Der geballte Hass – Teil 2

Ziemlich genau 27 Wochen ist es jetzt her, dass ich zu den Hasstiraden auf Twitter gegenüber Greta Thunberg Mal Klartext redete. 27 Wochen, in denen die Proteste im Rahmen von Fridays for Future (zum Glück!) immer weiter liefen. Grund genug haben sie nach wie vor.

27 Wochen, in denen aber auch der Hass einfach kein Ende nahm. Im Gegenteil. Seit einigen Tagen scheint nochmals schlimmer zu werden. Damit ist keinesfalls die Art der Hasspostings gemeint. Die haben sich in ihrer Form im Vergleich zum Januar praktisch nicht geändert. Immer noch wird Greta munter als Lobby oder elterngesteuerte Marionette dargestellt. Man nimmt eine Metapher der Mutter „sie könne CO2 sehen“ zum Anlass, Greta Wahnsinn zu unterstellen, indem man sie einfach wörtlich nimmt. Die bestehende Autismus-Diagnose wird abgesprochen, andere Diagnosen aus der Ferne einfach Mal unterstellt. Der Mutter Alkohol-Konsum in der Schwangerschaft unterstellt.

Alles, um sich ja bloß nicht mit den Inhalten dessen beschäftigen zu müssen, wofür sich Greta Thunberg seit nun einem Jahr mit aller Kraft einsetzt.

27 Wochen, in der sich zu viele Leute zu bequem sind Mal klar Stellung zu beziehen. Vereinzelt war doch Mal zu lesen, dass es sich bei der Hetze gegenüber Greta um Behindertenfeindlichkeit handelt. Doch die meisten ziehen es wohl vor, die damit verbundenen Abgründe der deutschen Gesellschaft zu ignorieren. Frei nach dem Motto „eine öffentliche Person muss mit so etwas klar kommen“. Mit Hass, der auf Abwertung des Seins von 1-2% der Bevölkerung basiert? Der eine menschenverachtende Einstellung gegenüber diesem Teil der Bevölkerung nur überdeutlich sichtbar macht? Was hier noch immer ignoriert wird ist, dass diese Angriffe eben nicht nur Greta treffen. Es zeigt sich wieder Mal: Die Belangen von Menschen mit Behinderung werden in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen. Selbst wenn es um derartige Angriffe geht …

Schlechte Verteidigung

Manch einer versucht der Hetze ihre Wirkung zu nehmen in dem er oder sie erklärt, dass Greta mit ihrem Asperger-Syndrom gar nicht behindert sei. Wie ich schon beim letzten Mal schrieb, ist das nicht nur falsch, sondern auch höchst problematisch. Zum einen lässt man damit weiterhin zu, dass Menschen mit Behinderung mit Verachtung begegnet wird. Zum anderen bringt man damit Autisten (insbesondere die mit der alten Diagnose Asperger-Syndrom) in die Situation sich ständig für ihre Probleme rechtfertigen zu müssen. An notwendige Hilfen und Unterstützungen zu kommen wird dadurch nur noch schwieriger. In einer Situation, in der man mit einer nicht-sichtbaren Behinderung auch so schon um jede Hilfe furchtbar kämpfen muss. Davon wird Greta sicherlich nicht unbetroffen bleiben. Was sich besonders darin zeigt, dass man sie und ihre Leistungen speziell als Beispiel benennt, weshalb sie nicht behindert sein könne und Asperger-Autisten im Allgemeinen eben ebenfalls nicht. Das Bild, ein Mensch mit Behinderung könnte nichts leisten, ist offensichtlich noch viel zu stark in den Köpfen der Menschen verankert.

Teils werden dann sogar diejenigen angefeindet, die offen die Behindertenfeindlichkeit gegenüber Greta als solche benennen. Es ginge ja nicht, dass man sie überhaupt als „behindert“ bezeichne. Dazu muss man sagen: Die negative Verwendung des neutralen Begriff „behindert“ ist auch nur eine weitere Ebene der, Überraschung, Behindertenfeindlichkeit gegenüber aller Menschen mit Behinderung. Und Behindertenfeindlichkeit nicht als solche zu benennen hilft am Ende nur einem: Demjenigen, der diese zum Ausdruck bringt. Sprich, dem Angreifer.

Flut an Vorurteilen

Nicht zu verachten ist auch die Menge an Falschinformationen, die in diesem Zusammenhang über Autismus wieder Mal verbreitet wird. Sowohl von den Hetzern, als auch von den Verteidigern. Vor allem durch letztere zeigt sich wieder Mal deutlich, wie viel fehlerhaftes Wissen zu Autismus in der Gesellschaft existiert.

Jetzt könnte man sich natürlich fragen, ob es da in den letzten Wochen nicht eine Veränderung gegeben haben könnte. Doch die Frage ist schnell beantwortet. Ganz und gar nicht. So bezeichnen z.B. diverse Artikel (auch über Greta) das Asperger-Syndrom als Krankheit/Erkrankung. Erst die Tage ging ein Artikel durch verschiedene Medien, in denen das Asperger-Syndrom „erklärt“ werden sollte. Doch las sich dieser wie eine Auflistung an Vorurteilen, begonnen beim angeblichen Empathiemangel von Autisten, weiter zur falschen Annahme der generell schwachen Ausprägung der Symptome des Autismus beim Asperger-Syndrom. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass diese Art von Artikeln alles andere als hilfreich ist. Auf diese Weise werden Vorurteile nur weiter zementiert, statt sie aufzubrechen

Was aber tun?

Auch wenn es nach wie vor klar ist, dass die Behindertenfeindlichkeit hier vor allem von den Inhalten der Klimakrise ablenken soll. Ich bin noch immer dagegen, eben diese einfach zu ignorieren und nichts zu tun. Ein fehlendes Gegensprechen würde diese Leute nur in ihrem Handeln bestätigen und bestärken. Und es sind noch immer zu wenige die klar sagen: So nicht! Vor allem auch zu wenige, die nicht mit den Folgen dieser Behindertenfeindlichkeit im alltäglichen Leben zurecht kommen müssen. Wie ich schon beim letzten Mal schrieb, es ist falsch zu behaupten, diese würde nur Greta betreffen. Nein. Es betrifft ALLE Autisten.

Doch zur Zeit scheint es, als würde man diese lieber mit den Folgen dieser Hetze alleine lassen. Weil man Autisten generell lieber ignoriert? Weil man nicht sehen will, welche verachtende Einstellung Teile der Gesellschaft haben? Weil man diesen Hass nicht auf sich ziehen will? Weil man zu bequem ist? Ich weiß es nicht. Aber es macht mir große Sorgen …

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