Die Bedeutung von Regeln

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert wie ich bin, stellte ich alle Einkaufe auf das Kassenband. Gehört sich so. Doch plötzlich hieß es, ich sollte die Cola wieder in den Einkaufswagen stellen. Was für andere eine Kleinigkeit darstellt, führte bei mir zu einem kompletten Nervenzusammenbruch, mit dem ich auch noch einen Einsatz eines Rettungswagen auslöste. Schöne Blamage. Und das nur wegen eines Sixpacks Cola.

Der nächste Vorfall kam dann diese Woche. Ich wollte eigentlich nur noch ein paar Zutaten für ein Kürbisrisotto holen. Kein großer Einkauf, also nehme ich nur ein Einkaufskörbchen von vorne weg. Einkaufswagen ist in den engen Gängen sowieso immer eine Tortour. Aber als ich dieses Mal an der Kasse stehe und das Körbchen dort abstelle, wie man es eben so tut und wie ich es auch in dem Laden seit Anfang an immer gemacht habe, heißt es plötzlich, nein, Körbchen direkt wieder nach vorne. Dieses mal ging es mir noch gut genug, dass der Zusammenbruch erst zu Hause kam.

Im Moment weiß ich noch immer nicht, wie ich weiter an meine Lebensmittel kommen soll … der Supermarkt, in dem ich seit über 2 Jahren schon einkaufe, wird durch diese Vorfälle immer mehr und mehr zu einem feindlichen Gebiet. Weil es auch nichts bringt, wenn ich die Probleme anspreche. Dann soll ICH doch verstehen. Nur mich versteht keiner.

Aber wieso bringen solche vermeidlichen Kleinigkeiten mich überhaupt immer sofort an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bzw. sorgen direkt für einen Overload?

Seit ich mich erinnern kann, versuche ich mein gesamtes Leben, mein gesamtes Umfeld und jede potentielle Situation mit Regeln zu definieren. Regeln die Beschreiben, wie bestimmte Dinge abzulaufen haben. Selbst Freundschaften definiere ich über solche Regeln. Beziehungen. Natürlich klappt es nicht überall, aber so versuche ich mir Dinge verständlich zu machen, die ich nicht so intuitiv verstehe wie andere. Vor allem eben auch Verhaltensregeln für mich selbst. Wie eben „Beim Einkauf gehören ALLE Waren aufs Band!“ oder „Das Körbchen wird an der Kasse wieder abgestellt.“ Weitere Regeln im Bezug auf den Einkauf sind aber auch „Du gehst nicht mit fremden Einkäufen in ein Geschäft.“ oder „Du gehst nicht mit Einkaufstaschen eines anderen Ladens in ein Geschäft. Außer, sie können keine Konkurrenten sein.“ Letzteres ist so zu verstehen, dass ich durchaus mit einer Tasche der Mayerschen Buchhandlung in einen Edeka gehen kann, aber eben nicht mit einer Tasche von Lidl oder Aldi. Diese Regeln dürfen auch nicht gebrochen werden. Weil ich dann Angst habe, dass ich in eine Situation gerate, mit der ich nicht klar komme. Aus denselben Grund halte ich mich auch akribisch an jede Regeln, die man mir einmal mitteilt, oder die klar erkennbar aushängt. Brötchen in der Selbstbedienungstheke würde in niemals mit der Hand anfassen. Eher verzichte ich auf das Brötchen, wenn Mal wieder keine Zange da ist. Eher mache ich mir Umstände, als mit einem Rucksack in einen Laden zu gehen. Selbst wenn dieser derart brechend gefüllt ist, dass ich ihn eh nicht zum Einkaufen nutzen kann (wobei es hier ein paar Ausnahmen in der Innenstadt gibt).

Wenn jetzt aber eine dieser Regeln extern für ungültig erklärt wird und noch mitten in einer anderen Routine mit zig Regeln stecke, passiert genau folgendes; Mein Kopf blockiert. Kopfschmerzen, Handlungsunfähigkeit und/oder extreme Wut. Anders gesagt; Man katapultiert mich augenblicklich in einen Overload. Der je nach dem extrem schnell in einen Meltdown oder Shutdown übergeht. Auf jeden Fall nichts, mit dem ich mich noch gesellschaftskonform geben kann.

