Und auch Autisten pubertieren …

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, scheint bei manchen Leuten für Verwirrung zu sorgen. Vor einigen Tagen wurde plötzlich das Angebot der Selbsthilfegruppe Rosenheim von einem Pubertätstraining für Jungs im Alter von 11 bis 13 Jahren kritisiert. Mit einer Begründung, die mich nur den Kopf schütteln ließ. Da hieß es auf einmal, ob denn Autisten das überhaupt verstehen könnten, seien sie doch altersmäßig zurück geblieben.

Da fragt man sich doch glatt, welches Bild von Autismus diese Person überhaupt hat. Hier zu sagen; Ist unnütz, weil Autist das nicht verstehen kann, ist falsch und schlicht arrogant. Natürlich sollte man nach der individuellen Reife schauen, bevor man ein Kind zu so einem Training schickt. Aber ist das nicht bei jedem Kind so? Der eine fragt früher, wo denn Babys herkommen, die anderen später. Ich selbst hatte übrigens schon mit gerade Mal 4 Jahren Schwangerschaft zu einem Spezialinteresse erkoren und schockte meine Tante mit der zu professionellen Frage, in welchem Monat sie denn sei.

Was aber bei Autisten durchaus ein Problem darstellen kann; Der eigentlich übliche Austausch mit gleichaltrigen über solche Themen. Der fällt bei Autisten bedingt durch die oftmals vorhandene soziale Isolation einfach Mal … weg. Bezogen auf Mädchen; Mit irgendwelchen Mädels sich darüber austauschen, welcher Junge denn der süßeste wäre? Darüber diskutieren, ob man nun besser Binden oder Tampons verwendet (oder Menstruationstassen)? Über die ersten sexuellen Erfahrungen reden? Für mich allein gesprochen; Ich hatte das alles nie. Und das nicht, weil mir die Reife gefehlt hätte.

Und genau an dieser Stelle kann ein solches Pubertätstraining ansetzen. Denn Mal ehrlich; Welches Kind oder Jugendlicher spricht schon gerne mit seinen eigenen Eltern über solche Themen? Genau da kann ein solches Pubertätstraining ansetzten. Zusammen mit einer dritten Person und Autisten, die in derselben Situation stecken wie man selbst, lässt es sich sicher leichter austauschen.

Ich wenigstens hätte mir manches Mal gewünscht, irgendwie mit anderen sprechen zu können. Im Grunde habe ich mir damals alles über Pubertät und Sexualität angelesen. Als meine Mutter bei mir mit etwa 8-9 bemerkte, dass meine Brüste wachsen, bekam ich das erste Buch. Weshalb ich auch vor dem Sexualkundeunterricht in der dritten Klasse wusste, was Sache war. Intellektuell hatte ich keine Probleme, das alles zu verstehen. Was die sozialen Veränderungen aber anging … da scheiterte ich. Als das Mobbing sexuelle Komponenten bekam, bemerkte ich es nicht. Was natürlich nur ein gefundenes Fressen für die Mobbenden war. Und mich sozial nur umso mehr isolierte. Und als ich dann bereit war, darüber zu sprechen, war es schon längst für mich zum Tabu geworden. Weil alles, was auch nur im entferntesten mit Sexualität zu tun hatte, schon längst gegen mich verwendet worden war. Folglich konnte ich es gegenüber keinem ansprechen, die sich überhaupt noch in der Schule mit mir abgaben. Das ging später so weit, dass ich in der neunten und zehnten in der Schule Abstand von meinem Freund hielt. Uns war beiden klar, würde die Beziehung von uns bekannt werden, würden wir sofort zum Angriffsziel werden. Wir standen beide in der Hackordnung der Schule unten. Ach so, diese Beziehung war eh schon ein Wunder, da ich Jungs jahrelang nur als Feinde sehen konnte. Und mir in Folge dessen wie der letzte Dreck vorkam, an dem nie irgendwer ein romantisches oder gar sexuelles Interesse haben würde. Letzteres kannte ich nur aus dem Mobbing.

Ich sage; Das muss nicht sein. Rechtzeitige Erklärungen und gezielte Unterstützung hätten bestimmt viel gerettet. Und gerade bei einem solchen Training für Autisten kann man ja genauer und anders erklären, als in irgendwelchen standardisierten Abhandlungen. Bei einer guten Beziehung können natürlich auch die Eltern selbst vieles tun, nur wie gesagt, Eltern sind bei manchen Themen dann leider auch nicht die beste Adresse für einen Teenie. Was definitiv nicht funktioniert ist, die Pubertät und alle Konsequenzen zu ignorieren, nur weil das Kind Autist ist. Denn sonst muss es wahrscheinlich ebenso schmerzhaft wie ich erfahren, dass sich in der Pubertät leider sehr viel mehr ändert als nur der eigene Körper.

 

3 Gedanken zu „Und auch Autisten pubertieren …

  1. Ich hatte damals sehr wenig Interesse an Sex oder Beziehungen, aber nicht einmal Mobbing bedingt, weil in meiner Klasse auch die Mädchen ziemlich scheiße zu mir waren (eigentlich haben sich da alle irgendwie gehasst). Es war einfach kein interessantes Thema für mich.

    Ich empfinde bis heute nicht, dass diese Säcke da an meiner Brust zu mir als Person gehören würden. Deswegen identifiziere ich mich inzwischen ja auch als agender. Ein LGBT-freundlicheres Aufklärungsumfeld wäre schon schön gewesen, wo auch über „schwullesbisch“ mal hinausgedacht wird. Autisten sind mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit Transgender oder haben Körperdysphorie, das sollte dringend mehr angesprochen werden und den Kindern vermittelt werden, dass das okay ist und sie Unterstützung finden (das wichtigste, was in einem Pubertätstraining vorkommen sollte, meiner Meinung nach).

    Als ich damals meine Tage bekam, empfand ich das vor allem als stressig und unnötig (ich hatte ja keinen Sex, ich musste nicht wissen, ob ich schwanger war, ugh!) Das war einfach noch was sensorisch Anstrengendes, das man irgendwie aushalten musste. Da sehe ich vor allem einen Vorteil von spezifisch an Autisten gerichtetes Training, dass besondere sensorische Bedürfnisse Platz finden, die natürlich in der regulären Schulaufklärung nicht so vorkommen.

  2. sehr gut beschrieben… hätte ich dich damals besser verstanden…

    und mehr über die Umstände gewusst… hätten wir beide es leichter gehabt.

    Gut das du darüber schreibst und ggf. anderen hilfst.

    S.

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