Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 3 – Kritik einer Autistin

Was wird hier kritisiert?

Bei „Ich, einfach unvermittelbar“ handelt es sich um eine vierteilige Doku-Reihe des Privatsenders VOX, welche u.A. Autisten bei ihrem Weg in einen passenden Job begleiten will. Die Ausstrahlung erfolgt Dienstags um 23.05, die Folgen sind dann im Anschluss mindestens eine Woche in der Mediathek kostenfrei abrufbar. Die anderen Folgen habe ich ebenfalls kritisiert
Folge 1
Folge 2
Folge 4

Wie wird kritisiert?

Es gilt dasselbe wie bisher. Mit einem Unterschied. In dieser Folge haben wir gleich zwei Autisten, ich werde also dieses Mal die komplette Folge betrachten.

Erwartungen

Nach den ersten beiden Folgen haben wir mittlerweile Gleichstand. Die erste Folge ist empfehlenswert, die zweite enttäuschend. Meine Erwartung für die dritte Folge kann man als „vorsichtiges abwarten“ Bezeichnen.

Kritik

Klischees/Vorurteile/Fehler

Leider ist es tatsächlich der negative Trend, der hier fortgesetzt wird.

Innerhalb der ersten fünfzehn Minuten schafft die Doku es eindrucksvoll zu belegen, dass man nicht ordentlich recherchiert hat. Sehr zum Schaden aller Autisten.

Max ist Asperger-Autist, das heißt, er hat die für Autismus typischen Symptome in abgeschwächter Form

Kommentar aus dem Off

Diese Aussage ist fachlich einfach nur falsch. In den Diagnosekriterien gibt es nur zwei Unterschiede zwischen dem Asperger-Syndrom und frühkindlichen Autismus: Die fehlende Sprachentwicklungsverzögerung und das Nichterteilen der Diagnose bei einer zusätzlichen geistigen Behinderung (dh., frühkindliche Autisten können, müssen aber nicht, zusätzlich geistig behindert sein. Asperger-Autisten jedoch nicht). Die Stärke der Symptome ist für die Diagnostik nicht relevant (oder sollte es zumindest nicht sein). Deshalb stimmt auch die Aussage über David nicht, dass bei ihm als Asperger-Autist die Probleme im sozialen Umgang geringer ausgeprägt seien als bei anderen Autisten. Allemal sind diese Probleme bei ihm als Person geringer ausgeprägt als bei anderen Autisten.

Dieser fachliche Fehler ist insbesondere deshalb höchst ärgerlich, weil einmal mehr suggeriert wird, Asperger-Autisten hätten grundsätzlich weniger Probleme als andere Autisten. Was wiederum die Ansprüche ihnen gegenüber erhöht. Unabhängig davon, wie viele Probleme sie tatsächlich haben und wie stark sie tatsächlich kompensieren. Bei einer ordentlichen Recherche hätte man diesen Fehler nicht gemacht.

Auch fällt wieder negativ auf, wie häufig insbesondere bei Max mehr über ihn als mit ihm gesprochen wird. Bei David findet sich dieses Problem auch, doch insbesondere bei Max rücken die Eltern und ihr Empfinden regelmäßig in den Vordergrund und lassen Max als Person quasi verschwinden. Das ist etwas, was bei einer Dokumentation über Menschen mit Behinderungen nicht passieren sollte.

Auch fallen die Eltern ein wenig negativ auf, weil einige Aussagen sehr danach klingen, als hätten sie den Autismus ihres Sohnes auch 17 Jahre nach der Diagnose noch nicht vollkommen begriffen und akzeptiert. Da wird davon gesprochen, er sollte doch endlich Kontakte knüpfen und sich ein soziales Netzwerk aufbauen, um eben endlich an einen Job zu kommen. Da möchte man als Zuschauer schon fast zurufen, dass es hier immerhin um einen Autisten geht. Ein Autist kann seinen Autismus nicht einfach ablegen.

Doch auch insgesamt geht die Dokumentation leider wieder genau in diese Richtung. Die Autisten sollen bitte aufhören, autistisch zu sein. Dass Max seinen Traumberuf jetzt bitte ganz schnell aufgeben soll, bereitet einen schon leichte Magenschmerzen. Ist aber tatsächlich noch schlicht notwendig. Beim Erlernen von sozialen Kompetenzen stellt sich schon eher die Frage, wieso dieses maskieren bitte sein muss.  Bei David aber wird das Problem am deutlichsten. Im Off wird erklärt, dass im beruflichen Alltag niemand auf seinen Autismus Rücksicht nehmen kann. Da stellt sich mir doch eher die Frage, wieso man ihn dann in diesen Job vermittelt hat? Wenn niemand auf seine Behinderung Rücksicht nehmen kann, ist diese Stelle schlicht und ergreifend ungeeignet für ihn. Dazu kommt die Ansage, dass es Davids Aufgabe sei sich Instrumente anzueignen, um Emotionen bei seinem Gegenüber zu erkennen. Müssen Rollstuhlfahrer ihre Rampen denn auch selber bauen? Hier zeigt sich leider nur umso deutlicher, als was Autismus hier begriffen wird: Als Makel, der zu beheben ist. Dies wird auch nochmal im Off eindrucksvoll aufgezeigt

Jetzt muss David zeigen, dass er trotz Asperger-Autismus das Zeug für eine Anstellung hat

Kommentar aus dem Off, Gedächtnisprotkoll

Trotz Asperger-Autismus. Der Autismus als generelles Hindernis. Als Makel. Nicht als potentieller Vorteil, was bei David das enorme geschichtliche Wissen wäre. Diese Sicht auf Behinderungen ist es, die es Menschen mit Behinderungen nochmal deutlich schwieriger macht, als die Behinderung an sich schon.