Nur wird das natürlich nicht verstanden. Meine Einwände werden wegdiskutiert, und ich stehe mit dem Problem alleine da. Dass ich nur versuche, ein selbstständiges Leben aufrecht zu erhalten, versteht anscheinend niemand. Ich bin die seltsame, die komische. Dass für mich DIE mit ihren plötzlichen Änderungen das Problem sind, dass so lange sich auch die Umwelt an bestimmte Regeln halten würde alles in Ordnung wäre … ich frage mich langsam, wer das überhaupt so sieht. Es ist wohl auch mal wieder das typische Problem, dass man mir meine Behinderung nicht ansieht. Doch komme ich eben aufgrund einer Behinderung mit diesen Umständen nicht klar.

In einer für mich inklusiven Umgebung gäbe es am Eingang oder entsprechender Stelle einen Aushang, wo alles klar säuberlich definiert ist, wie sich ein Kunde zu verhalten hat. Was mit den Getränken an der Kasse passieren soll. Oder eben mit den zur Verfügung gestellten Einkaufskörbchen. Nur, wo existiert so etwas?

Und so fühle ich mich nur wieder wie Abschaum. Erstklassige Studentin, zu blöd zum Einkaufen.

Danke. Als hätte ich nicht schon genug Probleme … und sei es nur, wie ich in Zukunft die kleinen Einkäufe vorne im Supermarkt erledige. Taschen und Rucksäcke, alles im Laden verboten. Und ich weiß nicht wen ich verbindlich fragen kann, ob ich meinen eigenen Korb nutzen kann. Den müsste ich wenigstens nicht an irgendwelchen Orten abstellen, die plötzlich beliebig geändert werden …

Edit: Es stellt sich zudem die Frage, wohin dieses Problem tatsächlich gehört. Vielleicht ist es auch eines, das ich aufgrund meiner zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe. Doch der Autismus spielt meines Empfinden nach definitiv mit hinein … weshalb für mich die Unterscheidung auch ehrlich gesagt enorm schwer fällt. Wo hört der Autismus auf, wo fangen die psychischen Krankheiten an? Bei Depression ist es definitiv leichter als hier.

12 Gedanken zu „Die Bedeutung von Regeln

  1. Ich wundere mich gerade sehr, wie grundverschieden Einkaufen in zwei ostdeutschen Städten sein kann. In Dresden, wo ich die letzten Jahre wohnte, war ich das erste Mal in einer eigenen Wohnung und musste das erste Mal regelmäßig für mich selbst einkaufen. Da gab es das Sachsenforum, wo der Konsum war, der Rossmann und auch die Post. Niemand hat bei diesen Läden jemals verlangt, ich solle keine Rucksäcke oder eigene Taschen mit reinnehmen oder überhaupt irgendwelche Körbe benutzen. Ich glaube, theoretisch ist die Benutzung eines Rucksacks verboten, weil man da leichter mit klauen kann, aber anscheinend interessiert das in Gorbitz einfach niemanden. Ob das daran liegt, dass ich in einem ziemlichen Ghetto lebe, mit vielen Arbeitslosen und Alkoholikern (nicht zwingend dieselbe Gruppe), die viel unstrukturierte Zeit haben und oft ihre Pfandbierflaschen in ihren Rucksäcken und Taschen zum Einwerfen mitbringen? Oder die Kassiererinnen sind einfach vollständig phlegmatisch und es interessiert sie einfach nicht in diesem Maße? Ich meine, wer ist schon gerne Kassierer, ich habe bislang erst eine Dame erlebt, die damit glücklich zu sein schien. Sicherlich nicht genug, um einen Fick darüber zu geben, wo Leute irgendwelche Körbe hinstellen.

    1. Am Ghetto kann es eigentlich nicht liegen. Ich habe hier in Halle auch immer in den verrufenen Stadtvierteln gewohnt. Da sind die Mieten nun einmal auch am niedrigsten.
      Im E-Center, wo ich in meiner ersten Wohnung immer einkaufen ging, gab es auch interessanter Weise nie Probleme. Nur hier will es einfach nicht glatt laufen, was mich ehrlich gesagt nur noch verständnisloser macht. Wieso hatte ich sechs Jahre lang keine Probleme beim Einkaufen, aber jetzt? 🙁

  2. Hmm, bau doch eine Regel mit Prio 0 ein… Die sagt ‚ Es gibt keine verbindlichen Regeln…. subjects to change…. das einzig Stetige im Leben ist der Wandel‘

    das läst mich als NT… meinen Verstand behalten…

    Es sind halt Regeln… die etwas regeln/vereinfachen können, aber nicht müssen…

    Die Welt ist nicht immer logisch

    Knuddelz

    S.

