Trauer

Dem ein oder anderen wird vielleicht aufgefallen sein, dass es hier in letzter Zeit Mal wieder etwas still war. 

Das lag dieses Mal an etwas, was am 26. Oktober passierte, nachdem ich seit letztem Dezember schon ständig damit rechnete.

Meine Oma starb mit 76 an einem Pankreaskarzinom. Für die, die kein Latein können; Bauspeicheldrüsenkrebs. Einer der Krebsarten, für die es auch heute noch immer kaum Heilungschancen gibt. Laut Wikipedia liegt die fünfjährige Überlebensrate unter 10% (Quelle). Und inoperable Fälle leben nach Diagnose meistens nur noch wenige Monate.

Meine Oma war ein solcher inoperabler Fall. Somit wussten wir schon bei der Diagnose im Dezember, dass sie bei diesem Krebs keine Chance haben würde. Es war schon ihr zweiter. Den ersten, ein Non-Hodgkin-Lymphom (Lymphdrüsenkrebs) im Brustbereich, der bei der Vorsorge zum Brustkrebs gerade noch so erkannt worden war, hatte sie überlebt. Nur hat man dann irgendwann verpasst, die Möglichkeit eines weiteren Tumors früh genug zu kontrollieren, als es ihr letztes Jahr immer schlechter ging.

Und so war der Tumor, als er schließlich entdeckt wurde, schon zu groß. Vor allem saß er auch zu nah an einer Arterie. Inoperabel. Und da Pankreaskarzinome in der Regel nicht auf eine Chemo ansprechen, war sie somit zugleich aus therapiert. Absolut keine Chance auf Heilung. Nur Palliativbehandlung möglich.

Schon als der Krebsverdacht aufkam, ließ ich mich erst einmal für eine Woche krank schreiben. Mein Kopf war zu durcheinander. Ich konnte vor Angst um Oma kaum noch klar denken. Denn von meinen Großeltern war sie die zweite, zu der ich eine enge Bindung hatte. Und von diesen beiden die letzte, die noch lebte. Meine Mutter erzählte mir Mal, dass selbst sie in den Hintergrund trat, wenn Oma uns besuchte, als ich noch ein kleines Kind war. Dabei war ich eigentlich immer sehr auf meine Mutter fixiert gewesen. Und auch später wollte ich eigentlich immer möglichst viel Zeit mit Oma verbringen. Obwohl ich mit Opa kaum klar kam. Es ging nur leider nicht, weil Oma noch lange berufstätig war. Bis 65. Dementsprechend war ich schon 14, als sie endlich viel Zeit hatte und besuchte sie ab da beinahe jedes zweite Wochenende. Und ich besuchte sie gerne. Nicht wegen der vielen Süßigkeiten. Oder des generell immer sehr leckeren Essens, was es dort gab (wenn wir von Oma kamen war die Frage, ob wir noch Hunger hätten, mehr als überflüssig). Sondern einfach, weil ich gerne bei ihr war. Gerne mit ihr im Park und im Wald spazieren ging. Oder am Küchentisch zeichnete. Sie meinte zwar immer, sie könnte das nicht gut, aber da waren wir uns ähnlich. Sie konnte, auf ihre Art, gut zeichnen. Nur redete sie sich selbst klein. So wie ich es auch immer tat. Und ich halt immer beim Abwasch. Selbst in Zeiten, in denen ich noch sehr auf mich selbst fixiert war und kaum irgendwo freiwillig mithalf. Bei Oma funktionierte das.

Oma war es auch, die mir bei einem großen Problem in der Schule half. Als ich in der fünften Englisch als Schulfach bekam, tat ich mich anfangs mit dem Lernen der Vokabeln schwer. Ich war es auch einfach nicht gewohnt, wirklich lernen zu müssen. In der Grundschule war mir bislang alles zugeflogen. Lernen überflüssig. Doch die Vokabeln saßen nach nur einmal lesen natürlich noch nicht. In den Herbstferien damals war ich dann bei Oma, und anschließend konnte ich plötzlich Vokabeln lernen. Weil sie sich da mit mir zusammen hingesetzt hatte und ich erst bei ihr begriffen habe, wie ich lernen muss.

