Archiv für den Monat: Oktober 2018

The Good Doctor – Folge 1 und 2 – (Vorab)Kritik einer Autistin

Was wird hier kritisiert?

Bei „The Good Doctor“ handelt es sich um eine amerikanische Adaption einer südkoreanischen Serie desselben Titels. Die Handlung folgt dabei dem autistischen Arzt Shaun Murphy, der als Assistenzarzt in einer Klinik beginnt. Die Serie läuft derzeit mittwochs in Doppelfolgen bei Vox und kann eine Woche nach Ausstrahlung in der Mediathek abgerufen werden.

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Und wer beachtet die andere Seite?

Vor ein paar Tagen wurde auf Facebook folgender, sehr treffender Text veröffentlicht

Ihr seid Mütter/ Väter von autistischen Kindern. Ich bin erwachsener Asperger Autist und habe Fragen an euch. Ihr kennt…

Gepostet von Fräulein von Minckewitz – Leben – alltägliche Gedanken als Asperger Autist am Freitag, 5. Oktober 2018

Schaut man in die Kommentare, sieht man viele Anmerkungen, dass man doch auch die Perspektive der Eltern berücksichtigen sollte. Doch was auf den ersten Blick legitim erscheint, hat im Kontext Autismus seine Tücken. Besonders deutlich wurde das in einem mittlerweile gelöschten Strang, der aber mit Screenshots hier gesichert wurde.

Die Übermacht der einen Seite

Wir haben in der Darstellung und Vertretung von Autismus immerhin ein mächtiges Ungleichgewicht. Und die Waage liegt mitnichten auf der Seite der Autisten. Im Gegenteil. Fast die gesamte Berichterstattung fokussiert sich auf die Perspektive der Eltern. Es ist immer noch eher die Ausnahme, dass ein Bericht die Perspektive der Autisten berücksichtigt.

In der Interessensvertretung sieht es ähnlich aus. Beinahe alle Autismus-Vereine sind Elternorganisationen. Die Selbstvertretung von Autisten hat bei weitem nicht denselben Einfluss, wie es die Vertretung der Eltern von Autisten es hat. Was teilweise sogar soweit geht, dass man versucht die Stimmen von Autisten zum Verstummen zu bringen. Und es ist noch nicht einmal die einzige Seite, von denen Autisten Angriffe zu erwarten haben, die versuchen diese Verstummen zu lassen.

Moment. Und Autisten sollen doch die Perspektive der Eltern beachten?

Wessen Perspektive eigentlich beachtet werden sollte

Eigentlich sollte die Aufforderung, Mal die andere Seite zu beachten, gerade an alle anderen gestellt werden. Den Eltern, die die Bedürfnisse ihrer Kinder und aller anderen Autisten ignorieren. Immer wieder fragen, wieso dies und das denn einfach nicht funktioniert. Die fordern, bis das Kind daran zerbricht. Und darüber hinaus an Autisten den Vorwurf richten, sie könnten nichts über ihr autistisches Kind wissen und darüber die Stimmen zum Verstummen bringen wollen.

Den Medienmachern, die in ihren Berichten, Dokumentationen oder auch literarischen Werken die Perspektive der Autisten selbst ignorieren und sich nur an den Sekundärquellen bedienen. Sprich, den Eltern. Denn genau das sind Eltern im Bezug auf Autismus. Sekundäre Quellen. Die Primärquellen sind einzig und allein die Autisten selbst. Eine Primärquelle, die nach wie vor viel zu oft ignoriert wird. Und damit stumm bleiben.

Beachtet man all dies, wirkt die Aufforderung an Autisten, doch Mal die Perspektive der Eltern zu beachten, geradezu zynisch. Die Autisten sind es, die ignoriert werden. Die Eltern finden geradezu überall Beachtung, wo Autisten um jedes Bisschen Aufmerksamkeit hart kämpfen müssen. Wieso muss also jemand, der kaum eine Stimme hat, denn noch die Seite beachten, die übermächtig über die eigene hinweg tönt?

Nein. Lasst uns Autisten reden. Lasst uns einfach Mal die Umstände ignorieren, die ihr eh schon zur genüge kennt.

Es muss doch einfach Mal auch nur um uns gehen dürfen. Die Eltern haben sich dieses Recht heraus genommen, über Jahre. Und jetzt dürfen wir nicht? Wenn ihr uns Autisten sagt, wir sollen Mal die andere Seite beachten, müsst ihr das entsprechend auch.

Nur genau das passiert noch immer nicht. Und genau deshalb sollten wir die andere Seite definitiv Mal ignorieren dürfen. Denn die Waage ist auf eben der anderen Seiten schwerer. Und wir schaffen keinen Ausgleich, wenn wir diplomatisch immer die andere Seite mit beachten.

Diplomatisch bekommt man nicht vermittelt, wie gravierend das ein oder andere Problem ist. Wie dieses hier.