Und dann war alles weg, Teil 1

Warnung; Das hier ist der erste Beitrag von mehreren, in denen ich meine Erfahrungen mit einem Hausbrand vergangene Woche aufarbeiten werde. Dementsprechend werden sich hier auch einige Details finden, die vielleicht nicht jeder nervlich vertragen kann. Solltet ihr also auf derartiges empfindsam reagieren, lest diesen Beitrag besser nicht! Denn hier geht es vor allem um den Brand selbst.

Ich weiß ehrlich nicht mehr, was ich eigentlich gerade tun wollte. Ich hatte einen schlechten Tag und wollte mich eigentlich nur noch ins Bett legen. Dementsprechend lief ich auf nur in Unterwäsche durch die Wohnung. Doch zur Ruhe sollte ich an diesem Tag nicht mehr kommen. Jedenfalls nicht mehr nach 17 Uhr.

Ein leises, schrilles Piepsen lies mich aufhorchen. Ich brauchte einen Moment um zu erkennen, dass es ein Rauchmelder war. Na gut. Vielleicht war jemandem etwas in der Küche angebrannt. Als dann aber noch ein zweiter Rauchmelder loslegte, wurde ich nervös. Ich zog mich an, ging auf den Balkon. Es roch eindeutig nach Feuer! Aber noch immer wusste ich nicht, was genau nun los war. Ich ging wieder rein, schloss die Balkontür hinter mir, kontrollierte die Fenster. Dann nahm ich Handy, Jacke und Schuhe und ging auf den Flur. Aus welcher Etage kam der Alarm überhaupt? Ich ging das Treppenhaus hinunter und klopfte an die ein oder andere Tür. Die Feuerwehr zu rufen traute ich mich nicht zu. Spätestens bei den Nachbarn im Erdgeschoss wollte ich einen solchen Radau veranstalten, dass irgendwer alarmiert werden würde.

Zwei Männer der Familie kamen mir dann aber schon entgegen. Sie hatten den Rauchmelder ebenfalls gehört und rannten in den Flur der 2. Etage. Nur, um gleich darauf zu brüllen und zu fluchen. Es war kein Fehlalarm. Es brannte. In einem Plattenbau mit 6 Etagen und 39 Bewohnern. Alle mussten SOFORT raus. Nur der Mieter der brennenden Wohnung, der würde es nicht schaffen, fluchte ein Nachbar.

Ich ging schnell weiter nach draußen und drückte ein paar Klingeln. War aber ansonsten noch etwas ratlos, was ich tun sollte. Die Männer kamen nach draußen, drückten alle Klingeln durch, und rannten zurück ins Haus. Genauso wie eine Frau, die ebenfalls im Erdgeschoss wohnte. So dass ich erst Mal wieder allein da stand. Zunehmend taub und zittrig. Mittlerweile sah ich auch, dass es die Wohnung zwei Etagen unter meiner eigenen war. Und dann rief jemand nach Hilfe. Auf dem Balkon. Ich rief ihm zu, er sollte auf dem Balkon bleiben und sich hinlegen. Wer wusste schon, wie viel Feuer innerhalb der Wohnung war? Der Rauch wurde zunehmend dunkler.

Der Mann hat wohl nicht auf mich gehört. Wenigstens konnte ich ihn kurz darauf nicht mehr sehen. Die Frau brachte einen Stuhl nach draußen, damit ich mich setzen konnte, nur um gleich darauf wieder hinein zu laufen. Nur kurz darauf kam sie mit dem kleinen Kind wieder, was bei uns im Haus wohnt. Dick eingepackt in einer Decke. Ich gab gleich den Stuhl frei. Das Kind war eindeutig wichtiger als ich. Die anderen liefen wieder zurück ins Haus. So stand ich plötzlich mit dem Kind alleine da. Normalerweise ist dieses Kind sehr lebhaft. Doch im Angesicht des Feuers in seinem eigenen Zuhause war es vollkommen still. Fragte nur, was denn jetzt passieren würde. Ich redete ihm ruhig zu, die Feuerwehr würde gleich kommen. Die würden das schon in den Griff bekommen. Und ich, die keinen Körperkontakt zu Fremden zulassen kann, streichelte dem Jungen beruhigend über den Arm.

