Von unsichtbaren Treppen

Heute ist Welt-Autismus-Tag.

Ein Tag, der vor allem von den Verbänden genutzt wird, um auf ihre Sicht der Dinge aufmerksam zu machen. Um für ABA zu werben, und ein Bild zu verbreiten, in dem der Autist in sich eingeschlossen und hilflos ist. Ein Tag, der uns gewidmet sein soll, an dem man uns aber nicht hört.

Ich möchte diesen Tag Mal nutzen um auf einen Aspekt von Autismus hinzuweisen, der im Alltag so gut wie nicht beachtet wird. Und von daher für alle Autisten, seien es Kinder oder Erwachsene, mit die größten Probleme bereitet.

Die fehlende Barrierefreiheit.

Wenn man von Barrierefreiheit ließt, woran denkt man da? Wahrscheinlich vor allem Rampen und Aufzüge für Rollstuhlfahrer. Wenn man schon etwas besser im Thema drin ist, kommt man vielleicht noch zu Blindenleitsystemen, Beschriftungen in Brailleschrift und akustische Hinweise für Blinde und Menschen mit Seheinschränkung. Wenn man dann noch schriftliche statt nur akustische Informationen und die Gebärdensprache mit einschließt, hat man auch die Gehörlosen und Schwerhörigen mit drin. Leichte Sprache, die Menschen mit Lernschwierigkeiten. Doch letztere sind schon nur ganz selten mit dabei.

Autisten aber?

Die stolpern überall über Barrieren und sollen sich nicht so anstellen, wenn sie Mal darauf aufmerksam machen. Autisten werden laufend über die Treppe gejagt, die sie kaum bezwingen können. Doch diese Treppen sind für die meisten Menschen schlicht unsichtbar.

Das fängt bei Kontakt zu Personen an. Unabhängig davon, ob es nun soziale Kontakte, Ärzte oder Ämter sind. Soziale Kontakte fordern real schon ziemlich viel ein. So viel, dass viele Autisten sie lieber vermeiden oder auf ein Maß reduzieren, indem sich Einsamkeit und Anstrengung möglichst in der Balance halten. Aber wer denkt schon daran, dass die Einsamkeit von Autisten nicht zwingend freiwillig gewählt ist, sondern in der damit verbundenen Anstrengung verbunden ist? In den Barrieren, die soziale Kommunikation und soziale Regeln für Autisten bedeuten, und die mit Kraftanstrengung überwunden werden müssen? Kaum jemand. Und die Menschen, die ihrerseits Rampen aufstellen, sind selten zu finden.

Dasselbe bei Ärzten und Ämtern. Oftmals ist nur telefonische Kontaktaufnahme möglich. Nur, vielen Autisten fällt es enorm schwer, zu telefonieren. Wieder eine Barriere, die besonders bei Ärzten Schäden nach sich ziehen kann. Dringende Termine, die nicht zu Stande kommen und sich so lange verschieben, bis es zu spät ist (Zu der generellen Problematik mit Ärzten gibt es übrigens auch einen sehr schönen Artikel hier) Ähnliches gilt bei Ämtern. Briefe, die oftmals wie Bedrohungen klingen, müssen verstanden und beantwortet werden. Wenn man denn die Sprache der Briefe versteht. Man muss zu Terminen erscheinen, und sich immer wieder mit fremden Menschen auseinander setzten. Die oftmals ihre eigene Sprache sprechen. Probleme werden nicht ernst genommen oder falsch verstanden. Und so läuft man auch dort wieder gegen Barrieren, die niemand zu sehen scheint.

Oh, und Notrufe. In Deutschland nur telefonisch möglich. Womit es einigen Autisten unmöglich ist, schlicht den Notruf zu wählen. Auch wenn es im eigenem Haus brennt. (Natürlich genauso gehörlosen).

Bezüglich der Schule bräuchte es wohl einen ganz eigenen Artikel, um auf alle dort vorhandenen möglichen Barrieren einzugehen. Beginnend bei der sozialen Struktur im Klassenverband, über die Kommunikation mit Lehrern, Aufgabenstellungen, Gruppenarbeiten, ständiger Lärm in den Pausen ohne Rückzugsmöglichkeit … es gibt zu viele Aspekte der Barrieren in der Schule, als dass man sie nebenbei abhandeln können. Doch eine ist hier besonders stark ausgeprägt; Die Barriere in den Köpfen der Menschen. Menschen, die Denken, dass Autisten nur faul wären und sich nicht richtig bemühen würden. Die nicht begreifen können oder wollen, dass Autisten in ihren Möglichkeiten zu agieren anders sind als die restlichen 99%. Würde man Autisten einfach so akzeptieren wie sie sind, sie unterstützen statt immer nur unmögliches von ihnen zu fordern, wäre Schule sicherlich schon ein sehr viel kleineres Problemfeld.

Ähnliches gilt übrigens für den ersten Arbeitsmarkt. Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann. Eine weitere unsichtbare Barriere. Barrieren nicht überwinden zu können bedeutet nicht, unfähig zu sein.

