The Accountant – Kritik einer Autistin

Ein US-amerikanischer Thriller mit einem autistischen Hauptcharakter. Klingt danach, als könnte es nur schief gehen? Nicht unbedingt. Perfekt ist zwar etwas anderes, doch in dem Film von 2016 umgeht man doch einiges, wo andere Filmes und Serien komplett daneben griffen.

Zum Film

Der Film handelt vom Autisten Christian Wolff, welcher von einer Robotik-Firma angeheuert wird, die Bücher zu überprüfen. Gleichzeitig ist ihm die Steuerfahndungsabteilung auf der Spur, da diese ihn verdächtigt, der Buchhalter mehrere krimineller Vereinigungen zu sein.

Kritik

Wer den Film noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte direkt zum Fazit springen. Die ausführliche Kritik ist ohne Spoiler leider nicht möglich.

Klischees/Vorurteile/Fehler

Leider muss ich sehr deutlich sagen, dass The Accountant es nicht schafft, alle Klischees zu umgehen. Chris ist ein Genie der Mathematik und löst komplexe Rechenaufgaben innerhalb eines Augenblicks im Kopf. Womit man leider Mal wieder die Vorstellung vertieft, alle Autisten seien gut in Mathe und/oder Computer. In manchen Situationen wirkt er sozial etwas übertrieben unbeholfen. So sagt er einmal beim Hinausgehen“Hallo, wie geht es?“. Redewendungen werden Mal wieder nicht verstanden. Insgesamt muss man aber bemerken, dass Chris als Erwachsener weniger überzeichnet wirkt als manch anderer fiktiver Autist.

Bei Chris als Kind sieht das schon etwas anders aus. In insgesamt vier Rückblenden erlebt man ihn gleich zweimal im Overload (wovon einer ein aggressiver Meltdown ist), die beiden anderen Male unter Druck mit deutlichen Stimming. Fatal wird dieser Unterschied zum erwachsenen Chris dadurch, dass der Zuschauer deutlich vermittelt bekommt, wie seine Erziehung ablief: Sein Vater wollte, dass Chris durch Training und Selbstdisziplin seinen Autismus überwindet, um in der Welt klar zu kommen. Oder auch seine Aggressionen in die „richtigen Bahnen lenkt“. Ihn den Reizen gezielt aussetzt und ihn gar dazu treibt, sich mit den mobbenden Mitschülern zu prügeln. Bei einem Overload nimmt er Chris in den Schwitzkasten, was für den Zuschauer zu helfen scheint. Und der erwachsene Chris kommt offensichtlich in der Welt klar. Man vermittelt also an der Stelle, dass ein autistisches Kind sich zusammen reißen muss. Sonst bleibt es in ewig in einem Institut, wie die nonverbale Justine, die in einer „reizarmen“ Umgebung aufwuchs.

Übrigens, bei der „richtigen Behandlung“ von Autisten patzt auch der Therapeut furchtbar. So wird Augenkontakt als Fähigkeit genannt, die ein Autist braucht, um ein erfülltes Leben führen zu können. Bei Kommunikation bleibt ebenfalls unklar, wie diese für ein erfülltes Leben aussehen soll. Insgesamt könnte man hier sehr schnell auf die Idee kommen, ein Autist könnte als solcher kein erfülltes Leben haben. Er muss dazu nicht-autistisch werden. Aber gerade das ist leider genau entgegen dem, was sich in der Realität zeigt.

Was der Film leider verpasst ist, die Overloads passend zu erklären oder überhaupt zu benennen. Somit läuft der Zuschauer ohne Wissen zu Autismus Gefahr, auch das einzig für Stimming zu halten. Dabei gerät Chris in der Szene, in der das Stimming erklärt wird, kurz darauf in einen Overload. Ein kurzer Satz im Anschluss hätte das sicherlich vermeiden können.