  3. Ich glaub das Problem bei der Edeka-Kette ist, dass es viele kleinere gibt, die zwar zur Edeka-Gruppe gehören, sonst aber privat sind. Und sie somit ihre eigenen Regeln aufstellen können, was dann zu solchen Problemen wir bei dir führt, weil sie Regeln kaum wer kennt, weil sie nicht aushängen oder sich alle Nase nach ändern 🙁
    Ich denk, dein ‚alter‘ Edeka hatte einfach mehr Struktur und war leichter zu durchschauen als der jetzige

    Ich hatte die Woche folgendes Problem:
    Bei Kaufland ist es so, wenn ich mehr als 5 Minuten an der Kasse anstehe, bekomme ich einen 2,50€ Gutschein an der Info, wenn nicht alle Kassen offen sind. Ich hatte die Woche nach dem Gutschein gefragt, weil ich fast 10 Minuten angestanden habe. Da hatte ich ärger an der Info bekommen, weil ich hätte ja da auch bezahlen können. Meine Info war, wenn ich 10 oder weniger Produkte habe, kann ich da zahlen, aber wir hatten den Wocheneinkauf gemacht, also war der ganze Wagen voll. Man gab mit den Gutschein und meinte, ich solle das Nächste mal an der Info zahlen. Wenn ich dann aber nun mit mehr Produkten ankommen würde, würde ich wohl ärger bekommen – was mich nun überfordert. Wen mache ich es nun Recht? Weil vorher war es noch nie ein Problem, wenn ich den Wagen voll hatte den Gutschein zu bekommen 🙁

  4. Regeln sind in Neurotypien keine Regeln sondern lose Vereinbarungen, wie man es machen könnte. Ständig wird neu ausgehandelt, welche Regeln jetzt gerade gültig ist, wie streng man diese anwenden will oder ob man nicht gerade eben jetzt, aber nicht beim nächsten Mal, fünfe gerade lassen sein will (RW). Und diese Verhandlungen laufen blitzschnell, oft non-verbal und sonstwie codiert ab.
    Am schlimmsten finde ich es im Straßenverkehr. Z. B. wenn ich sogar Regeln brechen muss, um Unheil zu verhüten. Nie würde ich freiwillig bei endender Gelb-Phase meiner Ampel über die Kreuzung brettern. Aber wenn ich im Spiegel sehe, dass der Wagen hinter mir gar nicht verzögert, sondern in die beginnende Rot-Phase reinpreschen wird, egal, ob ich da noch stehe oder nicht, muss ich Gas geben. Ich hasse das!
    Ich verstehe dein Dilemma wie auch die persönliche Katastrophe, wenn einem so etwas den ganzen Tag ruiniert (stimmungs- und energiemäßig). Im Laufe der letzten 50 Jahre ist es mir gelungen, mein Regelverständnis an die Realität anzupassen, so dass es für mich weniger Stress ist als früher. Dass von außen mehr Rücksicht genommen wird, erwarte ich nicht wirklich.
    Du siehst dich den Regeln (der anderen) hilflos ausgesetzt. Versuche, dir die Macht über die Regeln selbst zu geben. Der Dalai Lama sagt (sinngemäß): Studiere die Regeln, damit du weißt wie du sie am klügsten brechen kannst.
    Das ist ein langer Weg. Aber, wenn du nur versuchst, die (unverständlichen, sinnlosen oder widersprüchlichen) Regeln der anderen einzuhalten, entmachtest du dich selbst und wirst dich immer in der Opferrolle fühlen.
    Noch einmal: Es ist gar nicht deine Aufgabe, die Regeln der anderen strikter einzuhalten, als diese es selbst tun. Nutze deine Energie lieber dafür, deine eigenen Regeln zu schaffen, die es dir ermöglichen, leichter und besser zu leben.
    Und ja, das Leben wäre einfacher und entspannter. wenn alle sich verlässlich an Regeln halten würden. Es ist aber nicht so. Ich finde das auch befremdlich.

