Atypical (Staffel 1) – Fazit einer Autistin

Aus Gründen habe ich in den letzten Tagen doch noch die Netflix-Serie Atypical geschaut. Ganz ehrlich; Freiwillig hätte ich das sicher nicht getan. Und sei es nur, weil ich Comedys nicht leiden kann (ich sage nachher noch, wieso). Aber wo ich es schon Mal getan habe, möchte ich Mal kurz meinen Eindruck schildern.

Sam kann leider Mal wieder kaum mehr, als ein überzeichneter, stereotypischer Autist zu sein.

Was mich jedoch umso mehr stört, ist der Umgang einiger Charaktere mit Sam. So wird seine „Übungsfreundin“ gleich zur Co-Therapeutin, die versucht ihm mit Karten das Reden über sein Spezialinteresse auszutreiben. Dreimal am Tag darf er darüber reden, mehr nicht. Das erinnert mich leider unheimlich an ein Token-System. Wenn sie ihn tatsächlich als Mensch schätzt und ihn liebt, sollte sie ihn dann nicht einfach reden lassen, anstatt ihn ändern zu wollen? Noch dazu hat sie das System einfach eingeführt, ohne mit den Eltern zu sprechen. Einfach, weil sie darüber gelesen hat. Dieses Verhalten ist einfach nur übergriffig und gehört sich nicht in einer Beziehung, auch nicht mit Menschen mit Behinderung! Sam sagt in einer Szene, es sei schon ok, aber in einer anderen merkt man ihm deutlich ein gewisses Leid darüber an.

Und auch in anderen Szenen fällt Paige negativ auf. Von ihrer Idee mit dem „Autismus-freundlichen“ Schulball hat die Mutter vorher ebenfalls nichts gewusst. Und wieso ist Sam selbst, um den es ja eigentlich geht, bei der Vorstellung nicht dabei? Es ist leider der typische „ohne Behinderte über Behinderte“ Narrativ. Und selbst wenn Sam nur dabei gestanden hätte, während Paige erzählt, was sie sich für den Ball überlegt haben, damit er teilnehmen kann (wichtiger Unterschied!), hätte sich die eine Mutter vielleicht gar nicht getraut Sams Mutter vorzuwerfen, dass es nicht allein um sie ginge. Denn die Person, um die es in Wahrheit hätte gehen sollen, wäre anwesend gewesen. Die ganze Aktion wirkt zudem, als würde es Paige vor allem um sich selbst gehen, nicht primär um Sam.

Der nächste Kritikpunkt ist Sam selbst. Er ist leider Mal wieder eine stereotypische, klischeehafte autistische Figur. Der Zuschauer muss wie immer mit der Nase darauf gestoßen werden, dass hier jemand Autist ist. Was jedoch besonders auffällt, ist sein soziales Umfeld. Er hat neben seiner Familie eigentlich nur seine Therapeutin und seinen Kollegen von der Arbeit. Dabei geht doch die Mutter zu einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Autisten. Wieso hat Sam allen Anschein nach keinerlei Kontakt zu anderen Autisten? Das ist ein Punkt, den ich als Autist doch sehr seltsam finde. Dieser Umstand führt auch dazu, dass nur Sam als Autisten kennenlernt. Die Kinder der anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe oder auch den Verwandten der Therapeutin bekommt man nie zu Gesicht. Es wird nur kurz von ihnen erzählt, mehr nicht. Dabei wäre das eine sehr gute Möglichkeit gewesen zu zeigen, dass nicht jeder Autist gleich ist. Zudem wird ständig betont, wie viel mehr Sam könnte als andere. Es macht schon fast den Eindruck, als gäbe es keine unauffälligeren Autisten als Sam. Doch wie gesagt, Sam ist überzeichnet. Reale Autisten können durchaus unauffälliger sein als er.

Übrigens erschließt sich mir nicht, wieso Sam zwar in einem Elektronikfachhandel arbeitet kann, aber seine Schwester das Geld für die Mensa für ihn aufbewahren muss. Es kann ja nicht am Umgang mit Geld liegen, denn dann müsste seine Schwester ihm das Essen wohl auch kaufen.

Überhaupt, die Selbsthilfegruppe. Die Farbe Blau dominiert die Serie insgesamt schon. Bei der Selbsthilfegruppe kommen auch noch Puzzelteil-Symbolik und „People-First“-Sprache dazu. Alles Dinge, die unter selbst Autisten durchaus umstritten sind. Von daher wundert es mich nicht, dass manch einer eine Beteiligung von Autism$eaks vermutete. Die Symbolik ist doch sehr deutlich. Besonders seltsam finde ich eine Szene, in der Sams Vater versucht etwas zu erzählen, aber von der Leiterin ständig wegen unkorrektem Sprachgebrauch abgewürgt wird. Diente das allein der Komik, oder sollte damit ein korrekter Ausdruck ins Lächerliche gezogen werden? Ich weiß es nicht.

Kurz gesagt; Aufklären über Autismus kann diese Serie definitiv nicht. Dafür stellt sie Autismus und das Leben mit einem behinderten Familienmitglied zu klischeehaft da. Für letzteres ist gerade die Szene Maßgeblich, in der Sams Schwester quasi als Kind „vergessen“ wird und den Eltern erst Mal klar gemacht werden muss, dass sie zwei Kinder haben. Nicht nur Sam. Noch dazu kann Atypical nichts außergewöhnliches in der Story.

Was den Komikfaktor angeht, kann ich leider kaum was sagen. Ich habe mich bei vielen Szenen derart fremd geschämt, dass ich den Ton abstellen musste. Das ist auch der Grund, wieso ich grundsätzlich keine Comedys mag. Meistens schäme ich mich eher, als das ich lachen muss.

Deshalb; Nein, als Autistin kann ich Atypical nicht empfehlen.


Wer jetzt anmerkt „Ja, aber was ist denn mit Ella Schön?!“, der hat durchaus Recht. Ich habe da Prioritäten verschieben müssen, deshalb kam eine Sichtung von Atypical jetzt vor Ella Schön. Ich kann noch nicht viel verraten, aber ihr erfahrt den Grund schon noch! 🙂 Dieser Blogbeitrag ist jetzt quasi „Beiwerk“

2 Gedanken zu „Atypical (Staffel 1) – Fazit einer Autistin

  1. Das Fazit bezieht sich nur auf die erste Staffel Atypical, oder?
    Inzwischen ist eine zweite Staffel erschienen, die einige deiner Kritikpunkte in einem etwas anderem Licht erscheinen lässt.

    Die Serie wird auch insgesamt in der zweiten Staffel besser und mir als Autist gefällt sie inzwischen recht gut, obwohl die Problematik der stereotypischen Darstellung natürlich bleibt.

    1. Japp, das bezieht sich auf die erste Staffel (werde ich noch im Titel ergänzen). Oben steht doch auch, dass der Beitrag von Ende Mai ist 😉
      Wie ich im letzten Beitrag geschrieben habe, werde ich mir die zweite Staffel auch noch vorknöpfen. Kritik kommt dann voraussichtlich im Oktober, diesen Monat ist die Dokureihe von Vox dran.
      (Und habe eben unter dem falschen Account geantwortet, sorry).

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