Ein Bundesverdienstkreuz für … Dressur?!

Manchmal weiß man ja einfach nicht, wo man anfangen soll. Aber vielleicht fange ich einfach Mal dort an, wo ich auf den Umstand aufmerksam wurde.

Ein Bundesverdienstkreuz für das Engagement im Bereich Autismus-Selbsthilfe. Klingt ja erst einmal gut und bewundernswert. Doch wer sich mit dem Thema Autismus länger beschäftigt, der sieht schon eine Stolperfalle beim Begriff „Autismus-Selbsthilfe“. Selbsthilfe heißt ja eigentlich, dass sich die Betroffenen untereinander helfen. Nicht so bei Autismus. Da versteckt sich unter dem Begriff „Autismus-Selbsthilfe“ nur allzu gerne die Selbsthilfe unter den Eltern von Autisten! Die allerdings selbst nicht Autisten sind. Natürlich hat auch diese Selbsthilfe ihre volle Berechtigung, aber wenn man die Selbsthilfe von Angehörigen über die der Betroffenen stellt, wird es schon seltsam.

Wie ist es aber nun in diesem Fall? Schauen wir Mal bei der Seite von Autismus Hamburg nach, wo Frau Horn-Engeln engagiert ist. Schaut man im Jahresprogramm, sieht man diverse Termine von … Elterntreffen. Selbsthilfegruppen von Autisten? Fehlanzeige. Und auch sonst findet sich auf den gesamten Seiten absolut nichts, was sich an Autisten selbst wendet. Alles ist auf die Eltern von Kindern ausgerichtet. Es gibt übrigens sogar gesonderte Treffen für die Eltern von Autisten ab 16! Aber eben nicht für die Autisten selbst. Wenigstens sind die hier nicht aufgelistet. Dass man das vielleicht nicht veröffentlicht, weil es zu heikel ist? Glaube ich nicht. Bei LunA Leipzig sind die Termine der Selbsthilfegruppen öffentlich einsehbar (wie hier zu sehen). Von daher spricht einiges dafür, dass es die Selbsthilfegruppen für die Betroffenen selbst nicht gibt. Ganz versteckt findet man dann diese Seite, wo auch nur „weitere Selbsthilfegruppen“ gelistet sind. Und da gibt es ein Bundesverdienstkreuz für das Engagement in der Autismus-Selbsthilfe? Ich hoffe, nicht nur ich sehe da einen dicken Widerspruch.

In einem Artikel aus dem Jahr 2016 wird es sogar noch deutlicher. Dort wird ganz deutlich von einem Elternverein gesprochen. Und auch wieder keine Erwähnung einer Selbsthilfe für Autisten selbst. Nein, es ist von einem Jugendtreff für 13 bis 20jährige die Rede. Und auch, wenn das wohl einer Selbsthilfegruppe von Betroffenen am nächsten kommt, fällt hier doch die Bezeichnung auf; Nach der ist es schlicht keine (obwohl es auch hier einen Selbsthilfe-Preis gab). Seltsam, oder?

Noch deutlicher wird es, wenn man im Bereich der Therapie schaut. Dort findet sich AVT/ABA, das ebenfalls davon abgeleitete BET (dazu gleich noch ein nicht unwichtiger Zusatz), Es finden sich auch Links, die nahe legen, dass autistische Kinder an sensorische Reize „gewöhnt“ werden sollen (anstatt, das man eine Form des Umgangs damit findet, die das Kind nicht überfordert). Ein anderer Link führt um eine Ecke z.B. hier her, wo man Behauptungen aufstellt, dass Autisten mit bestimmten Diäten „heilen“ könnte. Wir landen also bei Quack-Salbern. Wer Autisten wirklich helfen will, sollte solche Informationen definitiv nicht als Informationsmöglichkeit auf seine Website stellen!

Wie schon gesagt, ABA und darauf aufbauende „Therapie“ansätze finden sich überall auf der Website von Autismus Hamburg und werden dort überall stark beworben. Dabei gibt es zahlreiche Gründe, diese „Therapie“ strikt abzulehnen. Zur Erinnerung; Es handelt sich hierbei um nichts anderes Dressur von Autisten. Nicht ihnen wird geholfen, sondern dem Umfeld, insbesondere den Eltern, die den Autisten nicht als solchen annehmen können. Das ist _keine_ Hilfe! Aktion Mensch fördert schon seit fast zwei Jahren keine Projekte mehr, deren Ansatz auf ABA basiert. Unter anderem eben auch das schon erwähnte BET.

Was das alles jetzt mit Frau Horn-Engeln zu tun hat? Sie hat den Verein mit gegründet. Sie ist auch nach wie vor im Vorstand. So muss ich leider erst einmal davon ausgehen, dass sie die Linie des Vereins mit unterstützt.

Und unter diesen Voraussetzungen kann ich beim besten Willen nicht verstehen, wieso sie ein Bundesverdienstkreuz erzählt. Für mich ist es bei dem Bild, was sich mir darstellt, ein eher zweifelhaftes Engagement. Dafür spricht auch, dass es keine Reaktion auf die Anmerkungen auf den obigen Tweet gibt. Hänge da nichts zusammen, könnte man das ja auch sagen. Schweigen bestätigt die Annahmen leider nur.

Und sie ist noch nicht einmal die einzige Person, die für zweifelhaftes Engagement im Bereich Autismus ein Bundesverdienstkreuz erhält.

Sind wir Autisten etwa so wenig wert, dass man tatsächlich die Personen auszeichnen und hoch jubeln will, die uns in Wahrheit schaden?

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