Wenn der Missbrauch um sich greift …

Diese Woche beginnt nicht gut.

Ganz und gar nicht gut.

Nicht nur für mich, sondern für alle Autisten. Es werden nicht alle bemerkt haben. Wohl aber diejenigen von uns, die aktiv im Netz unterwegs sind

Schuld daran hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Hier durchaus ein alter bekannter, der sich zuletzt im August bei uns mit einer schlecht recherchierten Kritik zu Atypical unbeliebt gemacht hat.

Aber Mal ehrlich. Schlecht recherchierte Artikel sind das andere. Wenigstens hatte dieser noch grundsätzlich etwas mit Autismus zu tun.

Wenn man aber auf den widerlichen Trend aufspringt, den Autismus-Begriff aus seinem eigentlichen Kontext zu reißen und abwertend zu gebrauchen, ist das noch eine ganz andere Nummer. Schlecht recherchiert ist vielleicht noch schlicht schlampig. Letzteres ist missbräuchlich und somit behindertenfeindlich.

Und ja, ich muss es an dieser Stelle so scharf formulieren. Denn eigentlich müsste man sich nur an eine ganz einfache Regel halten. Hat der Artikel nichts mit der medizinischen Diagnose zu tun oder mit Menschen, die diese Diagnose haben, haben diese Begriffe dort nichts zu suchen. Wie gesagt, einfach. Oder?

Jetzt hat die FAZ diese Woche jedoch schon zweimal gegen diese einfache Regel verstoßen, den Autismusbegriff zweckentfremdet in einen vollkommen anderen Kontext gesetzt und abwertend gebraucht. Was wiederum auf alle Autisten zurück fällt. Denn wer unterscheidet schon sauber zwischen Metapher und Wahrheit? Man denkt doch eher, dass jede Metapher irgendwo auf Tatsachen beruht. Und auch hier nimmt sich die FAZ einfach negative Assoziationen, die noch nicht einmal etwas mit Autismus zu tun haben.

Beispiel 1, vom Montag:

Nicht alles davon ist unwichtig, aber das kleine Karo herrscht vor. Ausgeblendet bleiben dagegen globale und internationale Verwerfungen, die sich derzeit häufen. Das grenzt an politischen Autismus.

FAZ vom 29.01.2018 – „Das grenzt an politischen Autismus!“ von Klaus Segbers

Wir haben hier also einen Satz gleich zweimal. Einmal im Artikel, einmal als Überschrift. Die Herleitung im Artikel zeigt aber überdeutlich, was in Wahrheit gemeint ist; Ignoranz gegenüber bestimmten Vorgängen und Themen. Aber hat Ignoranz irgendetwas mit Autismus zu tun? Nein. Wir müssen hier nur Mal wieder als Abwertung herhalten. Ohne Rücksicht auf den Schaden, der damit angerichtet wird.

Nun zum zweiten Tatbestand.

„Politischen Autismus“ wirft der Politologe Klaus Segbers den Verhandlern in einem Gastbeitrag vor, weil sie sie sich aus seiner Sicht im Kleinklein verheddern, statt wichtige, große Entscheidungen zu treffen.

FAZ vom 30.01.2018 – „Das Ringen der Autisten“ von Christian Palm

Der Autor übernimmt hier also unreflektiert die gestrige Behindertenfeindlichkeit (hier wird nochmal deutlich, wie wenig das beschriebene Verhalten tatsächlich mit Autismus zu tun hat) und betitelt seinen Artikel mit einer weiteren. Autisten sind Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum. Niemand sonst. Schon gar nicht Politiker, die man kritisieren will. Hier wird folglich Autisten als Abwertung gebraucht und damit auch die Tendenz bestärkt, dieses als Schimpfwort zu verwenden. Dass es aber der politisch korrekte Begriff für Menschen mit Diagnose ist? Egal.

Wie gesagt, die FAZ ist Wiederholungstäter. Unsere Proteste bleiben ohne Reaktion.

Was daran am frustrierensten ist; Währen andere Gruppen hier betroffen, weil es zum Beispiel um Antisemitismus oder Rassismus statt um Behindertenfeindlichkeit geht, wäre die Entrüstung überall groß. So aber protestiert nur eine kleine Gruppe. Ungehört, wie es scheint. Unbeachtet.

Sind wir es denn nicht wert, mit Respekt behandelt zu werden?

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