Nur brach ich kurz darauf selbst psychisch zusammen. Der Mieter vom Balkon war wieder da, rief um Hilfe. Alles und jeder brüllte, er sollte da bleiben und sich setzen. Er rief, er könne nicht. Und dann, er würde jetzt springen. Aus dem 2. Stock … ich bin dann um die Ecke. Und habe lauf gerufen, als ich endlich ein paar Blaulichter an der Zufahrtsstraße von unserem Viertel sah (es kommt einem unendlich lange vor, wenn man selbst sieht, wie das Feuer immer heftiger wütet). Als die Feuerwehr endlich da war half ich auch mit, die Feuerwehr darüber zu informieren, wo es jetzt tatsächlich brennt (die meisten Wagen stand genau auf der anderen Seite des Hauses).

Mehr aber konnte ich dann nicht. Ich outete mich in der Not gegenüber einer Nachbarin und erklärte ihr, dass für mich als Autistin diese Situation kaum zu ertragen wäre. Sie informierte dann die Feuerwehr, in deren Obhut ich dann vorerst kam. Man setzte mich in ein Auto, wo ich mich dann auch erst einmal wieder beruhigen konnte. Die Rettungssanitäter sahen auch kurz nach mir. Weil ich aber insgesamt ruhig war, kümmerten sie sich vorwiegend um die Nachbarn mit Rauchgasvergiftungen.

Letztendlich kam aber auch ich in die Notaufnahme. Im Krankenwagen frage ich noch, wie ich denn erfahren würde, in welchem Zustand meine Wohnung sei. Zur Erinnerung; Sie lag genau über der Brandwohnung, wenn auch mit einer weiteren Wohnung dazwischen. Man sagte mir, man würde mir die Information später schon mitteilen. Und fuhr mich in ein kleineres, nahe gelegenes Krankenhaus. Zur Uniklinik sollte ich nicht, da man dort schon die anderen drei Verletzten hinbringen wollte.

Ein Fehler. Ich fragte zwar immer wieder nach, ob denn das andere Krankenhaus eine entsprechende Abteilung hätte, um meinen Zustand zu bewerten. Doch hier machte die Leitstelle einen Fehler. Sie schickte mich in ein Krankenhaus ohne psychiatrische Abteilung. Weshalb es letztendlich eine Internistin war, die meinen Zustand nach gut 1,5 Stunden Wartezeit beurteilte. Zusätzlich einer kurzen Abklärung, ob ich denn wirklich keine Rauchgasvergiftung hatte. War natürlich nicht der Fall, denn ich war ja raus, bevor sich zu viel Gift in die Luft mischen konnte.

Nur weil ich mittlerweile wieder vollkommen ruhig war, entließ man mich einfach wieder. Und nun stand ich da. Man sagte, ich sollte mich abholen lassen oder so. Leichter gesagt als getan. Das Netz in diesem Krankenhaus ist quasi nicht existent. Und ich wusste ja auch nicht, ob ich überhaupt nach Hause zurück konnte. Konnte ich nämlich nicht, wie sich nach einiger Herumtelefoniererei heraus stellte. Sprich, ich stand da und wusste nicht, wohin. Ins Krankenhaus zurück konnte ich auch nicht. Spätestens, als man meine zunehmende Krise einmal mehr als Bockigkeit interpretierte und selbst einen Zusammenbruch einfach abtat. Zum ersten Mal überhaupt entließ ich mich selbst. Ich konnte keine Umgebung gebrauchen, in dem man meinen Autismus wieder Mal nicht ernst nahm. In dem man nicht begriff, dass ich mit der Situation überfordert war. Dass ich allein deshalb auch in die Notaufnahme gekommen war. Doch nun schubste man mich genau in die Situation zurück, aus der ich gekommen war. Der Brand war auch um 20 Uhr noch immer nicht gelöscht.

Zum Glück gibt es aber ja so etwas wie Twitter. @HalleVerkehrt rettete mich aus dem Krankenhaus und ließ mich die Nacht in einem freien Zimmer schlafen. Wir hatten die Information, dass das Haus möglicherweise am nächsten Morgen wieder freigegeben werden würde.

Nur wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner, was dieser Brand noch für Nachwirkungen haben sollte … Fortsetzung folgt.

Und ich habe einmal mehr gemerkt, wie wenig mir meine Diagnose im Notfall bringt. Ich mache keineswegs den Leuten in der Leitstelle oder den Ärzten im Krankenhaus einen Vorwurf. Aber wenn ich klar und deutlich sage, dass ich Autistin bin, dann sollten gewisse Dinge einfach nicht passieren. Es sollte nicht passieren, dass fachfremde Ärzte meinen Zustand beurteilen. Es sollte nicht passieren, dass man mich ohne jegliche Informationen nachts vor die Tür setzt und alles weitere mir überlässt. Ich kann das nicht, wenn ich so schon unter Stress stehe. Wenn ich schreie und schimpfe, dann sind das Alarmsignale. Mir dann zu sagen, dass das jetzt auch nichts bringen würde, macht alles nur noch schlimmer.

