Eskalationsstufe: Bundesministerium

Wenn man glaubt, es kann nicht noch schlimmer werden, kommt noch ein richtig dicker Hammer oben drauf.

Die Woche hatte Mal wieder mehrere kleine Unverschämtheiten in Bezug auf Autismus zu bieten. Eine Richterin glaubt, dass Autismus und eine Neigung zum Zündeln einen Brandstifter für die Allgemeinheit gefährlich macht (wieso hier der Autismus hier eine Rolle spielen soll, dürfte sie gerne Mal erklären). Der Tagesspiegel veröffentlicht einen Artikel, in dem eine Anfang des Montags zurückgenommene Metapher nun vom Autor verteidigt wird und dessen Unverständnis der Problematik deutlich macht (und man sich fragen muss, auf welcher Seite die Redaktion nun eigentlich steht).

Aber das sind Dinge, die ist man als Autist leider beinahe schon gewohnt.

Neu ist jedoch, dass ein scheidender Bundesminister sich dazu hinreißen lässt, Autismus innerhalb eines Vergleichs zu missbrauchen. Richtig gehört, ein Bundesminister. Kein kleiner Schreihals von der AfD, die selten ein Fettnäpfchen aus lassen, sondern der scheidende Innenminister Thomas de Maizière. Dieser sprach von „merkwürdigen Autismus“, um eine Abwehrhaltung des deutschen Sportverbandes zu kritisieren. Und die FAZ hat hier nun auch nichts besseres zu tun, als das Zitat überdeutlich und unkommentiert weiter zu verbreiten.

Was soll man nun von gewählten Vertretern halten, die die eigene Behinderung als Abwertung benutzen? Ich mag die CDU nie gewählt haben, doch das ist ein Verhalten, das eigentlich nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfte.

Eigentlich.

Nachdem ich gestern Morgen meine TL davon informierte, schaltete sich relativ zügig Julia Probst mit in die Angelegenheit ein (ich verlinke hier den korrigierten Tweet, im ersten sprach sie aufgrund eines technischen Fehlers versehentlich das Bundesministerium für Wirtschaft)

Das Innenministerium schrieb dann folgende Antwort

Schön, wenn das das einzige Problem wäre. Wer auch immer diese Angelegenheit heute bearbeitet hat, hat leider mehrere Dinge nicht beachten.

  1. Wenn ein Bundesminister eine derartige Formulierung benutzt, wird diese von der Allgemeinheit als „in Ordnung“ wahrgenommen, so lange es keine entsprechende Korrektur gibt.
  2. Vergleiche wie die von Herrn de Maizière fördern ein falsches Verständnis von Autismus, was wiederum zu Diskriminierung aufgrund von falschen Vorstellungen führt.
  3. Autisten wurden hier definitiv mit abgewertet und eben nicht nur in ihren Gefühlen verletzt.
  4. Auch er eines oder alle dieser Punkte nicht beabsichtigt haben sollte, es ist passiert! Das lässt sich nicht mehr durch irgendwelche Floskeln an die Betroffenen aus der Welt schaffen.

An dieser Stelle möchte ich auch Mal auf folgende Tweetkette aufmerksam machen, die die Probleme auch sehr schön erläutert

Was ich mir an dieser Stelle wünschen würde, wäre eine öffentliche Entschuldigung und Klarstellung von Herrn de Maizière oder wenigstens des Ministeriums. Womit gleichzeitig ein deutliches Zeichen gesetzt werden würde, dass es nicht in Ordnung ist, den Begriff Autismus derart aus dem medizinischen Kontext zu reißen.

Doch leider sieht es im Moment sehr danach aus, als würde man die Betroffenen einmal mehr nicht ernst nehmen.

Tja. Wir sind halt nur Behinderte. Deren Proteste bleiben ja nur zu gerne ungehört …

Ein Gedanke zu „Eskalationsstufe: Bundesministerium

  1. „Dieser Bundesminister hinterlässt im Abgang einen fauligen Geschmack im Gaumen“, um es bildlich in Anlehnung an Weinproben zu umschreiben…

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