Inspiration? – Aber nicht einfach, weil ich behindert bin

Kennt ihr den Begriff „Inspiration Porn“? Dieser Begriff wurde von der Behindertenaktivistin Stella Young eingeführt. Er beschreibt den Umstand, dass Handlungen von behinderten Menschen von nicht-behinderten als „inspirierend“ bezeichnet werden, weil die Person behindert ist. Die Handlung selbst ist dabei ziemlich banal. Sie wird nur zu etwas außergewöhnlichem gemacht, weil die handelnde Person eine behinderte Person ist.

Nachdem ich in den letzten Tagen einige absurde Reaktionen auf Menschen mit Behinderungen erleben durfte, möchte ich Mal aus meiner Sicht erklären, wieso Inspiration Porn keine Hilfe, sondern höchst problematisch ist.

Eine Frage der Normalität

Nur Mal ehrlich. Wenn man ständig für Handlungen Lob erhält, die eigentlich vollkommen normal sein sollten, fühlt man sich irgendwann schlicht eines: Verarscht. Denn teilweise wird man schon als Inspiration bezeichnet, wenn man als Mensch mit Behinderung etwas tut, was für Menschen ohne Behinderung vollkommen normal ist. Sport treiben. Sich für etwas einsetzten. Oder schlicht mit anderen über bestimmte Themen sprechen.

Die Frage ist nur, wieso werden diese Handlungen von Menschen ohne Behinderung bei Menschen mit Behinderung plötzlich ganz anders gewertet? Die Ursache hierfür scheint vor allem in zwei Dingen zu liegen: Das allgemeine Bild bezüglich Menschen mit Behinderungen und das eigene Wohlbefinden.

Es ist leider eine Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Menschen mit Behinderungen nach wie vor so ziemlich alles abspricht. In der ein Mensch mit Behinderung keine Selbstständigkeit hat. Weil er diese oder jene Fähigkeit aufgrund der Behinderung nicht hat. Das Problem ist hier schon, dass die Gesellschaft bezüglich der Fähigkeiten oft ein verzerrtes Bild hat. Noch dazu ist die Darstellung von Menschen mit Behinderungen nach wie vor irrsinnig vom Leid-Narrativ geprägt. Etwas, das nach Maßstäben von Menschen ohne Behinderung vollkommen normal ist, scheint da unmöglich. Und so gelangt man schnell dazu, normale Handlungen zu überhöhen und als Inspiration darzustellen.

Noch dazu gibt es leider auch eine ganze Reihe Menschen ohne Behinderung, die die Handlungen von Menschen mit Behinderungen als Inspiration bezeichnen, um sich selbst höher stellen zu können. Wie absurd das zum Teil ausfällt, dazu findet sich in einem Artikel der Leidmedien ein sehr gutes Beispiel. Und gerade dieses „höher stellen“ der eigenen Person funktioniert ja nur über eines: Indem man die andere Person abwertet. Dass man sie als „inspirierend“ bezeichnet, macht das bei weitem nicht besser. Eher schlimmer. Weil man Menschen mit Behinderungen damit nochmal mehr von der Normalität weg schiebt.

Gezwungen zur Inspiration

Ganz besonders schlimm wird es an der Stelle, in der von Menschen ohne Behinderung schlichtweg erwartet wird, dass Menschen mit Behinderung ganz inspirierende Personen seien. Ähnlich wie Heilige in Religionen. Charakterlich vollkommen makellos, zurückhaltend, bescheiden, und vor allem in den Reaktionen immer genauso inspirierend, wie man sich das gerade vorstellt. Die Tage fühlte sich so eine Dame auf Twitter plötzlich angegriffen, weil @fotobus seine Irritation darüber zum Ausdruck brachte, dass man sich bei ihm für etwas bedankte, was er gar nicht getan hatte.

Man muss also etwas „besseres“ als der Rest der Menschheit sein, weil man eine Behinderung hat. Irgendwie normal sein darf man nicht, weil sonst kann man ja nicht als Inspiration dienen. Verhält man sich als Mensch mit Behinderung normal, wird man als unverschämt, aggressiv und undankbar wahrgenommen. Obwohl man gerade nur so handelt, wie es jeder andere tun würde. Nur weil man eine Behinderung hat, darf man das in den Augen vieler anscheinend nicht. Es entsteht eine absurde Erwartungshaltung, die kaum jemand erfüllen kann. Und viele auch nicht erfüllen wollen. Zu Recht. Denn auch das lässt eine Normalität für Menschen mit Behinderungen schlichtweg nicht zu.

Überhaupt nicht inspirierend?

