Wahlfreiheit?

Ein Argument, was mir in einer heutigen Diskussion über Inklusion unterkam; Die Wahlfreiheit der Eltern. Diese sollen selbst entscheiden dürfen, ob ihr behindertes Kind eine Förderschule oder eine Regelschule besucht. Ein Argument, was man durchaus öfters hört.

Mal abgesehen davon dass ich mich immer wieder frage, wo diese Wahlfreiheit in der UN-BRK festgeschrieben ist (denn auch das taucht immer Mal gerne auf), worin besteht diese Wahl denn nun tatsächlich?

Ich habe das Gefühl, dass es aktuell eine Wahl zwischen Pest und Cholera ist.

Wählen die Eltern für ihr Kind die Förderschule, müssen sie damit rechnen, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich keinen Abschluss machen wird. Wie insgesamt 80% der Förderschulabgänger. Es ist höchstwahrscheinlich, dass das Kind nach der Förderschule in einer Behindertenwerkstatt arbeiten wird. Von den dort beschäftigten (die unter Mindestlohn bezahlt werden), schafft es ebenfalls noch ein Bruchteil in den ersten Arbeitsmarkt. Sprich, im Fördersystem haben wir eine gewaltige Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Kind sein Leben lang auf die finanzielle Unterstützung des Staates angewiesen ist. Weil es nie die nötige Bildung erlangt hat, einen Beruf am ersten Arbeitsmarkt zu ergreifen. Ich frage mich, ob es wirklich immer zutrifft, dass in solchen Fällen das Potential einfach nicht da war. Wer kann das schon sehen in einem System, in dem in Zeiten der Spülmaschine Spülen und Abtrocknen wichtiger bewertet wird, als die Fähigkeiten in Mathematik? Und sich Schüler auch immer wieder unterfordert fühlen. Besonders im letzten Fall kann ich über das Argument der „maßgeschneiderten Unterstützung“ nur lachen. Maßgeschneiderte Unterstützung bedeutet für mich, dass eben auch die Bildung maßgeschneidert unterstützt wird und die Förderschüler, die zum Abitur fähig sind, eben dieses auch an der Förderschule machen. Aber sagte ich nicht vorhin, dass 80% überhaupt keinen Abschluss erhalten? Viele schon aufgebaute Freundschaften verlieren sich, weil die anderen auf eine Regelschule gehen.

Auf der anderen Seite stehen mit der Regelschule an sich gute Chancen auf einen regulären Abschluss. Und mit diesem Abschluss allerlei Möglichkeiten der Berufsausbildung. Die schon bestehenden Freundschaften bleiben im selben Maßen erhalten, wie bei anderen Kindern auch. Doch gleichzeitig ist diese Chance verbunden mit ständigem Kampf. Anträge müssen immer und wieder gestellt werden. Nachteilsausgleiche, Schulbegleitungen, ect. … je nach dem, welche Behinderung beim Kind vorliegt und wie viel Unterstützung es tatsächlich benötigt. Es ist leider anzunehmen, dass von diesen Anträgen immer wieder welche abgelehnt werden. Manche Lehrer (nicht alle!) werden sich quer stellen. Für behinderte Kinder sind ja immerhin die Förderschulen da. Manche Schulen werden das Kind vielleicht auch grundsätzlich ablehnen. Allein aufgrund seiner Behinderung. Viele Eltern haben diese Kraft, sich da durch zu kämpfen, auch gar nicht …

Ich weiß ehrlich nicht, wie man unter diesen Bedingungen von Wahlfreiheit sprechen kann. Eine Wahl haben sie vielleicht, aber wer entscheidet sich schon freiwillig für einen potentiell jahrelangen Kampf mit Behörden, Schulleitung und Lehrern? Zum Glück gibt es einige, die das tun. Doch ich kann denjenigen keinen Vorwurf machen, die hier den einfacheren Weg wählen. Selbst wenn er für das Kind nicht zwingend der bessere ist …

Bei einer echten Wahlfreiheit dürfte es diese negativen Kriterien nicht geben. Förder- und Regelschulen wären im Maßen der Unterstützung und der vermittelten Bildung absolut gleichwertig. Nur, wenn dieser Punkt erreicht wäre … wozu bräuchte man dann die Förderschulen noch?

Aber vielleicht bin es ja auch ich, die diesen Begriff falsch versteht?

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