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Die Bedeutung von Regeln

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert wie ich bin, stellte ich alle Einkaufe auf das Kassenband. Gehört sich so. Doch plötzlich hieß es, ich sollte die Cola wieder in den Einkaufswagen stellen. Was für andere eine Kleinigkeit darstellt, führte bei mir zu einem kompletten Nervenzusammenbruch, mit dem ich auch noch einen Einsatz eines Rettungswagen auslöste. Schöne Blamage. Und das nur wegen eines Sixpacks Cola.

Der nächste Vorfall kam dann diese Woche. Ich wollte eigentlich nur noch ein paar Zutaten für ein Kürbisrisotto holen. Kein großer Einkauf, also nehme ich nur ein Einkaufskörbchen von vorne weg. Einkaufswagen ist in den engen Gängen sowieso immer eine Tortour. Aber als ich dieses Mal an der Kasse stehe und das Körbchen dort abstelle, wie man es eben so tut und wie ich es auch in dem Laden seit Anfang an immer gemacht habe, heißt es plötzlich, nein, Körbchen direkt wieder nach vorne. Dieses mal ging es mir noch gut genug, dass der Zusammenbruch erst zu Hause kam.

Im Moment weiß ich noch immer nicht, wie ich weiter an meine Lebensmittel kommen soll … der Supermarkt, in dem ich seit über 2 Jahren schon einkaufe, wird durch diese Vorfälle immer mehr und mehr zu einem feindlichen Gebiet. Weil es auch nichts bringt, wenn ich die Probleme anspreche. Dann soll ICH doch verstehen. Nur mich versteht keiner.

Aber wieso bringen solche vermeidlichen Kleinigkeiten mich überhaupt immer sofort an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bzw. sorgen direkt für einen Overload?

Seit ich mich erinnern kann, versuche ich mein gesamtes Leben, mein gesamtes Umfeld und jede potentielle Situation mit Regeln zu definieren. Regeln die Beschreiben, wie bestimmte Dinge abzulaufen haben. Selbst Freundschaften definiere ich über solche Regeln. Beziehungen. Natürlich klappt es nicht überall, aber so versuche ich mir Dinge verständlich zu machen, die ich nicht so intuitiv verstehe wie andere. Vor allem eben auch Verhaltensregeln für mich selbst. Wie eben „Beim Einkauf gehören ALLE Waren aufs Band!“ oder „Das Körbchen wird an der Kasse wieder abgestellt.“ Weitere Regeln im Bezug auf den Einkauf sind aber auch „Du gehst nicht mit fremden Einkäufen in ein Geschäft.“ oder „Du gehst nicht mit Einkaufstaschen eines anderen Ladens in ein Geschäft. Außer, sie können keine Konkurrenten sein.“ Letzteres ist so zu verstehen, dass ich durchaus mit einer Tasche der Mayerschen Buchhandlung in einen Edeka gehen kann, aber eben nicht mit einer Tasche von Lidl oder Aldi. Diese Regeln dürfen auch nicht gebrochen werden. Weil ich dann Angst habe, dass ich in eine Situation gerate, mit der ich nicht klar komme. Aus denselben Grund halte ich mich auch akribisch an jede Regeln, die man mir einmal mitteilt, oder die klar erkennbar aushängt. Brötchen in der Selbstbedienungstheke würde in niemals mit der Hand anfassen. Eher verzichte ich auf das Brötchen, wenn Mal wieder keine Zange da ist. Eher mache ich mir Umstände, als mit einem Rucksack in einen Laden zu gehen. Selbst wenn dieser derart brechend gefüllt ist, dass ich ihn eh nicht zum Einkaufen nutzen kann (wobei es hier ein paar Ausnahmen in der Innenstadt gibt).

Wenn jetzt aber eine dieser Regeln extern für ungültig erklärt wird und noch mitten in einer anderen Routine mit zig Regeln stecke, passiert genau folgendes; Mein Kopf blockiert. Kopfschmerzen, Handlungsunfähigkeit und/oder extreme Wut. Anders gesagt; Man katapultiert mich augenblicklich in einen Overload. Der je nach dem extrem schnell in einen Meltdown oder Shutdown übergeht. Auf jeden Fall nichts, mit dem ich mich noch gesellschaftskonform geben kann.

