Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 1 – Kritik einer Autistin

Was wir hier kritisiert?

Bei „Ich, einfach unvermittelbar“ handelt es sich um eine vierteilige Doku-Reihe des Privatsenders VOX, welche u.A. Autisten bei ihrem Weg in einen passenden Job begleiten will. Die Ausstrahlung erfolgt Dienstags um 23.05, die Folgen sind dann im Anschluss eine Woche in der Mediathek kostenfrei abrufbar.

(Weitere Kritiken finden sich hier: Folge 2, Folge 3, Folge 4)

Wie wird kritisiert?

Da es sich hier um eine Dokumentation handelt und auch als solche beworben wird, werde ich bezüglich Fakten dieses Mal knallhart sein. Ungenauigkeiten haben hier aufgrund des Formats noch größeren Einfluss als schon bei Fiktionen. Aber ich werde mich auf die Episoden beschränkten, in denen es um Autisten geht, da ich mich z.B. mir Tourette kaum auskenne. Die Kritik dessen sollte den Betroffenen überlassen bleiben, und das bin ich nicht. Entsprechend werde ich für die erste Folge nur die Darstellung von Wolfgang bewerten und Sebastian außer acht lassen.

Erwartungen

Auch wenn es sich um eine Dokumentation handelt, bei dem, was ich in letzter Zeit alles gesehen habe, habe ich sehr geringe Erwartungen. Ich rechne durchaus mit einigen Fehlern und vor allem viel Leid-Gedusel, Tragik-Narrativ und wer-weiß-noch-alles, was den Autisten möglichst unglücklich wirken lässt und die Menschen hinter der Dokumentation als Retter.

Kritik

Klischees/Vorurteile/Fehler

Tatsächlich habe ich hier relativ wenig Anmerkungen, vor allem Dingen nur zwei große Kritikpunkte

Das eine wäre die Bezeichnung der Autismusdiagnose sowie die Floskel „Menschen mit Autismus.“ Letzteres ist nämlich nicht die politisch korrekte Bezeichnung, die meisten Autisten bevorzugen Identity-First, nicht Person-First. Leider ist das bei den Medien nach wie vor nicht wirklich angekommen.
Die Diagnose wiederum wird konsequent als „hochfunktionaler Autismus“ bezeichnet. Da haben wir wieder genau diese lineare Einteilung, über die ich mich neulich noch hier ausließ. Leider ist insbesondere der auftretende Prof. Schilbach für diese Bezeichnung bei uns bekannt.

Der zweite Punkt bezieht sich auf das Berufs-Coaching. Als Autistin hinterlässt das bei mir doch den faden Beigeschmack einer einseitigen Anpassung. Der Autist soll normal wirken, Blickkontakt halten (wobei hier wohl kein richtiger Blickkontakt gefordert und Umgehungen erlaubt warem, wie @andersbunt  bei einer Nachfrage heraus fand), die Hand geben, Smalltalk halten. Da macht auch Wolfgangs Erwartungshaltung Bauchschmerzen, der alles „normal“ können möchte. Leider ist das genau dieses Maskieren, worauf viele Autisten neulich unter #DieMaskeAbnehmen aufmerksam gemacht haben. Und es erscheint an dieser Stelle nicht so, als hätte man versucht, den Arbeitgeber Veränderungen vornehmen zu lassen. Speziell all diese Besprechungen bei Wolfgangs Probearbeit wären doch für einige Autisten eine enorme Belastung gewesen. Da das nur die erste Folge war, werde ich diesen Aspekt Mal für die nächsten Folgen im Hinterkopf behalten, bevor ich hier zu einer endgültigen Wertung komme. Aber das auch ein solches Coaching nicht alles verdecken kann, zeigt sehr schön die Szene mit der Frage, was Wolfgang sich denn vom Arbeitgeber und der Arbeitsstelle wünschen würde.

