„Einfach“ Mal nach Hilfe fragen

Es ist eine häufige, meist gut gemeinte Anweisung. Oder vielleicht doch eher ein Rat?
“Wenn du Hilfe brauchst, frag einfach.”
Nur,das mit dem “einfach” ist bei Autisten häufig so eine Sache. Es kann schwierig sein, nach Hilfe zu fragen. Aufgrund von Dingen, die Außenstehende häufig nicht bemerken. Ich habe hier Mal versucht zusammen zu tragen, was ich aus eigenen Erfahrungen und aus dem Austausch mit anderen Autisten erfahren habe.

Die soziale Interaktion

Zuerst das Offensichtliche. Nach Hilfe zu fragen bringt immer auch soziale Interaktion mit sich. Meistens fragt man ja keine Maschine, deren Reaktion genau eingrenzt werden kann. Sondern einen Menschen. Einen Menschen, der meistens nicht selbst im Spektrum ist. Wenn ein Autist nun nach Hilfe fragt, muss er automatisch irgendwie kompensieren. Er muss die Notwendigkeit einer Hilfe für das Gegenüber irgendwie verständlich machen. Darüber hinaus meistens auch das Problem. Die Erfahrung lehrt viele Autisten, dass ihr Umfeld sich mit einer einfachen Bitte häufig nicht zufrieden gibt. Weil der Grund, weshalb er oder sie Hilfe braucht, für das Gegenüber meistens unklar ist.Es muss also noch viel mehr übermittelt werden als die vergleichbare einfache Bitte um Hilfe. Was die Barriere nur noch höher werden lässt.

Hinderlich ist es auch, wenn man schon öfters die Erfahrung machen musste, dass dringend benötigte Hilfe nicht oder nicht im notwendigen Umfang gewährt wird. Mit solchen Erfahrungen hat man dann schnell das Gefühl, dass es zwecklos ist nach Hilfe zu fragen. Man wird eh mit seinen Problemen nicht ernst genommen. Da hilft dann auch eine Aufforderung, nach Hilfe zu fragen, nicht mehr viel. Hier muss erst einmal eine Vertrauensbasis aufgebaut werden, bevor ein Fragen nach Hilfe möglich ist.

Der soziale Druck

Das Aufbauen der Vertrauensbasis ist aber auch so eine Sache. So ist dies quasi unmöglich, wenn man auf die ein oder andere Weise mitbekommt,dass die zur Hilfe fähigen Person von einem erwartet, keine Hilfe zu benötigen. So kann dieser Eindruck schnell entstehen, wenn ein Autist mit seinen Bedürfnissen häufig ignoriert wird. Oder gar im schlimmsten Fall direkt gesagt, dass er/sie dies oder das lernen müsste, obwohl er/sie genau auf diesem Bereich große Schwierigkeiten hat. Das muss z.B. im schulischen Kontext gar nicht die Person selbst sein. Eine Person, die eng mit dieser zusammenarbeitet, kann da schon reichen, um den Autisten zu verunsichern. Unter Druck setzende Ansagen von Lehrern reichen schon,um das Vertrauen in die Schulbegleitung zu mindern. Wenn man an anderen Stellen schon mitbekommen hat, dass diese eher mit dem Lehrer zusammenarbeitet, als einen unterstützt.

Unter diesen Umständen, in denen Unterstützung eh schon verwehrt wird,kann das Fragen nach Hilfe dann ganz schnell als Tabu begriffen werden. Und die Frage kommt nicht, selbst wenn Hilfe dringend benötigt wird.

