Die Sache mit der Selbstdiagnose

Mit diesem Artikel werde ich sicherlich so einige verärgern. Aber nachdem ich mich gestern erstmalig deutlich bezüglich Selbstdiagnosen positioniert habe, bin ich bei einigen eh unten durch. Und ich möchte wenigstens die Chance haben, meine Position ordentlich zu erläutern. Was auf Twitter nicht so gut funktioniert wie in diesem Blog.

Tatsache ist, dass ich Selbstdiagnosen nicht gerne sehe. Gerade auch im Bezug auf Autismus. Explizit nicht mit gemeint sind die Leute, die bei sich selbst Autismus vermuten und das auch so kommunizieren. Sie können genauso gut Autisten sein wie diejenigen mit ärztlicher Diagnose. Jeder war Mal bei dem Punkt, dass man als Autist einen Eigen- oder Fremdverdacht hatte. Denn Autist war ja jeder von Geburt an.

Nur, was passiert, wenn echte Autisten ohne Diagnose sich selbst als Autisten bezeichnen? Sie lügen zwar nicht in dem Sinne nicht, aber … es hat eine meiner Ansicht nach fatale Außenwirkung. Die Leute, die nicht tief drin sind, nicht die Probleme bezüglich der Diagnostik kennen (Verfügbarkeit und Verfahren als solches), sehen dann nur; Oh, die legen keinen Wert darauf, ob man eine Diagnose hat oder nicht. Steckt also nichts hinter. Die spinnen, die Autisten. Und dann wird kein Unterschied mehr zwischen diagnostiziert und undiagnostiziert gemacht.

Am Ende hat man also allen die Stimme genommen. Nicht-diagnostizierten UND diagnostizierten Autisten.

Können wir das wirklich riskieren?

Weiter geht es bei einer noch viel schlimmeren Gruppe. Personen, die aller Wahrscheinlichkeit keine Autisten sind und die Diagnose auf sich umdefinieren, damit es passt. Diese sagen genauso, dass sie Autisten wären, weil sie es sich selbst diagnostiziert hätten. Sie benutzen sogar dieselben Argumente. Dass Diagnosen eh zu schwer zu bekommen wäre. Ärzte keine Ahnung von Autismus hätten. Und deswegen zählen ärztliche Diagnosen eh nicht und die eigene Meinung zählt eh mehr als die eines Arztes. Sie hätten das Gefühl, und allein das zähle. Keine Legitimierung nötig.

Ja, das ein oder andere stimmt. Wir haben noch immer viel zu wenig Diagnosestellen. Viel zu viel Uneinigkeit zwischen den diagnostizierenden Ärzten, was nun Autismus ist und was nicht. Man mag zwar meinen, dass es eigentlich einheitliche Diagnostikkritierien gäbe. Aber nein, die Diagnostik läuft höchst verschieden hab. Und Symptome sprechen je nach Stelle Mal für, Mal gegen Autismus. Dagegen muss vorgegangen werden.

Aber kann die Lösung sein, dass eine Gruppe für ihr eigenes Selbstgefühl den anderen die Stimme nach außen leiser werden lässt? Die ABA-Leute arbeiten doch schon auf der Schiene, dass für diese „Krawallautisten“ die Diagnose nicht zutreffend wäre. Muss man denen auch noch in die Hände spielen und anderen ohne Rücksicht schaden?

Denn genauso kommt es mir vor, nachdem ich die letzten Tage vermehrt mit Befürwortern von Selbstdiagnosen zu tun hatte. Sie fordern viel für sich selbst ein, berücksichtigen aber nicht die Situation derer mit ärztlichen Diagnosen auf diesem Gebiet. Deren Sorgen werden ignoriert oder das Problem von sich weggelagert.

Aber kann man ohne Schuld sein, wenn man ein Problem absichtlich nicht beachtet?

Ich mache im Umgang mit anderen keinen Unterschied, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht. In der Zeit der „entwerteten Diagnose“, als ich große Zweifel an meinem Autismus hatte, betrachtete ich mich selbst als Verdachtsautistin. Ich beschäftigte mich mit dem Thema, wenn auch leise. Meine Angst vor Menschen hinderte mich daran, wirklich mit zu machen. Wenn ich heute mit Verdachtsautisten zu tun habe, zählen deren Meinungen genauso viel. Sie dürfen sich ebenso in die Diskussionen einbringen, wie andere auch. Sie haben genau dieselbe Hilfe und Unterstützung verdient.

