Von Zügen und Autisten auf der Waage

Immer wieder liest man von autistischen Zügen. Oder von leichten und schweren Formen von Autismus. So wird das Asperger-Syndrom meist als leichte Form von Autismus beschrieben, frühkindlicher Autismus als schwere Form. Menschen ohne Diagnose werden gerne Mal autistische Züge zugeschrieben, wenn … ja, wann überhaupt? Jedenfalls ist alles drei nicht wirklich zutreffend, sobald man versteht, was Autismus eigentlich ist. Aber weil das so kurz gesagt wenig verständlich ist, versuche ich es Mal etwas ausführlicher zu erläutern.

Der Zug auf Irrfahrt

Beginnen wir Mal mit den autistischen Zügen. Diese Zuschreibung geschieht schnell, da es sich hierbei auch um keine offizielle Diagnose handelt. Dementsprechend wirr ist auch die Definition. Wenn man sich aber anschaut, was alles als „autistische Züge“ bezeichnet wird, zeichnet sich vor allem eines ab; Es handelt sich hier um einzelne Symptome, die dem Klischeebild eines Autisten entsprechen. Gleichzeitig zeigt die Person aber insgesamt zu wenig Symptome, um eine Diagnose als Autist zu erhalten. Ein Problem was daraus entsteht, dass Autismus einfach enorm vielfältig ist in Bezug auf die möglichen Symptome (darauf werde ich später nochmal zurück kommen). Jetzt aber einzelne Symptome mit Autismus in Verbindung bringen zu wollen, ohne das eine Diagnose gegeben werden kann, ist meiner Meinung nach nicht zielführend. Das ist, als wollte man gebratenen Reis mit Zwiebeln unbedingt als Paella verkaufen (um Mal auf den Paella-Vergleich von @fotobus zurück zu greifen). Das macht ebenso wenig Sinn. Eher im Gegenteil. Man läuft Gefahr, gerade den gut kompensierenden Autisten Probleme im Bezug auf den Autismus abzusprechen. Indem man ihnen die Personen mit „autistischen Zügen“ vorhält, die ja immerhin ohne Rücksichtnahme zurück kommen. Darüber hinaus verstärken solche Zunahmen nur die Klischees im Bezug auf Autismus. Wie erwähnt handelt es sich bei den Symptomen meist um klischeehafte Eigenschaften von Autisten. Es wird suggeriert, dass diese Symptome zwingend zum Autismus gehören und bei jedem Autisten vorhanden sind. Dabei können sie, insbesondere wenn sie einzeln auftreten, vollkommen andere Ursachen haben. Ein Symptom macht noch keinen Autisten. Die Menge macht es erst. Von daher lehne ich den Begriff der „autistischen Züge“ auch ab (und schreibe öfters Mal „Tuuuut“, wenn ich diese Formulierung Mal wieder irgendwo lese).

Waagen und Bälle

Aber wie steht es jetzt mit den leichten und schweren Formen? Davon liest man ja immerhin andauernd.

Tja. Die leichten und schweren Formen basieren auf dem Irrtum, dass es sich bei Autismus um etwas mit linearer Ausprägung handelt. Wie etwa Fieber, wo sich leicht und schwer anhand der gemessenen Temperatur bestimmen lässt. Jetzt kommt es aber. Wie schon erwähnt, gibt es bei Autismus eine Vielzahl möglicher Symptome. Es gibt noch nicht Mal ein Symptom, was jeder Autist zwingend erfüllen muss. Sobald die drei „Symptomkomplexe“ soziale Interaktion, Kommunikation und Interessen/Verhalten vorhanden sind und die Auffälligkeiten schon seit der frühen Kindheit bestehen, steht die Diagnose 1. Unabhängig davon, wie die Symptome im einzelnen aussehen. Wenn man vom Autismus-Spektrum spricht, spricht man folglich von einem n-dimensionalen Gebilde. Und wenn man es schon nicht schafft grafisch darzustellen, wie soll man da Bereiche wie „leicht“ und „schwer“ finden? Das würde höchstens Sinn ergeben, hätte man eine eineindeutige  2 Funktion zur Übertragung der Werte im n-dimensionalen Raum auf den zweidimensionalen Raum, also einer Linie. Aber auch diese existiert nicht.