Überhaupt habe ich noch immer das Gefühl, dass Oma und ich uns nicht nur vom äußerlichen her ähnlich waren. Beide zu groß geratene Frauen. Oma schaffte es sogar zu ihrer besten Zeit auf 1,88. Ich erinnere mich noch gut an eine Anekdote, die sie mir da erzählte. Dass sie einmal einen Schulausflug in die Niederlande gemacht hatte, wo sie in den Papieren einfach Mal 20cm kleiner gemacht wurde. Ein Mädchen konnte ja niemals so groß sein. Wir taten uns beide immer etwas schwer, gegenüber von Fremden durchzusetzen und zu sagen, wenn uns etwas nicht passte. Beide mussten wir unsere Dinge auf unsere Art durchziehen. Dass man ihr das gesagt hatte, dass sie da etwas dickköpfig sei, hatte sie noch in einem unserer letzten Telefonate erwähnt. Und es stimmt mich noch immer nachdenklich, dass sie bei Klamotten auch öfters sagte, dass sie diesen Stoff nicht auf der Haut haben könnte. Beim Schnitt meckerte sie auch gerne Mal. Aber da sie als Jugendliche als Näherin in einer Fabrik gearbeitet hatte, hatte sie da auch entsprechend Ahnung und Erfahrung.

Ich will nicht sagen, dass meine Oma zwingend autistisch war. Vielleicht war sie es, vielleicht auch nicht. Aber es war damals eine andere Zeit. Die Menschen gingen noch anders miteinander um. Von daher spielt es auch keine Rolle, ob sie es war, oder nicht. Sie ist in ihrem Leben zurecht gekommen. Und bekam bei ihrer letzten Stelle, in der Küche eines Pflegeheimes, immer Zuspruch und Anerkennung von den Bewohnern. Und sei es nur, weil sie die Butter auf die ganze Schnitte schmierte und eben nicht, wie die anderen, die Ränder ohne Butter ließ.

Und überhaupt, das Kochen und Backen. Oma sagte immer wieder, dies und das sei ihr nicht gut gelungen. Der Boden von ihrer legendären Käse-Sahne-Torte (von der sie zu meiner Konformation gleich zwei machte, damit was für mich übrig blieb). Die Salatsoße. Fast immer hatte sie etwas in ihrem Essen zu beanstanden. Nur war sie da immer die einzige. Uns schmeckte es immer sehr gut. Aber manchmal übertrieb sie es auch. Als wir sie zu ihrem letzten Geburtstag überfielen (eigentlich wollte sie nicht feiern), hatte ich bei meiner Mutter noch einen schlichten Kuchen gebacken. Damit genug Kuchen für alle da war. Oma stellte dann bei sich erst noch einen weiteren trockenen Kuchen auf den Tisch, verschwand kurz … und kam dann mit einem Frankfurter Kranz wieder. Ich hätte bald die Hände über den Kopf zusammen geschlagen. Ihr ging es schon zu der Zeit nicht mehr gut. Und dann stellt sie sich ernsthaft hin und macht einen Frankfurter Kranz?! Aber das war auch irgendwie typisch Oma. Nicht zurück stecken, wenn sie meinte, dass es sich so nun Mal gehört.

Nur hätte ich mir doch irgendwie ein anderes Ende für sie gewünscht.

Zugegeben, sie hat lange durchgehalten. Ganze 11 Monate, bis der Krebs sie getötet hat. Doch sie hatte immer wieder Schmerzen und Beschwerden. Von denen zwar wir Angehörigen wussten, von denen sie aber öfters nichts den Ärzten sagte. Da mussten wir ihr mehr als einmal zureden. Eine Pflegestufe hat sie für sich selbst bis zuletzt nicht beantragt. Obwohl wir regelmäßig zu hören bekamen, wie schwer ihr doch das und jenes viel. Als sie dann vor einigen Wochen die Chemo abbrach, wollte sie darüber eigentlich nicht reden. Mein Vater war es dann, der die Info dann doch aus ihr heraus bekam. Scheinbar hatte sie aber nicht damit gerechnet, dass sie vom Rest der Familie da kein einziges Wiederwort erhielt. Im Gegenteil. Wir betonten alle durchweg, dass sie die einzige wäre, der es zusteht, diese Entscheidung zu treffen.