Nur … ich würde mir wünschen, dass sie ehrlich bleiben.

Natürlich haben nicht alle Autisten eine Diagnose. Nur waren wir von Anfang an eine fremddefinierte Gruppe. Die Definition von Autismus hat nie ein Autist selbst festgelegt. Wieso sollen wir uns dann plötzlich selbst diagnostizieren können? Braucht es für die Diagnose nicht mit eine Außensicht, weil man selbst nicht alles erkennt und sich selbst auch durchaus was vormachen kann? Eine im Idealfall neutrale Person, die genau schaut und bewertet. Ohne Erwartungshaltung. Ohne Angst vor dem einen oder anderen Ergebnis.

Und für Nicht-Autisten sind Autisten Menschen, welche eine medizinische Diagnose haben. Die kann man sich nicht selbst geben. Und können wir diese Außensicht wirklich ignorieren? Ignorieren, wie wir von außen gesehen werden. Und den schaden einfach Mal denen aufhalsen, die teils hart für ihre medizinische Diagnosen haben kämpfen müssen.

Ehrlich, ich finde ein solches Verhalten unfair.

Und ich möchte auch einfach nur, dass jeder ehrlich damit umgeht, wo er steht. Medizinische Diagnose, oder „nur“ Verdacht? Wie gesagt, ich mache im Umgang da eh keinen Unterschied. Es ist ein von außen aufgedrücktes Problem, für das ein Umgang gefunden werden muss. Und da es besonders für Außenstehende enorm schwer ist, die Gruppe der selbstdiagnostizierten Autisten von denen der selbstdiagnostizierten Pseudo-Autisten (Also Nicht-Autisten, die sich als Autisten bezeichnen) zu unterscheiden, bleibt für mich leider nur eines;

Selbstdiagnosen sind nicht in Ordnung.

Und wenn es nur zählt, wenn man sich nur ohne professionelle Außensicht als Autist bestimmen kann, wäre ich selbst auch keiner.

 

20 Gedanken zu „Die Sache mit der Selbstdiagnose

  1. Ich bin mir nur immer noch bei der Unterscheidungs-Sache unsicher. Was hindert Pseudo-Autisten denn daran, sich als offiziell diagnostiziert auszugeben? Sie können das ja genauso behaupten. Gut, ist je nach Verhalten vielleicht weniger wahrscheinlich (sonst „hätten“ sie die Diagnose ja nicht, die Kriterien liegen ja innerhalb eines Rahmens), aber prinzipiell seh ich nur durch die Ablehnung von Selbstdiagnose (die ich nicht befürworte, ich seh mich nur als zu unwissend in dem Thema, um ne Position beziehen und begründen zu können) da keine Lösung gegeben.

    1. Stimmt. Aber das Problem mit der Außenwirkung bleibt dann doch, wenn auch auf etwas anderer Art. Das wir von außen als komplett unseriös wahrgenommen werden, wenn man sich das auch einfach selbst „diagnostizieren“ darf