Übrigens kam mir der Intelligenztest von Wolfgang sehr bekannt vor. Ich frage mich, ob es sich dabei um den WIE gehandelt haben könnte, der für Autisten nicht optimal ist. Aber das ist nur eine Mutmaßung meinerseits

Das weitere sind eher Kleinigkeiten. Bei der Erläuterung, was Autismus ist, wird von „vererbbar und nicht heilbar“ gesprochen. Der Begriff der Krankheit wird tatsächlich Mal nicht genutzt, aber wieso spricht man von „nicht heilbar“? Da fragt man sich doch ein wenig, was es da zu heilen gibt.

Übrigens dachte ich während des Beitrags, ich müsste hier noch ein potentielles Missverständnis bezüglich des Verständnis der Gefühle anderer bei Autisten aufführen. Allerdings wird das durch eine spätere Szene, in der Wolfgang aufgrund des Unfalls eines Freundes eine Atemhilfe trägt, wieder ausgeräumt (und ehrlich, die Reaktion hat mich auch was verblüfft).

Positives

Ich bin positiv überrascht. Ich habe weder irgendwelches übertriebenes Leidgedusel bemerkt, noch wurde Wolfgang irgendwo für seine Eigenarten vorgeführt. Da passiert genau das, was man von einer Dokumentation erwartet: Schlichtes Berichten. Und viel richtiges. Ich habe bis auf die schon benannten keine großen fachlichen Fehler bemerkt. Man vermeidet sogar, zu pauschalisieren und redet davon, dass bestimmte Eigenschaften typisch seien, oder dass es vielen Autisten so und so gehe. So bleibt deutlich, dass es bei manchen Autisten anders sein kann.

Stark waren auf jeden Fall einige Aussagen von Wolfgang. So sagt er noch in der Einführung „Für was bin ich denn auf der Welt, wenn ich eh nicht gewollt werde?“. Das sollte genau die Gefühlswelt diverser Autisten widerspiegeln, die überall auf Ablehnung aufgrund ihrer Andersartigkeit stoßen. Und auch die Aussage, dass Wolfgang nie wusste, was er denn falsch macht, gibt die Situation vieler Autisten punktgenau wieder. Überhaupt ist es erfrischend, dass nicht alles durch die Stimme aus dem Off erklärt wird, sondern Wolfgang als Autist Dinge auch selbst erklären darf, wie etwa auch die Sache mit dem Smalltalk. Außerdem wird er auch nicht in die IT-Ecke gedrängt (und überhaupt kommt der Begriff Computer nur einmal im ganzen Beitrag vor), sondern es wird insgesamt nach seinen Interessen und Fähigkeiten geschaut.

Besonders schön auch in der Schlussszene, dass Wolfgang seinen zukünftigen Arbeitgeber nach dem Angebot der Stelle umarmt und dabei heult. Und damit gleich zwei Vorurteilen mächtig gegen den Kopf gestoßen ist: Dass Autisten emotionslos seien und alle dieselben Probleme hätten.

Fazit

So unwahrscheinlich das zu Beginn auch wirkte, ich kann hier für die erste Folge tatsächlich eine Empfehlung aussprechen. Auch wenn der Beitrag nicht perfekt ist, überwiegen hier doch die positiven Aspekte. Leider wird der Beitrag nur noch bis Dienstag kostenfrei abrufbar sein, es ist also Eile geboten.


Übrigens werde ich in Zukunft öfters solche Kritiken schreiben. Diesen Monat werde ich mir noch die übrigen Folgen der Reihe vornehmen, hoffentlich dann zeitnaher an der Ausstrahlung. Für Oktober ist dann die zweite Staffel von Atypical dran, im November wird voraussichtlich endlich die zweite Folge von Ella Schön folgen. Ihr dürft mir übrigens gerne Vorschläge machen, was ich mir anschauen soll. Nicht nur Filme und Serien, auch Bücher. 

3 Gedanken zu „Ich, einfach unvermittelbar? – Folge 1 – Kritik einer Autistin

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