Es fehlt einfach noch an wichtigen Ecken und Enden nach wie vor Grundwissen über Autismus. Und so etwas darf nicht passieren! Ich kann eigentlich froh sein, dass ich nur der nervlichen Belastung nicht stand halten konnte und nicht auch noch verletzt war. Sonst hätte ich sicherlich mich nicht so einfach in Sicherheit bringen können.

5 Gedanken zu „Und dann war alles weg, Teil 1

  1. Danke für die Trigger-Warnung, sehr fair von dir. Aber ich sagte mir, Weihnachten ist kein Grund, feige zu sein und so lese deine aktuellen Beiträge. Die Nachrichtenmeldung hatte mir schon Gänsehaut beschert, als sie noch ganz anonym war. („Wohnungsbrand“ war ja auch eine meiner Lebensängste). Jetzt zu wissen, dass auch eine liebe Bekannte ganz unmittelbar betroffen ist, setzt noch einen drauf. Ich wünsche dir, dass du aus der Sache stärker hervorgehst, als du hinein gestoßen wurdest.

    1. Um Mal ein wenig vorweg zu greifen; Ich bin seit Donnerstag in meiner neuen Wohnung, seit Freitag sind auch alle Möbel aufgebaut 🙂 Nur mein Hab und Gut ist noch größtenteils in Umzugskartons versteckt. Das wird noch eine ganze Weile brauchen, bis ich da wieder Ordnung rein bekomme.
      Und leider bin ich seit Samstag auch ziemlich schlapp. Was wohl kein Wunder ist bei allem, was letzte Woche los war. Deshalb schreibe ich über die ganze Sache auch erst jetzt. Vorher hatte ich einfach zu viel um die Ohren, kein Internet … und kein Kaltgeräteanschlusskabel 😀

  2. Als ich klein war, nahm mein Vater mich mal mit zu einem „Tag der offenen Tür“ bei der Feuerwehr. Es war zwar recht beeindruckend, die großen Fahrzeuge zu sehen oder die Demonstrationen, wie sich z.B. eine Spraydose bei Feuer verhält, aber es wurde auch ein Film über einen Hochhausbrand gezeigt. Es sollte wohl ein toller Film über die Leistungsfähigkeit der Feuerwehr in einer komplizierten Situation sein, aber mich als kleinen Jungen hat dieser Film nachhaltig traumatisiert. Ich habe schlecht geschlafen und ich habe meinen Eltern gesagt, daß ich niemals in ein Hochhaus möchte.

    Die Angst vor Hochhausbränden ist bei mir zum Glück wieder verschwunden. Aber es ist doch noch eine Horrorvorstellung, nicht mehr in meine Wohnung zu können. Es muß ja nicht ein Brand sein, auch eine Bergsenkung, ein Erdbeben oder ein schwerer Unfall können dazu führen, daß meine Wohnung nicht mehr betreten werden kann.

    Manchmal denke ich, es ist ein typisches Erste-Welt-Problem. Andere Menschen fließen vor Krieg oder Elend, vor politischer Verfolgung oder einem korrupten Regime und haben nichts als ihr Leben. Sie können keine Regale mitnehmen, keine Umzugskartons. Sie landen dann hier irgendwo in der deutschen Bürokratie: Ohne definierten Aufenthaltsstatus, ohne klare Perspektive. Und ich sitze hier in meiner warmen Wohnung und mache mir Gedanken über den hypothetischen Fall, daß ich überraschend in eine anderen Wohnung ziehen müsste und nicht sofort alles mitnehmen kann.

    Aber andererseits hänge ich ja an allem, was in meiner Wohnung ist. Daran, wie ich es mir eingerichtet habe, was in meinen Regalen steht, auch an meiner persönlichen Unordnung, in der ich doch noch alles wiederfinde. Ich hänge an alten Briefen und Photos, an Aktenordnern mit Unterlagen, an den Büchern, die meistens nicht neu sind, sondern von mir auf Trödelmärkten gekauft. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn ich nach Hause käme und plötzlich erführe: Ich darf da nicht rein. Und keiner weiß, ob und wann ich da jemand wieder dran darf. Oder wenn da jetzt andere Menschen drin herumwühlen und das alles zusammenpacken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.