Und wenigstens eines ist ihr vergönnt geblieben. Sie wollte nicht langsam dahin siechen. Als sie jetzt nach einem Bruch der Schulter ins Hospiz ging, hatte sie nur zwei, drei wirklich schlechte Tage. Tage, an denen es ihr wirklich richtig dreckig ging und voller Leid waren. Am letzten schlief sie dann Abends einfach friedlich ein. Während mein Vater mit bei ihr im Zimmer saß und einfach nur merkte, dass sie irgendwann einfach nur noch ganz ruhig war. Kein Quälen, kein Festhalten. Einfach friedlich fortgehen.

Nur was machen wir jetzt, die zurückgeblieben sind?

Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Omas Tod bringt auf jeden Fall einige Gewohnheiten durcheinander. Weihnachten wird nicht mehr so sein, wie ich es immer gewohnt war. Weshalb ich auch dieses Weihnachten lieber fernab der Familie bleibe. Weihnachten ist so schon immer enormer Stress. Jetzt, mit veränderter Weihnachtsroutine, nur umso mehr.

Als die Diagnose kam habe ich geheult und geschrien, dass man ausgerechnet sie mir als nächstes wegnimmt. Und jetzt, wo sie tot ist, fühlt es sich die meiste Zeit einfach nicht real an. Auch wenn ich bei ihrer Beerdigung war. Die erste Beerdigung, bei der ich tatsächlich dabei sein konnte. Es kommt bei mir nicht an. Vielleicht will es auch nicht ankommen, weil es so weh tut. Ihr wollt nicht wissen, unter welchen Tränen ich gerade überhaupt diesen Text schreibe. Doch wer gesehen hat, was ich am 26.10. auf Twitter schrieb, den wird es wohl auch nicht wundern.

Das schlimmste aber ist nicht zu wissen, wo sie jetzt ist. Oder ob die Leiche in dem weißen Sarg, der am Hang eines Berges unter der Erde ist alles ist, was von ihr übrig bleibt.

Es tut weh. So weh, dass ich es zeitweise kaum ertragen konnte und kann.

Und da soll noch einer Sagen, dass Autisten nicht trauern würden.

5 Gedanken zu „Trauer

  1. Pass gut auf Dich auf. Ich schreibe das, weil ich den Tod meiner Oma damals vier Jahre lang verdrängt habe und dann bei der Rückkehr an ihrem Wohnort zusammengebrochen bin. Es ist enorm wichtig, die Trauer zuzulassen und sich selbst Zeit zu geben. Ich weiß das viele Menschen von einem verlangen, dass man nach einigen Wochen oder gar Tagen wieder zu funktionieren hat; aber das ist nicht die Wahrheit. Trauer hat keine Zeit. Ich weine heute noch manchmal, wenn ich an meine Oma denke.

    Gleichzeitig fühle ich mit Dir, weil meine übrig gebliebene Oma krank ist und ihr nun auch gesagt wurde, dass es keine weiteren Medikamente gibt und sie am Ende der Behandlung angelangt ist. Es macht mir riesengroße Angst. Und es tut so schrecklich weh, wenn man an diesem Menschen mehr hängt als an seinem eigenen Leben.

    Sei achtsam und kümmer Dich um Dich selbst. ❤

  2. Mein herzlichstes Beileid. Ich fühle mit dir.

    Ich weiß, wovon du redest bzw. wie du dich fühlst. Meine Mutter ist ja am 25.04. gestorben (also vor rund einem halben Jahr). Sie hatte seit 25 Jahren Schilddrüsenkrebs und Lungenmetastasen, hat damit jedoch (mit vielen Medikamenten) mal gut, mal schlecht gelebt (mit vielen Schmerzen). Zuletzt wurde dann noch Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Sie hatte keine Chance mehr. Innerhalb von 3 Wochen ging es mit ihr im Krankenhaus steil bergab.

    Und ja, Autisten können mächtig trauern (bei mir wurde ja vor rund einem Jahr das Asperger-Syndrom diagnostiziert, vermutet haben wir es schon länger).

