The Good Doctor – Folge 1 und 2 – (Vorab)Kritik einer Autistin

Was wird hier kritisiert?

Bei „The Good Doctor“ handelt es sich um eine amerikanische Adaption einer südkoreanischen Serie desselben Titels. Die Handlung folgt dabei dem autistischen Arzt Shaun Murphy, der als Assistenzarzt in einer Klinik beginnt. Die Serie läuft derzeit mittwochs in Doppelfolgen bei Vox und kann eine Woche nach Ausstrahlung in der Mediathek abgerufen werden.

Wie wird kritisiert?

Ich werde, wie auch schon bei Ella Schön und Atypical, die Glaubhaftigkeit der autistischen Figur bewerten. Wobei ich als Autistin natürlich einen etwas anderen Standpunkt habe, als nicht-autistische Zuschauer ohne Kontakt zu Autisten. Deshalb wird es hier auch viel darum gehen, wie realistisch die Figur überhaupt ist. Sollten Sachfehler auftauchen, werde ich diese ebenfalls benennen.

Erwartungen

Gemischt. Fiktion, und es ist von Anfang an klar, dass Shaun eine sogenannte „Inselbegabung“ hat. Doch dazu nachher mehr.

Kritik

Klischees/Vorurteile/Fehler

Wie schon erwähnt, ist Shaun Murphy ein Savant. Man muss durchaus Loben, dass die Serie es in der ersten Folge tatsächlich einmal schafft, das klar zu benennen. Doch das schützt leider nicht vor einer unzulässigen Vermischung. Man schafft es nicht, Autismus und Savant-Syndrom auch nur ansatzweise zu trennen. So klingt eine Argumentation von Dr. Glassman glatt so, als wäre Shaun nur aufgrund des Savant-Syndroms zu irgendetwas in der Lage, während alle anderen Autisten in jeder Hinsicht unfähig wären. Was komplett an der Realität vorbei geht, bedenkt man, dass es weltweit nur 50 autistische Savants gibt. Es grenzt schon fast an Ironie, dass Shaun durch diese nicht trennbare Vermischung von Autismus und Savant-Syndrom zu dem wird, was er laut Dr. Glassman angeblich nicht ist: Rain Man. Zwar handlungsfähiger, aber für uns Autisten ebenso fatal. Denn das von Rain Man eingeführte Klischee werden wir einfach nicht los.

Zudem stellt sich die Frage, ob es sich um ein ungeschriebenes Gesetz handelt, dass man Autisten in Fernsehserien immer auf den ersten Blick erkennen muss. Alles an Shauns Verhalten wirkt seltsam, was durchaus auch mit der kindlichen deutschen Syncronstimme zu tun hat 1. Er hat eine sehr steife Körperhaltung, sein Laufstil erinnert mich unwillkührlich an Forest Gump (Edit: Was an sich nicht vollkommen unrealistisch ist, wie @andersbunt auf Twitter anmerkte; Sie beobachtet dieses Verhalten unter Stress bei ihrem Sohn). Seine Art zu kommunizieren ist irgendwie steif. Das mag an und für sich wie ein „typischer Autist“ klingen, doch genau da liegt hier der Fehler. Shaun ist Arzt. Er hat folglich eine ausgezeichnete Bildungskarriere hinter sich. Autisten, die das schaffen, sind für gewöhnlich jedoch sehr viel unauffälliger. Man hat hier quasi einen Autisten in ein Umfeld gesetzt, ohne ihn an dieses anzupassen.

Ähnliches gilt auch für Shauns vollkommenes Unverständnis für soziale Verhaltensweisen. Hier überzeichnet man deutlich autistische Eigenschaften, ohne darauf zu achten, dass nur Autisten mit einer enormen Kompensationsfähigkeit überhaupt so weit kommen. Nur auch hier scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass fiktive Autisten wirklich null soziales Verständnis haben und auch keine Umgangssprache oder Sarkasmus verstehen. Dies zeigt sich insbesondere zu Beginn der zweiten Folge, wo Shaun gleich in mehreren sozialen Situationen hintereinander patzt. Dass er „hochfunktional“ ist, gerät da den Autoren scheinbar in Vergessenheit.

