Was soll man jetzt sagen?

Nachdem ich kürzlich ja etwas darüber sagte, wie man Menschen mit Behinderungen jetzt bezeichnen sollte, gibt es aktuell auf Twitter eine gleichartige Diskussion im Bezug auf Autisten. Da das Thema auch häufiger vorkommt, werde ich jetzt also nochmal etwas genaueres dazu sagen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt weiß ja schon, dass ich überwiegend „Identity-First-Language“ benutze. Ich bezeichne mich selbst als Autistin, andere mit derselben Diagnose dann als Autisten, und so weiter. Manchmal weiche ich auch auf „autistisch“ aus, aber immer bei bestimmten Personengruppen, wie Schüler oder Studenten. Da geht es dann auch eher darum, notwendige Informationen möglichst kompakt darzustellen und nicht diverse Nebensätze konstruieren zu müssen.

Schaut man aber in die Medien, findet man aber vor allem die Formulierung „Menschen mit Autismus“ („Person-First-Language“). Beliebt ist auch, dass jemand Autismus „hat“ oder daran „leidet“. Insbesondere letzteres ist großer Blödsinn, da man unter Autismus nicht per se leidet. Ich tue das nicht, und viele mir bekannte Autisten ebenfalls nicht. Aber das ist ein etwas anderes Thema …

Worauf ich hinaus will; Medien trennen den Autismus sprachlich irgendwie immer von der Person. Übrigens ebenso viele Fachleute und „Vertreter“. Den Sinn dahinter verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Es heißt dann in den Diskussionen oft, man wollte die Person nicht auf die Diagnose reduzieren. Aber ist das wenn nicht eher ein Problem des Denkens, als der Bezeichnung? Bei „Mensch mit Autismus“ frage ich mich doch, wieso man betonen muss, dass ich ein Mensch bin. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Mich als „Autist“ zu bezeichnen bedeutet für mich klar zu machen, dass der Autismus eben auch einen großen Teil meiner Persönlichkeit ausmacht. Ich wäre nicht ich, wäre der Autismus nicht. Es beeinflusst einfach zu viel. Meine Wahrnehmung, meine Art zu Denken und zu Handeln. Wäre ich nicht eine ganz andere Person, wäre ich nicht quasi dazu gezwungen, immer wieder aus mir heraus zu treten und mich selbst zu reflektieren? Und es geht mir besser, seitdem ich dieses Selbstverständnis für mich habe. Den Autismus als gegeben angenommen habe und ihn fest mit mir verbinde, anstatt ihn irgendwie von mir abzutrennen.

Denn genau so kommt die Formulierung „Mensch mit Autismus“ umgekehrt rüber. Es klingt, als wäre Autismus nur etwas zusätzliches. Etwas, das man bei belieben auch einfach Mal in der Ecke abstellen kann. Wie einen Koffer. Kann man aber nicht. Oder überhaupt von der Person lösen. Dafür werden, wie gesagt, einfach zu viele Bereiche beeinflusst.

Heute kam dann übrigens auch der Vorschlag „Person mit Autismusdiagnose“. Das Verstärkt die Trennung allerdings nur. Und hat für den Alltag auch irgendwie zu viel Medizin mit dabei.

Und tatsächlich ist es so, dass die meisten Autisten eben diese Bezeichnung bevorzugen; Autist. Wenn man jetzt daher geht und sagt „Ist doch egal, wie ich sie nenne!“, ist das auch schlicht respektlos und übergriffig. Wenn ich von mir als Autistin spreche, will ich nicht plötzlich lesen, dass ich eine Person mit Autismus sei. Und Verbote, den Begriff „Autist“ zu benutzen, sind da nur noch schlimmer. Gibt es nicht? Doch, habe ich über Twitter schon Mal von einem FSJler an einer Einrichtung (ich weiß gerade nicht mehr, was für eine es war) gehört, dass sie von der Leitung her schon nicht erlaubt wird, dass man von „Autist“ spricht. Weil es wohl auch kein Autist so wollte. Ich frage mich nur, wie man dann mit denjenigen Autisten verfährt, die dort hin kommen und als „Autist“ bezeichnet werden wollen. Sagt man denen dann ins Gesicht, dass sei falsch?