Nur wird das natürlich nicht verstanden. Meine Einwände werden wegdiskutiert, und ich stehe mit dem Problem alleine da. Dass ich nur versuche, ein selbstständiges Leben aufrecht zu erhalten, versteht anscheinend niemand. Ich bin die seltsame, die komische. Dass für mich DIE mit ihren plötzlichen Änderungen das Problem sind, dass so lange sich auch die Umwelt an bestimmte Regeln halten würde alles in Ordnung wäre … ich frage mich langsam, wer das überhaupt so sieht. Es ist wohl auch mal wieder das typische Problem, dass man mir meine Behinderung nicht ansieht. Doch komme ich eben aufgrund einer Behinderung mit diesen Umständen nicht klar.

In einer für mich inklusiven Umgebung gäbe es am Eingang oder entsprechender Stelle einen Aushang, wo alles klar säuberlich definiert ist, wie sich ein Kunde zu verhalten hat. Was mit den Getränken an der Kasse passieren soll. Oder eben mit den zur Verfügung gestellten Einkaufskörbchen. Nur, wo existiert so etwas?

Und so fühle ich mich nur wieder wie Abschaum. Erstklassige Studentin, zu blöd zum Einkaufen.

Danke. Als hätte ich nicht schon genug Probleme … und sei es nur, wie ich in Zukunft die kleinen Einkäufe vorne im Supermarkt erledige. Taschen und Rucksäcke, alles im Laden verboten. Und ich weiß nicht wen ich verbindlich fragen kann, ob ich meinen eigenen Korb nutzen kann. Den müsste ich wenigstens nicht an irgendwelchen Orten abstellen, die plötzlich beliebig geändert werden …

Edit: Es stellt sich zudem die Frage, wohin dieses Problem tatsächlich gehört. Vielleicht ist es auch eines, das ich aufgrund meiner zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe. Doch der Autismus spielt meines Empfinden nach definitiv mit hinein … weshalb für mich die Unterscheidung auch ehrlich gesagt enorm schwer fällt. Wo hört der Autismus auf, wo fangen die psychischen Krankheiten an? Bei Depression ist es definitiv leichter als hier.

Die Sache mit den Gefühlen

Kaum mach ich’s Maul zu.

Da kündige ich vor ein paar Tagen an, aufgrund des ständigen Klischees zu Autisten und Gefühlen etwas darüber schreiben zu wollen, da kommt der nächste mit diesem Klischee um die Ecke. Einmal mehr jemand mit nicht geringer Reichweite.

Was interpretiert man aus dieser Aussage? Dass Autisten keine Gefühle haben und es erst einmal lernen müssen, oder?

Weit gefehlt. Natürlich gibt es Autisten, die keine Gefühle haben. Das nennt man dann Alexithymie und kann genauso gut bei Nicht-Autisten vorkommen. Ist also nichts autismusspezifisches. Es taucht auch gar nicht in den Diagnosekriterien auf. Höchstens der Ausdruck von Gefühlen wird beachtet. Tatsächlich wurde auch meine eigene Diagnose dadurch gestärkt, dass die Psychologin selbst nicht erkennen konnte, wie ich gerade fühle.

Und ich denke, genau da liegt der Knackpunkt. Nicht-Autisten sehen anderen ihre Gefühlen an, uns Autisten aber aufgrund veränderter oder fehlender Ausdrucksweise hingegen nicht. Fehlschluss; Autisten haben keine Gefühle.