Dennoch soll das alles nicht heißen, dass Menschen mit Behinderung nicht als inspirierend empfunden werden dürfen. Doch eben nicht nach anderen Maßstäben, als bei Menschen ohne Behinderung. Inspiration, weil ich mich für Dinge einsetze? Ok. Inspiration, weil ich als Autistin an einer Universität studiere? Wer sorgt denn bitte dafür, dass so etwas nicht gewöhnlich ist? Ganz bestimmt nicht meine Behinderung. Viel eher eine Gesellschaft, die Menschen mit Behinderungen im Abseits hält.

Letztendlich eben auch mit Inspiration Porn.

4 thoughts on “Inspiration? – Aber nicht einfach, weil ich behindert bin

  1. Leute, die ich inspirierend finde: die sich gefühlt alle paar Tage oder Wochen in irgendwelchen Sitzungen oder auf irgendwelchen Tagungen und Kongressen rumtreiben und es irgendwie schaffen, einer ausreichenden Zahl von Delegierten eine ihnen genehme Einstellung abzutrotzen. Leute, die inhaltlich was zu sagen haben und dazu noch medientauglich sind. Leute, die es irgendwie schaffen, ein Studium, eine Arbeitsstelle und mehrere Gremien und selbige Sitzungen und Tagungen und diverse Ämter unter einen Hut zu bringen. So einer Person würde ich das Landtagsmandat mehr als wünschen, weil all das dann besser unter einen Hut zu bekommen ist. Oder: Wolfgang Schäuble hat meinen Respekt – nicht weil er im Rollstuhl sitzt, sondern weil er ein erfahrener und besonnener Politiker ist. Raul Krauthausen bewundere ich, weil er mit erheblichen Durchhaltevermögen gegen die gesellschaftlichen Barrieren anarbeitet und sich nicht unterkriegen lässt. Verena Bentele bewundere ich auch, weil sie eine sehr engagierte Behindertenbeauftragte ist. Letzten Endes Leute, deren Behinderung hinter ihrem Engagement verschwindet, nicht mehr wichtig ist (außer vielleicht als Faktor für die Glaubwürdigkeit, nach dem Motto: Denn sie wissen, wovon sie reden.).

    Wenn ich von behinderten Menschen höre oder lese, wie gut sie etwas machen, freue ich mich zwar für denjenigen oder diejenige. Aber gefragt, ob es was besonderes ist, sage ich: Leider. Eben weil es das ist, aber eben gerade nicht sein sollte. Traurig.

  2. Mich hat beim Lesen des Blogposts die Formulierung „möchte ich Mal aus meiner Sicht erklären, wieso Inspiration Porn keine Hilfe, sondern höchst problematisch ist“ irritiert. Das klingt so, als wäre „Inspiration Porn“ bisher ein positiv besetzter Begriff gewesen.

    Dabei ist doch der Begriff „Inspiration Porn“ von Anfang an als harsche Gesellschaftskritik gemeint. Gerade mit dem Wort „Porn“ wird begrifflich gefasst, daß Menschen von anderen als bloßes Objekt ihrer eigenen Phantasievorstellungen gemacht werden. Menschen werden alleine aufgrund einer Behinderung von anderen Menschen als Inspiration angesehen, sie werden dazu herabgewürdigt, die gedanklichen Vorstellungen dieser anderen Menschen zu erfüllen.

    Der Begriff „Inspiration Porn“ war nie als eine Umschreibung für eine Form von „Hilfe“ gemeint. Der Begriff war schon immer genau so negativ gemeint, wie Du es jetzt auch in Deinem Blogpost beschreibst.

    1. Oh, dieser Auslegung des Satzes war ich mir nicht bewusst gewesen.
      Eigentlich habe ich damit nur sagen wollen, dass alles weitere (wozu dieses Verhalten führt) nicht allgemeiner Konsens sein muss, sondern vor allem meine Ansicht wieder gibt. Wenn mir eine bessere Formulierung einfällt, ändere ich den entsprechend Satz noch.
      Danke 🙂

      1. Dein zweiter Absatz lautet derzeit:

        „Nachdem ich in den letzten Tagen einige absurde Reaktionen auf Menschen mit Behinderungen erleben durfte, möchte ich Mal aus meiner Sicht erklären, wieso Inspiration Porn keine Hilfe, sondern höchst problematisch ist.“

        Was ich jetzt verstanden habe, was Du eigentlich damit aussagen willst, ist:

        „In den letzten Tagen habe ich einige absurde Reaktion auf Menschen mit Behinderungen erlebt. Dies hat mir wieder gezeigt, wie sehr die Kritik von Stella Young an der Gesellschaft berechtigt ist. Ich möchte deshalb aus meiner Sicht erklären, wie Stella Young zu der Begrifflichkeit ‚inspiration porn‘ gekommen ist und was dies auch mit meinem Alltag als Autistin zu tun hat.“

        Das ist jetzt natürlich meine Formulierung bzw. mein Schreibstil, der muß Dir nicht unbedingt gefallen. Aber vielleicht ist der Text ja zumindest eine Anregung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.