der Psychiatrischen Institutsambulanz der hiesigen Uniklinik. Wo man mich erst einmal auf Antidepressiva gesetzt hat. Ich war damit nur einverstanden, weil es eine Übergangslösung sein sollte, bis ich eine Psychotherapie machen kann. Entsprechend landete ich auch direkt auf einer Warteliste. Und die Antidepressiva schienen auch zunächst zu wirken.

Doch seit Februar ist nichts weiter passiert. Alle paar Wochen hatte ich einen Termin bei der Psychiaterin, mit der ich mich nie gut verstand. Immer hörte ich versteckte Vorwürfe, weshalb ich ausgerechnet in dieser Institusambulanz sei. Sie seien hier keine Experten für Autismus, ich sollte doch da hin. Nur, hier in Halle gibt es keine Autismusspezialisten. Ganz abgesehen davon, dass ich beim ersten Termin explizit gesagt hatte, dass ich aufgrund meiner Verdachtsdiagnosen da wäre. Zwanghafte Persönlichkeitsstörung, Angststörung, depressive Störung.  Wo seit Februar nie genauer drauf geschaut wurde.

Ich stehe auch seit Februar unverändert auf der Warteliste. Während es mir aufgrund der zunehmenden psychischen Belastung (Studium, drei Krebsfälle, davon zwei unheilbar, plus ein Fall von Multipler Sklerose in der Familie) immer schlechter geht. Wenn ich dann aber ausgerechnet zum Termin einen Komplettausfall habe und nicht vor die Tür kann, bin ich unzuverlässig und sollte am besten direkt stationär. Wäre eine heulende und schreiende Erwachsende in der Öffentlichkeit etwa besser? Für mich ist es bei einem nahenden Overload IMMER besser, zu Hause zu bleiben. Und in dem das zu erkennen und entsprechend zu handeln, bin ich mittlerweile ziemlich zuverlässig.

Meine Psychiaterin verließ dann auch im August die Ambulanz. Den regulär letzten Termin musste ich wegen der Geschichte mit meiner Gallenblase absagen.

Seitdem; Immer nur noch warten. Beim Ersatztermin geriet ich Mal wieder in einen Overload. Übrigens schon bei einem vorhergehenden Termin. Ich hatte keine Wahl, als mich in der Uni zu verstecken und so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Den nächsten Termin gab es dann auch erst wieder in 6 Wochen. Auch wenn sich mein Zustand immer weiter verschlechtere, man könnte nichts machen.

Ich weiß ehrlich nicht, was in der PIA zur Zeit los ist. Aber geheuer ist mich das ganze nicht.

Letzte Woche nun brauchte ich ein neues Rezept für meine Antidepressiva. Mein Bruder rief an und erhielt die Aussage, dass wenn ich nicht um 8 Uhr morgens antanzen würde, das Rezept am nächsten Tag fertig sei. Also bin ich gegen Mittag dort hin. Das Rezept war nicht fertig. Ich hätte ja vorher Mal anrufen können (nein, telefonieren kann ich immer noch nicht!). Bei welchem Arzt sei ich denn nun, ich hätte doch bestimmt nochmal einen Termin gehabt? Dass ich den erst im November hatte, hinterfragte dann auch keiner genauer. Also legten sie das Rezept nochmal ins Fach und sagten mir, ich sollte doch nochmal anrufen, damit ich nicht umsonst in die Stadt fahre. Wann das Rezept aber fertig sei, konnten sie mir nicht sagen.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch für genau eine Woche Medikamente.

Mal abgesehen davon, dass für mich so unklare Situationen als Autistin extrem Nervenaufreibend sind. Wie kann es sein, dass es bei einem Patienten derart unklar bleibt, ob er seine Medikamente weiter nehmen kann? Zumal dieses Medikament als Nebenwirkung hat, dass es ABHÄNGIG machen kann. Kalt absetzten birgt das Risiko von Entzugserscheinungen.