Manchmal kommt es mir jedoch so vor, als wären meine Gefühle simpler. Ich kenne Gefühle wie Trauer, Wut, Frust, Angst, Sorge, Schuld, Freude, Zuneigung … aber manchmal scheint es mir, als würden ein paar Abstufungen bei mir fehlen, die bei anderen existieren. Und ganz schwierig wird es, wenn ich Gefühle direkt beschreiben soll. Meistens kommt da genau; nichts. Zu beschreiben, was ich gerade fühle, ist eine der schwierigsten Aufgaben, die man mir stellen kann. Denn meistens muss ich erst einmal lange darüber nachdenken, wie ich überhaupt beschreiben kann, was ich fühle. Es ist also eher das übliche Problem „wie drücke ich mich aus, so dass mich mein Gegenüber versteht?“. Und gerade bei Gefühlen hat man keine feste Definition, an die man sich halten kann. Wie soll man etwas verständlich beschreiben, das vollkommen subjektiv ist? Vor allem, wenn man so schon Kommunikationsprobleme hat und versucht, auf Teufel kommt raus alles richtig zu machen.

Deshalb beantworte ich die Frage auch oft mit „Ich weiß es nicht.“ Was dann aber eher heißt, dass ich keine Wörter für die Gefühle habe bzw. zu lange darüber nachdenken müsste, als es für eine Antwort akzeptabel wäre.

Ganz schlimm wird es übrigens, wenn man mich nach meinen Gefühlen in der Vergangenheit fragt. Ich habe nur für einzelne Situationen im Gedächtnis, was ich damals wirklich gefühlt habe. Zudem wurde ich schon häufiger zu meinen Gefühlen in Situationen gefragt, wo ich gar nicht weiß, was ich da hätte fühlen sollen. Wenn ich zum Beispiel bei der Arbeit konzentriert arbeite, muss ich da überhaupt irgendwas fühlen? Natürlich. Wenn etwas einfach nicht klappen will, bin ich frustriert. Wenn etwas gut läuft, bin ich zufrieden. Aber dieses Konzept, praktisch ständig irgendwas fühlen zu müssen, erschließt sich mir nicht.

Vor allem weil es bei mir auch oft Episoden gibt, bei denen ich tatsächlich gar nichts mehr fühle. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Phasen extremer Erschöpfung in Folge eines Overloads. Da ist tatsächlich irgendwann einfach nichts mehr. Nur noch Erschöpfung. Was definitiv besser ist als ein Meltdown, der meistens mit purer Verzweiflung einhergeht.

Und nach außen hin kommt von allem her kaum etwas. Oder falsch. Meine eignen Eltern verwechseln bei mir oftmals Konzentriertheit mit Verärgerung, weil ich konzentriert gerne etwas grimmig gucke. Andererseits sah man mich sehr wohl stundenlang breit grinsend, als ich auf der LBM ein großes Plüsch-Patamon erstehen konnte, was für den Rest des Tages im Arm durch die Messehallen getragen wurde. Also manchmal sieht man es mir an. Dann müssen aber die Gefühle überschwänglich sein, sodass ich sie beim besten Willen nicht mehr verschließen könnte.

Und tatsächlich verschließe ich manches so tief innen drin, dass ich gar nicht darüber reden kann. Wenigstens beim Thema Liebe. Die drei Worte „Ich liebe dich“ habe ich in 5 Jahren nie über die Lippen bringen können. Bei einem Liebesgeständnis einem anderen Mann gegenüber habe ich gezittert und geheult und am Ende doch um den heißen Brei herum geredet. Er hat aufgrund meiner Reaktion zum Glück trotzdem verstanden, was los war. Doch in dem Moment hat es sich so angefühlt, als müsste ich mein Inneres zerreißen, um ihn das überhaupt sagen zu können (oh, ein Beispiel für eine Situation, wo ich mich an Gefühle erinnern kann …) . Und auch sonst ist da einfach eine komplette Blockade, die mich davon abhält etwas in der Richtung zu sagen. „Ich mag dich“ sage ich übrigens aus ähnlichen Gründen ebenso wenig. Ob ich jemanden mag oder nicht, merkt man viel mehr an meinen Handeln als an irgendwelchen Gesten oder eben Aussagen. Versuche ich der Person ständig zu helfen und ignoriere ich dabei meine eigenen Grenzen, ist das schon nicht ganz ohne Bedeutung. Und wenn es nur um Quarkkeulchen geht, die noch zur Weihnachtsfeier mitgebracht werden, weil ein vorheriges Treffen abgesagt wurde.