Und was mich hier auch wieder ins Auge fällt: Leute im Umfeld des Autisten, die einfach Mal versuchen, den Autisten „gerade“ zu biegen. Und damit meine ich solche, die nicht die Eltern sind. In diesem Fall ist es Chris „Vorgänger“ als Buchhalter, welcher er im Gefängnis kennen lernt. In einer Szene ist deutlich zu sehen, dass dieser versucht Chris Sozialverhalten beizubringen. Dieser Umstand, dass das Umfeld versucht einen Autisten „normal“ zu machen, ist zwar leider durchaus realistisch. Aber in der Wirkung schwierig. Man weiß nicht, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Hat Chris um Hilfe gebeten, oder wurde diese Hilfe aufgezwungen? So bleibt bei dieser Beziehung ein für mich höchst unangenehmer Nebengeschmack. Zumal Chris auch hier, wie bei seinem Vater, eine enge Bindung zu dieser Person aufbaut. Für den Zuschauer ist also anzunehmen, dass es von Autisten gewollt ist, therapiert zu werden.

Ähnlich unkritisch bleibt leider eine postmortem Diagnose von Lewis Carrol sowie die furchtbar unpassende Frage, woran man Autismus denn (visuell) erkennen könnte. Das hätte beides nun wirklich nicht sein müssen. Genauso wenig wie die Eltern am Ende des Filmes, die sich über den „Verlust“ ihres Sohnes beklagen.

Zu guter Letzt benutzt Chris leider die irreführende Bezeichnung „hochfunktionaler Autismus“.

Positives

Dennoch gab es ein paar Stellen im Film, wo ich glatt glaubte, ich hätte mich verhört. Nicht etwa, weil die Aussagen vollkommen falsch waren. Im Gegenteil.

So zum Beispiel das Stimming-Verhalten. Dieses wird zu Beginn des Filmes absolut passend von einem Therapeuten erklärt. Zumal er sogar den Vergleich zu den Finger klopfen oder Zähne knirschen zieht, wie es andere Leute tun würden. Womit die Handlung sogar normalisiert wird. Das habe ich so ehrlich nicht erwartet.

Die nächste Überraschung kommt, als Chris gegenüber der kurz zuvor geretteten Dana erklärt, was er „hat“ (!) und wie sich das auswirkt. So erklärt er, dass er Probleme damit hat Beziehungen aufzubauen, obwohl er es gerne würde. Der letzte Satz ist entscheidend, herrscht doch noch immer die Vorstellung vor, Autisten wären grundsätzlich gerne allein. Das wird auch schön dadurch unterstrichen, dass Chris sich für Dana zuvor in Gefahr gebracht hatte. Oder das Hotel nach Kriterien ausgewählt hat, damit es ihr gefällt.

An der Stelle wird auch einmal klar, wo Chris Vater mit seiner Erziehung definitiv schaden angerichtet hat. So zieht Chris sich von Dana zurück, nachdem in einem Flashblack sein Vater ihm eindringlich erklärt, dass er nun Mal anders sei und die Menschen deshalb früher oder später Angst vor ihm bekämen. Und es wirkt tatsächlich verdammt bitter, dass er sich anscheinend genau deshalb von der Frau zurück zieht, sie sich tatsächlich auf ihn einzulassen scheint. Noch dazu ist auch das leider alles andere als unrealistisch, dass ein Autist irgendwann beginnt zu tatsächlich zu glauben, was andere immer über ihn gesagt haben.

