Nervöse Finger (Stimming)

Damit habe ich meine Mutter regelmäßig genervt. Immer, wenn wir irgendwo zusammen waren und ich nervös wurde, suchte ich mir einen Druckknopf an meiner Jacke und machte ihn auf. Und wieder zu. Und auf. Und wieder zu. Oder, noch schlimmer und öfters vorhanden, einen Reißverschluss. Auf, zu, auf, zu, auf, zu. Stifte hatten im Allgemeinen ein eher kurzes Leben, sobald sie einen Deckel und/oder einen Clip besaßen. Ich spielte in der Schule (insbesondere, nachdem ich das ständige Zeichnen aus unterschiedlichen Gründen aufgeben musste) ständig an diesen herum. Das Material war dafür natürlich nicht ausgelegt.

Mein rechter Oberarm hat auffällig viele Narben. Nicht etwa, weil ich mich da besonders oft verletzt hätte. Sondern weil ich die Angewohnheit habe, bei Anspannung mit der linken Hand am rechten Oberarm zu kratzen und zu piddeln. Zum Teil bis zum Ellenbogen hinunter. Als es im Dezember im Haus brannte, habe ich mir in der Folge tatsächlich den Ellenbogen blutig gekratzt.

Lange Zeit hatte ich dafür absolut keine Erklärung. Andere Personen ebenso wenig. Man ermahnte mich immer wieder, nicht zu piddeln oder zu kratzen. Reißverschlüsse und Druckknöpfe in Ruhe zu lassen. Ohne Erfolg. Das Verhalten war einfach drin und ließ sich nicht abschalten. Sobald ich irgendwie angespannt war, begann ich damit, ohne darüber nachzudenken.

Erst mit dem Austausch mit anderen Autisten begriff ich überhaupt, was dahinter steckte: Was ich da tat, war sogenanntes Stimming.

Doch was ist das nun eigentlich?

Stimming ist im Grunde „selbst stimulierendes Verhalten“. Oder anders gesagt, der Autist versucht mit anderen Reizen schädliche Reize zu kompensieren, Nervosität abzubauen, die Gedanken zu fokussieren. Das Stimming selbst kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Das geht vom „klassischen“ Schaukeln und Hände flattern ober sehr komplexe Bewegungen bis hin zum „Fummeln“, wie sich das Stimming bei mir meistens bemerkbar macht.

Leider ist es im Allgemeine so, dass auffälliges Stimming wie Schaukeln von der Gesellschaft kaum toleriert wird. Manche Autisten, wie zum Beispiel Fuchskind, haben speziell Stimming, dass sie nur für sich alleine machen und anderes, was sie auch vor anderen tun (zur ersten Kategorie hat sie hier einen Comic veröffentlicht. Und ja, dort steht nicht, dass sie das nicht in der Öffentlichkeit macht. Die Info habe ich aus einer Konversation auf Twitter von ihr 😉 ). Auch meine zeitweise Mitbewohnerin zog sich für auffälliges Stimming immer in die Küche oder ins Badezimmer zurück. Weil auch speziell das Schaukeln durch das Bild von Autismus in der Gesellschaft überaus negativ belegt ist. Es scheint die Vorstellung vorzuherrschen, dass das nur diejenigen Autisten tun, die absolut zu allem unfähig zu sein scheinen. Halt einfach nur sabbernd und schaukelnd in der Ecke sitzen. So hat es auch für mich Überwindung gekostet, bis ich das Schaukeln für mich zuließ. Obwohl ich die beruhigende Wirkung schon vom Klavierspielen kannte, wo ich ein Schaukeln im Takt als Ersatz für das entfallende Fußwippen benutze (um eben selbigen zu halten, Musiker werden das wohl kennen).

Viele Autisten benutzen zum Stimming auch Hilfsmittel. Am bekanntesten sollten davon wohl die Fidget Spinner sein, um die es letztes Jahr einen regelrechten Hype gab. Übrigens nicht unbedingt zu Gunsten von Autisten (dazu findet sich zum Beispiel hier ein Artikel). Ein paar meiner bevorzugten „Stim-Toys“ seht ihr auf einem Foto weiter unten. Querdenker hat eine kleine Auswahl Mal hier fotografiert. Man sieht also, dass die benutzten Gegenstände sehr unterschiedlich sein können und auch zum Teil einfach Mal „Zweckentfremdet“ werden. Schönes Beispiel an dieser Stelle: Luftpolsterfolie. Funktioniert aber natürlich nur so lange, wie auch Luft drin ist 😉
Manchmal sind es aber auch nur Kopfhörer. Ja, auch Singen kann Stimming sein. Aber dann bitte dasselbe Lied mehrmals hintereinander, und es muss bekannt sein.