Es wäre schön, wenn dieses Vorurteil sich irgendwann Mal auflösen würde. Denn immer und immer wieder als emotionslos beschrieben zu werden, obwohl man das überhaupt nicht ist, ist ziemlich verletzend.

Die Sache mit der Empathie

Neulich durfte ich Mal wieder lesen, dass Autisten per se keine Empathie hätten. Was wenigstens genauso „beliebt“ ist wie das Vorurteil, dass Autisten überhaupt keine Gefühle hätten.

Ironischer Weise saß ich zu diesem Zeitpunkt mit einer anderen Autistin in der Straßenbahn. Kurz zuvor hatten wir in der Innenstadt ein wunderbares Gegenbeispiel geliefert. Sie hatte mit einer unvermittelt ausgelösten SI meinen Einkaufsplan komplett durcheinander gebracht, den ich dann notgedrungen improvisieren musste. Was zwar soweit klappte, aber unglaublich viele Ressourcen kostete. Wäre vielleicht noch nicht einmal so schlimm gewesen, würde besagte Autistin mir nicht schon seit Tagen vorhalten, dass ich besser auf mich aufpassen sollte (womit sie leider auch nicht ganz Unrecht hat). Letztendlich kam es bei mir zu einer kleinen Wutspitze, und sie brach gleich in Tränen aus wo sie Begriff, was sie da eigentlich angestellt hatte. Woraufhin meine Wut direkt verpuffte und ich begann sie zu trösten … wie war das mit der fehlenden Empathie? Ich war auch zu keinem Zeitpunkt wirklich wütend gewesen, weil ich verstand, dass sie einfach alles andere um sich herum vergessen hatte. Damit leider auch mich, die irgendwie die Einkäufe auf die Reihe bekommen musste …

Doch zurück zur Straßenbahn. Besagte Autistin bekam eine Reaktion auf diese Unterhaltung dann ebenfalls mit

Und augenblicklich hatte ich meine Sitznachbarin in einer furchtbaren Mischung aus Shutdown und getriggertem Trauma. Kurzum; Sie saß heulend und zitternd neben mir und konnte sich anscheinend kaum noch bewegen.

Was tue ich empathielose Autistin also? Rede beruhigend auf sie ein und frage sie, ob wir weiter fahren sollen (wir waren genau zwei Stationen vom nächsten Umstieg entfernt, ab da hätten wir auch zur Not laufen können), oder die Bahn verlassen. Letztendlich haben wir es zurück zu meiner Wohnung geschafft. Ohne irgendwelche Notarzteinsätze auszulösen.

Zugegeben. Was genau in ihr vorging, konnte ich in diesem Moment nicht erkennen. Bin ich denn Betazoidin*? Aber es tat mir Leid, sie so sehen zu müssen. Aber wie auch die Kinder von Anita handel ich sehr lösungsorientiert. Als Seelsorgerin eigne ich mich sicherlich eher weniger.

Es gab in den letzten Tagen noch sehr viel mehr solcher Beispiele. Ich im Meltdown (mit selbstverletzenden Verhalten), sie nur einige Minuten später handlungsunfähig im Shutdown. Ich wütend, sie wütend. Oder umgekehrt. Das funktioniert selbst, wenn sie auf andere schimpft. Nach einer Schimpftirade, in der ich nicht angesprochen war, musste mein Schreibtisch einen heftigen Schlag einstecken (den er zum Glück gut verkraftet hat).

