Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 4 – Kritik einer Autistin

Was wird hier kritisiert?

Bei „Ich, einfach unvermittelbar“ handelt es sich um eine vierteilige Doku-Reihe des Privatsenders VOX, welche u.A. Autisten bei ihrem Weg in einen passenden Job begleiten will. Die Ausstrahlung erfolgt Dienstags gegen 23 Uhr, die Folgen sind dann im Anschluss mindestens eine Woche in der Mediathek kostenfrei abrufbar. Die anderen Folgen habe ich ebenfalls kritisiert
Folge 1
Folge 2
Folge 3

Wie wird kritisiert?

Es gilt dasselbe wie bisher. In dieser Folge haben wir ebenfalls zwei Autisten, ich werde also wieder Mal die komplette Folge betrachten. Bei Stefan werde ich mich aber natürlich zurück halten, sobald es zum sein Tourette-Syndrom geht.

Erwartungen

Wir sind jetzt bei der letzten Folge. Nach einer durchaus guten ersten Folge, konnten die letzten beiden Folgen nicht überzeugen. Ich vermute damit leider, dass auch die letzte Folge wieder die Fehler machen wird, die sich bislang gezeigt haben.

Kritik

Klischees/Vorurteile/Fehler

Ich habe mitgezählt. Vier Sachfehler innerhalb der ersten 17 Minuten. Für eine Dokumentation finde ich das unverständlich.

Einen der größten neuen Sachfehler findet man bei Stefan. Er hat das Tourette-Syndrom, das Asperger-Syndrom und, seinen Aussagen nach, Zwangsstörungen. Doch die Zwangsstörung wird weder in seinem Profil aufgelistet, noch im Off benannt. Im Gegenteil. So heißt es an einer Stelle

Autisten brauchen Strukturen und Ordnung, bei Stefan äußert sich das in regelrechten Zwangshandlungen

Kommentar aus dem Off

Gegen Ende der Dokumentation heißt es zudem, als Stefan am Mischpult arbeitet, dass das Asperger-Syndrom ihm Probleme mache. Stefan hingegen sagt, jetzt ginge das mit den Zwängen wieder los. An beiden Stellen werden Autismus und Zwangsstörung unzulässigerweise miteinander vermischt. Besonders schädlich ist das in dem Hintergrund, dass bestimmte Verhaltensweisen von Autisten schnell von außen für Zwangshandlungen gehalten werden, obwohl sie keine sind. Natürlich gibt es auch Autisten mit einer komorbiden Zwangsstörung, aber das macht Zwänge noch immer nicht zu einem Autismus-Symptom.

Die zweite Vermischung ist genauso ein Klassiker.

Autisten haben häufig Inselbegabungen

Kommentar aus dem Off

Man hat es folglich bei Vox noch nicht Mal geschafft den Fakt zu recherchieren, dass es gerade Mal 50 inselbegabte Autisten weltweit gibt. Diese Vermischung führt zudem zu einer unrealistischen Erwartungshaltung Autisten gegenüber und ist deshalb immens schädlich.

Leider vermeidet man auch nicht zu behaupten, Autisten würden in ihrer eigenen Welt leben. Man versucht hier zwar zu differenzieren, dass sich manche Autisten mehr dorthin zurück ziehen würden als andere. Zurück ziehen ist korrekt, doch die Beschreibung mit „eigener Welt“ führt zu einer verfälschten und höchst schädlichen Vorstellung von Autismus. Mit der man uns übrigens auch zu gerne sämtliche Urteilsfähigkeit abspricht. Ich kann es persönlich auch null nachvollziehen, wo diese „eigene Welt“ als Schutz gegen Reizüberflutungen dienen soll. Ich empfinde das eher so, als würde ich gelegentlich Mauern gegen meine Umwelt hochziehen. Doch ich bleibe doch in derselben Welt?