    Ja, ich kann dich voll und ganz verstehen, was du jetzt durchmachst. Ich war im April froh, dass ich dieses Tagebuch hatte, um meine ganzen Gedanken und Gefühle raus zu lassen. Ich denke an dich. Ganz viele liebe Grüße.

  3. Das ist ein wunderschöner Nachruf. Es sind die Starken und Bescheidenen, die uns in dieser Welt wirklich stützen. Und so, wie ich Ihren Text verstehe, wird Ihnen Ihre Oma über den Tod hinaus noch sehr nahe und hilfreich sein.
    Mein herzliches Beileid.

  4. Ich habe auch meine heiß geliebte Oma verloren. Damals habe ich einfach auf dem Hof mit Kreide ein großes Kreuz gezeichnet. Ich weiß nicht genau warum. Aber vielleicht spielte das unterbewusst eine Rolle: Und am Ende der Tage werden wir uns wiedersehen. Trotzdem war es noch lange eine schmerzliche Lücke. Da fehlte jemand. Und als ich sie am dringendsten gebraucht hätte, war sie nicht mehr da. Noch immer fehlt sie. Jemand, dem ich mich in die Arme schmeißen konnte. Jemand, der mir immer mit Rat und Tat zur Seite stand. Zu ihr konnte ich immer kommen mit meinen Sorgen und Problemen. So jemanden könnte ich heute gut gebrauchen. Aber diesen einen Jemand, der all das zugleich ist, gibt es nicht. Freilich habe ich Bekannte, die diesen oder jenen Bereich abdecken. Aber leider nicht alles. Einziges Gegenmittel gegen den Schmerz: Das Vertrauen, dass sich für alles schon eine Lösung anfinden wird und mir stets die richtigen Leute zur rechten Zeit über den Weg laufen.

    Und ich habe Angst vor dem Tag, an dem mein ebenso geliebter Opa stirbt. Auch weil absehbar ist, dass zur Trauer auch noch riesengroßer Ärger kommen könnte. Jetzt, wo ich mal weg möchte – länger weiter weg als ich bisher war. Das weiteste bisher waren Türkei und England – aber nur für ein paar Tage jeweils. Das Internat während der Ausbildung war die längste Zeit, die ich nicht zu Hause gewohnt habe, aber unerreichbar ist diese Stadt nicht. Die Vorstellung: ein Jahr wirklich weg. Mal eben zurück ist nicht. Was ist, wenn ausgerechnet dann mein Opa stirbt? Wie bleibe ich dann handlungsfähig? Inwiefern kann mir eine deutsche Botschaft helfen? Dazu eben die Trauer und der notwendigerweise Neuanfang in Deutschland. Sinn und Zweck des „Mal weit weg“ ist ja auch, aus meiner kuscheligen Kleinstadt rauszukommen. Die Verkehrsanbindung an Großstädte lässt durchaus zu wünschen übrig (andererseits: Es gibt schlechter angebundene Kleinstädte). Und Veranstaltungen von Interesse finden leider oft genau dort statt: in Großstädten.

    So ist das ganze auch ein großes Risiko… Warum ich es aber trotzdem mache: Verkriechen hilft nichts. Und irgendwie geht es doch immer weiter. Ich vertraue darauf, dass für mich gesorgt ist, dass ich schon nicht auf der Straße landen werde. Prinzip Hoffnung. Und diese Hoffnung wünsche ich dir. Dieses Vertrauen in die Zukunft. Der Verlust meiner Oma wiegt zwar noch immer schwer. Mein Opa ist schon sehr alt. Und dennoch habe ich diese Hoffnung auf die Zukunft, dass es trotzdem weitergeht, die Hoffnung, dass ich meine Großeltern werde im Himmel wiedersehen.

    Gott schenke dir die Kraft zum Leben. Er sei mit dir mit seiner Kraft, seiner Stärke, seinem Schutz und seinem Segen. Ich wünsche dir, dass du einen Weg findest, damit umzugehen. Ich wünsche dir, dass deine Erfahrung zum Segen für andere werden kann. Gott, stehe ihr bei, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Amen.

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