Was soll die ganze Aufregung?

Während ich noch nicht dazu gekommen bin, Teil 2 von Ella Schön zu kritisieren (wobei ich schon verraten kann, dass es mindestens einen dicken Was-ist-das-denn?!-Moment gibt), gab es natürlich diverse Rückmeldungen zur Kritik am ersten Teil. Sowohl bezogen auf meinen eigenen Artikel, als auch insgesamt auf die Kritik von diversen Autisten auf Twitter und Facebook.

Während einige auf die Autismus-Thematik gar nicht eingingen, gab es auch einige, die die scharfe Kritik wohl nicht nachvollziehen konnten. „Was soll die ganze Aufregung eigentlich, es ist doch nur ein Film?!“ hieß es da. Oder auch „manche Leute müssen einfach nur alles schlecht reden, anstatt sich einfach Mal unterhalten zu lassen.“

Ja, es mag ein Film sein. Aber eben nicht „nur“. Filme und fiktive Darstellungen haben mehr Einfluss auf die Realität von Autisten, als Außenstehende sich scheinbar vorstellen können. Weil es in ihrer Realität schlicht nicht vorkommt. Oder sie einfach die Kapazitäten haben, ganz anders damit umzugehen. Ich möchte hier Mal ein reales Erlebnis aufgreifen, welches ich mit sechzehn hatte. Als ich als Zeugin vor dem Kölner Landesgericht aussagen musste und auch aufgrund meines Autismus vorher schon einmal die Umgebung gezeigt und den Ablauf erklärt bekam, betonte die Mitarbeiterin, dass es nicht so ablaufen würde wie beispielsweise bei Richterin Barbara Salesch. Man würde mir während meiner Aussage definitiv nicht ins Wort fallen, und auch sonst würde das niemand bei irgendjemand anderem tun. Wieso betont man die Falschheit einer fiktiven Darstellung, wenn es doch nur eine Fernsehserie war? Es mag gegenüber einer Schülerin gewesen sein, aber ich selbst habe diese Serie nicht angesprochen. Folglich bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit; Es hatte vor Gericht schon Leute gegeben, die sich von dieser fiktiven Darstellung haben beeinflussen lassen und dachten, es liefe vor Gerichten tatsächlich so ab. Oder aber, die Mitarbeiterin hielt es für durchaus möglich, dass sich jemand davon beeinflussen lässt. Und sei es nur eine 16-jährige Realschülerin.

Und genau dort liegt hier das Problem. Nicht alle Menschen trennen sauber zwischen Fiktion und Realität, da Fiktion oftmals auf Realität basiert. Auch wenn sich das manch ein rational denkender Mensch wohl nicht vorstellen mag. Zudem gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den meisten Autisten und der Mitarbeiterin vom Gericht; Autisten kämpfen täglich gegen diese Vorurteile, neben diversen unsichtbaren Barrieren. Indem man sagt „es ist doch nur Fiktion, regt euch nicht auf“, verschiebt man die Verantwortung für die Behebung der durch die Fiktion real entstehenden Schäden allein auf eine Gruppe, die es so schon schwer genug hat und oftmals gar nicht die Kraft hat, dagegen vorzugehen. Ist das gerecht? Manche mögen sagen „dann muss man es halt erklären!“, aber Erklärungen sind anstrengend. Vor allem dann, wenn zuerst ein schon gefestigtes Bild abbauen muss, um ein korrektes aufzubauen.

Und diese Schäden, von denen ich spreche, sind real. Noch heute beherrscht „Rain Man“ das allgemeine Bild von Autisten in der Gesellschaft, obwohl die dortige Darstellung kaum etwas mit der Realität zu tun hatte. Autisten werden mit Sheldon Cooper verglichen, der noch nicht einmal einen Autisten darstellen soll.  Diagnosen werden aufgrund von fiktiven Darstellungen vom Umfeld einfach aberkannt. Und dann gab es nicht diesen Tweet von @Koffeinfusion …

Oder diesen hier

Es ist eben nicht „nur“ ein Film. Er hat Einfluss auf die Art und Weise, wie wir Autisten gesehen werden. Und ein erst einmal festgesetztes Bild lässt sich umso schwerer korrigieren. Zumal ja oftmals Nicht-Autisten in ihren Aussagen sehr viel ernster genommen werden als Autisten selbst.

Ehrlich. Ich sehe es nicht mehr ein, wieso wir immer alles ausbaden müssen. Auf Facebook sagte eine Autistin, die Kritiker suchten ja nur einen Schuldigen, den es aber hier nicht gäbe. Tja, das verneint aber die reale Erfahrung vieler Autisten. Genauso wie diejenige(n), die andere allein für die Kritik kritisieren. Mit dem Argument, diese Kritik würde ein noch viel schlechteres Bild transportieren und mehr Schaden verursachen als der Film selbst. Soll man jetzt also noch nicht einmal mehr etwas sagen dürfen, wenn man etwas nicht in Ordnung findet? Wenn durch schlichte Ignoranz der Realität gegenüber das eigene Leben erschwert wird? Wäre der Autismus nicht so betont worden, wäre die Kritik nicht so hart geworden. Ohne irgendeine Diagnose vielleicht gar nicht erst entstanden.

