Behindert, oder wie sagt man jetzt?

Ich möchte heute etwas dazu sagen, was schon seit einiger Zeit durch die Medien geht und offensichtlich auch in der Politik großen Anklang findet.

Gemeint ist hier der „Schwer-in-Ordnung“-Ausweis. Eine Idee, die auf die damals 14-Jährige Hannah zurück geht. Ein selbst schwerbehindertes Mädchen mit Down-Syndrom.

Sie selbst hat damals nur einen Ausweis gebastelt. Als die Medien ihre Geschichte verbreiteten, erhielt sie in ihrer Heimatstadt dann tatsächlich einen „Schwer-in-Ordnung“-Ausweis. Doch damit nicht genug. Inzwischen gibt es immer mehr Bundesländer, die einen „Schwer-in-Ordnung“-Ausweis als Hülle für den eigentlichen Schwerbehindertenausweis ausgeben.

Schön für Hannah. Ihr möchte ich es auch gar nicht negativ anlasten, was aus ihrer Idee letztendlich wurde. Für sie ist es definitiv gut, dass ihre Idee Anklang fand.

Was mich nur stört ist, was Politik und Medien jetzt daraus machen und wie es vor allem von Nicht-Behinderten aufgefasst wird.

Das begann schon, als die Geschichte das erste Mal in den Medien herum ging. Ich las lauter Kommentare wie „tolle Idee“, „tapferes Mädchen“, „rührend“. So gut wie niemand hinterfragte Mal, wieso Hannah den Begriff „schwerbehindert“ überhaupt so negativ empfindet.

Vielleicht liegt es daran, dass sich viele Nicht-Behinderte da Mal an die eigene Nase hätten packen müssen. Denn die Hauptschuld, dass „behindert“ und „schwerbehindert“ überhaupt einen negativen Klang haben, tragen die Nicht-Behinderten. Alle vorweg diejenigen, die Behinderung als unfassbare Katastrophe und Belastung für die Umwelt darstellen. Oder es gar als Schimpfwort nutzen oder einen solchen Gebrauch unkommentiert verbreiten. Zu letzteren haben wir gerade ein frisches Beispiel vom ZDF …

Und tatsächlich kam mir auch schon das Argument zu Ohren, man könnte doch nicht „behindert“ sagen, weil das als Schimpfwort gebraucht wird. Ja, aber wer nutzt das als Schimpfwort hauptsächlich? Genau, die Nicht-Behinderten. Natürlich macht da auch so manch ein Behinderter mit. Vielleicht aber auch nur, um sich anzupassen und nicht mit „stell dich nicht so an!“ abgewiesen zu werden?

Nun bin ich ja selbst behindert. Vielleicht sogar bald offiziell schwerbehindert (der Widerspruch beim Versorgungsamt läuft seit September). Und ich möchte das auch so bezeichnet haben. Es gibt da nichts zu beschönigen. Behindert beschreibt für mich schlicht einen wertneutralen Zustand. Man wird von der Umwelt behindert. Das ist einfach ein Fakt. Und auch gar nicht die eigene Schuld, wenn sich die Umwelt immer nur auf „Otto-Normal-Durchschnittsmenschen“ einstellt. Das muss man auch nicht mit Begriffen wie „Handicap“ oder „anders begabt“ irgendwie sprachlich umschiffen. Oder eben „Schwer-in-Ordnung“. Was dann nämlich passiert, ist folgendes; Der vorher von Nicht-Behinderten als politisch korrekt aufgefasste Begriff wird dann auch wieder von irgendwelchen Leuten abwertend gebraucht. Wahrscheinlich denselben, die schon den alten Begriff abwertend gebraucht haben. Irgendwann hat der neue Begriff genau denselben negativen Touch wie der alte und ein neuer muss her. Man muss immer wieder neue Begriffe finden, und am Ende weiß niemand mehr, welcher Begriff korrekt ist. Man nennt das auch eine Euphemismus-Tretmühle. Und mal ehrlich. Ich schreie lieber an einer Stelle „Stopp!“, als dass ich ewig in einer Mühle treten muss.

Zurück zum Schimpfwort-Argument. Das ist auch ebenso unsinnig, weil zum Beispiel auch „Autist“ als Schimpfwort genutzt wird und „Autismus“ immer häufiger als negative Metapher benutzt wird, die mit der eigentlichen Diagnose nichts mehr zu tun hat. Mit der Argumentation dürfte ich mich auch nicht mehr Autistin nennen.

Aber sollte eigentlich entscheiden, wie man eine bestimmte Gruppierung nennt? Die Gruppierung, oder die außen stehenden? Ich bin für ersteres, weil alles andere schlicht übergriffig ist.

Und ja, die Idee des „Schwer-in-Ordnung“-Ausweises hat ihren Ursprung innerhalb der Minderheit. Dennoch sind viele von uns nicht damit einverstanden, was Politik und Medien jetzt daraus machen. Es wird zu einem großen Erfolg hoch stilisiert. Als etwas sehr gutes, das man uns jetzt gnädiger Weise gewährt. Die Politik lässt sich im Grunde für eine alberne Plastikhülle feiern und bezeichnet diese auch noch als Mittel zur Inklusion (hierzu hat sich Rollifräulein schon ausgelassen). Doch eine Plastikhülle ändert nichts an unseren Problemen. Sie ändert nichts daran, dass wir auf vielfältige Weise diskriminiert werden. Sie ändert nichts daran, dass Deutschland die UN-BRK trotz Unterzeichnung im Jahr 2009 noch immer nicht umgesetzt hat. Sie ändert nichts an den Kämpfen, die wir immer wieder führen müssen, um einfach nur die uns zustehenden Rechte gewährt zu bekommen. Sei es nun die Inklusion in der Schule, Nachteilsausgleiche oder schlicht ein selbstbestimmtes Leben. Man könnte uns genauso gut in ein rosafarbenes Tutu stecken. Sieht vielleicht bei dem ein oder anderen nett aus. Bringt aber nichts.

Hannahs Idee hätte ein guter Anstoß sein können, dass die Gesellschaft mal intensiv darüber nachdenkt, wie sie mit uns umgeht. Dass ein 14-jähriges Mädchen den ihn bezeichnenden Begriff so negativ empfindet.

Offensichtlich will sie nicht. Betrifft sie ja nicht. Und morgen sind Menschen mit Behinderungen wieder genauso unfähig und außerhalb der Gesellschaft, wie vorher auch.

Schade drum.

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