Archiv für den Monat: September 2017

Sei nicht so empfindsam!

Oder auch; Behinderung schützt vor Behindertenfeindlichkeit nicht.

Wie fotobus schon schrieb, fand sich auf Twitter neulich folgender Tweet

Auf mehrfache Rückfrage von fotobus, was das denn bedeuten sollte, kam schließlich folgende arrogant wirkende Antwort

Ja, so kann man das natürlich auch sehen. Wie gesagt, kann man. Aber zeugt das nicht von einer gewissen Ignoranz? Damit könnte man auch jede Beleidigung rechtfertigen. Frei nach dem bekannten Motto „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.
An dieser Stelle schaltete ich mich dann ebenfalls ein.

Was ich damit sagen wollte; Wenn man weiß, dass eine bestimmte Gruppe durch eine Äußerung mit schlecht dargestellt wird, obwohl man eigentlich seinen Missmut gegenüber etwas anderem ausdrücken will, sollte man seine Aussage nochmal überdenken. Einfach Mal darüber nachdenken, wie man sich ausdrückt. Viel kann dadurch schon vermieden werden. Und das hat nichts mit einer Überempfindlichkeit zu tun.

 

Also das sehe ich Mal ganz klar anders. Er hat mit der Begriffsverwendung im Ausgangstweet den Begriff autistisch willkührlich benutzt und damit eine Verletzung von Autisten … provoziert. Wenn nicht sogar willentlich in Kauf genommen. Aber so schlimm möchte ich von Menschen eigentlich gar nicht Mal denken. Tja, wie begegnet man am besten solchen Leuten? Ich versuchte es mit weiterer Nachfrage.

Das ist übrigens etwas, was häufiger passiert. Nicht-Betroffene geben vor, wie Betroffene eine Aussage aufzufassen haben. Ob sie durch sie verletzt werden sollen, oder nicht. Wie der Betroffene tatsächlich empfindet, ist irrelevant.

So auch in diesem Fall

 

Tja. An dieser Stelle des Gesprächs wurde ich dann einfach Mal blockiert. War wohl zu nervig mit meinen Nachfragen. Aus dem Strang mit fotobus erfahrt man noch zwei sehr interessante Dinge

Ein Schwerbehinderter, der anderen also vorgibt, sie sollen nicht so empfindsam sein.

Ich weiß nicht, was diesen Herrn bewegt hat so zu denken und sich anderen gegenüber derart arrogant zu verhalten. Schon seltsam, dass jemand, der laut eigener Aussage Wert auf gute Umgangsformen liegt, es nicht einsieht, dass er etwas gesagt hat, was nicht in Ordnung war. Ich kann nur mutmaßen, dass man ihm selbst ständig vorgeworfen hat, nicht so empfindsam zu sein, was seine Behinderung angeht. Er hat es irgendwann leider verinnerlicht, und verlangt genau das jetzt von allen anderen. So jedenfalls meine traurige Vermutung.

Jedenfalls leider ein gutes Beispiel dafür, dass auch Behinderte anderen eventuell nicht zuhören und sich genauso daneben benehmen, wie so mancher Nicht-Behinderter auch.

Wir sind halt alle Menschen.


Wieso es hier in letzter Zeit seltsam still ist, erzähle ich sobald es geht!

Behindert … aber nicht behindert genug

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind. Scheinbar natürlich, weil ich da nur auf die Rückmeldungen aus meiner Twitter-Sphäre zurückgreifen kann. Gedankenkarussel schrieb ja jetzt auch noch einmal etwas darüber. Tatsächlich war ich sehr optimistisch, als ich in der Stellungsnahme zu meiner neuen Diagnose die sehr deutlichen Worte „mittlere soziale Anpassungsstörung“ entdeckte. Dann damit wäre nach der Versorgungsmedizinverordnung ein GdB (Grad der Behinderung) von 50 bis 70 angebracht. Sprich, nach der Ansicht wenigstens eine Ärztin bin ich schwerbehindert. Meine Hausärztin nahm zwischen zeitig sogar den Begriff einer schweren sozialen Anpassungsstörung in den Mund. Da wäre ich mindestens bei einem GdB von 80!