Auch wird behauptet, Autisten hätten eine mangelnde Empathiefähigkeit und Stefan hätte trotzdem Freunde gefunden. Die mangelnde Empathiefähigkeit ist jedoch ein Trugschluss, sondern wären Phänomene wie das Krisen-Ping-Pong (ein schnelles hin und her fliegen von negativen Zuständen zwischen Autisten) gar nicht möglich. Zur Empathie hatte ich übrigens vor knapp einem Jahr Mal etwas geschrieben.

Darüber hinaus begeht man wieder den Fehler, Asperger-Autismus als abgeschwächte Form zu bezeichnen. Ein Zurückziehen im Haushalt soll zudem typisch sein. Ich denke eher, das kommt ganz auf den Haushalt an.

Negativ fällt darüber hinaus wieder einmal auf, dass ein Autist seine künstlerischen Ambitionen aufgeben soll, um an einen Job zu gelangen. Stefan möchte Sänger werden 1, soll das aber neben dem Beruf weiterführen. Der Expertin scheint hier nicht klar zu sein, dass ein Beruf für Autisten soviel Energie auffressen kann, dass nebenbei nichts mehr möglich ist. Der Gedankengang, man sollte aus dem Hobby Kraft für den Job schöpfen, ist höchst wackelig. Bei Nicht-Autisten mag das funktionieren, bei Autisten muss man aber die Kompensation mit beachten, die da nötig sein kann und den Effekt letztendlich eventuell sogar verunmöglicht.

Übrigens fallen in dieser Folge die Vergleichsweisen niedrigen Schulabschlüsse auf. Christina hat mittlere Reife, Stefan keinen Abschluss. Doch während es sich bei Stefan über lange Aufenthalte in der Psychiatrie und fehlender Inklusion erklärt, bleibt bei Christina ein Fragezeichen stehen. Sie ist anscheinend durchaus eine gute Schülerin zu sein, wieso strebt sie kein Abitur an, wenn die Jobsuche so schwierig ist?

Darüber hinaus haben wir sogar ein Geschlechterklischee in dieser Folge. Es wird suggeriert, Christina und ihre Freundin Jessica würden nur deshalb zusammen Computerspiele spielen, weil Christina Autistin ist. Ganz so, als würden nicht-autistische Mädchen das niemals tun. Und mir erschließt sich auch nicht, wieso das jetzt zeigt, dass Jessica Christina so nimmt, wie sie ist.

Ebenfalls bei Christina zeigt sich auch wieder deutlich der Fehler, dass man mehr über die Autisten redet als mit ihnen. Besonders prägnant ist hier die Situation, in der Jessica bewerten soll, was für Christina schwer in einem Bewerbungsgespräch ist. Christina sitzt genau daneben. Das hätte doch nicht sein müssen.

Positives

Christina schafft es gleich zu beginn, die Situation von Autisten äußerst treffend zu beschreiben. Man ist in einem Theaterstück, in dem alle das Skript haben, nur man selbst nicht. So kommt es mir aufgrund der sozialen Verhaltensregeln, die alle kennen, nur man selbst nicht, tatsächlich auch oft vor.

Bei Christina ist zudem sehr schön das Stimmingverhalten von Autisten zu sehen. Sowohl das „typische“ schaukeln, als auch andere, subtilere Verhaltensweisen. Schade, dass man darauf seitens der Doku in keinster Weise eingegangen ist.

Fazit

Leider kann ich auch für die vierte Folge keine Empfehlung geben. Es gibt massive Fehldarstellungen, und tatsächlich gelangt keiner der Protagonisten am Ende wirklich in einen Job. Man stellt zudem wieder einzig die Behinderung als Hindernis für einen Job da, nicht die Bedingungen im Job selbst. Alles in einem ist das nicht das keine Darstellung, die uns Autisten helfen würde. Im Gegenteil.

  1. Da hätte er sich ja gut mit Max zusammentun können. Ein Sänger und ein Schlagzeuger, brauchen wir nur noch einen Gitarristen, dann haben wir schon eine kleine Band

Ein Gedanke zu „Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 4 – Kritik einer Autistin

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