Und ja, es gibt hier Mal wieder keine vollkommene Einigkeit unter den Autisten selbst. Sondern „nur“ eine Mehrheit. Aber schon allein deshalb ist es nicht egal, mit welchen Begriffen man um sich wirft. Insbesondere als außenstehender. Wie schon gesagt, es ist auch eine Sache des Respekts, die Meinung der Betroffenen selbst zu berücksichtigen. Bei anderen Gruppen ist das eigentlich schon selbstverständlich. Nur bei uns einmal mehr nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Was aber nicht funktioniert ist, einfach die Meinung anderer Gruppen zu übertragen.

Wenn jemand jetzt kommt und sagt, er/sie möchte lieber als „Person mit Autismus“ bezeichnen werden, in Ordnung. Dann werde ich dort durchaus auch die Formulierung benutzen. Ich selbst bevorzuge aber noch immer „Autistin“ und werde mir das ohne gute Gründe auch nicht ausreden lassen.

Wer welche hat; Nur zu. Anhören werde ich mir sie auf jeden Fall. Nur überzeugen konnte mich bislang niemand. Weil es ironischer Weise dann meistens um Probleme ging, die nicht primär am Begriff „Autist“ hängen, sondern an der Sichtweise der Gesellschaft auf Autisten. Ähnlich wie bei „Schwerbehinderung“ ändert sich das nicht, indem wir einfach die Begriffe abändern. Da können wir genauso gut wieder rosa Tutus tragen (und bitte keine blauen).

 

5 Gedanken zu „Was soll man jetzt sagen?

  1. Ich wieder halte es so, dass ich sage: „Ich bin autistisch.“ Für mich ist es einfach eine Eigenschaft wie freundlich, hilfsbereit, chaotisch usw. Ansonsten ist für mich der Autismus nicht so primär, dass ich ständig darauf hinweisen müsste. Und: Ich leide eher daran, dass auf gewisse Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wird. Oder daran, dass jemand von Situation A auf Situation B schließt (und sagt, dass etwas nicht geht), obwohl es genügend Unterschiede gibt, anhand derer ich sage, dass es eben nicht übertragbar ist (auch weil sich diverse Bedingungen in der Zwischenzeit (immerhin 4 Jahre später!) verändert haben).

    Jemand anderes weiß nicht, wie er (oder besser sie) es nennen soll: Krankheit, Behinderung, Autismus. Da habe ich auch das Gefühl, dass es als etwas getrennt von mir betrachtet wird. Es fühlt sich so falsch an, weil siehe oben: Ich betrachte es als Eigenschaft wie andere Dinge auch. Ich habe es nicht; ich bin so. Am liebsten ist es mir, wenn das Wort Autismus, Autistin oder autistisch gar nicht vorkommt. Wenn meine Eigenarten akzeptiert werden ohne Etikett, dann ist alles in Ordnung.

  2. Stimmt dem zu, habe aber immer noch nicht genau verstanden, weshalb es dann oft „Menschen mit Behinderung“ heißt und nicht „Behinderte“? Müsste das dann nicht das gleiche Prinzip sein? Ist eine ehrlich gemeinte und interessierte Frage.

    1. Neulich wurde erwähnt, dass „Menschen mit Behinderung“ tatsächlich von denen mit körperlicher Behinderung bevorzugt wird. Ich selbst habe mit „Behinderte“ kein Problem, nutze es ja immer wieder selbst (und warte auf den erste, der mir da inkorrekte Benennung vorwirft). Ob es unter den Menschen mit Behinderung insgesamt zu eben dieser Bezeichnung auch tatsächlich eine Mehrheit gibt, kann ich gerade leider nicht sagen.
      Aber vielleicht werfen wir die Frage Mal auf Twitter in den Raum? 🙂

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