Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 2 – Kritik einer Autistin

Was wird hier kritisiert?

Bei „Ich, einfach unvermittelbar“ handelt es sich um eine vierteilige Doku-Reihe des Privatsenders VOX, welche u.A. Autisten bei ihrem Weg in einen passenden Job begleiten will. Die Ausstrahlung erfolgt Dienstags um 23.05, die Folgen sind dann im Anschluss mindestens eine Woche in der Mediathek kostenfrei abrufbar. Die erste Folge habe ich hier kritisiert.

(Weiter Folgen finden sich hier: Folge 3, Folge 4)

Wie wird kritisiert?

Hier gilt dasselbe wie bei Folge 1. Heißt, ich werde mich nur auf Isabelle konzentrieren und bei den Fakten ziemlich hart vorgehen. Außerdem werde ich einen besonderen Fokus auf die Unklarheiten des ersten Teils legen.

Erwartungen

Da die erste Folge durchaus positiv ausgefallen ist, sind die Erwartungen dieses Mal entsprechend höher.

Kritik

Klischees/Vorurteile/Fehler

Leider hat man es dieses Mal tatsächlich geschafft, an ein paar Punkten ordentlich ins Klo zu greifen.

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Benennung. Meist vom Asperger-Syndrom oder auch Asperger-Autismus. Mal abgesehen davon, dass die Unterteilung des Autismus-Spektrums veraltet ist, durch die Verwendung dieser Begrifflichkeit im Off hört es sich so an, als würden die erläuterten Eigenschaften nur für Asperger-Autisten gelten. Dabei sind es durchweg Dinge, die für das gesamte Spektrum gelten. Das sind Missverständnisse, die nicht sein müssen!

Letzte Woche hatte ich ja schon angesprochen,  dass ich eine alleinige Anpassung der Autisten befürchte. Dieser Punkt wird in der zweiten Folge leider bestätigt und zudem noch auf den Punkt gebracht mit folgendem Zitat

„Doch sie [Isabelle] weiß, für ihr Ziel, endlich wieder arbeiten zu können, muss sie bis an ihre Grenzen gehen. Und notfalls auch darüber hinaus“

Kommentar aus dem Off bei etwa Minute 21

Wieso muss sie das? Doch eigentlich nur, weil IHR niemand entgegen kommt. Auch die Leute von Vox nicht. Dazu sollte man sich auch dringend die Fahrt auf der Autobahn anschauen. Isabelle sagt deutlich, dass ihr die Motorgeräusche zu viel sind. Dazu noch die Erklärung, dass sie nicht filtern kann, von ihrer Assistentin. Wieso bitte hat keiner zB. NC-Kopfhörer für sie?! Das ist genau das, woran Autisten immer und immer wieder kaputt gehen. Und die sagen hier auch noch, sie müssen das. Nein, einfach nur nein. So etwas spiegelt nur ein schädliches Bild von Menschen mit Behinderungen wieder. Du hast dich anzupassen, und wenn du dabei drauf gehst. Auch wird das Händeschütteln als absolutes Muss hingestellt. Dem ist nicht so. Man siehe nur Mal nach Asien.

Bestätigt wird auch mein Verdacht bezüglich des Intelligenz-Tests. In Köln wird er klar als WIE bezeichnet. Gerade einer der Intelligenztests, der bei Autisten zu gerne zu niedrige Ergebnisse wiedergibt. Bei einem IQ von 139 macht das zwar vielleicht nicht so einen großen Unterschied, aber sollte man im Umgang mit Autisten nicht gerade auch darauf achten, einen passenden IQ-Test zu benutzen, wenn man den IQ messen will? Ich verstehe an dieser Stelle das Vorgehen ehrlich nicht.

Weitere Kritikpunkte sind, dass man hier dazu tendiert, über Isabelle zu reden, als mit ihr. Das mag mit ihren Problemen mit anderen zu sprechen begründet sein, hat aber einen bitteren Beigeschmack, weil dieses „Sprechen über Behinderte, ohne sie mit einzubeziehen“ nach wie vor zu häufig ist. Da fragt man sich doch, ob man nicht eine andere Form hätte finden können, in der sich Isabelle selbst hätte äußern können.

