Folgen der Nicht-Sichtbarkeit: Ein Beispiel

Wer öfters im IC oder ICE unterwegs ist, hat sie sicherlich schon Mal gesehen: Die Anzeige „Schwerbehinderte“ bei der Reservierung. Die Anzeige führt auch tatsächlich dazu, dass sich einige Menschen ohne Behinderung dort eher zögerlich hin setzten. Denn die Regel auf diesen Plätzen ist klar: Kommt jemand mit einer Schwerbehinderung, sind diese Plätze frei zu geben. Woran sich nur leider nicht jeder halten mag.

Wer auf Twitter mit liest hat sicherlich schon mitbekommen, dass ich seit März ungewöhnlich oft von Halle nach Berlin fahre. Nun liegt Halle auf der Schnellstrecke München-Berlin, womit Berlin mit dem ICE meistens nur 1:10 entfernt ist. Gehalten wird nach Halle meistens nur noch in Berlin-Südkreuz. Aufgrund der Kürze der Strecke verzichte ich daher auf der Strecke oft auf meine sonst notwendige Sitzplatzreservierung und nehme einen der Plätze für Schwerbehinderte ein. Wenn man nur einen Zwischenhalt hat, ist das Risiko ja auch relativ gering, dass noch jemand mit einer Reservierung kommt (und selbst wenn, ist der Zwischenhalt nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, wo ich eh meistens den Zug wechsel). So auch letzten Dienstag, wo ich wieder für ein Jobgespräch in Berlin war.

Auf der Hinfahrt ärgerte ich mich noch ein wenig, dass ich erst am Bahnsteig ermitteln konnte, dass die gesuchten Plätze in Wagen 7 sind. Online war diese Information einfach nicht zu finden. Die Rückfahrt aber sollte noch ganz anders werden …

Ausgangslage

Wie gesagt, bei der Rückfahrt kam ich gerade mehr oder weniger von einem Jobgespräch. Auch wenn das insgesamt gut gelaufen war, hatte es mich doch einige Reserven gekostet. Und sei es aufgrund der vollkommen ungewohnten Situation, dass jemand per Skype zugeschaltet wurde. Noch dazu musste ich vorher meinen Getränkevorrat wieder auffüllen. Bei über 30°C im Schatten kommt man mit einem Liter kühlen Tee in der Tasche eben doch nicht hin. Als sei das nicht genug, bewege ich mich in Berlin fast grundsätzlich in unbekannter Umgebung. Entsprechend viel Energie geht dann auch für Orientierung drauf. Und sei es nur um zu erkennen, wo es bei einer unübersichtlichen Kreuzung nun bitte mit einer Ampel auf die andere Straßenseite geht. Dementsprechend angegriffen war ich schon, als ich wieder am Bahnhof stand und zum Startbahnhof des ICE wollte. Tja, und diesen promt am Hauptbahnhof vermutete, obwohl ich zum Ostbahnhof musste. Zum Glück war ich immer noch etwas zu früh dran, sodass ich das noch ausgleichen konnte 1.

Am Ostbahnhof merkte ich schon, dass bei mir kaum noch etwas funktionierte. Ich lief tatsächlich wie ein Roboter, was nicht allein den Pumps geschuldet war. Noch dazu musste ich Gedanken jetzt verbal äußern, um sie überhaupt noch halten zu können. Hoch zum Gleis, ungefähren Haltepunkt von Wagen 25 erfassen (wo die Plätze sein sollten), und möglichst schnell in den Zug rein. Ich wusste schon, dieser Zug würde voll sein. Aber tatsächlich schaffe ich es einen der Plätze für Schwerbehinderte einzunehmen, bevor sich dort irgendwer anderes hin setzte.

Tja, für gewöhnlich hätte ich ab dieser Stelle meine Ruhe gehabt und somit die Möglichkeit, den Overload abzufedern. Nur begann dann schnell etwas, was absolut unnötig gewesen wäre …

Ist der Platz hier noch frei?

Wenn man in einem ICE sitzt und der Platz neben einem frei ist, führt dies im Allgemeinen dazu, dass man gefragt wird, ob der Platz noch frei sei. Ich reagierte dann quasi automatisch stets mit „Ja, aber der ist für Schwerbehinderte.“ Einfach Mal direkt den Hinweis geben, dass dieser Platz eventuell wieder freigegeben werden muss. Ich dachte ja eigentlich, es würde nur die ersten paar Minuten so gehen. Bis jemand den Platz einnehmen würde.

Nur bei der Person, die denn Platz einnahm, gingen bei mir direkt die Alarmglocken los. „Ach, da wird schon keiner kommen.“ Moment, wie? Meine Bewertung der Wahrscheinlichkeit sah da doch etwas anders aus. Immerhin saß ich ja auch schon da. Dabei hätte es bleiben können, nur stand die Person dann auf und meinte zu mir.