Übrigens; Das heißt noch lange nicht, dass man diese lineare Einteilung nicht bei den einzelnen Symptomen machen darf. Die sind für sich durchaus linear. Nur in der Summe verliert sich das. Ich habe mittlerweile vom Spektrum ein Bild von einer Art Strahlenkranz. Die einzelnen abgehenden Linien sind die möglichen, zum Autismus zugehörigen Symptome. Und auf jeder dieser Linien ist irgendwo ein Punkt, der die persönliche Ausprägung dieses einzelnen Symptoms repräsentiert. Insgesamt ergibt sich dann etwas wie ein Gummiband, was sich durch diesen Strahlenkreis zieht. Zweidimensional gesprochen natürlich. Im dreidimensionalen hätte man etwas wie einen sehr delligen Ball innerhalb eines runden Balls …

Jetzt sagen manche, leichte Formen wären diejenigen, die nur leichte Symptome zeigen. Schwere Formen definieren sich dann analog. Aber welcher Autist zeigt schon ausschließlich leichte Symptome oder ausschließlich schwere? Diese Einteilung funktioniert folglich für die meisten Autisten überhaupt nicht. Noch dazu ignoriert diese Einteilung eine Tatsache, die das Spektrum noch komplexer macht; Die Position der Punkte auf den Linien ist nicht immer gleich! Abhängig davon, wie viel Energie der Autist gerade übrig hat, oder auch von der vorhandenen Unterstützung, oder ob ein Symptom gerade schon Probleme macht oder man versucht dieses zu kompensieren, verschieben sich die Punkte quasi ständig! Man könnte auch sagen, dass der Autist quasi ständig im Spektrum herum wirbelt. An manchen Tagen können Dinge wie Smalltalk gelingen, an anderen ist selbst eine einfache Begrüßung enorm anstrengend. Asperger-Autisten, die aufgrund ihrer unauffälligen Sprachentwicklung als „leicht betroffen“ gelten, können unter Stress plötzlich verstummen. Sprich, einige „leicht betroffenen“ Asperger-Autisten zeigen auf einmal, wenn auch nur zeitweise, DAS Merkmal der „schwer betroffenen“ frühkindlichen Autisten; Die Eigenschaft, nonverbal zu sein.

Überhaupt steckt in den Köpfen der Leute noch immer zu stark fest, Asperger-Autisten hätten grundsätzlich weniger Probleme als frühkindliche Autisten. Obwohl sich die Diagnosekriterien nur am Punkt der Sprachentwicklung unterscheiden und Asperger-Autisten keine zusätzliche geistige Behinderung haben dürfen. Von Kompensationsfähigkeiten oder Probleme im Alltag ist da nirgends die Rede. Diese Vorstellung aber führt manchmal zu unsinnigen Formulierung wie „eine schwere Form des Asperger-Syndroms, einer leichten Form von Autismus“. Moment, eine schwere Form einer leichten Form? Sind wir jetzt in der Mitte, oder wo? Abgesehen vom Unsinn der linearen Einteilung, ist das schlicht nicht mehr zu verstehen.

Fazit

Es wäre für uns Autisten um einiges leichter, würde diese Einteilung in „leicht“ und „schwer“ einfach Mal der Vergangenheit angehören und man einfach ganz unabhängig schaut, wie viel Unterstützung ein Autist benötigt und vor allem, wo. Aber nicht festgeschrieben in einer Diagnose, was leider sowohl DSM 5 als auch ICD 11 nach wie vor tun. Wie gesagt, der tatsächliche Unterstützungsbedarf kann sich enorm schnell ändern. Doch es wird wohl leider noch ein weiter Weg sein, bis wir von einer linearen Einteilung beim Autismus wirklich endgültig weg sind und auf das geschaut wird, was den Autismus und die damit verbundene Behinderung tatsächlich aus macht.


Übrigens, manchmal albern wir auf Twitter ein wenig herum und sagen, „schwer betroffene“ Autisten wären schlicht übergewichtig. Aber das sind wirklich nur Albernheiten, mit denen wir diese Einteilung auf unsere Art auf die Schippe nehmen 😉

  1. abgesehen vom atypischen Autismus, wo genau ein Kriterium fehlen darf
  2. man kommt vom 1. Wertebereich auf eindeutige Werte aus dem 2. Wertebereich und von dort aus auch wieder zurück

2 Gedanken zu „Von Zügen und Autisten auf der Waage

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