  2. Weitgehend fair geschrieben, danke dafür.
    Wer „wir“ sein soll, erschliesst sich mir nicht, aber muss es ja auch nicht.
    Der oft gestellte Generalverdacht, die Unwahrheit zu sagen gegen Menschen, die #selfdxisvalid benutzen, wird hier leider reproduziert. „Sie lügen zwar nicht in dem Sinne, aber…“ „ich würde mir wünschen, dass sie ehrlich bleiben.“ Für einen Menschen mir offen-ehrlichen Charakterzügen ist das ein Frontalangriff.
    Du schreibst kein Wort dazu, was es für einen Menschen bedeuten kann, ein Selbstbildwerkzeug wie #selfdxisvalid“ zu haben. Das ist eine lebenserhaltende Massnahme. Überhaupt fehlt der gesamte Auspekt, welchen Nutzen diejenigen daraus ziehen, sich so zu labeln. Nein, alles nur Schaden.
    Und überhaupt, wie kommst Du auf die angenommene Aussenwirkung? Das ist nämlich der Punkt an dem Du die eigene Fairness, die Objektivität verlierst. Menschen, die #selfdxisvalid nutzen werden doch von ihrer Umgebung längst schon als Spinner*innen wahrgenommen und als „anders, „nicht normal“, „krank“ etc. gelabelt. Welch ein unermesslicher Befreiungsschlag ist da #selfdxisvalid.
    Und dann kommen die Zertifizierten daher und sagen mehr oder weniger freundlich „halt die Fresse“ oder „Das sagst Du nur weil Mode, schick…“ (Das hast Du nie geschrieben, aber Menschen, die Selbstdiagnosen hart angreifen schon, vielleicht sind die ja mit diesem „wir“ mitgemeint?)
    Ey Himmel, ich kenne keinen Menschen, der es besonders erstrebenswert findet, autistisch zu sein. Eins kann sein Sosein nicht ändern, eins sucht sich das nicht aus.
    Oder das ungerne auch gehörte „Argument“ selfdx-Menschen hätten keine Selbstzweifel. Ey, ich bau mich täglich auseinander und wieder zusammen und Selbstzweifel sind Alltag und sie sind arg.
    Dein Text ist fair, aber er zeigt kein Verständnis für Verdachtsautisten*innen, die kein so tolles Umfeld haben, wie Du es Verdachtsautisten*innen gewährst.
    Es ist ein komplexes Thema und ich hätte mir gewünscht, dass es Dir gelungen wäre, diese Komplexität besser darzustellen. Da fehlt viel, aber Du hast es auf eine okayne Weise versucht. Dafür Dankeschön.
    Der Formulierungswechsel von „Ich bin gegen Self-DX“ zu „Tatsache ist, dass ich Selbstdiagnosen nicht gerne sehe“ ist der Ergebnis von was oder nur Zufall, dem eins nichts beimessen sollte? Ist halt nicht identisch.

    1. Ich werde da gerne drauf eingehen. Kann aber leider dauern, weil ich gerade auf dem Weg ins Bett bin und morgen einen anstrengenden Tag habe.

      Nur schon wegen der Lüge… Ich wollte ausdrücken, dass es hier auch ein wenig darauf ankommt, wie Autist aufgefasst wird. Autist = Autistischer Mensch? Definitiv keine Lüge. Autist = Menschen mit Autismus-Diagnose? (Wobei das Quatsch ist. Ich versuche nur von außen drauf zu sehen, da kann es so verstanden werden) Dann wird es zur Lüge.

      „Spinner“ sollte hier heißen, dass alle, die sich irgendwie dem Autismus zuschreiben, als komplett unseriös wahrgenommen werden. Nichts, was allein die Selbstdiagnostizierten betrifft, sondern alle.

      Auf den Rest versuche ich morgen einzugehen

    2. Nun, ich sehe bei „ehrlich/nicht in dem Sinne lügen“ weniger eine Anschuldigung der Selbstdiagnose als Lüge, sondern eher als Bezug auf die Tatsache, dass man selbst die Symptome vielleicht nicht richtig einschätzen kann. Wie schon im Text steht, haben Psychologen eine neutralere Außensicht und können ggf. (je nach Erfahrungen) die Symptomatik genauer definieren und nicht als vage Worte frei zur (Fehl-)Interpretation im Raum stehen lassen. Natürlich gibt es auch dort Fehler, natürlich sehen manche dieses Bild zu eng und versuchen, eine zu diagnostizierende Person einfach Punkt für Punkt zu überprüfen. Ich bin nur der Meinung, dass diese das prinzipiell besser einschätzen können als man selbst bzw. mit Einbezug von Bekannten/Verwandten. Vielleicht ist „Lüge/Wahrheit“ hier nicht unbedingt richtig, aber es geht um eine eventuell fehlerbehaftete Einschätzung bzw. wie leicht diese möglich ist.
      Auch das „anders“ ist nicht unbedingt ein direkter Bezug auf Autismus. Davon ausgehend, dass in diesem Fall generell etwas vorliegt (muss ja nicht immer so sein), kann es verschiedene Ursachen haben und nicht einfach die Symtomatik sein, bei der man sich hier und da wiederfindet (auch hier hängt es davon ab, wie man die Kriterien mit der eigenen Erfahrung abgleicht, und ob dieser Abgleich stimmt).
      Dass selbstdiagnostizierte Menschen keine Selbstzweifel hätten, will ich gar nicht erst behaupten (ich finde es zwar nicht im Beitrag wieder, aber in der ein oder anderen Twitter-Aussage, die während der Diskussion von anderen gefallen ist, mag es unterschwellig mitgeschwungen sein.
      Die Darstellung der einen Seite mag durchaus ein paar Lücken aufweisen, aber ich schätze, dies ist im Rahmen der Diskussion (und dem teils angeschlagenen Ton von ebenjener Seite) etwas untergegangen sein. So, wie auch manche Aussagen noch während der Twitter-Diskussion absichtlich fehlinterpretiert wurden (längst nicht von jedem, der sich geäußert hatte, ist aber auf beiden Seiten mal vorgekommen).
      Den Formulierungswechsel würde ich auch darauf beziehen, dass das Schreiben eines Blog-Texts ein wenig zum Nachdenken bringt, nicht wie ein Tweet mitten in der Diskussion.

