Wir sind keine Mörder

Wieder soll es einer von uns gewesen sein.

Wieder stehen wir grundlos als emotionslose Killer da. Und einzig allein aufgrund der Tatsache, dass man bei uns Autismus diagnostiziert hat.

Wovon ich rede?

Dem Amokland in Parkland, Florida. Nachdem es gestern schon in einigen Medien in den USA hieß, der Täter sei autistisch, ziehen nun die deutschen Medien nach. Ohne Rücksicht darauf, was sie mit dieser Information anrichten. Zumal diese nicht gesichert ist. Ein Nachbar, der glaubt, eine Autismus-Diagnose läge vor, bei der New York Times. Eine anonyme Quelle bei Sun Sentinel. Ebenfalls anonym bei Mirror. Etwas aktueller bei der CNN als Möglichkeit.

Nun springen die deutschen Medien mit auf diesen Zug auf. Die dpa (hier ein Beispiel aus der Mitteldeutschen Zeitung), Welt.de, Bild. Letztere lassen noch nicht einmal Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Diagnose.

Ich möchte ehrlich wissen, ob irgendwer überhaupt Mal das Papier mit der Diagnose gesehen hat. Irgendwer überhaupt dazu eine tatsächlich verlässliche Quelle hat. Denn vorher sollte man eine Diagnose wie Autismus gar nicht erst ins Spiel bringen. Nein. Diese Information hat zur Zeit keinerlei Mehrwert. Autismus macht niemanden zum Mörder. Wir sind nicht gefährlicher als der Rest der Bevölkerung. Es kann also definitiv nicht die Ursache für dieses Blutbad sein. Aber es wird so hingestellt, als könnte Autismus diese schreckliche Tat irgendwie erklären.

Nein, kann Autismus nicht. Selbst wenn der Täter tatsächlich Autist sein sollte. Wofür es, meines Wissens nach, bislang keine gesicherte Quelle gibt (*Edit: Siehe letzten Nachtrag).

Was die Medien hier einzig und allein machen ist, das Klischee des Autisten als tickende Zeitbombe zu bestärken. Dafür zu sorgen, dass Menschen fordern, man sollte uns grundsätzlich wegsperren. Weil man ja nie wissen könnte, wann wir außer Kontrolle geraten und wahllos Menschen töten. Es ist falsch. Und leider nur ein weiteres Phänomen, was daraus entsteht, dass der Großteil der Bevölkerung kein oder ein vollkommen falsches Bild von Autismus hat. Was daraus folgt, ist schlicht und ergreifend Stigmatisierung von Millionen von Menschen, die nie im Leben auf die Idee kommen würden, einen Menschen zu töten.

Man sollte meinen, dass mit solchen Informationen vorsichtig umgegangen werden sollte. Doch scheinbar sind Klicks wichtiger geworden als die Leben von Menschen, die für diese Tat rein gar nichts können.

Die Medien verhalten sich hier einfach gedankenlos und unverantwortlich.

Wir werden nicht zu Mördern, nur weil wir Autisten sind. Nein!

Danke für nichts. Die Scherben werden wir in mühseliger Kleinarbeit selbst auf kehren müssen. Weil einige wenige ihren Kopf nicht benutzen.


Nachtrag:
Der CNN-Bericht oben legt auch noch eine weitere schreckliche Entwicklung offen. Die Verteidiger wollen den Autismus (sofern es überhaupt zutrifft!) als mildernden Umstand dem Gericht vortragen. Wie soll sich etwas mildernd auf ein Urteil auswirken, dass nichts mit der Tat zu tun hat und auch nicht generell unzurechnungsfähig macht?


Nachtrag vom 18. Februar
Mittlerweile ist tatsächlich eine zuverlässige Quelle aufgetaucht. Laut der New York Times wird die Autismus-Diagnose in einem Bericht der Department of Children and Families gelistet. Gemeinsam mit Depressionen und ADHS übrigens. Und es steht erst einmal niemandem zu, diese Diagnosen abzusprechen. Das dürfen nur Ärzte mit entsprechender Fachkenntnis, die den Täter eingehend untersucht haben.
Dennoch ändert es nichts an zwei Dingen
1. Die Medien hätten die Diagnose vor dieser sicheren Quelle nicht ins Spiel bringen dürfen. Es hätte genauso gut in die andere Richtung laufen können.
2. Keine der Diagnosen erklärt die Tat. Weshalb die Medien mit einer Nennung vorsichtig umgehen sollten. Wir haben schon genug Stigmatisierung von Autismus, ADHS, Depressionen und psychischen Krankheiten. Und es wird genug Menschen geben, die es auf eine der Diagnosen schieben werden, einfach weil sie genannt werden …

6 Gedanken zu „Wir sind keine Mörder

  1. Wo um alles in der Welt habe ich gelesen, dass das eigentliche Problem bei dem Amoklauf nicht irgendwelche psychischen Auffälligkeiten welcher Art auch immer sind, sondern die quasi unbeschränkte Verfügbarkeit von Waffen. Dass das Problem in Wahrheit ist, dass jeder – wirklich jeder – ohne jede Kontrolle mal eben eine Waffe kaufen kann. Und diese leichte Verfügbarkeit eben dazu führt, dass es als sehr leicht erscheint, seine Probleme mit der Waffe zu lösen. Und dass es von jetzt auf gleich einen bis dahin vernünftigen Menschen reiten kann, ins nächste Waffengeschäft zu gehen, sich eine Waffe zu besorgen und drauf los zu ballern. Die USA haben mit welche der laxesten Waffengesetze überhaupt. Die Waffenlobby ist extrem mächtig. So lange kein Politiker bereit ist, sich mit selbiger anzulegen, wird dieses Problem nicht verschwinden.

    Hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-02/amoklauf-florida-parkland-schule-usa

    1. Dazu muss man sich ja nur Mal anschauen, dass Parkland jetzt schon der 18. Fall von Schusswaffengebrauch an Schulen dieses Jahr ist, bezogen auf die USA. Da halten wir in Deutschland Mal absolut nicht mit, und in der EU wohl auch nicht.

      Ich denke auch, das Problem ist definitiv das laxe Schusswaffengesetz. Ein Nachrichtensprecher sagte, dass durch Schusswaffen in den USA innerhalb von 2 Jahren genauso viele US-Amerikaner sterben wir im _gesamten_ Vietnamkrieg. Das muss man sich Mal vorstellen. Man könnte glatt auf die Idee kommen, die USA seien ein Kriegsgebiet.

      Aber wonach schreit die Lobby? Mehr Waffen, mehr Waffen, mehr Waffen. Und ich sehe es wie du. Das Problem wird dadurch nicht verschwinden. Im Gegenteil. Es wird schlimmer werden.

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