Die Scham

Häufig ist es aber auch ein Problem, dass sich der Autist selbst unter Druck setzt. Nicht wenige Autisten empfinden sich aufgrund fehlenden Selbstvertrauens durchaus selbst als Problem. Das hat auch viel mit der allgemeinen Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber von Behinderten zu tun. Sei still, sei unauffällig, mach keinen Aufwand!Dann lassen wir dich dabei sein. Zudem wird durch Beobachtungen des Umfeldes jedem früher oder später klar, dass man selbst viel mehr Hilfe braucht als andere. Man ist anders. Was aber anders ist, wird abgelehnt. Also versucht man sich anzupassen. Man fragt eben nicht nach benötigter Hilfe, um den unausgesprochenen Ansprüchen gerecht zu werden. Weil man sich selbst schämt. Weil man nicht auffallen will, nicht unnormal sein will. Die allgemeine Erfahrung deutet oft darauf hin, dass es sich so besser leben lässt. Aber ist es wirklich besser, wenn man dadurch seine eigenen Grenzen ständig ignoriert?

Das führt übrigens auch dazu, dass wenn manch ein Autist um Hilfe bittet, dass nur sehr dezent tut. Eben, um möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dass man doch wieder auf der Reihe fällt/fallen muss. Diese Versuche können so dezent sein, dass man diese nur bei voller Aufmerksamkeit mitbekommt. Doch sind diese kleinen Versuche dann oft schon alles, was man in einer solchen Situation hinbekommt. Alles Weitere benötigt noch mehr Ressourcen,die aber gerade schon für den leisen Versuch verbraucht werden. Im schulischen Kontext heißt das natürlich, dass ein Schulbegleiter besonders aufmerksam sein und in der Nähe des Autisten bleiben muss.

Ein größeres Problem

Es muss alles vieles gegeben sein, bevor viele Autisten es überhaupt schaffen, nach Hilfe zu fragen. Sowohl von den persönlichen Voraussetzungen (womit maßgeblich die Ressourcen zur Kompensation gemeint sind!), als auch von von den Voraussetzungen des Umfelds her.

Es wäre gut, wenn hier ein gesamtgesellschaftliches Umdenken stattfinden würde.Dass es in der gesamten Gesellschaft in Ordnung ist, Hilfe zu brauchen und nach dieser zu fragen. Auch, wenn die Notwendigkeit aus einer Behinderung heraus besteht. Vor allem aber müssen Betroffene nd ihre Angehörigen ernst genommen werden. Denn wer nicht ernst genommen wird, fragt auch nicht nach Hilfe.

Egal, ob er explizit dazu aufgefordert wird oder nicht.

Das würde das Leben für viele deutlich einfacher machen. Nicht nur für Autisten.

3 thoughts on “„Einfach“ Mal nach Hilfe fragen

  1. Hinzu kommt, dass NTs auch gerne so Sätze wie „einfach fragen, wenn du was brauchst“ nur als soziales Blabla einsetzen und nicht so meinen und dann nicht wissen, was zu tun ist, wenn man darauf dann wirklich eingeht.

  2. Meinen Eltern wurde einmal von einem Pädagogen gesagt, dass ich lernen muss, alleine mit meinen Problemen umzugehen. Ich sei da viel zu unselbständig.
    Ich hatte diese Aussage zufällig gehört, ohne dass meine Eltern davon wussten.
    Ich habe meinen Eltern nie wirklich erzählt, dass ich so arg gemobbt werde, bzw von wem, weil man ja von mir erwartete, dass ich alleine zurecht kam
    Also durfte ich auch keine Hilfe annehmen – und daran habe ich mich gehalten

  3. Gestern: „Sprich doch mal Herrn X an. Der kann dir bestimmt weiterhelfen.“ Ich hab es schließlich nicht geschafft, ihn selbst anzusprechen. Immerhin wollte er jeden verabschieden, der am Ende der Veranstaltung geht. Und ich habe es irgendwie geschafft (frag nicht, wie! Es war laut gewesen und ich in der Situation am Rand des Overloads – sprich grade überstanden), mein Anliegen vorzubringen. Herr X versprach mir, dass er schaut was er tun kann. Dann bin ich mal gespannt. So viele Termine, sich zu sehen, gibt es ja nun auch nicht. Obwohl er sich bemüht.

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