      Wahrscheinlich hab ich jetzt auch das ein oder andere falsch interpretiert oder außer Acht gelassen, das war nur meine „kurze“ Auffassung davon.

    3. So, jetzt die restliche Antwort

      Ich konnte leider nichts dazu schreiben, welchen Nutzen es hat, sich so zu labeln. Ich bin da ehrlich; Diesen Bereich kann ich absolut nicht nachvollziehen. Mir wurde Mitte 2014 meine erste Diagnose durch den Arzt, der diese erstellt hatte, entwertet. Bis zur neuen Diagnose 2016 wäre ich niemals auf die Idee gekommen, mich selbst als Autistin zu bezeichnen, ohne eine Diagnose zu haben. Auch wenn es lange so aussah, als würde ich nicht an irgendeine Diagnose kommen. Ich hatte schon seit mindestens 2013 um einen Nachweis gekämpft. Außerdem war der Artikel als dringend notwendige Reaktion meiner eigenen Position entstanden und ich hatte nicht mehr geschafft, zur anderen Seite zu recherchieren. vielleicht hole ich das noch in einem „Teil 2“ nach. Muss ich noch abwägen.

      Das mit den Selbstzweifeln ist ehrlich gesagt auch ein persönlicher Eindruck, den ich von SelfDXlern habe, mit denen ich bislang zu tun hatte. Besonders bei der Sorte „Ich brauche keinen Arzt!“ schien so etwas wie Selbstzweifel nicht zu existieren. Und ich weiß auch hier, dass es niemals für alle gelten kann. Vielleicht sollte ich das im Text noch deutlicher herausarbeiten (wenn ich denn die Stelle finde, wo ich Selbstdiagnostizierten unterstellt haben soll, keine Selbstzweifel zu haben? )

      Ich bin gerade leider etwas ratlos, was ich zu den mies behandelten Verdachtsautisten schreiben soll … gibt es denn Gruppierungen, in denen SelfDX-Autisten akzeptiert werden, aber eben keine Verdachtsautisten? Oo

      Der Formulierungswechsel hat übrigens zwei Gründe
      1. Formuliere ich auf Twitter schnell deutlich härter als hier ^^‘
      2. Ist mir klar geworden, dass das Problem hauptsächlich von außen kommt. Das war es mir bei dem Tweet so noch nicht.

  3. Zum Diskussionsverlauf möchte ich gerne noch was sagen. Erst einmal ist es gut, dass die Diskussion wieder angestossen wurde. Weniger, weil das fetzen kann, als vielmehr, weil es um gegenseitiges solidarisches Verhalten geht, wie das möglich ist und wie es möglich ist gegenseitig mehr aufeinander aufzupassen (im Sinne von Respekt).
    Es gab sehr differenzierte Aussagen, die sehr respektvoll waren. Das begrüsse ich sehr.
    Und es gab Verletzendes. Von der Seite der self-DX-Vertretenden kenne ich nur eine, dafür sehr üble (ableistische) Aussage, die zu keinem Zeitpunkt zurückgenommen wurde. Schade.
    Von Seiten der Zertifizierten habe ich zwei Personen wahrgenommen,die sehr hart im Sinne von verletzend argumentierten.
    Ich habe allerdings auch nicht alle Beiträge mitbekommen, u.a. weil ich aufgrund vorangegangener Diskussionen geblockt bin.
    Das heisst für mich, dass die Diskussion weitgehend ok war. Sie führt halt leider zu nichts, weil die Positionen bislang unvereinbar sind.
    Die Sache mit den Selbstzweifeln hat mal eine favende Person rausgehauen. Ist ja nicht die erste Diskussion zum Thema. Und es ist schon interessant zu sehen, welche Personen den Ausgangstweet gefavt haben. Hilft mir selfcaremässig enorm. (nur entfolgen, wegen Diskussionbeiträgen blocke ich nicht sofort)
    elodiyla bietet leider keine Einschätzung, warum self-DX Menschen so handeln, und dieser Aspekt ist nicht unwichtig. Es ist ok zu sagen, dass eins das nicht wissen kann. Jegliche Mutmassung zur Motivation von self-DX Menschen ist aber nicht ok und landet schnell im Verletzenden.
    Dafür dass das Thema sehr persönlich und existenziell ist, ist das ein gute Diskussion. Und bei mir ist mehr Freude, dass sie angestossen wurde als Ärger, dass sie keine Lösung ergeben wird.

