Der Schutz der Pseudonyme

Manche Dinge müssen scheinbar mehrmals gesagt werden.

Vor etwa einem Monat ließ ich mich schon einmal auf Twitter darüber aus, was es für manch einen von uns bedeutet, unsere Identitäten schützen zu können. Eben dadurch, dass wir in den Blogs, auf Twitter und eventuell auch auf Facebook nicht mit unseren Klarnamen unterwegs sind, sondern unter selbstgewählten Pseudonymen.

Der Strang vor einem Monat entstand als Reaktion eines Politikers, der in einer Diskussion mit Butterblumenland und Munterbunt beide angriff, statt auf die Kritik einzugehen. Um Mal die Auszüge zu zeigen, in denen gerade das Verwenden von Pseudonymen kritisiert wurde;

Das war auch leider nicht das einzige Mal, dass von diesem Herrn seltsame Vorwürfe an Accounts meiner Twitter-Timeline gingen. So wurde innerhalb einer Woche auch @andersbunt vorgeworfen, bitte seriös vorzugehen. Dabei hatte sie nur einen seiner Tweets retweetet.

Vor ein paar Tagen gab es dann von einer ganz anderen Person ähnliche Vorwürfe. Begonnen hatte es hier in einer Diskussion um eine für uns Autisten verletzende Überschrift mit diesem Tweet.

Wie gesagt, das zu Anfang. Wie man hier an der Anzahl der Antworten sieht, gab es hier auch reichlich Protest für diese Aussage.

Da haben wir es also wieder.

Es sind nur zwei Beispiele. Zwei Beispiele, in denen pseudonym mit anonym verwechselt wird. Es ist ein Unterschied, ob man immer unter demselben Namen im Netz unterwegs ist, oder tatsächlich zig Identitäten besitzt. Und allein anhand der Anzahl der Tweets sollte man im Fall von @fotobus schon darauf kommen, dass es sich hier um ein Pseudonym handelt. Doch leider scheinen manche Personen niemanden ernst nehmen zu wollen, die nicht unter ihrem Klarnamen im Netz unterwegs sind. Obwohl es auf Plattformen wie Twitter absolut keine Pflicht dazu gibt.

Ich habe damals schon auf Twitter gefragt, ob solchen Leuten überhaupt klar ist was es für manche von uns für Konsequenzen hätte, würden wir im Netz als Aktivisten unter unseren Klarnamen agieren.

Zum einen schützen die Pseudonyme oftmals nicht nur uns selbst. Im Falle von z.B. @AnitaWorks9698 (Autismus – Keep calm and carry on) und @andersbunt (Butterblumenland – Familienleben mit Autismus) sind Kinder mit dabei, die geschützt werden müssen. Wären Sie unter Klarnamen unterwegs, könnte auch die Identität dieser Kinder leicht erraten werden. Mit allen negativen Konsequenzen, die das mit sich führen könnte. Ich denke da an gezieltes Mobbing mit den Informationen, die im Netz zum Teil preisgegeben werden. Oder auch Repressionen seitens von Schulen, Kindergärten und Behörden, wenn sie die unverhüllte Meinung der Eltern im Netz lesen. Sollte nicht passieren, darf nicht passieren. Doch Pseudonyme sind sicherlich oftmals besser, als solche Schäden überhaupt erst zu riskieren. Nicht wenige von uns müssen schon genug kämpfen.

Noch dazu die Leute, die an manchen Stelle nicht offen über ihre Behinderungen reden können. Vor allem wegen den noch immer vorhandenen Stigmata bezüglich z.B. psychischen Krankheiten und Behinderungen oder auch Autismus. Es ist das gute Recht eines jeden Angestellten, seine Behinderung nicht zwingend dem Arbeitgeber mitteilen zu müssen (auch wenn er/sie in dem Moment auf Nachteilsausgleiche verzichten muss). Schon gar nicht die genauen Diagnosen. Auf den AU-Bescheinigungen für den Arbeitgeber fehlen nicht umsonst die ICD-Kürzel. Bei der Verwendung von Klarnamen im Netz können aber Arbeitsgeber und Arbeitskollegen unter Umständen sehr schnell Dinge erfahren, die sie absolut nichts angehen. Von manch einer negativen Erfahrung könnte dann auch nicht so einfach berichtet werden, weil der betreffene Arbeitskollege auch das sehr leicht mitbekommen könnte. Konflikte vorprogrammiert. Obwohl man sich zwar vielleicht auf der Suche nach Rat mitteilen möchte, den Konflikt aber nicht unbedingt direkt verhärten.