Überhaupt, negative Stimmungen sind für mich nur schwer zu ertragen. Wenn jemand im Zimmer schlecht gelaunt ist, scheint sich das immer früher oder später auf mich zu übertragen. Ganz abgesehen davon, dass ich meistens nicht weiß, woher diese Laune kommt oder was diese verursacht hat. Denn gerade die Ursache will ich ja beheben. Deshalb fungiere ich innerhalb der Familie auch sehr oft als Streitschlichter. Wenn der eine Streit mit dem anderen hat, verletzt es mich und ich versuche dann häufig dem jeweils einen zu erklären, was der andere denkt, damit sich der Streit hoffentlich wieder legt. Denn allzu oft sind das innerhalb der Familie dumme Missverständnisse.

Überhaupt, Streits und Konflikte. Wie vorhin schon erwähnt reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn jemand in meiner Umgebung schimpft. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn ich mich zwischen den Fronten befinde und die verbalen Schläge von beiden Seiten abbekomme. So geht es mir seit einigen Zeit beim Bafög-Amt. Mein Vater regt sich regelmäßig über die auf und ist mit den Antworten nicht zufrieden, aber ich muss mich dann immer noch mit dem Amt beschäftigen. Ein Antrag auf Amtshilfe ist schon einmal komplett ins Leere gelaufen, da mein Hinweis darauf, dass Briefe nicht ankommen, einfach Mal ignoriert wurde …

Ich wage daher Mal zu behaupten, dass ich mitnichten keine Empathie hätte. Im realen Leben eher sogar zu viel. Auch wenn es für mich quasi unmöglich ist, die Stimmung allein anhand von Mimik und Tonfall zu erkennen. Selbst heute verwechsle ich bei meiner Mutter regelmäßig Müdigkeit mit Frust/schlechter Laune. Das nächste Problem ist meine eigene Gefühlswelt, aber das ist einen eigenen Beitrag wert. Wenn ich im Netz mit Personen schreibe, prallt jedoch umgekehrt vieles von mir ab. Es ist und bleibt kompliziert. Aber die komplette Absprache von Empathie bei Autisten ist schlicht falsch und leider ein zu verbreitetes Klischee …


* Für diejenigen, die kein oder nur wenig Star Trek kennen; Betazoiden sind eine humanoide und telepatisch begabte Spezies, die vor allem die genauen Gefühle der Humanoiden in ihrer Umgebung wahrnehmen können.

Behindert … aber nicht behindert genug

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind. Scheinbar natürlich, weil ich da nur auf die Rückmeldungen aus meiner Twitter-Sphäre zurückgreifen kann. Gedankenkarussel schrieb ja jetzt auch noch einmal etwas darüber. Tatsächlich war ich sehr optimistisch, als ich in der Stellungsnahme zu meiner neuen Diagnose die sehr deutlichen Worte „mittlere soziale Anpassungsstörung“ entdeckte. Dann damit wäre nach der Versorgungsmedizinverordnung ein GdB (Grad der Behinderung) von 50 bis 70 angebracht. Sprich, nach der Ansicht wenigstens eine Ärztin bin ich schwerbehindert. Meine Hausärztin nahm zwischen zeitig sogar den Begriff einer schweren sozialen Anpassungsstörung in den Mund. Da wäre ich mindestens bei einem GdB von 80!

Nicht so aber das Versorgungsamt. Nach deren Ansicht habe ich nur leichte Einschränkungen.

Leichte Einschränkungen. Ok. Man ist also nur leicht eingeschränkt, wenn man so gut wie kein Sozialleben hat und die meiste Zeit nur zu Hause sitzt. Kinobesuche? Mal einen Kaffee trinken? Einfach Mal durch die Stadt bummeln? Einfache Spaziergänge mit Freunden? Alles bei mir extrem selten. Die meisten sozialen Kontakte pflege ich über das Internet, da die Kommunikation da die wenigstens Barrieren aufweißt und es nicht so anstrengend ist wie ein direktes Gespräch.

Es ist nur eine leichte Einschränkungen, wenn man absolut nicht telefonieren kann. Mit Ausnahme von Familie und Freunden, aber auch das nicht immer. Wenn E-Mails und Briefe immer noch gegengelesen werden müssen. Und Arzttermine nur selbst vereinbart werden können, wenn man persönlich vorbei geht.