„Sie bleiben ja sicher hier noch eine Weile sitzen.“

(Gedächtnisprotokoll)

„Ja, bis Halle“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Was laut Anzeige in diesem Fall sogar direkt der nächste Halt war, wenn auch erst in 1,5 Stunden.

„Ich bin dann Mal im Speisewagen.“

(Gedächtnisprotokoll)

Und weg war sie. Der Zug stand übrigens noch. Es kam sogar noch eine Durchsage, dass sich die Abfahrt verzögern würde, weil ein Wagen defekt war und jetzt geräumt werden musste (Gott sei dank nicht Wagen 25!). Dementsprechend suchten noch immer viele Leute einen Sitzplatz. Und nun saß ich da, neben einem anscheinend freien Platz. Immer wieder musste ich aus dem Schutzraum raus um zu erklären, dass das auf dem Nebensitz nicht meine Sachen waren, sondern einer Person im Speisewagen gehörten. Die auch einfach nicht zurück kam. Während bei mir im Kopf die Gedanken begannen zu drehen. Ich brauchte dringend meine Ruhe. Musste aber gleichzeitig dem Anspruch gerecht werden, diesen Platz frei zu halten. Anstand und so.

Bei einer erneuten Frage (als der Zug tatsächlich Mal fuhr), ob der Platz denn frei sei, platzte es dann. Um die Antwort geben zu können, musste ich mich erst selbst ohrfeigen. Ich erklärte auch direkt, dass ich leider nur immens fertig war und der fragenden Person keinen Vorwurf machen würde. Nein, die richteten sich ziemlich schnell gezielt gegen die Person im Speisewagen, wegen der ich nicht abtauchen konnte. Mittlerweile dröhnte es in meinem Kopf nur noch. Der Punkt, an dem ich mich mit Musik beruhigen konnte, war vorbei. Ich musste alles, was noch blieb, aufwenden, um nicht das Abteil zusammen zu schreien. Den beginnenden Meltdown irgendwie noch unter Kontrolle zu halten. Nur neige in in diesem Stadium dazu, wirklich sehr laut zu atmen. Dementsprechend kamen Fragen, ob ich Atemnot hätte. Ich bin ja durchaus dankbar, dass die Leute versucht haben zu helfen. Nur hatte ich leider längst selbst keine Idee mehr, wie man mir helfen konnte. Außer, mich aus dieser Situation zu befreien. Mir endlich zu erlauben, irgendwo abzutauchen und nicht mehr interagieren zu müssen. An der Stelle war auch die noch ausstehende Fahrkartenkontrolle ein immenses Problem. Nur musste ich dafür hoffentlich gar nicht reden. Ich wusste ja durchaus, was der Zugbegleiter von mir brauchen würde 2

Irgendwie bekam ich noch die Kurve und wurde wieder ruhiger. Die Musik drehte ich dann auch lauter als gewöhnlich und hörte einen Song in Dauerschleife 3. Nach etwa 45 Minuten kam die Person dann auch endlich zurück, mit einem Muffin und einem Kaffee. Ich sprach nicht mehr mit ihr. Meine Kommunikationsfähigkeit war mittlerweile sehr unzuverlässig geworden.

Dementsprechend ging ich auch vor, als ich etwa 25 Minuten vor Ankunft von Platz weg wollte, um nochmal auf Toilette zu gehen. Bei meiner wackeligen Kommunikation entschloss ich dann, bei ihr auf den Tisch zu klopfen und dann zu gestikulieren, dass ich aufstehen wollte. Tja, nur passte das der Person gar nicht.

„Sie können mit mir sprechen!“

(Gedächtnisprotokoll)

Zum Glück kam mir eine Mitreisende zu Hilfe und gab der Person zu verstehen, dass sie sich nicht derart aufspielen sollte. Dementsprechend schnell kam ich dann zum Glück auch vom Platz weg. Nur die Reaktion dieser Person hatte natürlich den Overload wieder verschlimmert. Ich merkte nach drei Schritten, dass meine Beine nicht funktionierten. Beim nächsten stürzte ich, rappelte mich aber gleich wieder auf. Erstmal weg von allem. Nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Irgendwo in Sicherheit kommen. Ziel: Die Barrierefreie Toilette. Dort würde ich notfalls auch Platz haben, mich ein paar Minuten einfach auf den Boden zu setzten.