    1. Das Problem ist nur, dass ich noch nicht einmal einsortieren kann, wie strikt die anderen Regeln einhalten.
      Beispiel Selbstbedienung bei den Brötchen. Da weiß ich, dass mir die Mitarbeiter an sich Recht geben, dass die Zangen benutzt werden müssen. Nur habe ich es trotzdem noch nie erlebt, dass die einschreiten. Was aber, wenn sie es gerade bei mir dann plötzlich anders überlegen?
      Vielleicht merkst du schon; Ich meide Konflikte. Sobald jemand beginnt mich auszuschimpfen, kann ich mich entweder gar nicht mehr zur Wehr setzten, oder beginne sehr schnell zu schreien. Nicht gerade optimal. Deshalb weiß ich jetzt auch leider nicht, wie ich das mit den eigenen Regeln überhaupt umsetzen sollte.

      Im übrigen ist das eine Hilflosigkeit, die sich bis in die Kindheit zurück zieht. Ständig gab es Ärger für Dinge, die ich nicht verstand. Ständig gab es Regeln, von denen ich nichts wusste … das hat sich bis heute an manchen Stellen nicht geändert.

      1. Das reicht oft weit zurück. Da du es selbst ansprichst. Ich bin ohne Wertschätzung aufgezogen worden und habe lange geglaubt, dass es mich jeder niedermachen und schlagen darf, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Nachdem ich das durchschaut hatte, hat es noch viele Jahre gebraucht, bis ich mich davon weitestgehend freimachen konnte.
        Lerne, dir selbst und deinem inneren Wertesystem mehr zu vertrauen, Du bist der verlässlichste Mensch für dich.

  5. Ich kenne das vom Einkaufen ebenso (KauflandI), vor allem mit Getränken. Erst galt die Regel: „Eine Flasche reicht5, dann einfach die Anzahl nennen.“ Das war eine ziemliche Erleichterung für mich, da ich standardmäßig mit ~16 Flaschen aufkreuze. Es war so einfach: Eine Flasche aufs Band, die anderen sichtbar im Einkaufswagen sortieren und dann einfach sagen: Vom Gerolsteiner sinds 10 und von der Sprite 5…..oder so. Dann hieß es, nee, sie müssen die Flaschen alle auf das Band legen. Schon in der nächsten Woche, beim üblichen Einkauf, hieß es auf einmal: Nicht nötig, eine reicht…….wie soll man denn da wissen was denn nun richtig ist? Wenn man die Flaschen dann noch hastig aufs Band wuchten muss, wärend die Leute hinter einem schimpfen und mit den Augen rollen. Als ich nach einem miterlebten Unfall dort (eine ältere Dame war vor meiner Mutter und mir gestürzt und da sich die Wagen nicht wegziehen ließen da sie auf der Rolltreppe verankert….aber egal) mit dem Marktleiter sprechen durfte, blieb er ruhig und half mir, mich daran zu gewöhnen und mit mir ein System auszuarbeiten, wie ich es schnell und effizient verladen kann.

    Auch sonst hab ich meine festgelegten Routinen: Wenn ich in einem der beiden Läden einkaufe, die ich regelmäßig frequentiere, kommt die Tragetasche des jeweils anderen zum Einsatz, damit ich nichts erklären muss; Mit dem Personal der Frischtheke bin ich schon lange per du und es werden wetten abgeschlossen wie viel Gramm Schinkenwurst es diesmal sind (Einmal sah man mich von weitem, rannte ins Lager und holte Nachschub, um sie der Kollegin mit den Worten „Da nimm, die wirst du gleich brauchen“ in die Hand zu drücken; Von der Frau kam erst ein „Spinnst du, das ist viel zu viel“ und nachdem sie mich bemerkte: „Ah, verstehe“ ); Ich bleibe jedes Mal an exakt demselben Punkt stehen um zu überlegen ob ich was vergessen habe….der samstägliche Einkauf ist zu einer festen Konstante geworden die ich auch nicht mehr missen will…und jetzt ist es schon WIEDER länger geworden als es sollte.

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