Ein paar meiner Stim-Toys

Letztendlich gilt aber vor allem eines; Auch wenn es manchmal seltsam wirken mag und auch andere nerven kann; Autisten sollten nicht vom Stimming abgehalten werden! Oder es ihnen gar abtrainiert, wie es auch bei ABA zu gerne geschieht. Auch ein Lenken des Stimmings in eine „bessere“ Form ist nicht immer förderlich. So versucht man bei mit immer noch das Kratzen am rechten Unterarm irgendwie umzulenken (übrigens etwas, das ich bei Anspannung vollkommen unbewusst mache. Und es ist immer der rechte Unterarm, nie der linke). Aber es ist eine immense Störung, das eine Stimmung zu unterbrechen und ein anderes zu beginnen. Insbesondere, wenn ein Erwartungsdruck von außen vorherrscht. Ich weiß zwar, wieso ich dieses Stimming umlenken soll, weil das Kratzen auch schon häufiger zu Verletzungen geführt hat. Doch es ist nicht einfach ein Stimming, was so tief drin ist, irgendwie abzuändern. Beim nächsten Mal kratze ich doch wieder. Setzt also Autisten hier bitte nicht unter Druck. Damit macht ihr möglicher Weise mehr kaputt, als die mögliche Selbstverletzung selbst. Alternativen Anbieten ist ok, aber erwartet nicht, dass sofort von dieser gebrauch gemacht wird oder das schädliche Stimming jetzt sofort verschwindet.

So, und jetzt, alle einmal stimmen 😀


Kleine Ergänzung; Auf Twitter meinte jemand richtig an, dass Stimmingverhalten durchaus auch bei Nicht-Autisten auftaucht und nicht unüblich ist. Ja, das stimmt natürlich. Unterschiede bestehen allerdings darin, wie akzeptiert das Stimming ist, wie intensiv und häufig es ausgeführt wird und was die Auslöser dafür sind. Und gerade bei der Akzeptanz fallen Autisten sehr oft raus, man denke an das Schaukeln und Händeflattern.


Beitrag war versehentlich Zwischenzeitig offline, da hat die App Mist gebaut (Notiz an mich selbst; Berichtigungen nur noch am PC).

6 Gedanken zu „Nervöse Finger (Stimming)

  1. Das Fußwippen beim Musizieren kenn ich – beim Akkordeon führt(e) das immer zu leise hörbaren Wacklern im Ton, die zwar nur mir auffielen, an denen ich mich aber ordentlich störte – nur um mich anschließend durch erzwungene „Stimm-Änderung“ meist aus dem Takt zu befördern. Ansonsten hab ich seit Jahren hauptsächlich eine leere Tintenrollerpatrone rumfliegen (um den Kugelschreiber-/Stift-Verschleiß zu minimieren sowie früher in der Schule weniger aufzufallen), die aber auch bald mal ersetzt werden muss.

    1. Während ich das beim Flöten Jahrelang ohne Probleme Praktizierte, aber beim Klavier dann umlenken musste, weil ich die Füße plötzlich für die Pedale brauchte ^^ Da war aber das Umlenken unproblematisch, weil es da halt die Hauptfunktion des Takt-Halten hatte und kein Stimming im direkten Sinn war.

  2. Vieles kenne ich. Und auf dem Podest fürs Chorkonzert kann ich meinen Mitsängern Angst machen. Ich neige nämlich dazu, im Takt so deutlich mitzuschwingen, dass das ganze Podest mitschwingt. Und meine Nachbarn befürchtet, runterzufallen. Das vor allem auf den hohen Metallpodesten. Die Kritik mit dem Kratzen kenne ich auch. Und bei mir müssen Papiertaschentücher, Bleistifte mit Radscher und Kulis dran glauben. Und ich frage mich, wie lange der Zollstock durchhält. Oder mit dem Schlüssel spielen. Das ausgeteilte Konzertprogramm oder den Gottesdienstablaufplan (bei besonderen Gottesdiensten) immer wieder falten. Fingernägel abknaupeln (Nebeneffekt: kurze Fingernägel, wenn ich Pech habe reiße ich mir was ein). Wenigstens ein Stofftaschentuch zu benutzen funktioniert nur manchmal. Wenn es eines gibt, das Tischtuch. Wenn es ein Muster hat, dieses nachfahren. Nach Mustern und Ornamenten Ausschau halten. Je nach Situation. Oder eben Lieder singen, die ich auswendig kann, vorzugsweise etwas Kurzes in Dauerschleife, z. B. Taize-Gesänge. „Ubi caritas et amor, ubi caritas deus ibi est“, „Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet, wachet und betet.“ „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“ „Laudate omnes gentes, laudate dominum, Laudate omnes gentes, laudate dominum.“

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