Archiv für den Monat: Januar 2018

Und dann war alles weg, in Kisten verschwunden (Teil 4)

[Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung. Bitte lest zunächst die vorherigen Teile, sonst werden euch hier einige Informationen fehlen. Teil 1, Teil 2, Teil 3]

Nächster Morgen, dieses Mal klappte es auch auf Anhieb mit dem Frühstück. Ich schlug zugegebener Maßen noch kräftiger zu als am Vortag. Aber hey … ich hatte einen ganzen Umzug vor mir und wusste nicht, wann ich das nächste Mal würde was Essen können. Dann fuhr ich zu einer Kommilitonin, mit der Zusammen wir hoch zu der alten Wohnung fuhren, um schnell ein paar Sachen beiseite zu schaffen. Damit die weder in Umzugskisten verschwanden, noch versehentlich kaputt gingen. Dabei stellte ich fest, dass zum Glück die Koffer im Keller absolut nichts abbekommen hatten. Das Löschwasser war zwar tatsächlich in den Keller gelaufen, aber mein Kellerabteil lag ganz hinten. Und zum Glück auf der entgegengesetzten Seite zur Brandwohnung. Nicht nur Glück für mich, da auch ein Koffer meiner Mitbewohnerin vom September noch immer dort stand. Den schnappte ich mir auch dann, um die Sachen zusammen zu packen. Besonders schwer durfte er ja nicht werden. Ein paar Sachen zum Wechseln, ein paar wichtige Ordner (z.B. sämtliche Diagnoseunterlagen), Maus und … meine Obelixtasse. Letzteres mag jetzt seltsam klingen, doch diese Tasse ist derart wichtig, dass ich sie andere noch nicht einmal benutzen lasse.

Die Umzugsfirma ließ dann ein wenig auf sich warten. Angekündigt für 9 Uhr, tauchten sie erst gegen 10 auf. Und brachten mich direkt zum Schreien, als es um eine Umzusetzende Singleküche ging. Auf dem Zettel standen Daten, die für mich nicht zutrafen. Oben in der Wohnung ging das Chaos dann weiter. Sie hatten die Info, dass auch ich eine Singleküche hätte. Nope, das war eine vollständige Küche. Und die wollte jetzt rüber in die neue Wohnung. Außerdem stellte sich heraus, dass man wohl die Masse an Gegenständen falsch eingeschätzt hatte. Jedenfalls mangelte es ständig und überall an Kartons. Zugegeben, ich besitze eine ganze Menge Bücher und DVDs. Und die werden bei Umzügen auch tatsächlich immer als erstes eingepackt. Weil am schwersten. Die Umzugsleute aber packten Mal vollkommen anders.

Zwischendurch gab es auch Blödelleien. Frei nach dem Motto, man könnte auf meinem Balkon doch jetzt wunderbar rauchen. Sieht man ja nicht mehr (zur Erinnerung, der war vollkommen schwarz vor Ruß). Ich saß die meiste Zeit nur herum und versuchte, alles zur koordinieren. Helfen konnte ich auch nicht wirklich.

Wie sehr ich tatsächlich nicht helfen konnte, stellte sich dann am späten Mittag heraus. Ich hatte mich Mal wieder in das Auto der Kommilitonin zurück gezogen, nachdem ich noch mit ein paar Fernsehreportern gequatscht hatte. Dann aber begann mein Bauch zu krampfen. Stressdurchfall. Ich ging zurück in die Wohnung und verscheuchte einen der Männer aus dem Bad. Doch es kam nichts. Also ging ich wieder runter. Wegen zunehmender Übelkeit mit einem kleinen Putzeimer in der Hand. Darauf fragten die Umzugsleute schon, ob man nicht besser einen Krankenwagen rufen sollte. So offensichtlich war es, dass es mir scheiße ging. Ich schüttelte den Kopf und setzte mich wieder ins Auto. Nur um kurz darauf sämtliches Gefühl und sämtliche Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich war im wohl heftigsten Shutdown, den ich jemals erlebt hatte. Mehr als Augenbewegungen waren zeitweise nicht möglich. Meine Sprache wurde grotesk.  Etwas anderes als einzelne Nomen, Verben und Adjektive brachte ich nicht mehr hervor. Mehr als Zweiwortsätze waren plötzlich nicht mehr drin. Die Verben waren aber auch nicht mehr länger konjugiert. Eine Situation, die auch beiden anwesenden Kommilitonen unheimlich war. Ich schaffte es dann noch, mein Handy zu nehmen (Fingerabdrucksensor sei dank!) und einen Anruf an meine Mutter zu starten. Sie gab dann die Anweisung, mich möglichst in eine ruhige Umgebung zu bringen und dort auch in Ruhe zu lassen. Ausnahmsweise fühlte ich mich dabei ziemlich unwohl, doch sie behielt Recht. Nach etwa einer Stunde war der Spuk wieder vorbei.

Dieser Shutdown sorgte dann auch dafür, dass man mich für den Rest des Tages gar nicht mehr aus dem Auto ließ. Als ich dann in der neuen Wohnung war, war jedoch alles nur halb fertig. Das Einpacken hatte zu lange gedauert. Zwar standen schon alle Möbel im Wohnraum, aber in der Küche stapelten sich nur die entsprechenden Möbel. Es hingen noch keine Gardinen. Die Nacht musste ich zum Glück noch vorhandene Duschvorhänge in die Fenster klemmen, damit ich mich nicht beobachtet fühlte. Dass ich noch eine Bettdecke fand, war wohl reines Glück (und der Tatsache geschuldet, dass ich seit einiger Zeit zwei Garnituren habe. Eine für mich, eine für Gäste. Aber beide in Übergröße). Und meine Laune sackte in den Keller. Als ich schließlich allein war, begann ich zu jammern und alles auszuschimpfen, was mir zu nahe kam. Das besserte sich erst, nachdem ich mir eine Pizza und gefüllte Pizzabrötchen bestellte und endlich wieder etwas im Magen hatte. Tatsächlich hatte ich seit dem Frühstück nur noch zwei Schokodoppelkekse und einen Apfel gegessen. Und es war mittlerweile 8 Uhr.

Nun saß ich da, inmitten einer extrem chaotischen Wohnung, und wusste nicht, wann es am nächsten Tag weitergehen würde. Die Umzugsleute wollten nochmal wieder kommen, nur wussten sie nicht wann.

Und ich wusste nicht, wie lange mein Körper diesem extremen Stress noch stand halten würde. Der Shutdown war ein überdeutliches Alarmsignal gewesen. Doch den nächsten Tag musste ich noch irgendwie schaffen. Weihnachten stand kurz vor der Tür. Wenn nicht morgen alles halbwegs in Ordnung kam, würde alles gut eine Woche still stehen. Und ich würde einfach damit klar kommen müssen. Ohne weitere Hilfe …

Zudem würde sich erst in den nächsten Tagen zeigen, wer Recht behielt. Diejenigen die sagten, ich könnte aufgrund des Geruchs eigentlich direkt alles wegwerfen … oder die sagten, dieser würde schon wieder verschwinden.