Was tun mit F84.5?

Nun ist es ja schon einige Zeit her, dass folgendes durch die Medien ging; Hans Asperger, der „Entdecker“ des Asperger-Syndroms, war an T4 beteiligt. Der systematischen Tötung von Menschen mit Behinderungen im dritten Reich. Ziemlich schnell wurde die Forderung laut, das Asperger-Syndrom umzubenennen. Auf den ersten Blick irgendwie verständlich. Aber unnötig, da die Diagnose mit der ICD 11 nicht mehr länger existieren wird (sie wird mit frühkindlichen und atypischen Autismus zur Autismus-Spektrum-Störung zusammen gefasst).

Das interessiert jedoch so manchen nicht. Einige gehen sogar soweit und fordern, die Arbeiten Aspergers vollständig zu verbannen. Was natürlich eine Abschaffung der Diagnose nach sich ziehen würde. Womit alle Asperger-Autisten plötzlich nicht nur ohne Diagnose, sondern auch ohne Hilfen und Unterstützung dastehen würden. Und das nicht nur zeitweilig (was alleine schon schlimm genug wäre). Die Forderungen gehen soweit, das Asperger-Syndrom auch nicht mit in die Autismus-Spektrum-Störung einzugliedern bzw. aus dieser wieder auszugliedern. Unter anderem mit dem Argument, Asperger-Autisten hätten keine Hilfsbedarf, weil ihre Diagnose ja nur zur Ermordung von Kindern erfunden worden wäre. Damit spielen sie gerade denjenigen in die Hände, für die Autismus-Diagnosen mittlerweile zu weit gefasst sind und die Kriterien nur zu gerne wieder enger ziehen wollen. Damit z.B. autistische Aktivisten ihre Diagnose verlieren und sich nicht mehr länger negativ zu Methoden wie ABA äußern können. Sprich, man findet hier sogar noch Unterstützung für die Forderung einer kompletten Abschaffung.

Teilweise wird dann gegenargumentiert, dass diejenigen mit Hilfsbedarf dann frühkindlichen Autismus oder atypischen Autismus diagnostiziert bekommen würde. Doch wer das behauptet, hat sich schlicht die Diagnosekriterien nicht angesehen. Asperger-Autisten würden bei einer kompletten Negierung der Arbeiten Aspergers eben keine andere Diagnose erhalten, weil bei den aktuellen Diagnosekriterien Asperger-Autisten weder unter frühkindlichen Autismus, noch unter atypischen Autismus fallen. Denn weder haben sie eine Sprachentwicklungsverzögerung, noch fehlt eines der Hauptkriterien für die Diagnose oder der Autismus manifestiert sich später. Sie würden also definitiv ihre Diagnose ohne Ersatz verlieren.

Und auch eine Umbenennung wäre nicht so ohne weiteres möglich. Vom einfachen bürokratischen Aufwand einmal abgesehen gäbe es sicherlich die ein oder andere Behörde, die Diagnosen mit der alten Bezeichnung dann Mal ganz schnell für ungültig erklärt. Weil sich die Bezeichnung ja nicht in der ICD finden ließe. Zumal man damit ja eh nur einem Schritt vorgreift, der mit Einführung der ICD 11 sowieso kommen wird. Ist da der Aufwand überhaupt verhältnismäßig?

Mal ganz ehrlich. Ich weiß nicht, was das soll. Wenn wir jetzt Asperger komplett aus Geschichte und Wissenschaft verbannen würden, müssten wir das sicherlich noch mit viel mehr Personen tun. Wie viel wurde zu Kriegszwecken entwickelt oder die Entwicklung stark voran getrieben, das wir heute friedlich nutzen? Wie viele Erfindet und Entdecker  hatten moralisch (aus heutiger Sicht!) bedenkliche Ansichten? Wir müssten wohl ziemlich viel vernichten, würden wir nur noch das nutzen wollen, woran nur moralisch tadellose Menschen beteiligt waren. Und seien es nur sämtliche deutschen Übersetzungen der Bibel (wenn man nicht sogar gleich die deutsche Sprache als solche mit dazu nehmen will). Natürlich, die Menschen können (und müssen sogar) für ihre Verfehlungen geächtet werden. Aber ihr gesamtes Werk vernichten zu wollen, führt einen Schritt zu weit und trifft am Ende schlicht die falschen. Hans Asperger kann man für seine Taten nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Man kann aber Autisten mit der Diagnose F84.5 durch eine Vernichtung seiner Arbeit erheblich schaden. Wäre das wirklich im Sinne der Gerechtigkeit?

Führen wir einfach schnellstmöglich die ICD11 ein und sprechen wir schon vorher statt vom Asperger-Syndrom nur noch schlicht vom Autismus. Das reicht, meiner Meinung nach. Und das sagt eine, die in keinster Weise verteidigen will, was dieser Mensch getan hat.

Sollte sich die Geschichte wiederholen, mich würden sie auch abholen …

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