Archiv für den Monat: Juni 2018

Grenzüberschreitung

In letzter Zeit kommt mir immer wieder die Aussage unter, dass es auch sehr viele Fehldiagnosen bezüglich Autismus gäbe. Gemeint ist damit aber nicht etwa der Weg über zig Fehldiagnosen bis zur Autismusdiagnosen (der immer noch sehr viele, insbesondere weibliche Autisten, betrifft), sondern falsch-positive Autismusdiagnosen. Nur hat bisher auch keiner, der von einer hohen Häufigkeit von falsch-positiven spricht, dafür einen Nachweis geliefert.

Bei diesen Leuten frage ich mich zum einen, was sie für eine Vorstellung vom allgemeine Diagnoseprozess haben. 30 Minuten mit dem Arzt sprechen und gut ist? Mitnichten. Die Diagnostik ist überaus aufwendig, erfordert spezielle Qualifikationen und zieht sich über mehrere Termine. Weil eben nicht nur eine Anamnese erhoben wird, sondern auch mehrere (!) Testungen (z.B. in Form verschiedenster Fragebögen und ADOS) erhoben und oftmals Interviews mit mehreren (!) Personen geführt (ADI-R). Wodurch schlechte schlechte Spezifizität einzelner Testungen ausgeglichen werden sollten. Bei einer solch aufwendigen Diagnostik ist es doch schwerlich anzunehmen, dass die Zahlen der falsch-positiv-Diagnosen wer weiß wie hoch sein soll. Natürlich, einzelne Fehler und fehlerhafte Durchführungen der Diagnostik wird es geben. Aber die werden sich in Grenzen halten.

Zum anderen; Was würde passieren, wenn wir eine hohe Anzahl an falsch-positiven Autismus-Diagnosen postulieren?

Zum einen würde es zu noch mehr Misstrauen führen wenn jemand sagt „Ich bin Autist“. Eine Aussage, der jetzt schon zu oft widersprochen wird. Weil man ja viel zu kommunikativ sei und überhaupt nicht wie X aus Y.

Darüber hinaus würden wir aber gleichzeitig auch die Glaubwürdigkeit der ärztlichen Diagnosen untergraben. Sprich, selbst ein ärztliches Attest würde plötzlich als Nachweis nicht mehr gelten. Weil die Diagnose ja angeblich zu oft fälschlich gestellt wird. Und wie soll man dagegen angehen? Mit weiteren Diagnosen? Die Stellen zur Autismus-Diagnostik sind jetzt schon überlaufen. Zudem könnte man diese mit derselben Argumentation wieder anzweifeln. Autisten würden unter einen ständigen Rechtfertigungsdruck gesetzt, aus dem es quasi keinen Ausweg mehr gibt. Was hat Gültigkeit, was keine? Reicht eine ausführliche überhaupt aus, damit die Diagnose gültig ist?

Das Problem würde wohl zuerst vor allem die treffen, deren Diagnose jetzt schon regelmäßig angezweifelt wird. Doch ich glaube nicht, dass es, einmal angestoßen, vor den dem Klischeebild entsprechenden Autisten halt machen würde. Oh, dein Junge hat früher nicht gesprochen oder alles, hat jetzt aber einen Freund? Dann muss die Diagnose damals doch falsch gewesen sein!

Und solche Sätze dann wohl gemerkt nicht nur vom Umfeld, sondern auch von Schulen, Universitäten und Behörden. Hilfen und Nachteilsausgleiche wären viel schneller weg, als überhaupt ein Nachweis über die Legitimität der Diagnose erbracht werden könnte. Ich will nicht behaupten, dass dies nicht auch heute schon passiert (und sei es nur das plötzliche Verschwinden von Autismus mit 18). Aber meiner Meinung nach würde es die bestehenden Probleme massiv verschärfen. Zum Nachteil aller.

Auch deshalb besteht in der Gruppe, in der ich mich bewege, ein allgemeiner Konsens; Wir sprechen keine Diagnosen ab. Schon gar nicht ärztliche. Ich gebe selbst zu, dass mir bei dem ein oder anderen durchaus schon Zweifel gekommen sind. Allerdings eher in die Richtung, ob Autismus die einzige Diagnose ist oder ob die Diagnose wirklich ein Arzt gestellt hat (Stichwort; Selbstdiagnose). Und selbst wenn behalte ich diese Zweifel für mich und werde höchsten etwas vorsichtig in meinem Verhalten. Komplett die ärztliche Diagnose absprechen ist auch für mich keine Option.

Und schon gar nicht aufgrund einzelner Merkmale wie „ist zu kommunikativ“ oder gar einzelnen Tätigkeiten. Die Tage wurde die Behauptung aufgestellt dass jemand, der nach Mallorca auf dem Ballermann fliegt, ja wohl kein Autist sein könnte. Ein vernünftiger Metal-Fan, der auf ein Metal-Konzert geht, kann aber durchaus Autist sein. Weil letzteres sei ja Kultur und nicht so sinnlos wie ein Besuch auf dem Ballermann.

Na, ob die Argumentation bei jemanden zieht, der Metal aus sinnlosen Lärm empfindet?

Ich jedenfalls werde im November auf jeden Fall auf mein mittlerweile viertes (Metal-)Konzert gehen und mich nicht darum scheren, ob mir deswegen einige meine Diagnose nicht abnehmen. Die ärztlichen Unterlagen liegen bei mir zu Hause. Und die Gültigkeit dieser in Frage zu stellen ist eine massive Grenzüberschreitung, die nicht passieren darf. Gegenüber keinem.

Was tun mit F84.5?

Nun ist es ja schon einige Zeit her, dass folgendes durch die Medien ging; Hans Asperger, der „Entdecker“ des Asperger-Syndroms, war an T4 beteiligt. Der systematischen Tötung von Menschen mit Behinderungen im dritten Reich. Ziemlich schnell wurde die Forderung laut, das Asperger-Syndrom umzubenennen. Auf den ersten Blick irgendwie verständlich. Aber unnötig, da die Diagnose mit der ICD 11 nicht mehr länger existieren wird (sie wird mit frühkindlichen und atypischen Autismus zur Autismus-Spektrum-Störung zusammen gefasst). Was tun mit F84.5? weiterlesen