Leider wird auch versäumt zu erwähnen, wie sich Max’s „Besessenheit“ für Musik und Davids großes Interesse an Geschichte bei Autisten bezeichnen lässt. Für mich sind beides eindeutig ihre Spezialinteressen. Das wird jedoch in der Dokumentation weder erwähnt, noch näher erläutert. Es wäre jedoch allein schon für das bessere Verständnis für Autisten im Allgemeinen wichtig gewesen zu erklären, dass Autisten sich häufig intensiv mit bestimmten Themen auseinander setzen und dann auf diesem Gebiet leicht großes Fachwissen erlangen.

In einer Bildeinstellung ist nun auch für München der dort verwendete IQ-Test als WIE zu erkennen. Wieso das negativ ist, hatte ich in der vorherigen Kritik schon erläutert.

Zu guter lässt wiederholt sich auch hier die Kritik der letzten Folge, dass man hier die Protagonisten nicht in einen Job gebracht hat. Max hat gerade Mal ein zweiwöchiges Praktikum bekommen und ist laut Abschlusstext wieder auf der Suche. Bei David ist die Bilanz etwas positiver, er baut sich anscheinend etwas als Stadtführer auf. Wobei er seinen Autismus sogar heraus stellt, was dem Punkt mit der fehlenden Rücksicht entgegen kommen sollte. Jedoch bleibt auch hier die Frage, wieso man ihn in ein Bewerbungsverfahren um eine Stelle schickt, die gar nicht frei ist.

Positives

Um fair zu bleiben, es gibt durchaus auch positives an dieser Folge

So haben wir mit David einen Autisten innerhalb der Doku-Reihe, der eine eigene Familie hat. Das wird zwar aus dem Off als „ungewöhnlich“ beschrieben (was ich bezweifeln möchte), zeigt aber eindrucksvoll, wie normal das soziale Umfeld von Autisten allgemein sein kann.

Sehr positiv ist auch, dass David beim Job-Coaching Mal deutlich gesagt wird, er soll offen mit seiner Behinderung umgehen und dem potentiellen Arbeitgeber auch deutlich seine Schwächen nennen, zusammen mit Strategien zum Umgang. Meistens wird einem nach wie vor nahe gelegt, eine unsichtbare Behinderung bei der Bewerbung besser zu verschweigen. Hier Mal was anderes zu hören ist eine angenehme Abwechslung.

Auch wird hier kurz auf die Detailwarnehmung von Autisten sowie das typische Problem des Treffens von Entscheidungen erwähnt.

Sehr schön ist die Erklärung von David, wie es sich bei Autisten mit Gestik und Mimik verhält. Ich finde es durchaus sehr treffend zu sagen, dass Autisten dort dieselbe Intuition fehlt, die anderen bei Mathe fehlt. Mathe kann man auch ohne Intuition mit viel Disziplin lernen. Mimik und Gestik sind auf dieselbe Weise für uns Autisten erlernbar. Was aber eben nicht heißt, dass wir dann weniger autistisch wären.

Und, kleines persönliches Highlight: David beruhigt sich mit Metal. Was für Nicht-Autisten wie ein kompletter Widerspruch wirkt, funktioniert auch für mich wunderbar. Und ich bin ehrlich froh, dass Mal jemand anderes erklärt, dass man hier im Grunde gezielt Überreizung benutzt. Allerdings auch wichtig zu bemerken, dass da jeder Autist seine eigenen Methoden hat. Bei mir funktioniert Metal hören beim Lesen eben gerade nicht, weil ich dann automatisch beginne intensiv die Musik zu hören.

Fazit

Insgesamt kann ich auch diese Folge nicht empfehlen. Es wird insgesamt immer deutlicher, dass die Macher der Dokumentation ein nicht ganz zutreffendes Bild von Autismus haben. Die Betrachtung als Makel wird immer deutlicher, auch indirekt über die potentiellen Arbeitgeber. So bemerkt der Leiter des Sounddesigns, Max sei ja geistig voll auf der Höhe. Die Dame von der Stadt hält Autisten offensichtlich für absolut ungeeignet, weil sie hohe Ansprüche gerade in den Bereichen hat, die für Autisten problematisch sind. Da fragt man sich doch, ob die David überhaupt die Chance gegeben hätte, wenn nicht ein Fernsehsender dabei gewesen wäre.

Und eigentlich ist genau dass das Hauptproblem. Nicht der Autismus, sondern die Einstellung bei den Arbeitgebern. Doch leider geht man in der Dokumentation darauf kaum ein.

Dennoch werde ich nächste Woche auch die vierte Folge kritisieren. Auch wenn ich die erste Folge mittlerweile leider eher als positiven Ausreißer innerhalb einer Dokureihe sehe, die zu viele übliche Fehler macht.

3 Gedanken zu „Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 3 – Kritik einer Autistin

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