Nicht weit genug gedacht

Manchmal gibt es Vorschläge und Forderungen, die zwar auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, auf einen zweiten aber sehr kurzsichtig sind.

Seit kurzem geht durch die Medien, dass die EU Einwegprodukte aus Plastik verbieten will. Also Dinge wie Luftballonhalter, Rührstäbchen oder auch Trinkhalme. Während die meisten Proteste dagegen eher wie ein Luxusproblem erscheinen (die Tagesschau spricht hier vom Spaß an Grillabenden und Kindergeburtstagen, gibt es aber auch eine Gruppe, die tatsächlich auf Einwegtrinkhalme aus Plastik angewiesen sind.

Menschen mit Behinderungen, die Probleme mit der Motorik haben.

Jetzt hört man oft „Aber es gibt doch Alternativen! Wer sich nicht einschränken will, dem ist die Umwelt komplett egal.“. Tja, aber funktionieren die auch für jeden, der jetzt Plastiktrinkhalme nutzen muss? Daran denkt dann wieder niemand. Mal abgesehen davon, dass es ziemlich dreist ist von Menschen mit Behinderungen zu verlangen, sich doch gefälligst einzuschränken.

Und so ließen mehrere Betroffene, wie @Rollifräulein, vollkommen berechtigt ihren Frust auf Twitter aus

Und sie ist nicht die einzige (für den gesamten Thread bitte den Link folgen, für einen Blogbeitrag ist er ein wenig zu lang)

Man beobachtet hier Mal wieder sehr schön das alte Spiel. Entscheidungen werden getroffen, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Doch an diese wird dabei nicht gedacht. Wenn diese sich dann berechtigter Weise zu Wort melden und Kritik üben, wird zu gerne

  • von Nicht-Behinderten (!) die Notwendigkeit in Frage gestellt
  • am besten noch von Nicht-Behinderten vorgeschrieben, was man stattdessen zu machen hat und meistens nicht auf die Situation des Betroffenen passt

Dabei handelt es sich um diese Personen durchaus auch um welche, die mit Menschen mit Behinderungen beruflich zu tun haben. So meldete sich gestern in einer Diskussion eine Pflegerin zu Wort, Plastikstrohhalme hätten nichts mit Inklusion zu tun. Als Pflegerin wüsste sie das. Widerspruch wurde dann einfach Mal geblockt, mitunter auch von Betroffenen.

Jetzt mag man sich fragen, wieso ich hier Partei für Menschen mit einem Problem ergreife, das mich gar nicht betrifft. Mal abgesehen davon, dass wir miteinander meiner Meinung nach solidarisch sein sollten, es betrifft mich nur noch nicht. Aktuell mag ich ohne Trinkhalme selbstständig trinken können, aber wer versichert mir, dass es so bleibt? Ich könnte schon morgen durch einen Unfall motorisch dauerhaft eingeschränkt sein. Und als Autistin funktionieren für mich definitiv nicht alle Alternativen. Bei Metallstrohhalmen gäbe es zwei potentielle Probleme für mich; eine zu scharfe Kante und der Geschmack. Das Problem mit der Kante habe ich schon bei Löffeln, der Geschmack kommt von meinem generellen Ekel bezüglich Metall. Natürlich gibt es andere alternativen. Aber es ist eben aktuell nicht sichergestellt, dass sich für jeden eine findet. Und so lange das so ist, dürfen Plastiktrinkhalme nicht komplett verboten werden. Klar, weniger Plastikmüll ist definitiv wichtig. Aber doch bitte so, dass nicht ausgerechnet diejenigen in ihrer Teilhabe eingeschränkt werden, die um selbige eh schon dauernd kämpfen müssen.

Was mich hier aber maßlos ärgert, ist die Kurzsichtigkeit bei dieser Forderung. Man hat ein Problem, will eine Lösung, beachtet aber bei weitem nicht alle Gruppen, die das betrifft. Und das sind leider nur allzu oft Menschen mit Behinderungen, die trotz einem Anteil von ~10% an der Bevölkerung im Alltag einfach nicht präsent sind. Ich erlebe das immer wieder dann, wenn bei einem Unfall irgendwie Kopfhörer im Spiel war. Dann heißt es nur allzu gerne „Kopfhörer sollten im Straßenverkehr verboten werden!“. Nur, jetzt bin ich auf meine Kopfhörer angewiesen und kann ohne nicht aus dem Haus. Soll ich etwa in meiner Wohnung bleiben, damit ein paar andere im Straßenverkehr aufmerksamer sind?

Es wäre Mal schön, wenn man hier wenigstens den betroffenen Menschen mit Behinderung Mal zuhören und ihre Meinung akzeptieren würde, anstatt sie zu ignorieren und die Probleme ewig in Frage zu stellen. Nicht nur in Bezug auf dieses Beispiel, sondern generell.

Dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter an einer inklusiven Gesellschaft, als wir es aktuell sind.


Noch ein kleiner Gedanke zum Abschluss: Ob das Problem wohl deutlicher wäre, wenn die EU Einwegbinden/-slipeinlagen und Tampons den Kampf ansagen würde und man von der Mehrheit nur hört „ja nutzt doch Menstruationstassen!“. Und das sagt eine, die durchaus Menstruationstassen nutzt. Aber dauerhaft geht das bei mir auch nicht.

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