Es geht bei der Verwendung von Pseudonymen also meistens mitnichten darum, andere Personen auf eine Art und Weise zu attackieren, in der sie sich nicht wehren können. Gerade im Bereich des Aktivismus geht es schlicht um den Schutz der eigenen Person. Den Schutz davor, selbst mit getätigten Aussagen angegriffen zu werden, die im Netz abgegeben wurden. Auch mit solchen, an denen gar nichts anzugreifen ist. Ist es so abwegig, dass z.B. eine Mutter, die sich im Netz unter ihrem Namen klar gegen ABA ausgesprochen hat, plötzlich von einer einseitig ausgelegten Stelle zu hören bekommt „Ja Sie sind doch eh gegen jede wirksame Therapie für Autisten! Sie wollen Ihrem Kind doch gar nicht helfen!“ (Dazu muss man wissen, dass ABA oft als einzig wirksame Therapie für Autisten verkauft wird).

Wer schützt einen bei der Verwendung des Klarnamens vor den Leuten, die einem das Leben nur so schwer wie möglich machen wollen, nur ihnen die Meinung nicht passt? Weil sie zum Beispiel der Meinung sind, dass Menschen mit Behinderungen schon mehr als genug Rechte haben und deshalb still und dankbar sein sollten. Doch auf keinen Fall gegen die bestehenden Verhältnisse protestieren.

Ein persönliches Beispiel hätte ich dazu auch noch. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere, dass ich im September im Supermarkt zusammengebrochen bin. Wüssten die Professoren meiner Uni davon und wüssten, dass ich das war, wer würde mich dann noch als Nachwuchswissenschaftlerin ernst nehmen? Es ist leider noch immer zu weit verbreitet, dass wenn man vermeidlich „einfaches“ nicht hinbekommt, die „schwierigen“ und „anspruchsvollen“ Dinge erst Recht nicht kann. Ich befürchte, dass so manch einer sehr schnell vergessen würde, dass ich fachlich absolut topp bin. Und nicht verstehen könnte, dass das Schreiben eines komplexen Programms für mich um einiges einfacher ist als ein Einkauf im Supermarkt.

Es wäre schön, würde sich der ein oder andere vorher Mal überlegen würden, was Klarnamen im Internet auch für Risiken mit sich bringen können. Insbesondere für solche Leute, die so schon im Alltag Diskriminierungen ausgesetzt sind.

Wären die Dinge anders, wäre ich hier sicherlich auch eher unter meinem Klarnamen unterwegs. Ein paar meiner Follower und Leser kennen ihn auch tatsächlich. Aber eben nur ein paar. Ausgewählte Personen, denen ich mich mit meinem Klarnamen zu erkennen gegeben habe. Und in einem großen Anteil der Fälle basiert es dann auf Gegenseitigkeit. Tatsächlich habe auch auch lange davor gescheut, meinen Wohnort und meine Universität irgendwo im Netz unter meinem Pseudonym zu erkennen zu geben. Erledigte sich dann in dem Moment, wo ich in der Universität als Aktivistin unterwegs war und ansonsten nicht hätte berichten können. Nun bin ich aber auch in einer größeren Stadt mit einer schon etwas größeren Uni. Für andere wäre auch schon das wesentlich gefährlicher.

Es sollte, auch in Diskussionen, jedem Beteiligten selbst überlassen werden, wie viel er/sie von sich preis gibt oder eben nicht. Und nicht gesagt werden „Wenn Sie diese Information nicht preis geben, diskutiere ich nicht mit Ihnen!“. Denn in diesem Moment ignoriert man das Schutzbedürfnis, das manche Personen nun einmal haben und ihnen nicht einfach weggenommen werden darf.