Einen Tag später war das Medikament dann tatsächlich fertig. Doch dann kam das nächste Problem. Ich hatte mir einen Splitter in den Fuß gelaufen und konnte deshalb nur noch schwerlich gehen. Plötzlich war das Medikament also außer Reichweite. Freunde hätten das Rezept nur mit einer schriftlichen Einverständniserklärung holen können. Zu viel Aufwand, wo ich sie eigentlich nicht zusätzlich unnötig belasten will.

Der rettende Einfall kam dann von meinem Vater; Rezept per Fax an die Apotheke senden. Da gab es dann erst mal einen Fehler, sodass die Apotheke nur ein leeres Rezept bekam, aber irgendwann am Nachmittag war das Rezept dann endlich da. Nur ich durch das ganze Hin- und her wieder zu fertig, um überhaupt vor die Tür zu gehen.

Deshalb fiel mir der Fehler auch erst einen Tag später auf; Das Rezept war falsch ausgestellt worden. Statt 75mg und 37,5mg Kapseln (!), fanden sich nur die 75mg Kapseln auf dem Rezept. Ich schloss mich darauf hin mit meinem Bruder kurz, damit er nochmal in der PIA anruft um darum zu bitten, ein neues Rezept auszustellen und das ebenfalls per Fax an die Apotheke zu schicken. Meinen Fuß ging es zwar zu dem Zeitpunkt wieder besser, aber ich hatte für diese Woche einen extrem straffen Zeitplan, den ich nicht umhauen durfte.

Was darauf folgte, darüber kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Was am Vortag noch ohne Probleme ging, verursachte auf einmal ein riesiges Problem. Da wurde mehrmals „per Fax“ einfach überhört und dann mein Bruder belehrt, er sollte nicht in Stichworten sprechen (was er schlicht nicht tut!), dann lag ich angeblich stationär und sie seien doch gar nicht zuständig, und an sich schicken sie ja gar nicht raus und wenn, dann nur, wenn die Apotheke vorher einen frankierten Rückumschlag sendet (wie gesagt, es ging um ein FAX!). Letztendlich wäre mein Bruder am Telefon beinahe explodiert, weil er sich bei den ganzen Fehlannahmen in diesem Gespräch schlicht verarscht vorkam. Und wusste, dass es um die Medikamente seiner großen Schwester ging, der es zur Zeit gar nicht gut geht.

Letztendlich lenkten sie dann noch ein und ich hatte über eine Woche später ENDLICH meine Medikamente. Inklusive 3 Tage Ausfall aufgrund des vollkommen unnötigen Stresses.

Im November habe ich einen Termin bei einer Psychologin außerhalb der PIA. Wenn das gut läuft, werde ich darüber versuchen, so schnell wie möglich aus der Behandlung bei der PIA raus zu kommen. Denn gut aufgehoben fühle ich mich da nicht. Vor allem nicht nach dieser Geschichte …

Ich dachte eigentlich, ich würde dort Hilfe bekommen. Nur merke ich davon leider bis heute nur sehr, sehr wenig.

Behindert … aber nicht behindert genug

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind. Scheinbar natürlich, weil ich da nur auf die Rückmeldungen aus meiner Twitter-Sphäre zurückgreifen kann. Gedankenkarussel schrieb ja jetzt auch noch einmal etwas darüber. Tatsächlich war ich sehr optimistisch, als ich in der Stellungsnahme zu meiner neuen Diagnose die sehr deutlichen Worte „mittlere soziale Anpassungsstörung“ entdeckte. Dann damit wäre nach der Versorgungsmedizinverordnung ein GdB (Grad der Behinderung) von 50 bis 70 angebracht. Sprich, nach der Ansicht wenigstens eine Ärztin bin ich schwerbehindert. Meine Hausärztin nahm zwischen zeitig sogar den Begriff einer schweren sozialen Anpassungsstörung in den Mund. Da wäre ich mindestens bei einem GdB von 80!