Eine leichte Einschränkung, wenn man im Studium seit Jahren im Verzug ist, weil man einfach das als normal geltende Pensum nicht schafft. Prüfungen habe ich gerade Mal eine einzige vergeigt, ansonsten bestand ich immer direkt im ersten Versuch. Wenn die Vorlesungen immer wieder mitten drin verlassen muss, weil einem der Kopf vor Schmerzen explodiert und man sich kontrollieren muss, nicht den Arm auf die Tischkante zu schlagen oder sich mit den Fäusten gegen den Kopf zu trommeln. Wenn Gruppenarbeiten unmöglich sind, weil man mit der laschen Terminplanung der Kommilitonen nicht zurecht kommt.

Es ist eine leichte Einschränkung, wenn Einkäufe und Fahrten präzise geplant werden müssen, um nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt zu kommen.

Und, und, und …

Die Aufzählung ist noch lange nicht abschließend.

Ehrlich. Ich bin sauer, dass man meine Einschränkungen als „leicht“ einstuft. Als wäre das nichts. Dabei sehe ich mehr als genau, wie wenig ich im Vergleich zu anderen schaffe. Andere gehen fast noch jeden Abend mit Freunden aus und schaffen trotzdem ihr Studium. Für mich wäre das absolut unmöglich. Ich muss mich jetzt schon jeden Abend erholen, um überhaupt mein Forschungsgruppenpraktikum zu stemmen. Selbst Hausarbeiten sind da oft schon zu viel. Ist es Mal wieder das gängige Vorurteil, dass Menschen, die einen geregelten Lebenslauf vorweisen können und ein Studium schaffen, gar nicht so eingeschränkt sein können?

Tja. Manche Leute haben einfach Glück gehabt, dass sie immer von irgendjemanden unterstützt wurden und es eben deshalb mit ihren Einschränkungen so weit gebracht haben.

Ich habe jetzt Widerspruch gegen diesen Bescheid eingelegt. Und dabei allen Register gezogen, die ich beim Antrag selbst noch nicht mit eingebracht hatte.

Die Sache mit den „leichten Einschränkungen“ werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Vor allem nicht, wo mir eine ganze Reihe von Leuten was anderes sagt.

Zumal mir ein GdB von 30 in Punkto Nachteilsausgleiche beinahe nichts bringt. Schön. Ich bekomme jetzt für die Zeit, in der ich die Regelstudienzeit überziehe, einen Vollzuschuss vom BAföG-Amt. Das war es dann aber auch schon. Keine Zusätzlichen Urlaubstage beim HiWi, eventuell noch nicht einmal Härtefreibeträge beim BAföG …

Es bleibt abzuwarten wann ich hier berichten kann, wie das Amt auf den Widerspruch reagiert …

Krankenhaus-Karteikarten

Da ich ja demnächst nochmal stationär in Behandlung gehen muss, möchte ich einige Karteikarten erstellen, die bei der Kommunikation mit dem Krankenhauspersonal helfen sollen. Die Karteikarten werden zudem immer wieder überarbeitet, wenn es neue Ideen/Anmerkungen/Hinweise/Ergänzungen gibt.

Vielleicht kann sie der ein oder andere ebenfalls gebrauchen.

Aktuelle Version vom 31.07.2017 (2. Version mit neuen und überarbeiteten Karten)

Karteikarten_KH (doc)

Karteikarten_KH (docx)

Karteikarten_KH (odt)

Karteikarten_KH (pdf)

In den Klammern finden sich jeweils die Dateiformate der Dateien. Bis auf die pdf sind alle Dateien bearbeitbar, sofern die Sicherheitseinstufungen des verwendeten Programms entsprechend angepasst werden (z.B. Word sperrt grundsätzlich erstmal die Bearbeitung von heruntergeladenen Dateien). Je nach Programm kann leider die Formatierung etwas zerstört sein. Sie sollte sich aber leicht repaieren lassen.

Die Karten selbst sind im A6-Format.

Wer Ergänzungen hat; Immer her damit 😉