    1. Ich habe zwei Punkte, die mir wichtig sind.
      Elodiy ist Autistin und hat ihre Sichtweise dargelegt. Es ist nicht ihre Aufgabe einzuschätzen welche Entlastung eine Selbstdiagnose und die Behauptung dass diese richtig ist mit sich bringt.
      Das obliegt jenen, die diese Einstellung teilen. Da Vermutungen anzustellen wäre unredlich.

      Die „Mutmaßungen“ zur Motivation sind zum Teil Rückschlüsse, aufgrund des Verhaltens einiger die sich selbst diagnostiziert haben und behaupten sie wüssten was los ist und sich als Autisten darstellen. Da diese sehr offensiv und leider auch aggressiv unterwegs sind, finde ich diese Form des Rückschlusses verständlich.

      Nun meine persönliche Sicht bzgl. Selbstdiagnose:
      Wenn ich ein Problem habe und dieses mich enorm beeinträchtigt bzw. ich Hilfen brauche um das Problem zu minimieren brauche ich persönlich eine fachliche Einschätzung der Sachlage.
      Eine Diagnostik, die den Menschen im gesamten in den Blick nimmt und andere Dinge berücksichtigt und etwaige Verdachtsmomente für andere Ursachen ausschließt gibt Klarheit.
      Eine Klarheit, die man meines Erachtens bei einer Selbstdiagnose niemals erreichen wird.

      Ich weiß sehr gut, wie lang die Wartezeiten und Anfahrtswege sind (ob nun bei Erwachsenen oder Kindern) und das nicht jede Stelle prädestiniert ist eine gute Differentialdiagnostik durchzuführen.

      ABER, dieser Umstand rechtfertigt es nicht hier auf Selbstdiagnose umzuschwenken.

      Kein vernunftbegabter Mensch würde dies bei Diabetes oder Rheuma tun. Ebensowenig bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

      Ich denke, bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten wird es am deutlichsten, was ich meine. Nehmen wir mal an, dass durch Antibiotikagabe das Verdauungssystem in Mitleidenschaft gezogen wurde und dies schon vor langer Zeit. Aber man schließt einfach mal auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Die daraus folgenden Handlungen und Diäten können zusätzlich schädigen. Und zwar massiv.
      Dies alles nur, weil man aufgrund von Reaktion auf ein Lebensmittel kolikartige Bauchschmerzen entwickelt oder Durchfälle bekommt. (Dies kann übrigens auch bei unerkannten Gallensteinen der Fall sein.)
      Es braucht hier die genaue Diagnostik durch einen Arzt und dem MUSS man so lange „auf den Wecker gehen“ oder einen anderen Arzt aufsuchen, bis das Problem wirklich erkannt ist.
      Im Fall von unerkannten Gallensteinen und einer falschen Selbstbehandlung würde es im Zweifel dazu führen, dass sich weitere schwerwiegende und irreparabele Folgen ergeben.

      Im Fall von Autismus sind die Folgen einer „Falsch“behandlung nur in einzelnen Fällen so gravierend.

      Aber in beiden Fällen, wo mit einer Selbstdiagnose Ratschläge an andere Menschen erteilt werden, sind die Folgen für diese anderen Menschen schwerwiegend.

      Denn DIESE verlassen sich auf FALSCHE Auskünfte und handeln ebenfalls schädigend für sich selber.

      UND, um irgendwelche Hilfen und Unterstützung in Anspruch nehmen zu können, ist eine Diagnostik unausweichlich.

      WENN also die Probleme (deren Hintergrund noch nicht einwandfrei benannt ist) so gravierend sind, dass es Hilfen braucht kommt KEINER um die Diagnose drumrum.
      Sollte später sich die Selbstdiagnose als Falsch herausstellen (wohlgemerkt bei einem Diagnostiker der sein Handwerk versteht und nicht bei jemandem der nur die Klischeeliste auswendig gelernt hat), dann ist alles aufgebaute Selbstwertgefühl durch Eigenzuschreibung einer Diagnose dahin.

