Archiv für den Monat: August 2018

Die Maske abnehmen

Ich trage eine Maske.
Glaubt ihr nicht? Ist aber so. Und ich meine nicht die Art von Maske, die ein jeder in irgendeiner Weise trägt. Den Umstand, dass man sich auf der Arbeit anders gibt als in der Familie. Ich meine die Art von Maske, die ein Autist benutzt, um sich (halbwegs) unauffällig in der Öffentlichkeit zu bewegen.
Nur, das geschieht nicht ohne Schaden

Englischsprachige Autisten tauschen sich über diese Masken aktuell unter #TakeTheMaskOff aus, was von The Autistic Advocate, Neurodivergent Revel, Aginy Autie und Do I look Autistic yet initiiert wurde.
In Deutschland führte  @La_Violaine den Hashtag #DieMaskeAbnehmen ein  und schrieb einen längeren Beitrag auf ihrem Blog. Doch egal, ob nun ursprünglicher Hashtag oder deutscher Ableger, beide haben einen gemeinsamen, grausigen Anlass; Das massive Risiko von Autisten, aufgrund eben dieser Maskerade Selbstmord zu begehen. Die Rate reicht aus, um die Lebenserwartung von Autisten stark herab zu setzen.
Nur beachtet hat das bislang kaum einer.

Und gerade heute merkte ich leider einmal mehr, wie wichtig es ist, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

In einer Diskussion bestand die Gegenseite darauf, Autisten sollten Skills und Methoden erlernen, um mit ihrer Umwelt zu interagieren und so z.B. im Bus höflich nach einem Platz fragen zu können. Ich versuchte zu erklären, dass das bei weitem nicht so einfach sei, wie sie sich das scheinbar vorstellte. Jedoch hielt sie sich an dem Satz fest, der auch jeder Psychologe sagen würde: „Du kannst das Verhalten der anderen nicht ändern. Nur dein eigenes.“ An dem Satz mag was wahres dran sein, doch hat er für Autisten furchtbare Konsequenzen. Für Autisten bedeutet dieser Satz, dass die Verantwortung für ein Zurechtkommen in der Umwelt allein auf ihnen liegt. Verständnis kann nicht erwartet werden. Es müssen Skills und Methoden her, koste was wolle.

Und da sind wir wieder bei den Masken. Solche Skills und Methoden können eben auch Teil einer Maske sein, die benötigt wird, um mit der Umwelt irgendwie klar zu kommen. Die irgendwie aufrecht erhalten werden müssen, weil es kein Verständnis von der Umwelt gibt. Aber enorm viel Kraft kosten. Und eben das kann, wie eine Studie ja nun endlich belegt, für Autisten durchaus tödlich sein.

Und ich weiß leider nur selbst zu genau um die tödliche Konsequenz. Als ich in der Oberstufe Selbstmordgedanken hatte, waren diese genau aus dem selbst aufgelegten Druck entstanden, mich anzupassen und autistisch bedingte Probleme zu eliminieren. Weil ich da noch nicht wusste, dass ich gegen meine Neurologie nicht ankomme. Es besserte sich erst als ich verstand, dass ich einfach nicht kann. Als der Druck, sich anzupassen, heruntergesetzt wurde.

Wohl gemerkt, heruntergesetzt. Er ist nicht weg. Noch immer gehe ich viel zu oft über meine Grenzen, um ein Ziel zu erreichen. Und sei es nur ein simpler Einkauf im Supermarkt. Es tut mir nicht gut. Und eigentlich bräuchte ich dringend Skills/Methoden, mit denen ich mein Ziel erreiche, aber nicht ein vielfaches an Energie im Vergleich zu Nicht-Autisten dafür aufwenden muss. Skills/Methoden, die mir erlauben mein Leben nach meinen Vorstellungen zu leben, ohne einmal die Woche vollkommen erschöpft im Bett zu liegen und gar nichts mehr zu können.

Nur, gerade dafür bräuchte es auch das Verständnis der Umwelt. Und gerade daran scheitert es meistens. Nicht nur für mich, es wird vielen Autisten zu gehen. Und leider generieren Hashtags wie #TakeTheMaskOff und #DieMaskeAbnehmen viel zu wenig Aufmerksamkeit außerhalb der Bubble, um hier eine spürbare Änderung bewirken zu können.

Die Tage schaffte es eine Autistin, einen Artikel mit Autismus-Thematik in der TAZ zu platzieren. Nur, wie oft ist das schon vorgekommen, dass ein Autist einen Autismus-Artikel in einer großen Zeitung veröffentlicht und damit viele Leute erreicht?

Und so bleibt es letztendlich dabei, dass wir Autisten doch irgendwie unsere Umwelt verändern müssen. Um unserer eigenen Selbst willen. Auch wenn es fast unmöglich scheint. Doch die enorme Anzahl an Selbstmorden einfach als gegeben hinzunehmen, kann und darf keine Option sein.