Nur, auf der Toilette war schon jemand. Jemand, der nicht wusste, wie man die Toilette abschloss. Zum Glück war diese Person voll angezogen am Waschbecken. Dennoch war mir das äußerst peinlich und ich stammelte nur noch 4. Mittlerweile wirklich nur noch vollkommen aufgelöst. Es lies sich aber regeln, weil die Person aufgrund meines Zustands direkt einsah, dass ich jetzt erstmal einen Rückzugsort brauchte. Tatsächlich aber ging ich nur auf Toilette und zog meine Strumpfhose aus, um mich anschließend vor der Toilette auf den Boden zu setzten. Dort schrieb ich auch einen kurzen Zettel für die mir eben zur Hilfe geklommenden Mitreisenden. Ich wollte sie nicht in Unwissenheit darüber lassen, was da passiert war. In einem kurzen Gespräch bei der Übergabe des Zettels meinte sie übrigens noch, dass man durchaus gemerkt hätte, dass ich mit solchen Situationen ein gutes Stück weit umgehen kann. Irgendwas scheine ich also trotz allem noch richtig gemacht zu haben …

Die Person, die das alles ausgelöst hatte, schaute sich übrigens noch nicht einmal um. Obwohl sie es eigentlich gehört haben dürfte.

Beim Ausstieg ging ich dann noch zum Zugbegleiter und informierte ihn darüber, dass eine Person auf den Plätzen für Schwerbehinderte potentiell Probleme machen könnte, wenn da noch jemand mit Anspruch kommen sollte. Schon allein deshalb, weil genau das mein Eindruck der Situation war. Und auch er schien durchaus noch zu merken, wie aufgelöst ich war. Was ich vor allem nicht wollte war, dass noch irgendwer anderes von dieser Person über die Grenzen seiner Behinderung gedrängt werden würde …

Fazit

Irgendwie schaffte ich es dann auch nach Hause. Die Auswirkungen davon halten nur leider bis heute an. Auch zwei Tage später bin ich in meinen Handlungen noch spurbar eingeschränkt. Für vieles fehlt noch immer die Kraft. Bei zu vielen Dingen fliegen die Gedanken weg, bevor ich daraus etwas formen konnte. Ich bin erschöpft. Und das eben nicht nur vom Jobgespräch.

Trotzdem bleibt der Gedanke, dass diese Situation vor allem eines war: Vollkommen unnötig. Hätte diese Person auch nur einen Moment dran gedacht, dass ihre Sitznachbarin eventuell nicht grundlos auf diesem Platz sitzt und dementsprechend ihre Erwartungen justiert, was der Sitznachbar tun kann und was nicht und vielleicht auch einfach gefragt, ob ich den Platz für sie freihalten könnte, wäre das alles nicht passiert. Man sieht eben nicht jede Behinderung. Nur an manchen Orten sollte man eben doch daran denken, dass man sehr schnell mit Menschen mit Behinderung zu tun bekommen kann.

Wie eben zum Beispiel auf Sitzplätzen, die eben für uns speziell „reserviert“ sind …

  1. und ein neues Ticket habe ich ebenso brav nachgelöst … jedenfalls für die Berliner S-Bahn
  2. Falls sich wer wundert: Das Comfort-Checkin funktioniert auf den Plätzen für Schwerbehinderte nicht! Begründung der Bahn: Damit sich dort niemand einfach hinsetzt?
  3. Wer hören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=1vHDZVZEOEE
  4. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dachte man gar, ich würde nur sehr schlecht Deutsch sprechen

4 Gedanken zu „Folgen der Nicht-Sichtbarkeit: Ein Beispiel

  1. Tut mir leid,dass es so für dich lief.Hut ab,dass du dich trotzdem durch sowas quälst.Deinen blog finde ich super hilfreich,du formulierst ua.Beobachtungen aus,die ich teilweise bisher nur als Gefühlschaos in mir identifizieren konnte. Dafür wollte ich heute einmal ein Dankeschön (aus Berlin :p) dalassen! <3

  2. Wieder ein sehr klarer Beitrag, auch wenn er mir fast einen Passiv-Overload gegeben hat…
    Ich war einmal in einer solchen Situation und habe von der Kontrolleurin einen Platz in der (deutlich leereren) ersten Klasse bekommen, extra ohne Sitznachbarn.
    Ich finde es auch sehr schwer, einen Kompromiss zwischen „überkompensieren“ und „Für sich einstehen“ zu finden. Leider.

  3. Puhh, Hut ab, dass du es da doch recht gut durchgeschafft hast.
    Unmöglich diese Person.
    Ich stehe meistens vor diesen Plätzen und traue mich nicht mich hinzusetzen, weil es ja Diskussionen geben könnte, eben weil man mir die Behinderung ja nicht ansieht.
    Allerdings finde ich sie idR auch nur durch Zufall. Wo wird das denn angegeben, wo die Plätze für Schwerbehinderte sich befinden?

    1. Auf dem Wagenstandsanzeiger am Bahnsteig stehen die meistens. Online hingegen hat man diese Information eher selten. Da habe ich mich damals auch bei der DB drüber beschwert (weil ich für den Zug morgens genau das Problem hatte, dass ich an die Information, wo die Plätze sind, nicht dran kam).

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