      Auch das Narrativ, dass man als Verdachtsautist nicht ernstgenommen wird, ist eine Fehldarstellung. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, dass ich jemanden deswegen keine Informationen und/oder Support gegeben habe, nur weil bis jetzt _nur_ ein Verdacht vorliegt. Und auch bei anderen habe ich das noch nicht erlebt (man zeige mir gerne das Gegenteil).

        1. Ach Mensch, gut das Du darauf hinweist. Darauf wäre ich nicht von alleine gekommen. *Sarkasmus off*

          Aber gut, dass Du meinen Kommentar ausgiebig und sinnentnehmend in aller Komplexität gelesen hast.

          Von den diagnostizierten Autisten, sind mir nur ganz wenige Ausnahmen bekannt, die ihre Aussagen als unumstößliche Wahrheiten darstellen. Bei Selbstdiagnostizierten ist der Faktor ungleich höher.

          1. Dieses sich selbst auf Wahrheit und Ehrlichkeit berufen und anderen selbiges absprechen, überfordert mich immer wieder. Welche Basis hast Du, um von diesem Faktor und der Anzahl Selbstdiagnostizierter zu sprechen? Das sind doch selbstgebastelte Annahmen. Stammen die aus online-Erfahrungen, also kontextreduziert oder auch afk? Wenn Du wenigstens eine Selbstaussage gebastelt hättest, es wäre erträglicher.
            Bei Selbstdiagnostizierten ist das so, ist die Wahrheit, kein Zweifel.
            Kommt mir widersprüchlich vor, aber wahrscheinlich lese ich da wieder was hinein, was mich als fake-Autist*in outet. Geiles Game (Vorsicht Ironie!)

          2. Von dir habe ich in dieser Diskussion aber auch noch keine Belege gesehen. Also halte dich mit derartigen Vorwürfen bitte zurück. Sonst werde ich diese Diskussion nicht mehr weiter laufen lassen.

          3. Volle Zustimmung. Ich begreife immer noch nicht, wo das Problem mit der Bezeichnung „Verdachtsautist“ liegt. Da würde es keine Diskussion geben.

            Zumal die Diagnostik in spezialisierten Autismusambulanzen einerseits als unzulänglich und willkürlich kritisiert wird, während gleichzeitig die Selbstdiagnose als Form der Diagnosestellung akzeptiert wird. Das ist völlig abstrus und, wie im Blogpost richtig geschrieben steht, schädlich für die öffentliche Wahrnehmung von Autisten.

  4. Vielen Dank. Du stehst mit dieser Meinung wirklich nicht allein. Ich denke, der entscheidende Punkt ist schlicht, dass man immer sein eigenes Fehlerpotential mit einschließen muss. NIEMAND ist ohne Fehler und gerade die Psyche hat eine enorme Suggerationskraft. Ich habe bei mir selber eine komplette Diffentialdiagnostik durchgeführt, bis ich die Diagnose erhielt, weil ich immer einplanen musste, dass meine Psyche mich dahingehend beeinflusst (die möglichen Gründe dafür sind unendlich). Mit der offiziellen Diagnose habe ich dies zum größten Teil jetzt abgelegt, aber erwische mich immer noch zwischendrin bei einem Gedanken, ob die Diagnose wohl richtig sei. Gerade deshalb ist es mir völlig suspekt, wie Menschen ohne Diagnose „einfach“ behaupten können, Autisten zu sein. Wo ist das Problem zu sagen „man denkt, man ist Autist“ ?. Habe ich vor meiner Diagnose auch gemacht und das macht es für Außenstehende klar. Der Umgang ändert sich ja nicht, wie du schriebst…die meisten von uns Spätdiagnostizierten haben zunächst selbst den Verdacht geäußert…und auch wenn die Diagnostik immer noch ohne Frage Verbesserungspotential hat, ich habe mit 46 als Frau sofort die Diagnose bekommen, also die allseits beliebten Argumente von wegen bei Frauen wird es nicht diagnostiziert und auch nicht, wenn man gut kompensiert, stelle ich damit zumindest in Frage. Wenn jemand, der bei 3 Diagnostikstellen abgewiesen wurde, immer noch behauptet, er sei Autist, läuft da gehörig was falsch. Das ist leider kein Seltenheitsfall. Und das sind dann die, die in der Öffentlichkeit am lautesten brüllen und das Bild in der Öffentlichkeit prägen.

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