Und immer auf die Schwachen

Einige von euch werden es sicherlich schon mitbekommen haben. Nachdem derartige Stimmen in den vergangenen Wahlkämpfen immer wieder aus der Politik laut wurden, fordert nun auch der Chef des Deutsche Lehrerverbandes ein Aussetzen der Inklusion an den Schulen.

Ich möchte nur ehrlich fragen; Wie soll das funktionieren?

Zu allererste; Das, was an den deutschen Schulen derzeit läuft, ist meist gar keine Inklusion. Da wurden einfach Mal Schüler mit entsprechendem Hilfsbedarf in die Regelschulen gesetzt und erhielten dort nicht die Unterstützung, die sie benötigten. Weil entsprechende Hilfen nicht oder nicht im nötigen Umfang bewilligt wurden. Oder die Hilfen einfach Mal mit für andere Zwecke benutzt werden (Vertretungsunterricht durch Sonderpädagogen!), für die sie gar nicht vorgesehen sind. Ergo, man will hier etwas aussetzten, was noch gar nicht begonnen hat. Die Politik hat Mist gebaut, ganz klar. Da sie das gemeinsame Lernen aller Schüler oftmals als reine Sparmaßnahme realisieren wollte, konnte das nur schief gehen.

Und jetzt sollen die behinderten Schüler allein die Konsequenzen tragen?

Übrigens, dass Kinder mit Behinderungen an Förderschulen besser gefördert werden würden, ist leider ein Mythos. Zig Studien haben erwiesen, dass Kinder im inklusiven Unterricht besser lernen. Auch eine Studie in Deutschland hat das längst bewiesen. Was aber hört man? Vor allem eines. Die Lehrkräfte seien überfordert. Würden keinem Schüler mehr gerecht werden. Ich will nicht abstreiten, dass es Probleme gibt. Aber lassen die sich wirklich dadurch lösen, dass man die Schüler mit Behinderungen aus den Schulen verbannt? Es fließen insgesamt zu wenig Mittel ins Schulsystem, es gibt insgesamt zu wenig Lehrkräfte. Man schiebt also hier nur den schwarzen Peter an diejenigen, die hierfür gar nichts können.

Und das zu einem schrecklichen Preis.

Ein Aussetzen der Inklusion bedeutet vor allem, eine weitere Generation von Kindern mit Behinderung aufzugeben. Abzustempeln, auszusortieren und im Sondersystem zu belassen, aus dem es meist kein Entkommen gibt. Man kann bei den Kindern immerhin nicht einfach einen „Pauseknopf“ drücken, bis die Inklusion endlich da ist. Zur Erinnerung; Mehr als dreiviertel der Förderschüler erlangen keinen Schulabschluss. Wie viele Chancen hat man heute noch ohne Schulabschluss an einen normalen Ausbildungsplatz zu kommen? Faktisch keine. Zumal man an Förderschulen gerne Mal seltsam gewichtet. Da ist das Spülen von Geschirr schon Mal wichtiger als Mathe (ich möchte an dieser Stelle Mal eine Empfehlung für den Blog Kirstenmalzwei aussprechen. Da finden sich zig Geschichten, zu denen man einfach nur den Kopf schütteln kann). Man nimmt es also in Kauf, dass eine ganze Generation von Kindern mit Behinderung keine Chancen auf ein eigenständiges Leben mit einem eigenem Einkommen erhalten.

Das schlimme ist; Es wird einfach akzeptiert. Man könnte mit denselben Argumenten mehr Geld und mehr Lehrkräfte fordern. Stattdessen geht man gegen die schwächsten im System vor, die sich selbst nicht wehren können und deren Eltern auch nicht immer die Kraft zum Kämpfen haben.

Man liest auch schon wieder Kommentare, dass ein Rollstuhl kein Hindernis in der Inklusion sein dürfte. Verhaltensauffällige Schüler wie z.B. Autisten, das wäre was anderes. Wie man denn überhaupt auf die Idee kommen könnte, man könnte diese irgendwie an den Regelschulen unterrichten.