Und damit wären wir beim nächsten Punkt. An mehreren Stellen unterlaufen in der Beschreibung von Autismus auch tatsächlich Sachfehler. Das beginnt tatsächlich schon bei Shauns Bezeichnung als „hochfunktional“. Was ein üblicher Begriff ist, ist bei besserem Verständnis des Spektrums absolut unzutreffend. Des weiteren wird behauptet, dass Autisten Probleme mit abstrakten Begriffen hätten (und dann sollen sie ständig mathematisch hochbegabt sein?) und über keinerlei Empathie verfügen. Insbesondere letzteres wurde von Autisten schon mehrfach widerlegt.

Positives

Was man jedoch derart gut getroffen hat, dass es als Autist schon fast zu sehr schmerzt, ist die allgemeine Haltung gegenüber Shaun im Krankenhaus. Behindertenfeindlichkeit und Diskriminierung, wohin man nur sieht. Vorne weg kommen da Dr. Andrews und Dr. Melendez. Beide sind felsenfest der Meinung, dass Shaun kein Arzt sein sollte. Dr. Andrews hält sich auch nicht damit zurück. Shaun diverse Unfähigkeiten zu unterstellen und jegliche Eignung abzusprechen, einzig aufgrund einer Diagnose. Behindertenfeindlichkeit in reinster Form. Dr. Melendez verhält sich da ähnlich, „Sie gehören hier nicht hin“, und schreckt auch nicht vor klarem Mobbing zurück. So unterstellt er Shaun glatt einer Krankenschwester. Wohl gemerkt, nachdem er diesen schon zur Stationsarbeit verdonnert hatte. Und gerade das ist eine Situation, die leider nur allzu realistisch ist. Auch in anderen Situationen werden Autisten ständig Fähigkeiten abgesprochen. Der Satz „gehört hier nicht hin“ fiel auch über mich selbst am Gymnasium. 

Auch zeigt Shaun in der ersten Folge klar eine Überlastungsreaktion. Als er aus dem Krankenhaus verwiesen wird, dann aber angesprochen wird, wieso er ein Echo machen wollte, findet er die Worte für die Erklärung nicht mehr. Er zeigt meiner Ansicht nach deutliche Anzeichen eines beginnenden Mutismus. Nachdem ich mich schon frage, wie Shaun die Situation am Flughafen überstanden hat, war das absolut realistisch. Einziges Manko: Die schnelle Erholung von Shaun. Doch darüber kann ich dann auch durchaus hinweg sehen.

Ganz unabhängig vom Realismus, die zeitweisen Konter von Shaun sind absolut herrlich! Ein Beispiel (zugegebener Maßen aus einer der weiteren Folgen) hat @fotobus dokumentiert

Fazit

Leider muss man auch bei „The Good Doctor“ anfangs wieder feststellen, dass man einmal mehr eine klischeehafte und überzeichnete autistische Figur erschaffen hat. Einen Unterhaltungswert mag die Serie haben, doch fördert sie leider einmal mehr Vorurteile gegen Autisten. Insbesondere, weil man hier quasi ein autistisches Kind einfach in einen erwachsenen Körper gesteckt hat. Ohne die weitere Entwicklung zu beobachten.

Ich werde jedoch die weitere Entwicklung der Serie noch beobachten und baldmöglich noch ein Review zur gesamten ersten Staffel von „The Good Doctor“ geben 2.

  1. Wenn jemand ergänzen könnte, wie das im englischen wirkt, wäre das sehr hilfreich!
  2. Was natürlich heißt, „Atypical“ verschiebt sich. Liegt zugegebener Maßen auch daran, dass sich „The Good Doctor“ trotz aller Klischees für mich einfach schauen lässt.

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