Eine Petition mit zwiespältigen Gefühlen

Vielleicht hat es der ein oder andere schon mitbekommen. In Irland tut Lidl etwas für Autisten. Jeden Dienstag von 18 bis 20 Uhr wird eine für Autisten möglichst angenehme Einkaufssituation geschaffen. Das Licht wird gedimmt, die Scanner an den Kassen sind leiser als gewöhnlich. Auf Musik und Durchsagen wird verzichtet, die Mitarbeiter sind sensibilisiert. Autisten und ihre Begleiter haben sogar Vorrang an der Kasse. Ein sehr guter Ansatz, wie ich finde. Wer meinen Blog liest weiß, dass ich es schon Mal geschafft habe, beim Einkaufen einen Einsatz eines Krankenwagens auszulösen. Einfach, weil ich aufgrund vor Überforderung zusammen gebrochen bin (auch wenn es wohl eine Kombination aus Autismus und zwanghafter Persönlichkeitsstörung war).

Nun fordern einige das auch für Deutschland. Die meiste Aufmerksamkeit erhält dabei eine Mutter eines Autisten, die auf Change.org eine Petition gestartet hat, die nun auch in der TAZ Erwähnung findet.

Auch, wenn ich die Idee super finde. Diese Mutter kann ich beim besten Willen nicht unterstützen.

Wieso?

Allein schon wegen des einleitenden Satzes der Petition

Jeder Betroffene weiß, wie schwierig bis nahezu unmöglich es ist mit einem Autisten oder als Autist einkaufen zu gehen.

Fällt euch etwas auf? Sie bezieht die Begleiter von Autisten als „Betroffene“ mit ein. Dabei sollten Betroffene von Autismus nur eine Gruppe bezeichnen; Die Autisten selbst. Andere sind Angehörigen von Autisten, oder eben Begleitpersonen, aber keineswegs Betroffene.

Das zeigt sich auch an zwei anderen Stellen im Text. Als es darum geht, was in Irland getan wird, heißt es

  • Vorderen Platz in der Kassenschlange für Kunden, die mit Autismus zu tun haben sowie – zusätzliche Unterstützung auf Anfrage

Ja, wer ist denn nun gemeint? Leute, die mit Autismus zu tun haben, sind für mich gerade alle anderen, außer die Autisten selbst. So interpretiert; Diejenigen, die Autisten begleiten, dürfen an der Kasse vor. Autisten selbst nicht. Vielleicht nur höchst unglücklich formuliert, aber sollte man sich nicht gerade bei einer Petition, die möglichst viele erreichen soll, um eine präzise Formulierung Gedanken machen?

Und auch dieser Satz

Es bedarf nur ganz wenig Umstellung in den Filialen, würde aber mir und hunderttausenden anderen Müttern, Vätern, Großeltern, Tanten, Onkel und Freunden das Einkaufen mit einem Autisten extrem erleichtern.

Autisten selbst? Tauchen hier nicht auf. Autisten gehen hier wohl anscheinend immer nur begleitet einkaufen, niemals allein. Und auch im nächsten Abschnitt ist wieder von Betroffenen die Rede. Doch Autisten scheinen nicht gemeint zu sein.

Ich kenne diese Frau nicht. Aber was ich in dieser Petition lese, hört sich das vor allem nach dem Typ Person an, der Autisten grundsätzlich als hilfloses etwas ansieht. Die immer und überall Hilfe brauchen und nichts allein können. Für einzelne mag das zutreffen, aber eben nicht für alle. Sollte man das bei einer Petition nicht berücksichtigen?

Andere als Autisten selbst mit als Betroffene von Autismus zu bezeichnen ist zudem etwas, das man vor allem in einer Gruppe beobachtet; Diejenigen, die meinen uneingeschränkt für Autisten sprechen zu dürfen. Da sie ja selbst „betroffen“ sind, haben sie ja nach ihrer Logik denselben Anspruch, Dinge einzufordern. Sie argumentieren damit, dass es ihnen besser geht, wenn sich etwas für die Autisten ändert. Wieso? Ich verstehe das nicht. Sollte es nicht einzig und allein darum gehen, dass es dem Autisten besser geht?

Und genau das lese ich auch hier. Diese Mutter fordert primär für sich und die Angehörigen bessere Bedingungen für Autisten beim Einkaufen. Nicht für die Autisten selbst. Vielleicht täusche ich mich. Doch es ist schon zu oft passiert, dass Dinge über die Köpfe von Autisten hinweg gefordert wurden. Von ihren Angehörigen. Nicht von Autisten selbst.

Und wo ich und andere gerade darum kämpfen, dass die Stimmen von Autisten endlich gehört werden, kann ich das nicht ignorieren. Ich kann als Aktivistin im Rahmen der Selbstvertretung nicht jemanden unterstützen, der nur ständig von allen anderen spricht, nur bis auf einen Satz nicht von den eigentlich betroffenen.

