Gendergerecht und exklusiv

Zugegeben. Bei mir dauert es manchmal etwas, bis ich mich zu bestimmten Personengruppen negativ äußere. Doch in der Diskussion um Gendergerechtigkeit ist mittlerweile ein Punkt erreicht, der mich nur noch wütend macht und wo ich kein weiteres Verständnis aufbringen kann.

Vorne weg; Grundsätzlich halte ich eine gendergerechte Sprache durchaus für notwendig. Schon in dem einfachen Fall Mann/Frau spiegelt unsere Sprache noch immer wider, dass der Mann höher priorisiert wird als die Frau. Letztere wird noch immer oftmals nur mit gemeint. Nur ein Anhängsel, nicht gleichberechtigt. Ich kann mich durchaus mitdenken, aber wie soll dieses Denken jemals überwunden werden, wenn es in der Sprache noch so fest drin steckt?

Und in dem Fall sind noch nicht einmal diejenigen mit drin, die sich weder als Mann, noch als Frau verstehen. Diejenigen Gender, die mit einem „*“ mit rein genommen werden sollen. Aber auch wenn der Anspruch verständlich ist, genau hier beginnt das Problem. Zeichen wie „*“ und „_“ mögen zwar alle Gender berücksichtigen, schließen aber Menschen mit Behinderung aus. Vor allem Menschen mit Sehbehinderungen und Autisten.

Bei Menschen mit Sehbehinderungen ist das Problem einfach geschildert. Hier ist es vor allem die Software der Screenreader, die schlicht mit „*“ nicht umgehen kann. Jetzt mag man sagen, dass ließe sich doch einfach mit einem Update lösen. Aber Vorsicht. Das Update müsste erst einmal existieren. Ich habe vor einiger Zeit Mal aus Spaß versucht einen regulären Ausdruck 1 für das „*“ aufzustellen. Andere Programmierer auf Twitter fanden immer noch Ausnahmen, die mein Ausdruck gerade noch nicht berücksichtigte. Es ist folglich also keine Sache von 5 oder 10 Minuten. Die Frage bleibt also, wann diese Updates entwickelt und zur Verfügung gestellt werden, sodass jeder Screenreader mit dem „*“ umgehen kann. Sollen Menschen mit Sehbehinderungen bis dahin etwa einfach die Einschränkung in ihrer Barrierefreiheit hinnehmen? Das erinnert doch an eine gewisse Diskussion über Strohhalme

Autisten hingegen können nicht einfach mit einem Update aufgespielt werden. Es haben auch zugegebener Maßen nicht alle Autisten mit „*“ und „_“ tatsächlich Probleme. Bei mir selbst ist es formabhängig. Bei guter Form lese ich die Zeichen einfach weg. Bei mittlerer bis schlechter Form aber reißen sie mich enorm aus dem Text raus. Doch bei anderen ist es auch nicht von der Form abhängig, sondern immer so. Weil das Problem die autistische Wahrnehmung ist, ist eine Gewöhnung zudem nicht möglich. Also was nun? Einfach ignorieren, dass 1-2% hier enorme Probleme beim Lesen bekommen?

Die Antwort ist eigentlich denkbar einfach: Es braucht eine Form der gendergerechten Sprache, die gleichzeitig barrierefrei ist. Für „*“ und „_“ gilt das nicht. Es müssten sich einfach Mal alle Gruppen zusammen setzen und eine Lösung finden, die alle Bedürfnisse gleichberechtigt berücksichtigt. Es geht hier wie gesagt keinesfalls darum, gendergerechte Sprache als solche abzulehnen. Sondern darum, keine zusätzlichen Barrieren aufzubauen.

Doch wenn man das Problem in den sozialen Medien anspricht, erhält man mitunter solche Antworten

Eine schlichte Berücksichtigung wird plötzlich zum Vorrang …

Wenn man wie hier das Gender-„*“ verteidigt, indem man die Bedürfnisse einer Gruppe herab setzt, spielt man ja gerade eine marginalisierte Gruppe gegen die andere aus. Nur in Wahrheit anders herum, als hier der Vorwurf lautet. Oh, und derselbe Herr schrieb dann übrigens zur Autismus-Thematik noch folgendes

Funktioniert bei manchen Autisten eben nicht.

Das ist leider auch bei weitem nicht das erste Mal, dass Barrierefreiheit einfach Mal als weniger wichtig als Gendergerechtigkeit bewertet wird und Autisten ihre spezielle Wahrnehmung und Denkweise abgesprochen. Tatsächlich hatte eine heftige Diskussion über Selbstdiagnosen genau denselben Ursprung; Eine Userin war felsenfest der Meinung, ein/e AutistIN könnte sich ja schon gewöhnen. Wobei das Problem vielleicht sogar an einem ganz bestimmten Punkt hängt 2

Was ich an diesen Diskussionen immer frustrierend finde ist, dass zuerst häufig eine Gruppe nicht beachtet wird und bei Hinweis auf eben diese sehr häufig direkt angegriffen. Inklusive Unterstellungen, die absolut nicht zutreffend sind. Dabei wollen viele, die das ansprechen eigentlich nur, dass es bezüglich der Barrierefreiheit nicht noch schlechter wird als ohnehin schon. Das hat nichts mit Privilegien zu tun oder mit einem Ausspielen irgendwelcher Nachteile in der Gesellschaft aufgrund des eigenen Seins.

In Wahrheit geht es einfach nur darum, dass Mal wieder kaum jemand an Menschen mit Behinderungen zu denken scheint, obwohl es sie mit betrifft. Ganz ähnlich wie bei den Strohhalmen … wir existieren scheinbar einfach nicht.

  1. Zeichenkette, mit der man in der Informatik eine Menge von Zeichenketten beschreiben kann
  2. Danke an @Semilocon für diesen Einwurf

5 Gedanken zu „Gendergerecht und exklusiv

  1. Bei mir ist es auch von der Tagesform abhängig. Am angenehmsten finde ich Lehrer/-innen als Doppelform ausgeschrieben „Ärzte und Ärztinnen“, also wie es bisher geregelt ist. Ich habe mein Problem damit, wenn die Grammatik durch ein Gendersternchen plötzlich nicht mehr hinhaut. Kommt das öfter in einem Text, kann ich mich so sehr daran stören, dass der eigentliche Inhalt des Textes bei mir gar nicht ankommt. Zum Glück sind solche Extremfälle selten. Manchmal gibt es neutrale Kollektivsubstantive. Die könnte man doch häufiger nutzen.

  2. Ich will nichts dazu sagen, ob gendergerechte Sprache ein Problem für Autisten darstellt. Das kann ich schlicht nicht beurteilen. Aber ich bin blind, für mich und meine Screenreader ist sie kein Problem. Und ich will nicht für eine Argumentation benutzt werden, die ich nicht teile.

  3. Mein Mann, unsere beiden Kinder und ich lesen ganze Sätze mit „Blick drauf“. Beide Kinder sind Autisten (wir Eltern haben uns nicht diagnostizieren lassen ;)). Das scheint eine Grundbegabung zu sein, beide Kinder konnten es sehr schnell, nachdem sie das Prinzip Lesen begriffen hatten.
    Mich stören die „_“ usw. übrigens, bremsen aber nur die Lesegeschwindigkeit.

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