Nun ja. Hier sitzt ein Beispiel, das mit Autismus-Diagnose noch vor Zeiten der Inklusion  die Regelschule durchlaufen ist. Damit mag ich zwar die Ausnahme der Ausnahme sein, aber es ist so passiert. Und was bitte ist mit all den Autisten, die diagnostiziert bis zum Abitur (oder anderen Schulabschlüssen) gingen? Ehrlich, solch ein pauschales „für die geht es, für die nicht“ ist einfach nur arrogant. Manche brauchen vielleicht mehr Hilfen als andere. Das darf aber kein Hindernis sein. Denn letztendlich profitieren alle von der Inklusion an Schulen.

Vor allem aber auch diejenigen Menschen mit Behinderungen, die die Schulen schon längst verlassen haben.

Setzt man die Inklusion an Schulen aus, bleibt der Gedanke, dass Behinderte in Sondersysteme gehören, fest in der Denkstruktur der Gesellschaft sitzen. Was wiederum dafür sorgt, dass Erwachsene mit Behinderung sehr viel schwieriger eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Wieso sonst muss noch immer dazu geraten werden, eine Behinderung in der Bewerbung nicht anzugeben? Ja, wenn man das denn überhaupt kann. Und auch die Statistik spricht eine eindeutige Sprache. Menschen mit Behinderungen haben einen sehr viel höheren Arbeitslosenanteil, als der Rest der Bevölkerung (12,4% im vergangenen November laut der Arbeitsagentur, hier wird man also wohl noch Leute „versteckt“ haben) und bleiben auch durchschnittlich länger arbeitslos. Wie soll sich das jemals ändern, wenn es nicht für uns normal wird, Menschen mit Behinderungen um uns zu haben? Wir stellen 10% der Bevölkerung. Klar sind wir dadurch noch immer eine Minderheit, aber keine so kleine, dass wir tatsächlich einfach so verschwinden könnten. Was aber ist die Realität? Viele glauben noch nie etwas mit einem Menschen mit Behinderung zu tun gehabt zu haben. Und haben entsprechend keine Vorstellung von unserer Lebensrealität.

Und genau an der Stelle muss sich etwas ändern. Wir brauchten Inklusion gestern schon. Diese immer weiter zu verschieben schadet uns letztendlich allen. Nicht nur uns Menschen mit Behinderungen, denen durchweg durch alle Altersgruppen die Chancen genommen werden. Sondern auch der Gesellschaft als allgemeines. Wir können vieles beitragen. Wenn man uns nur lässt. Aber man schickt uns lieber in die Sonderwelten und glaubt, uns damit etwas gutes zu tun.

„Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.“

So sagte es eins Gustav Heinemann, dritter Bundespräsident der BRD.

Deutschland, du hast noch verdammt viel aufzuholen, was deinen Wert angeht!

2 Gedanken zu „Und immer auf die Schwachen

  1. Irgendwas wichtiges geht an an den Köpfen vorbei. Der Zeitpunkt an dem man Inklusion aussetzen kann ist schon lang vorbei. Und Inklusion ist nur per Definition einn statischer Zustand. In Wahrheit ist die Gesellschaft in stetiger entwicklung und eine inklusive Entwicklung ist zur objektiven Notwendigkeit geworden.

  2. Vieles läuft im System schon lange schief und es wird immer schiefer. Risse durchziehen es, aber die Politik macht nichts Effektives dagegen. Das deutsche Bildungssystem selektiert. Die Idee der Inklusion war gut, aber man will sie nicht richtig umsetzen, weil dafür viel mehr Steuergelder notwendig sind. Anstatt die Idee richtig zu versuchen, bricht man es jetzt schlagartig ab und das war es. Schuld daran ist alles, aber die Politik natürlich nicht. Lieber das alte rissige System beibehalten, anstatt richtig zu reformieren.
    Ich bin manchmal am Verzweifeln mit diesem Land und seiner verkorksten Bürokratie. Meine Mutter musste auch extrem viel kämpfen für mich. Als Autist kriegt man viele Steine in den Weg gelegt vom System. Die ganzen Ämter haben es ihr schwer gemacht. Statt Hilfe gab es häufig Ignoranz, Arroganz und Inkompetenz von den Ämtern. Das System muss sich gewaltig ändern. Auf Dauer kann es so nicht bestehen. Menschen mit Handicap müssen endlich mehr Akzeptanz und echte Unterstützung erfahren. Das System gaukelt bislang in einigen Sparten Toleranz und Hilfsbereitschaft vor. Es soll immer so günstig wie möglich sein und ja keine schweren Sonderfälle.

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