Deshalb kann ich diese Petition nicht unterschreiben, auch wenn die Idee dahinter super ist.

Schade.

 

14 Gedanken zu „Eine Petition mit zwiespältigen Gefühlen

    1. Ich finde es durchaus in Ordnung, Petitionen zu hinterfragen, die das „Leid“ der Eltern in den Vordergrund stellen.

      Es ist nicht notwendig, dass Eltern sich da derart in den Vordergrund drängen.
      Würdest Du das auch unterstützen, wenn Autismus Deutschland mit solchen Formulierungen „hausieren“ gehen würde?

      Das hat durchaus die gleiche Qualität.

      1. Das ist doch gar nicht der Punkt, Anita.
        Es kann nur nicht zielführend sein, immer wieder die Fronten so zu ziehen. Angehörige von Autisten haben genauso ein Recht darauf, Veränderungs- und Verbesserungsvorschläge auf den Tisch zu bringen. Und ich finde weder in der Petition noch im taz-Artikel stellt sie ihr Leid in den Vordergrund. Es sind ihre persönlichen Erfahrungen aus den konkreten Situationen.

        Und es hat eine ganz andere Qualität, wenn Autismus Deutschland sich äußert oder wenn eine Einzelperson und Angehörige sich mit einer solchen Petition an Lidl wendet.

        1. Ich weiß das es NICHT zielführend ist, solch einen Satz

          “ Es bedarf nur ganz wenig Umstellung in den Filialen, würde aber mir und hunderttausenden anderen Müttern, Vätern, Großeltern, Tanten, Onkel und Freunden das Einkaufen mit einem Autisten extrem erleichtern.“

          in eine Petition zu schreiben.

          Der Nachsatz

          „Es wäre toll, wenn wir Betroffenen das Leben nicht ständig noch komplizierter machen müssten als es eh schon ist, nur um einkaufen zu gehen. “

          macht sehr deutlich, dass es nur um die Eltern und Angehörigen geht. Diese sind „betroffen“ – nicht die AutistInnen.
          Ich habe dazu schonmal was geschrieben
          https://autismuskeepcalmandcaryon.wordpress.com/2016/10/01/behinderung-des-kindes-wer-ist-betroffen/

          Und auch der TAZ-Artikel stellt das Leid der Mutter in den Vordergrund.

          Zumal die Petitionsstarterin dort sagt

          “ „Wir haben aber genauso das Recht, einkaufen zu gehen“, sagt Cragle.“

          Ich habe es aber so gelesen, dass ihr Kind autistisch und nicht sie selber.

          Ich habe das auf Twitter schon angemerkt

          https://twitter.com/AnitaWorks9698/status/987720130741366784

          Das Kind, vom dem die Mutter dort redet, ist ein Kindergartenkind. Nirgends habe ich gelesen, welche Entlastungsmöglichkeiten die Mutter dem Kind anbietet.

          Eine ehrliche Petition, die klar ausdrückt, dass sie AutistInnen das Einkaufen erleichtern will und dadurch auch die Verselbstständigung von autistischen Kindern und Jugendlichen ermöglichen möchte unterschreibe ich sofort.

          Es geht mir unendlich auf die Nerven, dass sich Eltern mit ihrem Gejammer so in den Vordergrund drängen.

    1. Was ich hier gemacht habe, ist lediglich meine Bedenken zu äußern und zu erklären, wieso ICH das gerade eben nicht unterstützen kann. Andere können und dürfen anders entscheiden.

      Und für irgendwelche komischen Aussagen bin ich heute ehrlich zu müde. Also entweder klare Ansagen, was hier falsch sein soll, oder einfach diesen Blog ignorieren.

    2. Elodiyla hat ihre Ansichten geäußert und diese sachlich begründet. Man kann sich diesen anschließen oder nicht. Du hingegen reagierst von Anfang an pampig, verzichtest auf sachliche Argumente, wirst persönlich und stellst sogar ihr Recht in Frage, überhaupt zu kritisieren. Du kritisierst nicht, du trollst. Möchtest du nicht woanders spielen gehen?

      1. Ich habe Elodiyla nicht das Recht an Kritik abgesprochen, im Gegenteil gefragt, ob sie nicht viel eher anderen selbiges abspricht. Was sie ja bei Twitter mittlerweile als im Blog anspammen bezeichnet.
        Und liebe Frau Eckenfels, ich bin schon alt genug, selbst zu entscheiden, wo ich ’spielen‘ will und wo nicht. Ich brauche da weder Ratschläge noch Bevormundung.

        1. Ich meinte damit übrigens primär die Art und Weise, wie die Kritik hier angebracht wurde. Sachliche Kritik schätze ich immer. Kritik ohne Begründung aber nicht. Mehrfache Kritik dieser Art ist „anpampen“

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