Übrigens, der Unterschied zwischen Chris als Kind und Chris als Erwachsener ist durchaus auch positiv zu sehen. Man lässt Chris eine durchaus glaubhafte Entwicklung durchlaufen und präsentiert die erwachsene Figur nicht einfach durchweg mit den Merkmalen eines autistischen Kindes. Zumal auch der erwachsene Chris in einen Overload gerät. Mit derselben Ursache, wie es auch schon einmal als Kind passierte: Er kann seine Aufgabe nicht beenden. Aber mit einigen Unterschieden. Das Kind geht sofort in den Overload und hat fast Augenblicklich keine Kontrolle mehr. Der erwachsene Chris kann erst noch nach Hause fahren (wobei man hier schon bemerkt, dass er nicht so kontrolliert ist wie sonst) und setzt sich dort gezielt bestimmten Reizen aus. Die Aggressionen sind ebenfalls noch da. Ebenso wie, außerhalb des Overloads, das verbale Stimming mit einem Kinderreim. Was jedoch auch meist unauffälliger abläuft.

In der Szene mit dem Overload des erwachsenen Chris fällt übrigens auf, dass das Blitzlicht anders dargestellt wird. Intensiver. Schade ist, dass es mit der fehlenden Erklärung wohl kaum von Zuschauern ohne detailliertes Hintergrundwissen mit dem Overload in Verbindung gebracht werden kann.

Übrigens, Chris Verständnis von Redewendungen. An manchen Stellen stellt er sich doch sehr geschickt an, seine Fehler zu überspielen und formt ein Missverständnis in einen Scherz um. Ein durchaus realistisches Verhalten, bei dem ich gerade keinen anderen fiktiven Autisten wüsste, der das in der Art getan hätte.

Man weiß übrigens während des Filmes nicht so ganz, ob Chris nun gut oder böse ist. Nach dem Film kann ich sagen: Er ist definitiv grau. Viele Handlungen und Motive von Chris werden während des Filmes auch immer klarer. Und was gut ist: Der Autismus dient nur als Erklärung für seine „Eigenheiten“ wie das Stimming und die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion. Ansonsten bleibt dieser, soweit ich das gesehen habe, komplett außen vor. Korrekter Weise.

Und mein persönliches Highlight: Justine. Die nonverbale Autistin von Beginn des Filmes, die augenscheinlich nichts allein hinbekam (man musste ihr gar die Schuhe anziehen). Nicht nur, dass sie es ist, die Chris aus seinem Overload hinaus holt, indem sie ihm aus eigenem Antrieb heraus das fehlende Puzzelteil gibt und damit zeigt, dass sie sein Verhalten absolut versteht. Nein. Sie entpuppt sich am Ende des Filmes gar als die Helferin aus dem Hintergrund, die für Chris allerlei Dinge regelt. Ich möchte Mal wissen, wer das geahnt hat, wo die Stimme an manchen Stellen ihre Sorge um Chris zum Ausdruck bringt. An der Stelle kann ich dann auch über das Klischee des Computer-Genies hinweg sehen, denn ein paar andere Klischees bricht Justine dafür definitiv.

Wenn ich mich nicht ganz verhört habe, wird in der Schlussszene des Filmes gar darauf hingewiesen, dass man bei Autisten schlicht die falschen Tests anwendet. Ein Punkt, der gerade beim IQ enorm wichtig ist und noch viel zu wenig bewusst. Genauso wie der Gedanke, dass es die Nicht-Autisten sind, die noch nicht wissen, wie man den Autisten zuhört.

Fazit

Ja, an ein paar Stellen haben die Drehbuchautoren definitiv ordentlich ins Fettnäpfchen getreten. Aber sie machen auch vieles richtig. Teilweise sogar überraschend richtig. Und das deutlich mehr, als manch andere Drehbuchautoren in letzter Zeit. Ich würde „The Accountant“ nicht als uneingeschränkt empfehlenswert bezeichnen, was die Darstellung von Autismus angeht. Zur Aufklärung eignet er sich definitiv nicht. Dafür hat man doch ein paar zu viele Fehler gemacht. Aber er geht schon in die richtige Richtung, wie die Darstellung von Autismus in den Medien sein sollte. Bitte mehr davon!

Vor allem bitte mehr absolut treffende Beschreibungen in fiktiven Darstellungen, wo man fast schon glaubt, man hätte sich verhört!

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