Nicht so aber das Versorgungsamt. Nach deren Ansicht habe ich nur leichte Einschränkungen.

Leichte Einschränkungen. Ok. Man ist also nur leicht eingeschränkt, wenn man so gut wie kein Sozialleben hat und die meiste Zeit nur zu Hause sitzt. Kinobesuche? Mal einen Kaffee trinken? Einfach Mal durch die Stadt bummeln? Einfache Spaziergänge mit Freunden? Alles bei mir extrem selten. Die meisten sozialen Kontakte pflege ich über das Internet, da die Kommunikation da die wenigstens Barrieren aufweißt und es nicht so anstrengend ist wie ein direktes Gespräch.

Es ist nur eine leichte Einschränkungen, wenn man absolut nicht telefonieren kann. Mit Ausnahme von Familie und Freunden, aber auch das nicht immer. Wenn E-Mails und Briefe immer noch gegengelesen werden müssen. Und Arzttermine nur selbst vereinbart werden können, wenn man persönlich vorbei geht.

Eine leichte Einschränkung, wenn man im Studium seit Jahren im Verzug ist, weil man einfach das als normal geltende Pensum nicht schafft. Prüfungen habe ich gerade Mal eine einzige vergeigt, ansonsten bestand ich immer direkt im ersten Versuch. Wenn die Vorlesungen immer wieder mitten drin verlassen muss, weil einem der Kopf vor Schmerzen explodiert und man sich kontrollieren muss, nicht den Arm auf die Tischkante zu schlagen oder sich mit den Fäusten gegen den Kopf zu trommeln. Wenn Gruppenarbeiten unmöglich sind, weil man mit der laschen Terminplanung der Kommilitonen nicht zurecht kommt.

Es ist eine leichte Einschränkung, wenn Einkäufe und Fahrten präzise geplant werden müssen, um nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt zu kommen.

Und, und, und …

Die Aufzählung ist noch lange nicht abschließend.

Ehrlich. Ich bin sauer, dass man meine Einschränkungen als „leicht“ einstuft. Als wäre das nichts. Dabei sehe ich mehr als genau, wie wenig ich im Vergleich zu anderen schaffe. Andere gehen fast noch jeden Abend mit Freunden aus und schaffen trotzdem ihr Studium. Für mich wäre das absolut unmöglich. Ich muss mich jetzt schon jeden Abend erholen, um überhaupt mein Forschungsgruppenpraktikum zu stemmen. Selbst Hausarbeiten sind da oft schon zu viel. Ist es Mal wieder das gängige Vorurteil, dass Menschen, die einen geregelten Lebenslauf vorweisen können und ein Studium schaffen, gar nicht so eingeschränkt sein können?

Tja. Manche Leute haben einfach Glück gehabt, dass sie immer von irgendjemanden unterstützt wurden und es eben deshalb mit ihren Einschränkungen so weit gebracht haben.

Ich habe jetzt Widerspruch gegen diesen Bescheid eingelegt. Und dabei allen Register gezogen, die ich beim Antrag selbst noch nicht mit eingebracht hatte.

Die Sache mit den „leichten Einschränkungen“ werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Vor allem nicht, wo mir eine ganze Reihe von Leuten was anderes sagt.

Zumal mir ein GdB von 30 in Punkto Nachteilsausgleiche beinahe nichts bringt. Schön. Ich bekomme jetzt für die Zeit, in der ich die Regelstudienzeit überziehe, einen Vollzuschuss vom BAföG-Amt. Das war es dann aber auch schon. Keine Zusätzlichen Urlaubstage beim HiWi, eventuell noch nicht einmal Härtefreibeträge beim BAföG …

Es bleibt abzuwarten wann ich hier berichten kann, wie das Amt auf den Widerspruch reagiert …