Außerdem muss ich ein wenig hinterfragen, inwiefern man zu den Experten recherchiert. Köln, die hier als Experten aufgesucht werden, steht als Autismus-Stelle durchaus in der Kritik. Weiß man das, oder hat man das übergangen? Prof. Vogeley macht sich auch direkt negativ bemerkbar, indem er von Isabelle als „Patientin“ spricht, er scheint nur ein medizinisches Problem bei ihr zu sehen. Dabei ist sie gar nicht Mal für eine Behandlung da, sondern zur Beratung.

In dieser Folge fällt auch das erste Mal im Bezug auf Autismus der Begriff „Krankheitsbild“. Zwar wird dieser von der Mitarbeiterin der Naturstation in Anführungszeichen gesetzt, aber das macht es nicht richtiger. Trotzdem wird dieser Teil gesendet. Hätte man sie da nicht korrigieren und die Aussage umformuliert neu aufnehmen können?

Zu guter Letzt fällt mir auf, dass Isabelle öfters Mal allein gelassen wird und dann nach Hilfe fragen muss. Dabei bleibt unklar, ob sie jetzt dazu „gedrängt wurde“, oder ob sie das selbst wollte. Zusammen mit der Erwartung, dass sie an und über ihre Grenzen geht, tendiere ich eher zu ersterem. Und das kann ich nicht befürworten.

Von @andersbunt kam dann  Twitter noch folgende, wichtige Ergänzung

Positives

Auch wenn ich auf der negativen Seite dieses Mal etwas weiter ausholen musste, gibt es auch ein paar positive Aspekte.

Es ist eigentlich immer gut, wenn man auch Autistinnen vorstellt. Diese sind nach wie vor unterrepräsentiert, eben auch in Dokumentationen. Und es muss dringend etwas passieren, dass nicht die meisten Menschen denken, Autismus wäre etwas primär männliches. Da tut erst einmal jede einzelne Autistin, die in den Fokus kommt, gut.

Außerdem versteckt Isabelle ihren Autismus weit weniger als Wolfgang in der letzten Woche. Sie baut keinen Blickkontakt auf, vermeidet das Händeschütteln und legt auch nicht ihre Jacke ab, wenn man ihr anbietet sie ihr abzunehmen. Nur leider kann man da einen gewissen Vorführeffekt nicht vermeiden, weil man ihr Verhalten auch so gut wie nicht erklärt. Hier hätte man noch ausbauen können.

Vielleicht zufällig gerät aber zwischen drin ein Problem in den Fokus, das für Autisten überaus typisch ist; Das Umfeld meint es gut mit einem und bietet eine Möglichkeit, die aber den Autisten wiederum vor ein Dilemma stellt. Es geht hier, wieder, um die Fahrt nach Köln. Isabelle kann niemanden bei sich im Auto mit fahren lassen, fährt aber auch ungern bei anderen mit. Leider bleibt hier auch ein mieser Beigeschmack, weil man nicht auf die Lösung kommt, einfach beide Autos zu nehmen. Aber auch das ist wieder ein durchaus typisches Problem. Die tatsächlich beste Lösung wird einfach nicht gefunden, weil man gar nicht erst auf diese Idee kommt (und der Autist selbst dazu zu überfordert ist).

Fazit

Nachdem die erste Folge überaus gut war, baut man hier in der zweiten deutlich ab. Deshalb kann ich diese Folge, im Gegensatz zu der ersten, auch nicht empfehlen. Es bleibt abzuwarten, ob man es in den verbleibenden beiden Folgen wieder besser macht, oder ob die erste eine traurige Ausnahme war.


Und entschuldigt die Verspätung, ich wollte diesen Text eigentlich schon am Mittwoch verfassen. Ich schreibe die Tage noch Mal was dazu, wieso es sich hier alles etwas verzögert hat.

3 Gedanken zu „Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 2 – Kritik einer Autistin

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