Nicht so aber das Versorgungsamt. Nach deren Ansicht habe ich nur leichte Einschränkungen.

Leichte Einschränkungen. Ok. Man ist also nur leicht eingeschränkt, wenn man so gut wie kein Sozialleben hat und die meiste Zeit nur zu Hause sitzt. Kinobesuche? Mal einen Kaffee trinken? Einfach Mal durch die Stadt bummeln? Einfache Spaziergänge mit Freunden? Alles bei mir extrem selten. Die meisten sozialen Kontakte pflege ich über das Internet, da die Kommunikation da die wenigstens Barrieren aufweißt und es nicht so anstrengend ist wie ein direktes Gespräch.

Es ist nur eine leichte Einschränkungen, wenn man absolut nicht telefonieren kann. Mit Ausnahme von Familie und Freunden, aber auch das nicht immer. Wenn E-Mails und Briefe immer noch gegengelesen werden müssen. Und Arzttermine nur selbst vereinbart werden können, wenn man persönlich vorbei geht.

Eine leichte Einschränkung, wenn man im Studium seit Jahren im Verzug ist, weil man einfach das als normal geltende Pensum nicht schafft. Prüfungen habe ich gerade Mal eine einzige vergeigt, ansonsten bestand ich immer direkt im ersten Versuch. Wenn die Vorlesungen immer wieder mitten drin verlassen muss, weil einem der Kopf vor Schmerzen explodiert und man sich kontrollieren muss, nicht den Arm auf die Tischkante zu schlagen oder sich mit den Fäusten gegen den Kopf zu trommeln. Wenn Gruppenarbeiten unmöglich sind, weil man mit der laschen Terminplanung der Kommilitonen nicht zurecht kommt.

Es ist eine leichte Einschränkung, wenn Einkäufe und Fahrten präzise geplant werden müssen, um nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt zu kommen.

Und, und, und …

Die Aufzählung ist noch lange nicht abschließend.

Ehrlich. Ich bin sauer, dass man meine Einschränkungen als „leicht“ einstuft. Als wäre das nichts. Dabei sehe ich mehr als genau, wie wenig ich im Vergleich zu anderen schaffe. Andere gehen fast noch jeden Abend mit Freunden aus und schaffen trotzdem ihr Studium. Für mich wäre das absolut unmöglich. Ich muss mich jetzt schon jeden Abend erholen, um überhaupt mein Forschungsgruppenpraktikum zu stemmen. Selbst Hausarbeiten sind da oft schon zu viel. Ist es Mal wieder das gängige Vorurteil, dass Menschen, die einen geregelten Lebenslauf vorweisen können und ein Studium schaffen, gar nicht so eingeschränkt sein können?

Tja. Manche Leute haben einfach Glück gehabt, dass sie immer von irgendjemanden unterstützt wurden und es eben deshalb mit ihren Einschränkungen so weit gebracht haben.

Ich habe jetzt Widerspruch gegen diesen Bescheid eingelegt. Und dabei allen Register gezogen, die ich beim Antrag selbst noch nicht mit eingebracht hatte.

Die Sache mit den „leichten Einschränkungen“ werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Vor allem nicht, wo mir eine ganze Reihe von Leuten was anderes sagt.

Zumal mir ein GdB von 30 in Punkto Nachteilsausgleiche beinahe nichts bringt. Schön. Ich bekomme jetzt für die Zeit, in der ich die Regelstudienzeit überziehe, einen Vollzuschuss vom BAföG-Amt. Das war es dann aber auch schon. Keine Zusätzlichen Urlaubstage beim HiWi, eventuell noch nicht einmal Härtefreibeträge beim BAföG …

Es bleibt abzuwarten wann ich hier berichten kann, wie das Amt auf den Widerspruch reagiert …