Denn genau hier tauchen mit Abstand die meisten Barrieren auf, die andere nicht sehen können. Denn wer würde schon den ständigen Lärm in Bus, Bahn und Stadt als Barriere sehen? Niemand. Doch ist er genau das für viele Autisten, die sich regelmäßig zurück ziehen müssen, um zu erholen. Nur wo können sie das? In der Stadt wird man vielleicht noch eine ruhige Ecke finden. In Bus und Bahn jedoch? Fehlanzeige. Oftmals wird man sogar noch berührt, obwohl man Berührungen gerade nicht erträgt. In Supermärkten noch zusätzlich bedudelt, obwohl man gerade schon genug damit zu tun hat, dass sich die Verpackung oder der Standort eines Produkts geändert hat. Bestimmte Beleuchtungen können genauso eine Belastung und damit eine Barriere sein wie flackernde Werbeanzeigen. Uneindeutige Beschriftungen können derart irritieren, dass ein Weg versperrt wird. Einfach, weil man sich unsicher ist, ob man nun befugt ist oder nicht. Wege sind versperrt, weil Verhaltensregeln nicht klar sind. Unsichtbare Regeln, die niemand erklärt, aber jeder einfordert. Auch das sind Barrieren.

Und ich kann in einem so kurzem Text noch nicht einmal alle Barrieren aufzählen. Sie sind genauso vielseitig, wie es Autisten sind. Und jeder hat seine eigenen Barrieren im Alltag, die er oder sie überwinden muss. Und verurteilt wird, wenn er oder sie es schlicht nicht schafft, die unsichtbare Treppe hoch zu kommen.

Was aber tun, wenn noch nicht einmal eine Autistin selbst es schafft, alle möglichen Barrieren zu benennen?

Ganz einfach; Zuhören. Autisten ein Gehör schenken und ihre Probleme nicht kleinreden. Nicht sagen „ach komm, andere fühlen sich in einer vollen Bahn doch auch unwohl“, sondern versuchen Barrieren abzubauen. Im Lärm ruhige Inseln schaffen. Kaputte Leuchten schnell austauschen. Nicht einfach sagen „das muss man doch erkennen/können!“, sondern daran denken, dass der gegenüber im Kopf anders funktioniert. Nicht immer nur andere für Autisten reden lassen, sondern mit den Autisten selbst sprechen. Denn die sogenannten „Vertreter“ sehen selbst vieles nicht oder glauben gar, der Autist müsste sich anpassen.

Nein.

Die Gesellschaft ist es, die hier dazu verpflichtet ist, Barrieren abzubauen. Denn die Gesellschaft verliert durch diesen Abbau nichts. Im Gegenteil, auch sie profitiert beim Abbau von Barrieren. Auch derer für Autisten. Der Autist verliert hingegen im ständigen Kampf mit diesen Barrieren sehr viel.

Deshalb; Gerade am Welt-Autismus-Tag einfach Mal den Autisten selbst zuhören. Und nicht denjenigen, die ihnen die Stimme nehmen, indem sie sich in den Medien aufgrund ihres Einflusses stärker bemerkbar machen.

Denn wenn nicht zugehört wird, kann auch nichts verbessert werden.

 

5 Gedanken zu „Von unsichtbaren Treppen

  1. Hat dies auf Sarinijha rebloggt und kommentierte:
    Da Elodiyla mir aus dem Herzen spricht, möchte ich auf diesen Blogbeitrag verweisen. Fehlende Barrierefreiheit ist zumindest in meinem Leben ein ganz großes Thema. Vielen, vielen Dank für diesen Text.

  2. Hat dies auf SWB – MeiBlog rebloggt und kommentierte:
    Ich sehe es allerdings schon so, dass ich mich anpassen muss – im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich bemühe mich – ständig, nur manchmal werden die Barrieren zu viele und der Kampf zu anstrengend. Dann ziehe ich mich zurück. Bis ich wieder genügend Energie und Kraft für den täglichen Kampf gegen die unsichtbaren Barrieren habe. Wichtig ist der stete Kampf gegen die Barrieren in den Köpfen, derjenigen, die sich nicht vorstellen können, dass da tatsächlich Barrieren sind. Deshalb vielen Dank an Elodiyla für deinen Beitrag – eine Stimme mehr, die aufklärt und kämpft.

  3. Was für mich alles derzeit so Belastungen sind und mich total blockiert, ist eine ganze Menge. Und das Unverständnis kommt noch dazu. „Ist doch nicht so schlimm“. Meine Wohnung ist der Gegenbeweis: In guten Phasen sieht es halbwegs ordentlich aus. Im Moment aber eher wie nach einem Atombombenangriff (RW). Und wie die Gesamtsituation: Besserung nicht in Sicht. Wenn ich Pech habe, ändert sich die nächsten paar Jahre nichts. Diese Aussicht ist selber auch noch mal eine Belastung. Irgendwie Kalkulierbarkeit, Planbarkeit wäre ganz nett. Ich kann es leider nicht befehlen.

  4. Ein sehr guter Text, vielen Dank dafür.

    „Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.“

    Genau das. Doch gerade das funktioniert dann gut, wenn die Regeln klar sind, wenn man sich vorbereiten kann und wenn man dabei nicht gestört wird. Der Alltag bietet hingegen oft Unvorhergesehenes und das erzeugt ständigen Stress. Und das verursacht zumindest teilweise auch das gehäufte Auftreten chronischer und tödlicher Krankheiten: https://spectrumnews.org/news/large-swedish-study-ties-autism-to-early-death Und deswegen wäre es so wichtig, dass Barrieren abgebaut werden, weil es der eigenen Gesundheit so extrem förderlich wäre. Das geht ganz ohne fragwürdigen Therapien und Medikamente. Es braucht nur mehr Verständnis. Davon abgesehen nutzt der Abbau allen, nicht nur Autisten, so wie die E-Mail auch von Gehörlosen oder stotternden Menschen genutzt werden kann. Zu oft wird offenbar geglaubt, hier geht es um Sonderrechte.

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