Ich sehe es nicht ein, wieso allein diejenigen die Fehler anderer ausbaden sollen, die diese Fehler allein zu spüren bekommen. Denn mit „steht einfach drüber“ und „ihr müsst selbstironisch sein!“ ist es auch nicht behoben. Wenn einem jeden Tag falsche Bilder über das eigene Selbst entgegen schlagen, zermürbt es einfach ungemein. Es einfach zu ignorieren hilft nicht. Die gesamte Last wird auf diejenigen übertragen, die in einer Fiktion vollkommen realitätsfern dargestellt wurden. Eine so schon ständig diskriminierte Gruppe mit weiteren Problemen belastet.

Und das soll man nicht kritisieren dürfen?

2 Gedanken zu „Was soll die ganze Aufregung?

  1. Ich finde es sehr abstrus, dass Filme und Serien keinen Einfluss auf die Realität haben sollen. Vor einigen Wochen sah ich ein Interview mit einer Schauspielerin, die in einer Serie eine Ärztin spielt. In der Realität ist sie aber keine Ärztin, sondern wie gesagt Schauspielerin. Seitdem sie die Serienrolle als Ärztin hat, erzählte sie, wird sie in der Realität ganz anders behandelt. Sie würde sogar von vielen Leuten mit „Frau Doktor“ ansgesprochen werden.

    Genau solche Aussagen höre ich immer wieder von Schauspielern, gerade von Seriendarstellern. Vor Jahren sah ich auch mal ein Interview, wo ein Schauspieler über seine fiktive Rolle als „Bösewicht“ sprach und meinte, dass die Leute auf der Straße ihn manchmal wegen seiner Taten in der Serie angehen und beleidigen würden. Zeigen genau solche Situationen nicht aber, dass nicht jeder Zuschauer zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann?!

  2. Darf ich hierzu auch eine Kleinigkeit schreiben?
    Ich war über sehr viele Jahre wegen ungewollter Kinderlosigkeit in ärztlicher Behandlung.
    In dieser Zeit sah eine nahe Bekannte einen Spielfilm über ein Paar, das keine Kinder bekommen kann, zur künstlichen Befruchtung geht, schwanger wird, später zeigt sich, dass das Kind behindert ist, die Ehe zerrbricht, die Frau verzweifelt und muss in psychologische Behandlung, das Kind kommt in ein Pflegeheim. Alles recht melodramatisch.
    Ich selber hatte den Film nicht gesehen, habe nicht einmal mitbekommen, dass er lief.
    Kurze Zeit später hatten wir einen Termin für eine künstliche Befruchtung und prompt gab es mehrere Menschen, die uns von selbiger abrieten mit Hinweis auf mögliche Behinderungen (samt aller Folgen) erst auf näheres Nachbohren kam heraus, dass diese Angst auf eben jenem Film basierte.
    Es ist wohl nicht nötig, zu erwähnen, wie sehr uns diese „Panikmache“ in unserer damaligen Situation verunsichert und verletzt hat!
    Und das war jetzt nur ein einziges Beispiel und nicht einmal das eindrücklichste, in den Jahren hat sich das noch manch weiteres angesammelt.
    Ja, Fernsehen ist nicht zwangsweise Realität.
    Aber es ist nicht mehr als Recht und billig, dass sich Sender/Produzenten eben zum einen auch Mal im Voraus Gedanken machen, was ihr Beitrag für Betroffene bedeutet und ebenso im Nachgang die Reaktionen aushalten. Die begeisterten, wie auch die kritischen. Ich kenne persönlich keinen, der seitenweise fundierte Kritik tippt, wenn ihm das Thema nicht persönlich am Herzen liegt. Wenn ich mit solchen Themen dann Sendezeit (und damit eben auch Geld) mache, dann gebietet es der Anstand, das ich mir die Meinungen der Betroffenen eben auch offen anhöre.
    Muss ich es jedem Recht machen? Nein.
    Kann ich es jedem Recht machen? Nein.
    Aber ehrliches Interesse und ein darauf Eingehen auf die Rückmeldungen derer, deren Leben ich durch meinen Beitrag beeinflusse, sowie die Bereitschaft, für das nächste Mal „etwas dazuzulernen“, das kann man erwarten, von dem Medium, das wie kaum ein anderes die Meinung, das „Wissen“ und die Weltsicht weiter Teile der heutigen Bevölkerung bildet!

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