Die Sache mit der Empathie

Neulich durfte ich Mal wieder lesen, dass Autisten per se keine Empathie hätten. Was wenigstens genauso „beliebt“ ist wie das Vorurteil, dass Autisten überhaupt keine Gefühle hätten.

Ironischer Weise saß ich zu diesem Zeitpunkt mit einer anderen Autistin in der Straßenbahn. Kurz zuvor hatten wir in der Innenstadt ein wunderbares Gegenbeispiel geliefert. Sie hatte mit einer unvermittelt ausgelösten SI meinen Einkaufsplan komplett durcheinander gebracht, den ich dann notgedrungen improvisieren musste. Was zwar soweit klappte, aber unglaublich viele Ressourcen kostete. Wäre vielleicht noch nicht einmal so schlimm gewesen, würde besagte Autistin mir nicht schon seit Tagen vorhalten, dass ich besser auf mich aufpassen sollte (womit sie leider auch nicht ganz Unrecht hat). Letztendlich kam es bei mir zu einer kleinen Wutspitze, und sie brach gleich in Tränen aus wo sie Begriff, was sie da eigentlich angestellt hatte. Woraufhin meine Wut direkt verpuffte und ich begann sie zu trösten … wie war das mit der fehlenden Empathie? Ich war auch zu keinem Zeitpunkt wirklich wütend gewesen, weil ich verstand, dass sie einfach alles andere um sich herum vergessen hatte. Damit leider auch mich, die irgendwie die Einkäufe auf die Reihe bekommen musste …

Doch zurück zur Straßenbahn. Besagte Autistin bekam eine Reaktion auf diese Unterhaltung dann ebenfalls mit

Und augenblicklich hatte ich meine Sitznachbarin in einer furchtbaren Mischung aus Shutdown und getriggertem Trauma. Kurzum; Sie saß heulend und zitternd neben mir und konnte sich anscheinend kaum noch bewegen.

Was tue ich empathielose Autistin also? Rede beruhigend auf sie ein und frage sie, ob wir weiter fahren sollen (wir waren genau zwei Stationen vom nächsten Umstieg entfernt, ab da hätten wir auch zur Not laufen können), oder die Bahn verlassen. Letztendlich haben wir es zurück zu meiner Wohnung geschafft. Ohne irgendwelche Notarzteinsätze auszulösen.

Zugegeben. Was genau in ihr vorging, konnte ich in diesem Moment nicht erkennen. Bin ich denn Betazoidin*? Aber es tat mir Leid, sie so sehen zu müssen. Aber wie auch die Kinder von Anita handel ich sehr lösungsorientiert. Als Seelsorgerin eigne ich mich sicherlich eher weniger.

Es gab in den letzten Tagen noch sehr viel mehr solcher Beispiele. Ich im Meltdown (mit selbstverletzenden Verhalten), sie nur einige Minuten später handlungsunfähig im Shutdown. Ich wütend, sie wütend. Oder umgekehrt. Das funktioniert selbst, wenn sie auf andere schimpft. Nach einer Schimpftirade, in der ich nicht angesprochen war, musste mein Schreibtisch einen heftigen Schlag einstecken (den er zum Glück gut verkraftet hat).

Überhaupt, negative Stimmungen sind für mich nur schwer zu ertragen. Wenn jemand im Zimmer schlecht gelaunt ist, scheint sich das immer früher oder später auf mich zu übertragen. Ganz abgesehen davon, dass ich meistens nicht weiß, woher diese Laune kommt oder was diese verursacht hat. Denn gerade die Ursache will ich ja beheben. Deshalb fungiere ich innerhalb der Familie auch sehr oft als Streitschlichter. Wenn der eine Streit mit dem anderen hat, verletzt es mich und ich versuche dann häufig dem jeweils einen zu erklären, was der andere denkt, damit sich der Streit hoffentlich wieder legt. Denn allzu oft sind das innerhalb der Familie dumme Missverständnisse.