8 Gedanken zu „Der Schutz der Pseudonyme

  1. Hat dies auf Semilocon rebloggt und kommentierte:
    Und, was hier jetzt nicht weiter erwähnt worden ist: Es handelt sich nicht um ein Argument. In dem Moment geht es nicht mehr um die Kritik, sondern um ein Detail über die Person, die Kritik äußert. Ein sogenanntes „ad hominem“-Argument, ein logischer Fehlschluss, der oft zum Diskreditieren valider Kritik eingesetzt wird.

    1. Ups … stimmt, der Aspekt ist mir leider entgangen ^^‘
      Danke für die Ergänzung!

      … das ist ja sowieso ziemlich schlechter Diskussionsstil. Es wird berechtigte Kritik angebracht, sachliche Argumente vorgetragen, und die Gegenseite versucht die Person lächerlich zu machen. Erleben wir ja leider auch immer und immer wieder. Ist Fotobus erst gestern passiert, und meine Minidiskussion über Inklusion an Schulen ging auch schon stark in die Richtung.

  2. Noch ein Punkt pro Pseudonym: Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Leute wegen ihrer Ansichten bei den Behörden angeschwärzt worden sind. Da wurden halbwahre, unter Auslassung des Zusammenhangs „zurechtgebogene“ oder sogar gänzlich erfundene Vorwürfe beim Arbeitsamt, Sozialamt, Jugendamt (oder auch beim Arbeitgeber) vorgebracht.
    Und anstatt sich um ihre eigentlichen Probleme kümmern zu können, mussten die Betroffenen sich dann erstmal dort rechtfertigen, dass sie eben nicht schwarz arbeiten, falsche Belege eingereicht haben oder ihre Kinder vernachlässigen, ihnen wichtige Therapien verweigern oder sogar sie misshandeln.

  3. Hat dies auf Gedankenkarrussel rebloggt und kommentierte:
    Ganz. Genau. So.
    Ich würde oft lieber meinen Realnamen nennen. Andererseits muss nicht jeder potenzielle Arbeitgeber meinen Namen finden. Oder die Studis, bei denen ich manchmal als Tutorin bin, von meiner letzten depressiven Krise lesen. Ich erwähne manchmal Dritte, auch diese muss ich möglichst schützen.
    Wäre es ein reiner „Aktivismus“-Blog, würde ich mir sogar überlegen, meinen Realnamen zu nutzen. Aber ich möchte nicht alles, was etwas persönlicher wird, weglassen.
    Also bleibe ich beim Pseudonym.

  4. Gerade, wenn Dritte involviert sind, finde ich Anonymität extrem wichtig. Und deren Nennung ist eben oft wichtig, um Zusammenhänge zu schaffen, etc.
    Es ist ein Unding, von jedem gleich alle privaten Daten haben zu wollen. Solche Leute sollte man direkt fragen, was zum Henker, sie denn bitte damit vorhaben und wem sie die verkaufen wollen. Aber solchen Leuten kann man in aller Regel dann leider mit Logik auch nicht kommen.
    Danke für deinen Beitrag. ;3

    1. Nur agiere ich und andere Aktivisten ja noch nicht Mal anonym, sondern eben nur pseudonym 😉 Heißt, wir sind mit einer klaren Identität hier im Netz unterwegs. Wären wir anonym, wüsste auch keiner, dass ich sowohl diesen Blog betreibe, als auch auf Twitter unterwegs bin.

      Oder, Mal auf vielleicht etwas bekannteres übertragen; Batman ist ja mit seinen Taten als Superheld auch nicht ein anonymer Kämpfer gegen das böse. Er ist eben Batman. Als Anonymer wäre er mit x-beliebigen Outfits und x-beliebigen Namen (oder auch gar keinem) unterwegs. Aber er hat eben ein Outfit, einen Namen, also für alle klar als Batman erkennbar. Trotzdem weiß kaum einer, dass er in Wahrheit Bruce Wayne ist. Verständlich? 😉

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