Überhaupt, Streits und Konflikte. Wie vorhin schon erwähnt reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn jemand in meiner Umgebung schimpft. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn ich mich zwischen den Fronten befinde und die verbalen Schläge von beiden Seiten abbekomme. So geht es mir seit einigen Zeit beim Bafög-Amt. Mein Vater regt sich regelmäßig über die auf und ist mit den Antworten nicht zufrieden, aber ich muss mich dann immer noch mit dem Amt beschäftigen. Ein Antrag auf Amtshilfe ist schon einmal komplett ins Leere gelaufen, da mein Hinweis darauf, dass Briefe nicht ankommen, einfach Mal ignoriert wurde …

Ich wage daher Mal zu behaupten, dass ich mitnichten keine Empathie hätte. Im realen Leben eher sogar zu viel. Auch wenn es für mich quasi unmöglich ist, die Stimmung allein anhand von Mimik und Tonfall zu erkennen. Selbst heute verwechsle ich bei meiner Mutter regelmäßig Müdigkeit mit Frust/schlechter Laune. Das nächste Problem ist meine eigene Gefühlswelt, aber das ist einen eigenen Beitrag wert. Wenn ich im Netz mit Personen schreibe, prallt jedoch umgekehrt vieles von mir ab. Es ist und bleibt kompliziert. Aber die komplette Absprache von Empathie bei Autisten ist schlicht falsch und leider ein zu verbreitetes Klischee …


* Für diejenigen, die kein oder nur wenig Star Trek kennen; Betazoiden sind eine humanoide und telepatisch begabte Spezies, die vor allem die genauen Gefühle der Humanoiden in ihrer Umgebung wahrnehmen können.

Ein Gedanke zu „Die Sache mit der Empathie

  1. Das höre ich auch beinahe jedes Mal in einer ähnlichen Situation. Als sich einmal auf meiner Arbeitsstelle zwei Kollegen in die Wolle kriegten, regte mich das so sehr auf das ich am Ende beide zusammenschrie und im Begriff war sie körperlich anzugreifen; ein Versuch der sicher für mich nicht gutgegangen wäre (Beide 1,90 und muskulös, ich unter 1,70 und eher dicklich, auch wnen man mich nicht unterschätzen sollte wenn ich einmal sauer werde). Als ich dann später dasaß und versuchte mich zu sammeln, waren schnell zwei gute Freundinnen da (eine Autistin, bei der zweiten wird es vermutet) um mich zu beruhigen. Ein anderes mal musste ich das Firmengelände kurzzeitig und fluchtartig verlassen, weil eine derart aggressive Stimmung herrschte, dass ich meine Beherrschung als nicht stabil ansah und mich zu meinem und dem Schutz der anderen isolieren musste.

    Ich bin über die Jahre zu einer Theorie gekommen: Autisten SIND empathisch; sogar DEUTLICH empathischer als die meisten anderen. Jedoch sind wir nicht immer in der Lage alles zu filtern und ganz nach dem Motto: „Wenn zu viele auf einmal kommen, kommt halt keiner dran“ setzen wir dann meist eine neutrale Miene auf und lassen gar nichts nach draußen. Diese Theorie ist nicht stichfest, sie basiert nur auf den Erfahrungen und Erlebnissen von mir und einigen wenigen direkten Vertrauten.

    Ein anderes Mal, erst vor wenigen Tagen, bin ich während dem Gespräch mit der Sozialdienstleiterin meiner Firma beinahe in Tränen ausgebrochen, weil ich diese vielen widersprüchlichen Gedanken die das Gespräch in mir auslöste einfach nicht sortiert bekam. Zum Glück war meine BeWo-Betreuerin anwesend und schaffte es, mich soweit wieder zu beruhigen dass ich meine Gedanken ordnen konnte. Wenn das nicht empathisch ist weiß ich nicht.

    Wir Autisten SIND empathisch, Wir können es nur nicht immer so nach außen zeigen wie wir es gerne hätten.

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